In Mainz kannte diese Familie in den 1930er Jahren jeder: Das Weinhaus „H. Sichel Söhne “ in der Mainzer Kaiserstraße gehörte zu den renommiertesten Weinhändler-Dynastien Rheinhessens. Vor den Nazis flüchteten sie erst nach Bordeaux und später nach New York, im Zweiten Weltkrieg kehrte Peter Sichel nach Deutschland zurück – als US-Geheimagent. Über 15 Jahre hinweg half er, den späteren US-Geheimdienst CIA mit aufzubauen, leitete die Sektion Berlin im Kalten krieg, wurde danach erfolgreicher Weinexporteur in den USA – Dank der „Blue Nun“. Nun hat ARTE einen Film über Peter Sichel gedreht, der am 18. November Premiere im analogen Fernsehen hat. Mainz& hat ihn schon gesehen.

Peter Sichel mit 100 Jahren in New York. - Foto: ARTE
Peter Sichel mit 100 Jahren in New York. – Foto: ARTE

„Der Jahrhundert-Spion“ heißt die gut 90 Minuten lange Dokumentation, die heute Abend auf ARTE ihre Premiere im Fernsehen feiert, die Regisseurin Katharina Otto-Bernstein erzählt darin die abenteuerliche Lebensgeschichte von Peter Sichel. Der wurde 1922 als Sohn der jüdischen Weinhändler-Dynastie „H. Sichel Söhne“ in Mainz geboren, die Familie floh vor den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren, erst nach Bordeaux, dann in die USA. „Flüchtling, Geheimagent, Weinhändler – Die Geheimnisse meiner drei Leben“, hat Peter Sichel selbst sein Leben in seiner Autobiographie zusammengefasst, nun widmet sich eine lange überfällige Filmdokumentation einem wahrhaft abenteuerlichen Leben.

„Wir gehörten zu den Familien in Mainz, die jeder kannte“, berichtet Peter Sichel selbst in dem Film: „Ich war ein glücklicher Mensch, meine Mutter auch. Ich wusste, dass wir Juden waren, das spielte jedoch keine Rolle, weil wir unseren Glauben nicht praktizierten.“ Es waren die 1920er Jahre, als Peter Sichel im goldenen Mainz aufwächst. Der Vater war aus dem Rheinhessischen Ende des 19. Jahrhunderts nach Mainz gezogen und gründete einen Weinhandel, der sehr erfolgreich wurde – mit Filialen in London, Bordeaux und New York.

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Vertreibung jüdischer Weinhändler-Familien aus Mainz

Die Geschichte der jüdischen Weinhändler-Familien und ihre Vertreibung durch die Nationalsozialisten gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Mainzer und rheinhessischen Geschichte, bekannt ist sie in der Öffentlichkeit kaum. Dabei habe diese Verdrängung bereits früh begonnen und sei mit drastischen Maßnahmen erfolgt, berichtet Julia Kreuzburg, die eine Magisterarbeit über genau dieses Thema schrieb. Schon ab März 1933 habe es erste kleinschrittige Maßnahmen gegen die Weinhändlerfamilien gegeben, berichtete Kreuzburg vergangene Woche bei der Filmpremiere in der Mainzer Staatskanzlei.

Das Geburtshaus von Peter Sichel in Mainz. - Foto: via ARTE
Das Geburtshaus von Peter Sichel in Mainz. – Foto: via ARTE

1934 gab es eine Inseratssperre für jüdische Firmen in Mainz, 1935 wurde mit den Nürnberger Gesetzen gar ein Ariernachweis eingeführt für die Teilnahme an Weinfesten – und 1936 rollte ein antisemitischer Motivwagen beim Mainzer Rosenmontagszug mit, der sich gegen jüdische Weinhändler richtete. Die Firma Sichel sei zunächst noch bei der hetze außen vor gewesen, „das war eine so große Exportfirma, dass man sich lange ein Vorgehen gegen die Sichels nicht leisten konnte“, berichtet Kreuzburg.

Doch es gab eine in der Familie, die die Zeichen an der Wand sehr wohl lesen konnte: Sichels Mutter. Sie habe Deutschland schon 1934 verlassen wollen, und immer wieder gewarnt: „Diese Leute sind anders, sie sind bereit zu Töten“, so berichtet es Peter Sichel selbst im Film: „Sie sagte, alle Juden werden getötet werden – man lachte sie aus. Aber sie hatte auch „Mein Kampf“ gelesen – sie war politisch hellwach, mein Vater nicht.“ Nach der Verabschiedung der Nürnberger Gesetz drängte sie erneut auf Flucht, „man kann nicht in einem Land leben, indem man keine Bürgerrechte habe“, erzählt der Sohn.

