Nun ereilt die nächtliche Ausgangssperre auch den Landkreis Mainz Bingen: Ab Mittwoch, den 14. April, dürfen nun auch die Bewohner des Landkreises Mainz-Bingen nachts zwischen 21.00 Uhr und 5.00 Uhr ihr Haus nur noch auf triftigen Gründen verlassen – dazu gehören Beruf, Pflege, medizinische Notfälle oder das Gassigehen mit dem Hund. Der Landkreis habe nun ebenfalls drei Tage hintereinander die Inzidenz von 100 überschritten, man müsse nun die vorgesehene Notbremse ziehen, teilte der Kreis mit. In Mainz gibt es derweil vier Klagen gegen die nächtliche Ausgangssperre, die Stadt verteidigt die Maßnahme – obwohl die Inzidenzen seither weiter steigen. Führende Aerosolforscher kritisieren nun in einem Brief an die Bundesregierung die Maßnahme: „Draußen ist gefährlich“ sei die falsche Botschaft, die Infektionsgefahr lauere drinnen.

Nun heißt es auch im Landkreis Mainz-Bingen wieder: Stühle hochstellen, Tische einmotten - die Außengastronomie muss wieder einpacken. - Foto: gik
Nun heißt es auch im Landkreis Mainz-Bingen wieder: Stühle hochstellen, Tische einmotten – die Außengastronomie muss wieder einpacken. – Foto: gik

Das Landesuntersuchungsamt meldete am Montag zum zweiten Mal in Folge für die Stadt Mainz eine Sieben-Tages-Inzidenz über 150: Nach 152,3 am Sonntag standen am Montag 151 zu Buche – und das, obwohl in der Stadt Mainz bereits seit dem 1. April eine nächtliche Ausgangsbeschränkung gilt. Trotzdem zählte das Gesundheitsamt Mainz-Bingen über das Wochenende 105 Neuinfektionen allein in der Stadt Mainz, im Landkreis Mainz-Bingen waren es 65 – hier stieg die Sieben-Tages-Inzidenz nun auf 106. Der Landkreis liegt damit nun am dritten Tag hintereinander über der Marke von 100 – vergangenen Freitag war die Marke dort auf 103 gestiegen.

Damit muss nun auch der Landkreis Mainz-Bingen die zwischen Bund und Ländern vereinbarte Notbremse ziehen: Man müsse nun die vom Land für diesen Fall vorgegebene Allgemeinverfügung erlassen, teilte die Kreisverwaltung mit. Danach gelten nun auch im Landkreis ab Mittwoch verschärfte Kontaktbeschränkungen, Personen dürfen sich im öffentlichen Raum nur noch mit einer weiteren Person eines anderen Hausstandes treffen. Kinder bis einschließlich des sechsten Lebensjahres sind von dieser Regelung ausgenommen. Die Außengastronomie muss wieder schließen, in den Geschäften ist nur noch Shopping mit vorher vereinbartem Einzeltermin und verschärften Hygieneregeln erlaubt. Abhol-, Liefer- und Bringdienste sind nach vorheriger Bestellung unter Beachtung der geltenden Hygieneregeln weiter möglich.

- Werbung -
Werben auf Mainz&
Märkte wie hier der Mainzer Wochenmarkt dürfen auch unter der "Notbremse" weitermachen. - Foto: gik
Märkte wie hier der Mainzer Wochenmarkt dürfen auch unter der „Notbremse“ weitermachen. – Foto: gik

Von der Schließung ausgenommen sind unter anderem der Lebensmittelhandel, Wochenmärkte, Apotheken, Tankstellen, Banken, Reinigungen, Zeitschriftenläden, Baumärkte und Blumenfachgeschäfte, ebenso Friseure, Optiker und medizinische Dienstleistungen wie Fußpflege oder Physiotherapie. Verkaufsstellen und Supermärkte müssen aber ab Mittwoch um 21.00 Uhr schließen, Tankstellen dürfen dann keinen Alkohol mehr nach 21.00 Uhr verkaufen. Zoos, Tierparks, botanische Gärten und ähnliche Einrichtungen dürfen ihre Außenbereiche weiterhin offenhalten, hier gilt aber auch eine Voranmeldung mit Termin.

Die neue Allgemeinverfügung gilt vorerst vom 14. April bis einschließlich Sonntag, den 25. April 2021 – und sie bringt nun auch dem Landkreis eine nächtliche Ausgangssperre: Zwischen 21.00 Uhr und 5.00 Uhr darf man nur bei Vorliegen eines triftigen Grundes vor die Tür, dazu gehören etwa die Ausübung einer beruflichen Tätigkeit sowie die Inanspruchnahme akut notwendiger medizinischer und veterinärmedizinischer Versorgung, ebenso das Gassigehen mit dem Hund, aber auch der Besuch des ständigen Lebenspartners – eine vollständige Liste der Ausnahmen findet Ihr hier beim Landkreis im Internet.

