Die Oberbürgermeisterwahl am 12. Februar 2023 wirft ihre Schatten voraus, der Wahlkampf nimmt langsam Fahrt auf: Sieben Kandidaten stellen sich zur Wahl für das höchste Amt der Landeshauptstadt – nun trafen sich alle sieben erstmals auf einem Podium. „Baustelle Zukunft – Betreten erwünscht“ lautete der Titel des ersten OB-Kandidaten-Forums, das die Initiative „Unser Mainz in Rheinhessen“ organisiert hatte. Es wurde ein munteres Forum – mit durchaus überraschenden Szenen.

Der Vorstand von "Unser Mainz in Rheinhessen": Ulrich Drechsler (links) und Thomas Klann. - Foto: gik
Der Vorstand von „Unser Mainz in Rheinhessen“: Ulrich Drechsler (links) und Thomas Klann. – Foto: gik

„Gemeinsam Dinge bewegen – das ist unser Fokus“, betonte Ulrich Drechsler, Vorsitzender der Initiative „Unser Mainz in Rheinhessen“, einem vor 25 Jahren gegründeten Verein, der sich hauptsächlich aus Mitgliedern von Handel und Gewerbe in Mainz speist. Der Initiative war ein Coup gelungen: Am Dienstag hatte die Initiative zur ersten Podiumsdiskussion zur OB-Wahl überhaupt geladen – und das Interesse war enorm: Rund 180 Interessierte waren ins „The Pier“ gekommen, um zu hören, was die Kandidaten denn so zu sagen hätten.

Es wurde eine muntere Runde, fachkundig und amüsant moderiert von SWR-Radiomoderator Hanns Lohmann, und der Profi ließ den Diskutanten keine Ausflüchte durchgehen. Auf klare Fragen ließ Lohmann nur klare Antworten zu, und hakte schon mal gnadenlos ein, wenn die Kandidatin der SPD allzu blumig und ausschweifend ihr Wahlprogramm daher beten wollte, anstatt auf Fragen zu antworten.

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Ein wesentlicher Schwerpunkt der Debatte: das Thema Verkehr. „Aus meiner Sicht ist die Verkehrspolitik in etwa das wichtigste Thema in der Stadt“, sagte Lohmann, und stichelte: Die Grünen seien bei der Verkehrspolitik in Mainz ja schon „relativ lange schon am Zuge – böse Zungen behaupten, gerade deswegen ist die Verkehrspolitik unglaublich umstritten.“

Der grüne OB-Kandidat Christian Viering (rechts) in der Mangel durch Moderator Hanns Lohmann. - Foto: gik
Der grüne OB-Kandidat Christian Viering (rechts) in der Mangel durch Moderator Hanns Lohmann. – Foto: gik

Das brachte direkt den grünen OB-Kandidaten Christian Viering in die Defensive: „Das ist ja kein Mainz-Spezifikum, dass die Verkehrspolitik in Großstädten umstritten ist“, wehrte sich Viering, das werde doch oft überspitzt. „Mir ist ganz wichtig, dass wir die Verkehrspolitik vom Menschen her sehen“, betonte Viering weiter – was er damit genau meinte, ließ er offen. Sein Ziel sei: „Wie können wir dem Menschen ermöglichen, nachhaltig und gut und sicher in die Mainzer Innenstadt kommen“, fügte er lediglich hinzu.

Tatsache ist: Die Verkehrspolitik in Mainz dürfte zu den am härtesten umstrittensten Themen überhaupt gehören, Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen, das bewusste Herausdrängen von Autos, hohe Parkgebühren, teurer Nahverkehr und Straßenbahnausbau – Lohmann fächerte alle diese Konfliktpunkte der Reihe nach auf.