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Rückkehr 1945 ins brennende Mainz: Wein aus dem Keller gerettet

1938 flüchteten schließlich alle vier Firmeninhaber der Familie Sichel mit ihren Familien aus Deutschland, die Nationalsozialisten pfändeten umgehend das hinterlassene Vermögen. „Sofort werden Konten gepfändet und der Hausrat, das Vermögen aufgestellt, über 400.000 Liter Weine vom Finanzamt gepfändet“, berichtet Kreuzburg: „Man weiß bis heute nicht, wo die geblieben sind.“ Die Firma wurde weit unter Wert an nicht-jüdische Kaufleute verkauft, „so weit unter Wert wurde selten arisiert“, sagt die Historikerin.

Peter Sichel 1942 als GI der US-Army. - Foto: via ARTE
Peter Sichel 1942 als GI der US-Army. – Foto: via ARTE

Dumm nur: Alles das kommt in dem ARTE-Film „Der Jahrhundert-Spion“ gar nicht vor, die Herkunft der Weinhändler-Familie in Mainz wird nur zu Beginn lose gestreift. Dass Peter Sichel 1945 als amerikanischer Soldat in das brennende Mainz zurückkehrte, und noch vor dem offiziellen Einmarsch der US-Truppen in die Stadt fuhr, um aus dem brennenden Elternhaus in der Kaiserstraße Hunderte Liter Wein rettete – auch das kommt in dem Film nicht vor. Regisseurin Otto-Bernstein erzählt die Szene im Nachgang zum Film, ebenso, dass Peter Sichel aus dem Haus den alten Schreibtisch seines Vaters rettete – an genau diesem Schreibtisch filmt ihn die Regisseurin mit 100 Jahren in seiner New Yorker Wohnung.

Warum diese Szenen und Informationen im Film schlicht nicht vorkommen, die Antwort bleibt die Regisseurin schuldig. Dabei hatte das Mainzer Stadtarchiv umfangreiche Dokumente aus den 1930er Jahren zur Verfügung gestellt, der Film hat indes eine andere Mission: Er konzentriert sich hauptsächlich auf Sichels spätere Karriere als Geheimagent und Mit-Gründer des späteren US-Geheimdienstes CIA.

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Leiter des CIA in Berlin im Kalten Krieg, Kritik am Geheimdienst

1941 war die Familie Sichel in die USA emigriert, als die nach dem Angriff auf Pearl Harbour in den Zweiten Weltkrieg eintrat, meldete sich Peter Sichel wie viele andere deutschstämmige Juden auch zur Armee – und wurde für den damaligen Geheimdienst OSS rekrutiert. Sichel bekam zunächst einen Job in Algier, weil er Französisch und Deutsch sprach, mit nur 22 Jahren wird er Leiter einer Abteilung des OSS und rekrutiert deutsche Kriegsgefangene für den Geheimdienst.

Peter Sichel im Kalten Krieg in Berlin: Sichel wurde nach 1945 Leiter des CIA in der vom krieg geteilten Stadt. - Foto via ARTE
Peter Sichel im Kalten Krieg in Berlin: Sichel wurde nach 1945 Leiter des CIA in der vom krieg geteilten Stadt. – Foto via ARTE

Als der Krieg endet, ist Peter Sichel 19 Kilometer nördlich von München, ganz in der Nähe des Konzentrationslagers Dachau, und betont dennoch: Nein, vom Holocaust habe er damals noch nichts gewusst. „Es wurde nicht öffentlich gemacht“, sagt er. Dass jüdische Familien in Arbeitslager deportiert wurden, ja, das habe man gewusst. „Dass sie systematisch ermordet wurden: nein“, sagt er: „Es war unbegreiflich, und das blieb es für lange Zeit.“

Es sind diese persönlichen Berichte eine Mannes, der noch mit 100 Jahren glasklar im Kopf und mit großer analytischer Schärfe auf das Weltgeschehen blickt, die diesen Film auszeichnen. Die Schärfe erstreckt sich bei Sichel gnadenlos auch auf die eigene Arbeit als Geheimdienst-Agent, und auf die Fehler der CIA, die in den Jahren des Kalten Krieges versuchte, ganze Länder und Regierungen zu steuern, damit sie sich vom Kommunismus abwandten. „Eine Regierung zu stürzen, die demokratisch gewählt war, und für uns keine Bedrohung darstellte, ich hielt das nicht nur für illegal, sondern für unklug“, sagt Sichel an einer Stelle – da geht es um den Sturz der iranischen Regierung und die Schreckensherrschaft des Shahs.