Mainz: Vier Klagen gegen nächtliche Ausgangssperre

In Mainz gilt seit dem 1. April eine nächtliche Ausgangssperre, die Inzidenzen sinken dennoch nicht., - Foto: gik
In Mainz gilt seit dem 1. April eine nächtliche Ausgangssperre, die Inzidenzen sinken dennoch nicht., – Foto: gik

In Mainz sind derweil vier Klagen gegen die nächtliche Ausgangssperre vor Gericht anhängig, die Stadt Mainz musste bis zum heutigen Montag zu den verfahren Stellung nehmen. Bei der Stadt verteidigt man die Maßnahme: „Wir wollen verhindern, dass viel Mobilität stattfindet, wir wollen erreichen, dass das Leben ein Stück weit heruntergefahren wird und dass weniger Kontakte stattfinden“, sagte Ordnungsdezernentin Manuela Matz (CDU) am Montag auf Mainz&-Anfrage: „Ich glaube, es ist ein richtiges Mittel.“ Die Ausgangssperre solle ja gerade abends wirken, wenn private Treffen am häufigsten seien. „Was uns im Magen drückt, und wo wir nicht wirklich eine Handhabe ist, sind die Treffen im privaten Raum“, sagte Matz, das sei aber zugleich „mit Sicherheit ein Bereich, der stark mit dem Infektionsgeschehen in Verbindung gebracht werden kann.“

Seit Wochen betonten vor allem die Experten der Gesundheitsämter, es seien die Treffen im privaten Bereich, die maßgeblich zum Anstieg der Infektionszahlen beitragen – doch Infektionen in Schulen und Kitas, sowie in der Wirtschaft wurden bisher gar nicht systematisch erfasst. Erst seit kurz vor Ostern werden Lehrkräfte, Erzieher und inzwischen auch Kinder systematisch getestet – prompt sprach das Gesundheitsamt Mainz-Bingen von einem erheblichen Infektionsgeschehen in Schulen und Kitas. Eine Testpflicht in Unternehmen gibt es bislang weiter nicht – die Politik streitet derzeit im Bund genau darüber.

Polizei: Ausgangssperre wirkt, Kontrolle in Parks und Plätzen

Leere Mainzer Innenstadt am 1. April - auf den Straßen sieht das aber anders aus. - Foto: gik
Leere Mainzer Innenstadt am 1. April – auf den Straßen sieht das aber anders aus. – Foto: gik

Während also die Kitas weiter offen sind, und auch die Schulen in den Präsenzbetrieb zurückkehrten, während in den Unternehmen wenig Einschränkungen herrschen – schränkt die Ausgangssperre den privaten Bereich noch einmal stark ein. Trotzdem stieg die Sieben-Tages-Inzidenz in Mainz zwischen dem 1. April und dem 12. April von 100 auf über 150 – bei der Mainzer Polizei hieß es dennoch am Montag: „Die Ausgangssperre wirkt offensichtlich.“ Bei den Kontrollen habe man auch dieses Wochenende wieder festgestellt, dass sich die Menschen an die Regel hielten.

„Aus der Vergangenheit wissen wir, dass an normalen Abenden, insbesondere an Wochenenden, sich alleine in der Mainzer Altstadt mehrere tausend Menschen aufhalten“, teilte die Mainzer Polizei auf Mainz&-Anfrage mit: „Dies ist derzeit nicht der Fall. Das Stadtgebiet ist in der Regel kurz nach Beginn der Ausgangsbeschränkung nahezu menschenleer.“

Nicht menschenleer waren hingegen am Samstagabend gegen 21.20 Uhr die Straßen in den Außenbezirken: Bei einer subjektiven Stichprobe zählte Mainz& auf einer Strecke von etwa vier Kilometern zwischen Mainz-Hechtsheim und Mainz-Bretzenheim allein 66 Pkws auf den Straßen – Busse und Fahrzeuge wie Taxis oder Lieferdienste nicht mitgezählt. „Wir stellen fest, dass es nach 21.00 Uhr einige Minuten in Anspruch nimmt, bis der Verkehr tatsächlich nachlässt und Personen ihren Heimweg beendet haben“, hieß es dazu von der Mainzer Polizei, zugleich räumte man aber auch ein: Kontrolliert würden insbesondere „Plätze und Parks in allen Stadtteilen, welche für Personenansammlungen geeignet erscheinen, z.b. Volkspark, Goetheplatz, Willy-Brandt-Platz, Rheinufer, Nato-Rampe Laubenheim etc…“.