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Die Kandidaten zum Thema Verkehrspolitik

Nino Haase (parteilos): „Was wir in Mainz betreiben, ist aus meiner Sicht Stückwerk, ich möchte, dass wir das Thema ganzheitlich denken“, sagte Nino Haase, parteiloser und unabhängiger Kandidat für die OB-Wahl. Haase war vor drei Jahren schon einmal zur OB-Wahl angetreten, und damals gegen Amtsinhaber Michael Ebling (SPD) in die Stichwahl gekommen, wo er mit 44,7 Prozent nur knapp unterlag. Sein Credo auch damals schon: bessere Radwege und weniger Autos in der Innenstadt.

Drei OB-Kandidaten (von links): Lukas Haker (Die Partei), Nino Haase (parteilos) und Marc Engelmann (FDP). - Foto: gik
Drei OB-Kandidaten (von links): Lukas Haker (Die Partei), Nino Haase (parteilos) und Marc Engelmann (FDP). – Foto: gik

„Wir müssen Flächen zurückgewinnen und Fahrradwege bauen“, sagte Haase nun auch wieder. In der Innenstadt gebe es mehrere Tausend Stellplätze in den Parkhäusern, die vor allem nachts meist leer stünden. „Warum machen wir nicht ein Anwohner-Parken im Parkhaus“, sagte Haase: Auf den Straßen würden dann Parkpolätze weggenommen, gleichzeitig den Anwohnern aber Parkplätze in den Tiefgaragen zur Verfügung gestellt für Anwohnerparken. Auch die großen Parkplätze an der Messe und am Stadion müssten besser genutzt werden, der Parksuchverkehr in der Stadt direkt ins Parkhaus gelenkt werden – das reduziere den Verkehr auf der Straße.

Park and Ride außen, ÖPNV-Ticket für einen Euro

Manuela Matz (CDU): „Tagsüber mit ‚Park and Ride‘ das Auto stehen lassen, dann darf das ÖPNV-Ticket aber nur einen Euro kosten“, sagte auch die CDU-Kandidatin Manuela Matz, Wirtschaftsdezernentin der Stadt Mainz. Bislang habe man in Mainz „versucht, die Autos aus der Stadt zu drängen, mit Gängelei – das ist dem Verkehrsfluss nicht unbedingt zuträglich“, kritisierte Matz, die im Stadtvorstand als einzige CDU-Politikerin einer breiten Mehrheit von SPD und Grünen gegenübersteht.

Matz‘ Credo in Sachen Verkehr: Umsteigern vom Auto weg müssten bessere Angebote gemacht werden. „Der ÖPNV muss in der Taktung und Routen besser werden“, betonte Matz: „Man muss ihn billiger und kostengünstiger machen für die Nutzer – auch für die, die einfach mal zum Bummeln in die Stadt wollen.“

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Jahreskarte in Brüssel: 20,- Euro, in Wien: 70,- in Mainz: 855,- Euro

Ob nicht die Jahreskarten für den Öffentlichen Nahverkehr in Mainz viel zu teuer sei, wollte Moderator Lohmann dann von den Kandidaten wissen – und verwies darauf, dass in Wien ein Jahresticket nur 70,- Euro koste, in der belgischen Hauptstadt Brüssel gar nur 20,- Euro: „Sind wir da in einer völlig falschen Richtung unterwegs?“

OB-Kandidaten (von links) Mareike von Jungenfeld (SPD), Lukas Haker (Die Partei), Nino Haase (parteilos). - Foto: gik
OB-Kandidaten (von links) Mareike von Jungenfeld (SPD), Lukas Haker (Die Partei), Nino Haase (parteilos). – Foto: gik

Mareike von Jungenfeld (SPD): „Ich stehe klar für eine verkehrsärmere und autoärmere Innenstadt“, sagte daraufhin die SPD-OB-Kandidatin Mareike von Jungenfeld, dazu gehöre, die „Mainzer Mobilität“ zu stärken – die Taktung müsse besser werden. „Mein Schwerpunktthema ist die familienfreundliche Stadt, die ich bis in acht Jahren erreichen möchte“, sagte die Finanzreferentin der rheinland-pfälzischen SPD weiter, und betonte: Die Ampel habe ja gerade ein 365-Euro-Ticket für Schüler und Azubis eingeführt, „in dem Bereich machen wir schon viel.“