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Peter Sichel: Das Leben eines Spions in Berlin und Hongkong

1947 wird aus dem OSS die CIA und Peter Sichel wird mit nur 23 Jahren CIA-Chef in Berlin. Mitten im sich entfaltenden Kalten Krieg baut er ein Spionagenetzwerk aus, sammelt Informationen aus Ostberlin und über die Russen. Seine Warnungen und Erkenntnisse werden von seinen Vorgesetzten jedoch wiederholt ignoriert, der Frust darüber habe viele im Geheimdienst „in den Alkoholismus getrieben“, erzählt Sichel – ohne zu sagen, ob er dazu gehörte. Tatsache ist aber: Es wird in unglaublichen Mengen gesoffen, „es gab jeden Tag Cocktail- oder Dinnerparties, alle tranken zu viel“, berichtet er einmal. Auch Sichel selbst war für seine Silvesterparties berühmt, lernt so seine erste Frau kennen, von der er sich trennt, weil sie ihn fortwährend betrügt.

Peter Sichel im Jahr 2004 in New York, da war der gebürtige Mainzer bereits ein erfolgreicher Weinhändler. - Foto: ARTE
Peter Sichel im Jahr 2004 in New York, da war der gebürtige Mainzer bereits ein erfolgreicher Weinhändler. – Foto: ARTE

Da ist es bereits 1956, und Sichel lebt als CIA-Chef in Hongkong. Was genau er dort macht, wie seine Arbeit aussieht – darüber schweigt sich der Film aus. Stattdessen gleitet die Dokumentation in eine Geschichtsstunde über den Kalten Krieg ab, berichtet länglich über das Ringen der West- und Ost-Mächte über die Vorherrschaft und den amerikanischen Kampf gegen den Kommunismus unter US-Präsident Dwight D. Eisenhower. Irgendwann geht es dann noch um Indonesien und den Aufstieg des späteren Diktators Suharto, sogar dessen Tochter wird mehrfach interviewt – was genau das mit Peter Sichel zu tun hat, kann man nur erahnen.

Für sein „internationale Ausrichtung“ wurde der Film bereits auf Filmfestivals gefeiert, spannend für den Zuschauer wird er indes immer dann, wenn er sich dicht an Peter Sichel hält, seine Lebensgeschichte nachzeichnet – und ihm schlicht zuhört. Mit seiner zweiten Frau Stella hatte Sichel schließlich zwei Töchter, eine von ihnen – Bettina Sichel – kam sogar zur Filmpremiere nach Mainz: Die 63-Jährige leitet heute ein kleines Weingut im kalifornischen Sonoma Valley, spezialisiert auf Rotweine.

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Das dritte Leben als Weinhändler: Exportschlager „Blue Nun“

Ihr Vater verließ 1959 die CIA und übernahm in alter Familientradition eine kleine Weinimportfirma in New York. Ihr Vater sei entsetzt gewesen, dass die Amerikaner damals so gar keinen Wein tranken, berichtet Bettina Sichel, und natürlich machte er sich daran, das zu ändern: Peter Sichel wurde zum größten Importeur deutscher Weine und lehrte die Amerikaner mit Hilfe von „Liebfraumilch“, deutsche Weine zu schätzen.

Peter Sichels Tochter Bettina mit ihrem Sohn Leo Dixon (rechts) und einem Bekannten beim Besuch in der Staatskanzlei in Mainz. - Foto: gik
Peter Sichels Tochter Bettina mit ihrem Sohn Leo Dixon (rechts) und einem Bekannten beim Besuch in der Staatskanzlei in Mainz. – Foto: gik

Sein großer Erfolg wurde die von ihm erfundene Marke „Blue Nun“, ein Verschnitt aus Müller-Thurgau, Silvaner und Gewürztraminer. „Blue Nun“, benannt nach einem blauen Etikett, auf dem Nonnen Wein ernten, verkaufte sich pro Jahr mit rund dreißig Millionen Flaschen in alle Welt, sogar bis Australien, Japan und Skandinavien – auch diese Erfolgsgeschichte streift der Film nur am Rande. Sein Fokus bleibt auf dem etwas nebeligen Spionage-Leben des Peter Sichel, über das er selbst sagt: „Wir dienten einem Gott, und dieser war der Gott der Spionage.“

Bleibt noch die Erkenntnis: Was trank denn nur „der jüdische James Bond“ selbst am liebsten? Nein, keinen Martini, verrät Tochter Bettina: Am liebsten habe er einen guten Whisky getrunken. Auch dieses Detail allerdings lässt der Film außen vor. Peter Sichel starb am 24. Februar 2025 mit 102 Jahren in New York, wer seine ganze Geschichte erfahren möchte, sollte zu seiner Autobiographie greifen: „Die Geheimnisse meiner drei Leben – Flüchtling, Geheimagent und Weinhändler“ ist 2019 mit stolzen 464 Seiten Länge im Axel Dielmann-Verlag erschienen und für 24,- Euro als Taschenbuch zu haben.

Info& auf Mainz&: Der Film „Der Jahrhundert-Spion“ wird am Dienstagabend, 18. November 2025 um 21.50 Uhr auf ARTE gesendet, und ist bereits jetzt sowie ein weiteres Jahr lang in der ARD-Mediathek abrufbar.