Moskau hat es tatsächlich getan: Der Düsseldorfer Satiriker und Wagenbauer Jacques Tilly ist wegen seiner satirischen Wagen im Rosenmontagszug von einem Gericht in Moskau zu acht Jahren und sechs Monaten Lagerhaft verurteilt worden. Tilly war natürlich nicht in Moskau, das Urteil hat dennoch erhebliche Konsequenzen für den Satiriker. Mainzer Fastnachter reagierten entsetzt und empört: „So lächerlich wie die Anklage, so lächerlich wie der Prozess, so lächerlich ist auch das Urteil“, hieß es aus Mainz.

Dieser Motivwagen des Düsseldorfer Wagenbauers und Satirikers Jacques Tilly erregte wohl vor allem den Unmut von Wladimir Putin, er zeigt den Kniefall der russisch-orthodoxen Kirche vor dem Kremlherrscher. - Video: ZDF, Screenshot: gik
Dieser Motivwagen des Düsseldorfer Wagenbauers und Satirikers Jacques Tilly erregte wohl vor allem den Unmut von Wladimir Putin, er zeigt den Kniefall der russisch-orthodoxen Kirche vor dem Kremlherrscher. – Video: ZDF, Screenshot: gik

Mitte Dezember 2025 war bekannt geworden, dass Russland den Düsseldorfer Wagenbauer und Satiriker Jacques Tilly wegen seiner Motivwagen im Rosenmontagszug verklagt, in denen Tilly seit Jahren Kremlchef Wladimir Putin aufs Korn nimmt. Tilly wurde demnach Verunglimpfung der russischen Armee vorgeworfen, seine Werke seien eine Beleidigung für den russischen Präsidenten Wladimir Putin, auch in seiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber. In Russland sind mit diesem Vorwurf bereits zahlreiche Kriegsgegner verurteilt worden, dass der Kreml aber einen Satiriker im Ausland angreift, ist ein absolutes Novum.

Am Donnerstag dann kam die Nachricht: Ein Moskauer Gericht hat Tilly tatsächlich in Abwesenheit verurteilt, und zwar zu acht Jahren und sechs Monaten Haft. Tilly habe sich der Verletzung religiöser Gefühle und der Verbreitung von Falschnachrichten über die russischen Streitkräfte schuldig gemacht, urteilte Richter Konstantin Otschirow, wie die ZDF Heute-Nachrichten berichten. Außerdem soll Tilly eine Geldstrafe von umgerechnet rund 2.000 Euro zahlen und erhielt ein vierjähriges Arbeitsverbot in Russland.

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Tilly: Damoklesschwert eines „indirekten Todesurteils“

Die Verletzung religiöser Gefühle bezieht sich vor allem auf einen Motivwagen, bei dem der russisch-orthodoxe Patriarch in eindeutiger Haltung in Höhe von dessen Genitalien vor Putin kniet, Tilly wollte damit eine unterwürfige Speichellecker-Haltung des Patriarchen kritisieren – Putin fühlte sich offenbar von diesem Wagen besonders gekränkt.

Interview mit Jacques Tilly am Donnerstagabend im Heute Journal. - Screenshot: gik
Interview mit Jacques Tilly am Donnerstagabend im Heute Journal. – Screenshot: gik

„Es ist ein Willkür-Urteil“, reagierte Tilly selbst am Donnerstagabend im Heute Journal, „ein großer Schock“ sei das Urteil nicht gewesen. Allerdings machte Tilly zugleich deutlich, dass dieses Urteil erhebliche Konsequenzen für ihn hat: Einer eventuellen Urteilsvollstreckung sähe er „mit Grausen entgegen“, denn das Urteil laute auf Straflager – Westler hielten „diese verschärfte Strafe nur ein paar Jahre aus“, schätzte Tilly. Bei einer Urteilsvollstreckung würde er das mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nicht überleben: „Das ist ein indirektes Todesurteil.“

Das Problem dabei: Tilly ist zwar in Deutschland und Europa vor Auslieferung geschützt, doch andere Ländern könnten das anders handhaben – dazu gehören etwa Ägypten oder die Türkei. „Mein Reiseverhalten ist ordentlich eingeschränkt, ich kann bestimmte Länder  nicht mehr bereisen“, sagte Tilly. Er werde sich wohl nun auf Europa beschränken müssen. Auch könne sich die politische Lage kann sich im Laufe von wenigen Jahren ändern – das ist ein Damoklesschwert, das über einem schwebt.“

 

Mainzer Fastnacht: Wütend, dass politische Satire kriminalisiert wird

Er hätte nie gedacht, dass er von Russland als Ausländer verurteilt würde. „Dass sie auch im Ausland daran gehen, die freie Gesellschaft, die Meinungsfreiheit, die Satirefreiheit zu unterdrücken und einzuschüchtern, das ist wirklich neu, und das hat mich auch überrascht“, sagte Tilly: „Dass hier Karnevalswagen und Pappfiguren auf der Anklagebank stehen, das hätte ich nicht gedacht“, sagte Tilly. Russland blamiere sich damit eigentlich. „Sie zeigen öffentlich, dass sie Angst vor Satirefiguren haben – ich finde es unerhört.“

Auch in Mainz rollten bereits Putin-kritische Wagen im Rosenmontagszug, dieser zeigte 2025 Putin als James Bond-Bösewicht Blofeld "in tödlicher Mission". - Foto: gik
Auch in Mainz rollten bereits Putin-kritische Wagen im Rosenmontagszug, dieser zeigte 2025 Putin als James Bond-Bösewicht Blofeld „in tödlicher Mission“. – Foto: gik

Das finden auch die Mainzer Fastnachter, die sich gleich nach Bekanntwerden der russischen Anklage solidarisch mit Tilly gezeigt hatten. „Dass künstlerische Freiheit und politische Satire derart kriminalisiert werden, macht uns betroffen – und wütend“, reagierten der Mainzer Carneval Verein (MCV) und die Mainzer Fastnacht eG in einer gemeinsamen Pressemitteilung: „Jacques Tillys Arbeiten stehen für das, was Satire leisten muss: den Mächtigen den Spiegel vorhalten, Missstände sichtbar machen und Haltung zeigen.“

Das Urteil aus Russland werteten die Mainzer mit klaren Worten: „So lächerlich wie die Anklage, so lächerlich wie der Prozess, so lächerlich ist auch das Urteil.“ Der Vorgang zeige umso deutlicher, wie notwendig Satire sei. „Wir stehen fest an Tillys Seite“, sagte MCV-Präsident Hannsgeorg Schönig: “ Unsere Tradition wurzelt im freien Wort, im offenen Widerspruch und im klaren Bekenntnis zur Demokratie. Das Recht darf dem Unrecht nicht weichen – und schon gar nicht dienen.“

Boris Henkel: „Wir alle sind Jacques Tilly“

Der Kreativkreis des MCV, in dem die politischen Motivwagen für den Mainzer Rosenmontagszug entwickelt werden, wertete das Urteil als „ein alarmierendes Signal“ weit über den konkreten Fall hinaus. „Es war abzusehen, dass dieses Pseudo-Gericht ein solch absurdes Urteil fällen würde, denn es stand wohl schon bereits fest, als er angeklagt wurde“, sagte Boris Henkel, Sprecher des Kreativkreises. Rechtsstaatlichkeit sei ein Bestandteil freiheitlicher Demokratie, die es in Russland aber nicht gebe.

Schon 2016 portraitierten die Mainzer Narren vom MCV Putin als scheinheiligen Friedensengel. - Foto: gik
Schon 2016 portraitierten die Mainzer Narren vom MCV Putin als scheinheiligen Friedensengel. – Foto: gik

„Dass dieses repressive, inhumane System einen Künstler mit Haft bedroht, weil er es durch seine Satire kritisiert, zeigt, wie kostbar es wiederum ist, in einem Land zu leben, das die Stärke besitzt, Satire zu tolerieren“, betonte Henkel. Mit Tilly seien „alle angeklagt und verurteilt worden, denen Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst und Freiheit der Satire ein wichtiges Anliegen ist. Einmal mehr entgegnen wir dem Machthaber im Kreml: ‚Wir alle sind Jacques Tilly‘!“

Einschüchtern lassen wollen sich die Fastnachter von dem Urteil indes nicht: Man werde sich in seinem Engagement für die Meinungsfreiheit nicht beirren zu lassen, hieß es von der Mainzer Fastnacht eG. „Es war leider zu erwarten, dass das Gericht in Moskau so entscheidet“, sagte Vorstandssprecher Markus Perabo, und betonte. „Die Mainzer Fastnachter lassen sich davon nicht beeindrucken und werden weiterhin in Vorträgen und Motivwagen das Weltgeschehen karikieren.“ Die Fastnacht eG werde die Meinungsfreiheit „immer in den Vordergrund stellen, dafür stehen die 41 Mitgliedsvereine“, betonte Perabo.

Und auch Tilly sagte: „Wir lassen uns selbstverständlich nicht einschüchtern, wir bleiben bei unsere relativ deftigen, kräftigen, satirischen Narrenfreiheit, die wir in Düsseldorf seit Jahrzehnten pflegen. Ab Weihnachten werde er wieder an seinem Schreibtisch sitzen, und sich neue Wagen ausdenken. „Ich bin ziemlich sicher, dass dann auch wieder ein Putin dabei ist“, fügte er hinzu.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Prozess gegen Jacques Tilly und den Hintergründen könnt  Ihr noch einmal hier bei Mainz& nachlesen. Das Interview mit Jacques Tilly im Heute Journal findet Ihr hier im Internet.