Was bringen Ausgangsbeschränkungen und Maskenpflichten im Freien? - Foto: gik
Was bringen Ausgangsbeschränkungen und Maskenpflichten im Freien? – Foto: gik

Mehr als 90 Prozent derer, die nach 21.00 Uhr noch unterwegs seien, könnten zudem einen nachvollziehbaren triftigen Grund zur Ausnahme von der Ausgangsbeschränkung anführen, betonte die Polizei weiter: „Zu einem überwiegenden Teil führen die Menschen Dokumente ihrer Arbeitsstelle mit, welche dies belegen – dies ist eine freiwillige Leistung, wird nicht gefordert, vereinfacht jedoch die Überprüfung.“

Von der Stadt Mainz hieß es am Montag, am vergangenen Wochenende habe der Kommunale Vollzugsdienst 11 Verstöße festgestellt, in allen Fällen sei eine entsprechende Anzeige gefertigt worden. Für Verstöße gegen die Ausgangsbeschränkung werde in der Regel ein Bußgeld in Höhe von 100 Euro fällig. Für die Kontrolle des rollenden verkehr sei aber die Polizei zuständig, heißt es weiter – bei der Polizei wiederum teilt man mit, Polizei und Ordnungsamt würden „gemeinsame Kontrollen im Stadtgebiet durchführen.“

Matz räumte denn auch ein, ausgiebige Kontrollen des rollenden Verkehrs im gesamten Stadtgebiet hätten noch nicht stattgefunden. „Wir bestreifen die ganze Stadt, das ist schon ein Riesengebiet“, sagte Matz. Es könne auch nicht ausgeschlossen werden, dass ohne die Ausgangssperre die Zahl der Neuinfektionen noch größer wäre. „Ich denke, wir spüren gerade die Auswirkungen des verlängerten Wochenendes über Ostern“, sagte Matz mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen, „da wurde eben doch die Zeit genutzt, die Familie zu besuchen.“ Ob die Ausgangssperre verhältnismäßig sei, das müssten nun die Gerichte entscheiden, fügte sie hinzu.

Aerosolforscher: Die Gefahr lauert DRINNEN

Tröpfchenausstoß beim Nießen: Die Gefahr durch Corona-Infektionen lauere vor allem in Innenräumen,. warnen Aerosolforscher. - Foto: CDC, James Gathany
Tröpfchenausstoß beim Nießen: Die Gefahr durch Corona-Infektionen lauere vor allem in Innenräumen,. warnen Aerosolforscher. – Foto: CDC, James Gathany

Derweil melden sich führende Aerosolforscher zu Wort: In einem Offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kritisieren sie Maskenpflichten im Freien sowie nächtliche Ausgangssperren explizit als irreführend: „Wir mussten aber als Aerosolforscher die Erfahrung machen, dass die öffentliche Debatte immer noch nicht den wissenschaftlichen Erkenntnisstand abbildet“, betont unter anderem die Spitze der Gesellschaft für Aerosolforschung sowie Vertreter der Internationalen Gesellschaft für Aerosolforschung: „Wenn wir die Pandemie in den Griff bekommen wollen, müssen wir die Menschen sensibilisieren, dass DRINNEN die Gefahr lauert.“

Die Übertragung der SARS-CoV-2 Viren finde „fast ausnahmslos in Innenräumen statt“, betonten die Forscher ausdrücklich, Übertragungen im Freien seien „äußerst selten und führen nie zu ‚Clusterinfektionen‘, wie das in Innenräumen zu beobachten ist.“ Zu diesen
Gruppeninfektionen gehörten bevorzugt Altenheime, Wohnheime, Veranstaltungen und Chorproben – ausdrücklich nennen die Forscher dabei auch Schulen oder Busfahrten. „In den Wohnungen, in den Büros, in den Klassenräumen, in Wohnanlagen und in Betreuungseinrichtungen müssen Maßnahmen ergriffen werden“, fordern die Experten für die Ausbreitung von Aerosolen, den winzigen Luftteilchen, über die – wie man inzwischen weiß – die hochansteckenden Coronaviren vorwiegend verbreitet werden.