Wirklich sozial verträglich sei aber auch ein 365-Euro-Ticket noch nicht, hakte Lohmann ein, für Geringverdiener sie auch das noch viel Geld. „Die Mainzer Innenstadt ist ein Schatz, den müssen wir hegen und pflegen, da kommt ein stück weit Ordnung und Sauberkeit rein“, antwortete von Jungenfeld. Den Zusammenhang „zum sauberen und sicheren Mainz kann ich nicht ganz nachvollziehen“, merkte Lohmann daraufhin an – weitere Antworten zu dem Thema blieb die SPD-Kandidatin aber schuldig.

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Martin Malcherek (Linke): „Wir fordern das Neun-Euro-Ticket“, lautete hingegen die klare Ansage von Martin Malcherek, dem OB-Kandidaten der Linken. Das 49-Euro-Ticket, das vom Bund beschlossen sei, solle zum Mainzer-Neun-Euro-Ticket werden, forderte er, „das ist besser als Schattenboxen gegen Autos.“ Er habe nichts gegen Autos, es gebe nun einmal genügend Menschen, die auf das Auto angewiesen seien. „Wir müssen kreativer denken“, forderte der Rechtsanwalt: Es könne nicht die Lösung sein, „überall hin Busse zu schicken, in denen dann nur zwei Leute sitzen“ – da sei ein Taxi-Shuttle wirtschaftlicher.

Zu lange Busfahrzeiten, Ringlinie –  und ein 9-Euro-Fonds

Marc Engelmann (FDP): „Wir sollten es auf keinen Fall mit dirigistischer Verbotspolitik angehen, das macht nur die Innenstädte tot“, betonte Marc Engelmann, Kandidat der FDP. Es gebe genügend Menschen, die bräuchten das Auto aus gesundheitlichen Gründen, oder weil sie Einkäufe transportieren wollten, die alle „auf Rad oder Bus zu verweisen – das wird nicht funktionieren“, warnte er.

OB-Kandidaten (von links): Martin Malcherek (Linke), Mareike von Jungenfeld (SPD), Lukas Haker (Die Partei). - Foto: gik
OB-Kandidaten (von links): Martin Malcherek (Linke), Mareike von Jungenfeld (SPD), Lukas Haker (Die Partei). – Foto: gik

Es habe auch nicht jeder Bürger Zeit, eine Pendelstrecke von 30 Minuten und mehr in Kauf zu nehmen, sagte der Jurist, der als Anwalt für die Deutsche Bahn arbeitet, und dort für Projekte wie Car Sharing zuständig ist. „Die ÖPNV-Zeiten sind meistens sehr lang, da müssen wir deutlich besser werden“, forderte Engelmann, und schlug vor: „Vielleicht durch eine Ringlinie um Mainz.“

Lukas Haker (Die Partei): „Wir haben in Wiesbaden sehr viel Erfahrung mit Chaos in der Innenstadt“, merkte trocken Lukas Haker an, OB-Kandidat der Satirepartei „Die Partei“ – und machte seiner politischen Richtung gleich alle Ehre: Er schlage „eine Innstadtfreie Autostadt“ vor, dann könne man mit dem Auto bis in den Laden fahren, sagte der 23-Jährige, der im Wiesbadener Stadtrat sitzt. Einen Vorschlag hatte Haker aber dann auch noch: Der 9-Euro-Fonds sei „eine sehr gute Initiative“, warb er – bei der Initiative zahlet man jeden Monat 9 Euro, fährt aber ohne Ticket – der Fonds zahlt dann die Schwarzfahrer-Bußgelder.

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Tempo 30: Gut für die Umwelt – oder doch nicht?

Nino Haase (parteilos): Tempo 30 – das sei doch eigentlich gar nicht das Problem, befand Haase: „Was wir hier in Mainz haben, ist kein Verkehrsfluss – wir haben Stopp und Go, und eher Tempo 15, und damit kommen die Menschen nicht klar, denn das ist eine Politik der Abschreckung.“ Wenn man tempo 30 auf Hauptstraßen wolle, müsse man für einen fließenden Verkehr sorgen.

Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen in Mainz - Fluch oder Segen? - Foto: gik
Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen in Mainz – Fluch oder Segen? – Foto: gik

Mareike von Jungenfeld (SPD): Ein einheitlicher Verkehrsfluss sei doch zielführender, befand hingegen von Jungenfeld – und forderte, Tempo 30 in der gesamten Stadt einführen, „dann wüsste jeder, woran er ist.“ Tempo 30 diene dem Schutz von Radfahrern und Fußgängern und sorge für weniger CO2-Ausstoß – Letzteres ist allerdings bislang nicht erwiesen.

Marc Engelmann (FDP): Ob Tempo 30 wirklich der Umwelt hilft, sei keineswegs ausgemacht, sagte Engelmann: „Es gib neun Studien, die sagen Nein, und eine, die sagt Ja“, behauptete der Verkehrsrechtler. Eine „grüne Welle“ bekomme Wiesbaden inzwischen besser hin“ als Mainz, stichelte Engelmann, und kritisierte : „Wenn ich will, dass der Verkehr rollt, dann mache ich nicht so was wie an der Pariser Straße – mit nur noch einer Linksabbiegerspur.“

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Schlechter Verkehrsfluss und die Suche nach der Grünen Welle

Manuela Matz (CDU): „Mainz braucht ein Gesamtverkehrskonzept, das genau die Bereiche identifiziert, wo ein Schutz erforderlich ist, oder wo wir gut ausgebaute Straßen haben, auf denen man 50 fahren kann“, betonte Matz, und kritisierte am Tempo 30: „Man hat einfach willkürlich irgendwelche Schilder irgendwohin gesetzt, ohne zu überlegen, ist es richtig – das führt zu Unmut.“ Handwerker beschwerten sich, dass sie inzwischen länger zum Termin unterwegs seien als beim Kunden, „das ist ein wirtschaftllcher Schaden“, betonte Matz. Sie plädiere für differenzierte Abstufungen: Tempo 30 „oder sogar weniger“ etwa an Schulen und Kitas oder auch nachts, aber tagsüber Tempo 50 auf Hauptverkehrsachsen.

Muntere Debatte auf dem OB-Kandidaten-Podium. - Foto: gik
Muntere Debatte auf dem OB-Kandidaten-Podium. – Foto: gik

Christian Viering (Grüne): Wenn der Verkehrsfluss so schlecht sei, und nicht richtig hingeschaut werde, „und jemand Grünes wäre verantwortlich, dann wäre es niemand richtig Grünes“, wehrte sich Viering gegen die geballte Kritik an der Mainzer Verkehrspolitik – und ließ damit die Besucher rätseln, ob er damit Klimaschutzministerin Katrin Eder meinte (Grüne), die zehn Jahre lang in Mainz zuletzt die Verkehrspolitik bestimmt hatte. Es wäre doch in unserem Sinne, wenn es eine grüne Welle gäbe“, meinte Viering, und betonte: „Ich bin trotzdem für Tempo 30, ich finde es ist eine Qualitätserhöhung für alle Menschen, die da wohnen.“

Nino Haase (Parteilos): „Lassen Sie es mich Ihnen sagen, Herr Viering: Ja, der Verkehr in Mainz stockt, und das ist ein Problem“, entgegnete daraufhin genüsslich Haase: „Wir haben eben keine intelligenten Lösungen, wo der Verkehr hinsoll.“ Das Thema sei „ein bisschen wie bei „Täglich grüßt das Murmeltier“ – nur dass sich die Endlosschleife nie auflöse, seufzte Haase – so habe die Ampel vor der letzten Kommunalwahl billigere Nahverkehrstickets versprochen, und nach der Wahl die Tickets „direkt mal auf 3,30 Euro erhöht.“

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Wie viel darf ein ÖPNV-Ticket kosten?

Moderator Lohmann nahm die Steilvorlage gerne auf – und fragte prompt: Wie viel darf aus Sicht der Kandidaten ein Naheverkehrsticket in Mainz in Zukunft kosten?

Marc Engelmann (FDP): Ein 70 Minuten-Ticket für einen Euro in Rom – das fand ich super.“

Nino Haase (Parteilos): „Irgendwo im Bereich von zwei Euro für zwei Stunden.“

Wie teuer darf ein ÖPNV-Ticket sein? - Foto: RMV
Wie teuer darf ein ÖPNV-Ticket sein? – Foto: RMV

Lukas Haker (Die Partei): „Ein Ticket sollte nicht teurer sein als eine Flasche Bier“, meinte Haker, wobei Lohmann prompt einhakte: Das könnten dann aber durchaus 3,50 Euro oder sogar 5,- Euro sein. Nein, nein, entgegnete Haker – er meine natürlich ein billiges Bier.

Mareike von Jungenfeld (SPD): „Der ÖPNV sollte attraktiv sein… 1,20 Euro.“

Martin Malcherek (Linke): „Null Euro – alle steigen ein und es geht los.“

Manuela Matz (CDU): „Ein Euro und 365 Euro für Familien im Jahr.“

Christian Viering (Grüne): „Null Euro und ticketloser Nahverkehr.“

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Fährt die Straßenbahn bald überall in Mainz?

Das fragte Moderator Lohmann die Kandidaten – und bekam durchaus überraschende Antworten. „Ich will mal einen Blick werfen auf die Geschichte von Mainz“, hub SPD-Frau von Jungenfeld an, und betonte: „Gerade die Führung der Straßenbahn ist ein sehr, sehr exemplarisch-tolles Thema, wo Bürgerbeteiligung stattfindet, und die Leitlinien der Bürgerbeteiligung Anwendung finden.“ Die Leitlinien zur Bürgerbeteiligung waren ein Projekt von EX-OB Ebling, das allerdings bislang noch nicht recht zur Anwendung kam.

Alle sieben OB-Kandidaten stellten sich der Debatte bei "Baustelle Zukunft - Betreten erwünscht". - Foto: gik
Alle sieben OB-Kandidaten stellten sich der Debatte bei „Baustelle Zukunft – Betreten erwünscht“. – Foto: gik

Wenig überraschend: Grünen-Kandidat Viering machte sich für die Straßenbahn stark, schließlich ist die „Mainzelbahn“ ein ur-grünes Projekt. Viering sprach sich für einen umfassenden Ausbau aus, die Straßenbahn solle vom Lerchenberg und von Ebersheim weiter fahren bis weit hinein nach Rheinhessen.

„Ich finde Straßenbahn ‚old school'“, sagte hingegen überraschend Wirtschaftsdezernentin Matz: Die Zukunft werde darin liegen, die individuelle Nutzung von Transportmitteln zu stärken, zudem brauche es Wasserstoffbusse. Unterstützung bekam sie dabei vom FDP-Kandidaten: „Ich würde vehement widersprechen, dass der einzige klimaneutrale Verkehrsträger die Straßenbahn ist“, sagte Engelmann, da gebe es mit Wasserstoff- und O-Bussen noch ganz andere Lösungen. In 30 Jahren, sagte der Verkehrsjurist, „da haben wir cleverere Lösungen als Straßenbahnen.“

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Problem Ladensterben in Mainz: Wie wird Innenstadt attraktiver?

Mainz habe fraglos ein Problem mit sterbenden Läden, befand Moderator Lohmann – und verwies auf leer stehende Ladenlokale, den Zustand der Großen Bleiche – und stellte die Frage nach einer attraktiven Innenstadt mit deutlich mehr Grün. Die Antworten fielen erneut durchaus überraschend aus – und mit dem Grünen-Kandidaten gab es erst einmal einen kleinen Schlagabtausch.

Ein Generationenpark in dem unteren Teil der Großen Bleiche? - Foto: gik
Ein Generationenpark in dem unteren Teil der Großen Bleiche? – Foto: gik

Christian Viering (Grüne): „Wie schaffen wir es, dass wie der mehr Menschen in die Innenstadt kommen? Für mich ist das ein relativ großer Fokus für zwei Themen“, sagte Viering auf die Frage. Für Familien sei „ein Ausflug in die Innenstadt schon relativ herausfordernd“, deshalb brauche es mehr Spielmöglichkeiten für Kinder zwischendurch, die Innenstadt müsse familienfreundlicher werden.

„Und zum Beispiel grüner“, fraget daraufhin Lohmann – Mainz habe doch sehr wenig Grün. „Ach nein“, entgegnete Viering – „doch“, beharrte Lohmann: Mainz habe „für viel Geld den Münsterplatz gestaltet – das ist auch eine Wüste.“ In anderen Städten gebe es hingegen grüne Fußgängerzonen mit Wasserspielplätzen.

Mareike von Jungenfeld (SPD): „Ich bin total begeistert, dass Sie das Thema ansprechen“, sagte daraufhin SPD-Kandidatin von Jungenfeld; „Das ist das, was mich antreibt – die Innenstadt zu entwickeln und grüne Oasen zu schaffen.“ Sie habe auch „ganz viele Ideen, wie man das gestalten kann“, fuhr sie fort: Sie wolle vor allem die Große Bleiche in Höhe des Ernst-Ludwig-Platzes sperren, und auf diesem Areal Innenstadtentwicklung betreiben – für Kinder, Familien und auch als Treffpunkt für Jugendliche sei das Areal prädestiniert.

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Wasserspielplätze, mehr Grün und Zuschüsse zu Ladenmieten

Nino Haase (Parteilos): „Natürlich brauchen wir mehr Grün in der Innenstadt“, das habe er schon vor  drei Jahren mit seiner Baum-Aktion vor dem Mainzer Staatstheater demonstriert, sagte Haase daraufhin. Aber man könne doch nicht Innenstadt-Belebung damit planen, „dass man sagt, wir bauen da am Schloss wir einen Park hin, und dann klappt es auch“, kritisierte er. „Laufen Sie durch die Innenstadt: Sie ist in einem schlechten Zustand“, betonte Haase. Am Brand gebe es „Leerstände, die sehen aus wie ein Taubenklo, und das guckt sich die Stadt seit Wochen und Monaten an“, kritisierte er.

Die Große Bleiche in Mainz wird immer mehr zur Problemzone. - Foto: gik
Die Große Bleiche in Mainz wird immer mehr zur Problemzone. – Foto: gik

Andere Städte hätten bei Leerständen sofort gehandelt: „‚Worms wird WOW‘ etwa – die übernehmen 20 Prozent der Miete im ersten Jahr, wenn sich jemand in einen Leerstand ansiedelt“, erklärte Haase: „Nichts ist teurer als eine Innenstadt, die erstmal ausstirbt.“ In Mainz fehle es an Ideen, gegen den Leerstand anzugehen, sagte Haase – und bekam dafür durchaus Beifall.

Manuela Matz (CDU): Was Haase da fordere, das gebe es in Mainz doch schon, sagte daraufhin Wirtschaftsdezernentin Matz – und stieß auf Verwunderung. Leerstandsmanagement betreibe die Stadt längst, betonte Matz aber weiter, auch in Mainz gebe es einen Mietzuschuss, wenn sich jemand für einen Laden interessiere. „Aber viele Eigentümer erklären sich nicht für einverstanden mit einer Zwischennutzung“, sagte Matz: „Wir treffen da bisher nicht den Nerv von Interessierten.“

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So schlecht stehe die Stadt nicht da, wehrte sich Matz weiter, „natürlich müssen wir etwas tun, und das habe ich auch getan.“ Matz verwies auf eine Workshop-Reihe zum Thema „Attraktive Innenstadt“, die dort erarbeiteten Maßnahmen würden jetzt auch umgesetzt – Mainz sei da durchaus Vorreiter in Rheinland-Pfalz. Drei Faktoren sehe sie hauptsächlich: Bei der Mobilität müsse die Innenstadt erreichbar sein, der Handel müsse einen attraktiven Mix bieten, und das dritte ist die Aufenthaltsqualität. „Für mich steht da Wasser ganz oben, wir brauchen Wasserspielplätze“, sagte Matz, das verhindere auch, dass sich die Innenstadt weiter aufheize.

Ist die Mainzer Innenstadt attraktiv genug, grün genug? - Foto: gik
Ist die Mainzer Innenstadt attraktiv genug, grün genug? – Foto: gik

Christian Viering (Grüne): „ich habe gerade beim Zuhören gedacht: muss ich Ihr gleich Recht geben, Grummel“, staunte daraufhin Grünen-Kandidat Viering – die Idee mit den Wasserspielplätzen halte er für gut. Seine Lösung für einen attraktiven Handel in der Innenstadt, war allerdings eher überraschend: „Wo wir als Stadt mehr machen können ist: wie bringen wir die kleinen Unternehmer ins Netz“, sagte Viering, „da würde ich gerne mehr unterstützen.“

Marc Engelmann (FDP): „Städte verändern sich, der Onlinehandel hat seinen Einfluss – aber man muss das nicht hinnehmen, und schon gar nicht kampflos“, sagte FDP-Mann Engelmann, und kritisierte: „Was ich in Mainz äußerst bedrückend finde, ist dass mir unheimlich viele Leute aus den Vororten sagen: ich fahre nach Ingelheim, ins Main Taunus-Zentrum zum Einkaufen.“ Anstatt in die Innenstadt zu fahren, stiegen die Mainzer ins Auto und gäben ihr Geld woanders aus – das sei schädlich für die Stadt.

„Man muss Mainz so attraktiv machen, dass das Umland wieder Mainz ansteuert“, sagte Engelmann – ein wichtiger Baustein sei dabei aber eben der Verkehr: „Im Moment fließt der Verkehr in Mainz wie Plätscherwasser.“

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Lukas Haker (Die Partei): „Ich kaufe gerne in Wiesbaden ein, wenn nicht gleich im Internet“, bekannte der Mann aus Wiesbaden, und forderte Enteignung bei Leerstand: „Wenn nach einem halbe Jahr kein neuer Laden drin ist, enteignet die Stadt.“

Sollte die Große Bleiche autofreie Fußgängerzone werden?

Mareike von Jungenfeld (SPD): „Wir verfolgen das gleiche Ziel wir wollen eine attraktive Innenstadt“, sagte von Jungenfeld, und forderte: „Wir brauchen den Dialog mit den Einzelhändlern.“ Das Thema „Parken aufs Haus“ müsse „man noch einmal etablieren“, sagte die weiter. Eine Innenstadt sei „ein multifunktionaler Ort“, in dem auch Menschen arbeiteten. Mainz habe aber „das perfekt Konzept mit dem Tripol-Zentrum“, die künftige Ludwigsstraßen-Bebauung werde sich sehr positiv auswirken, meinte sie. Es gelte jetzt, „das Momentum zu nutzen“, und die Innenstadt zu gestalten, deshalb sei „das jetzt der perfekte Zeitpunkt, um Oberbürgermeisterin von Mainz zu werden“, fügte sie hinzu.

Volles Haus bei der ersten OB-Kandidatenrunde. - Foto: gik
Volles Haus bei der ersten OB-Kandidatenrunde. – Foto: gik

Nino Haase (parteilos): „Ich finde nicht, dass wir genug tun“, bilanzierte Haase schließlich, auch mit Blick auf den Zustand der Großen Bleiche: „Wir sehen, dass Probleme existieren und wir hoffen, sie gehen einfach wieder weg.“ Mainz tue eben nicht genug, warum biete man nicht jetzt in der Vorweihnachtszeit einfach mal kostenlosen ÖPNV an, wie in anderen Städten, schlug er vor: „Eine kaputte Innenstadt hilft niemandem weiter.“

Manuela Matz (CDU): Das Thema Große Bleiche sei „nicht ganz einfach, es ist komplex – aber wir sind auf einem guten Weg“, betonte die Wirtschaftsdezernentin. Für den brach liegenden Hotelkomplex in der Mitte der Straße sei jetzt ein neuer Investor gefunden, auch am Münsterplatz werde sich was tun. „Der direkte Konkurrent ist der 7-24-Online-Handel“, sagte Matz, „wir müssen schauen, dass wir in den Innenstädten einen attraktiven Einzelhandel haben – teilweise sagen uns Experten, unsere Fußgängerzone sei schon zu groß.“ Denn es gebe eben auch viele Geschäfte, die seien darauf angewiesen, „dass man mit dem Auto vorfahren und etwas einladen kann“, warnte Matz: „Schön ist es mit der Fußgängerzone – aber ob die Händler dann überleben können, das ist die Frage.“

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Gegner in der Stichwahl? Begehrt: Manuela Matz

Die Abschlussfrage bot noch einmal viel Zündstoff, denn Moderator Lohmann stellte die Aufgabe: „Stellen Sie sich vor, Sie kommen in die Stichwahl – wen hätten Sie gerne als Gegner und warum?“ Es geht doch „nicht darum, wer die Gegner sind“, versuchte Grünen-Kandidat Viering auszuweichen – doch damit kam er bei Lohmann nicht durch, und entschied sich schließlich für den Partei-Kandidaten Haker.

Wird eine von ihnen die erste OB von Mainz? Manuela Matz (CDU, links) und Mareike von Jungenfeld (SPD). - Foto: gik
Wird eine von ihnen die erste OB von Mainz? Manuela Matz (CDU, links) und Mareike von Jungenfeld (SPD). – Foto: gik

„Ich würde mir Frau von Jungenfeld wünschen“, sagte CDU-Kandidatin Matz, und fügte als Begründung an: „Warum? Weil ich mir nach all den Jahren eine Frau als Oberbürgermeisterin wünsche.“ Die SPD-Kandidatin versuchte es daraufhin anders: „Ich bin sehr zuversichtlich in die Stichwahl zu kommen und die erste Oberbürgermeisterin von Mainz zu werden“, sagte von Jungenfeld – doch auch sie biss auf Granit: „Auch das ist keine Antwort auf meine Frage“, mahnte Lohmann. „Dann nehme ich auch die Frau Matz“, sagte von Jungenfeld.

„Ich glaube, ich sehe mich mit Frau Matz im Finale“, sagte überraschend derweil auch Lukas Haker, der jüngste im Kandidatenfeld: Mainz sei eine sehr junge Stadt, „und die Leute sehen, was sinnvoll ist“, begründete er seine Wahl. Ich wähle den Kandidaten mit der höchsten Glaubwürdigkeit und den, mit dem man hinterher am besten ein Bier trinken kann“, sagte wiederum Nino Haase: Martin Malcherek. Der Linken-Kandidat war indes da bereits zu einem weiteren Termin entschwunden.

„Ich finde, es muss in einer Stadt wie Mainz egal sein, ob Frau oder Mann – Gleichberechtigung können auch Männer“, sagte FDP-Kandidat Engelmann zum Schluss – und wählte ebenfalls die CDU-Dezernentin als Gegnerin: „Ich würde mir Frau Matz wünschen, weil ich dann acht Jahre später nicht mehr gegen eine Amtsinhaberin antreten muss“, sagte Engelmann in Anspielung auf Matz Alter: Die Dezernentin ist aktuell 58 Jahre alt. Nun, sagte Lohmann schließlich, klar sei schließlich eines. „Einer wird gewinnen – ich wünsche uns, dass Sie einen tollen Wahlkampf führen.“

Info& auf Mainz&: Alles zur OB-Wahl von Mainz, zu den Hintergründen und den sieben Kandidaten findet Ihr in unserem großen Mainz&-Dossier genau hier.

 

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