Forscher warnen: Reden sechs Personen vier Stunden ohne Maske in einem Raum ohne Lüftung, werden sich fünf davon infizieren. - Grafik: El Pais
Forscher warnen: Reden sechs Personen vier Stunden ohne Maske in einem Raum ohne Lüftung, werden sich fünf davon infizieren. – Grafik: El Pais

Doch stattdessen würden von der Politik immer noch falsche Vorstellungen verbreitet: „Draußen ist es gefährlich“, sei der Eindruck, der „nicht zuletzt aus der Berichterstattung über die von der Politik getroffenen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung“ verbreitet werde. „Es werden Treffen in Parks verboten, Rhein- und Mainufer gesperrt, Innenstädte und Ausflugsziele für den Publikumsverkehr abgeriegelt“, kritisieren die Forscher, und monieren: „Auch die aktuell diskutierten Ausgangssperren müssen in diese Aufzählung irreführender Kommunikation aufgenommen werden.“ Die Ausgangssperren würden „mehr versprechen, als sie halten können“, heimliche Treffen in Innenräumen würden damit nicht verhindert, sondern lediglich die Motivation erhöht, sich den staatlichen Anordnungen noch mehr zu entziehen.

„Die andauernden Debatten über das Flanieren auf Flusspromenaden, den Aufenthalt in Biergärten, das Joggen oder das Radfahren haben sich längst als kontraproduktiv erwiesen“, warnen die Wissenschaftler: „Wenn unseren Bürgerinnen und Bürgern alle Formen zwischenmenschlicher Kontakte als gefährlich vermittelt werden, verstärken wir paradoxerweise die überall erkennbare Pandemiemüdigkeit.“ Man müsse sich stattdessen stärker um die Bereiche kümmern, wo die Ansteckungen wirklich stattfänden – in Innenräumen. Zu den „goldenen Regeln zur Infektionsvermeidung“ gehörten deshalb, sich  möglichst wenig und möglichst kurz mit einem Menschen außerhalb des eigenen Haushaltes in Innenräumen zu treffen, und wenn, dann auf häufiges Stoß- oder Querlüften zu achten.

Maske im Innenraum: ja, Masken an Bereichen wie Rheinufer: überflüssig - sagen die Aerosolforscher. - Foto: gik
Maske im Innenraum: ja, Masken an Bereichen wie Rheinufer: überflüssig – sagen die Aerosolforscher. – Foto: gik

Auch das Tragen von effektiven Masken sei in Innenräumen unbedingt nötig: „In der Fußgängerzone eine Maske zu tragen, um anschließend im eigenen Wohnzimmer eine Kaffeetafel ohne Maske zu veranstalten, ist nicht das, was wir als Experten unter Infektionsvermeidung verstehen“, mahnen die Aerosolforscher. Zudem seien „Raumluftreiniger und Filter überall dort zu installieren, wo Menschen sich länger in geschlossenen Räumen aufhalten müssen“ – also in Wohnheimen, Schulen, Alten- und Pflegeheimen, Betreuungseinrichtungen, Büros und anderen Arbeitsplätzen. „Die Kombination dieser Maßnahmen führt zum Erfolg“, heißt es abschließend: „Wer sich zum Kaffee in der Fußgängerzone trifft, muss niemanden in sein Wohnzimmer einladen.“ So könnten die Menschen „in dieser schweren Zeit zugleich ein Stück ihrer Bewegungsfreiheit zurückgewinnen.“

Info& auf Mainz&: Den ganzen Offenen Brief der Aerosolforscher findet Ihr hier im Internet zum Download. Die ganze Allgemeinverfügung des Landkreises Mainz-Bingen samt der vollständigen Liste der Ausnahmen für die nächtliche Ausgangssperre findet Ihr hier beim Landkreis im Internet. Mehr zur Kritik an der nächtlichen Ausgangssperre in Mainz könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen.

1 KOMMENTAR

  1. Unsere Entscheidungsträger sind fast ausnahmslos Juristen. Diese wähnen sich bekanntlich als omnipotent, mache stellen sogar Naturgesetze in Frage oder glauben an emissionsfreies Fliegen. Warum nur hört man gar nichts von der Infektionslage z.B. bei Kassenpersonal oder Berufspendlern? Längst wird verschämt zugegeben, dass Großfamilien ein Infektionsherd sind. Der Ramadan lässt grüßen. Auch wird der aufschlussreiche soziale Hintergrund von Intensivpatienten verborgen. Hier sind die Ansatzpunkte einer wirksameren Bekämpfung. Ansonsten wird sich Corona festsetzen wie die Grippe und der Virenschnupfen oder die Myxomatose, die bei Massenvermehrung von Karnickeln aufräumt. Unser eigentliches Problem ist die Überpopulation, die Massenverdichtung und die Hypermobilität. Ein Waldschrat läuft keine Gefahr.

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein