„Dies ist ein Raum-Zeit-Experiment“, sagt der Sitzungspräsident, „und wir wissen nicht genau, was heute passiert. Was wir wissen ist, was wir geplant haben.“ 21 Fastnachtsnummern in 3,5 Stunden, bunt gemischt von Vortrag über Musik bis hin zu Showact – das ist der Plan. Willkommen zu „Donnerstag Night Alive“, dem neuen Sitzungsformat der Eiskalten Brüder aus Mainz-Gonsenheim. Vergangene Woche war Premiere, Mainz& war dabei.

Eine Fastnachtssitzung dauert sechs Stunden, die Vorträge 20 Minuten – und am Ende singen die Hofsänger. Oder? Jahrzehntelang war das das Fundamental-Rezept der Mainzer Fastnacht, die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ funktioniert noch immer nach diesem bewährten Modell. Und in vielen Mainzer Haushalten und Fastnachtsvereinen gibt es viele eingefleischte Fans dieses Formats – doch jenseits davon entwickelt sich Neues. Der neue Trend der Mainzer Fastnacht lautet nämlich: kurz & knackig.
Praktisch bei allen närrischen Clubs werden inzwischen Alternativformate angeboten, denn die Vereine haben erkannt: Gerade Jüngere werden von Sechs-Stunden-Sitzungen eher abgeschreckt, das gemütliche Rumsitzen samt Pause hat immer öfter ausgedient. Vielleicht liegt es an den sinkenden Aufmerksamkeitsspannen in der Gesellschaft generell, vielleicht aber auch einfach daran, dass die Vielfalt der Fastnachtsangebote enorm gewachsen ist: Stehung, Sitzung, Freiluft-Narhalla, Kellergelächter, Ladies Night – wer heute Fastnacht feiert, geht eben nicht nur zu der einen Prunksitzung, sondern zu vielen. Da ist Zeit wertvoll – und knapp.
Das Experiment: 3,5 Stunden, 21 Nummern – und ganz viel Spaß
Vergangene Woche luden deshalb nun auch die „Eiskalten Brüder“ aus Mainz-Gonsenheim zu ihrer ersten Kurzsitzung überhaupt: „An einem Donnerstag, das gab’s noch nie“, bekannte Sitzungspräsident Frank Brunswig gleich zu Beginn: „Es IST eine Sitzung – aber alles ganz kurz.“ Ein Experiment sei das, sagt Brunswig, und nur weil die Sache kurz sein soll, sollen die Zuschauer dennoch auf nichts verzichten. Das Ergebnis: „Wir haben heute Abend 21 Nummern reingepackt“, sagt Brunswig: „Wir schaffen das!“

Und so geben sich in rasanter Folge die Akteure auf der Bühne die Mikrofone weiter. Da kommen „Paco & Paco“ direkt vom Camping und donnern mit fetzigem Rock’n Roll über die Bühne – für eine Zugabe ist keine Zeit, selbst das „Helau“ muss schneller erklingen. Die „Amigos del Sol“ tanzen „Barfuß übern Schillerplatz“ und rocken die Narrhalla mit „Mainzer!“ Boris Feldmann, der Bräutigam, muss bei der Suche seiner Frau ebenfalls Gas geben, doch für seine herrliche Satire der verschiedenen Hochzeitstänze ist genug Zeit – zum Glück: Das Publikum feiert’s.
Eine Erkenntnis des Abends: Selbst die grandiosen Showtänze der Mainzer Fastnacht funktionieren in Kurzform, auch wenn der Zuschauer da vielleicht ein bisschen die Kürzungen zu bedauern anfängt. Denn die Showtanzgruppe „Fusion“ vom TSV Schott, bezaubert so unglaublich mit ihrem Märchendorf samt dunkler Hexe, vor allem aber mit grandiosen Sprungeinlagen und perfektem Tanz, dass man sich wünscht: bitte mehr davon.
Filmgeschichte mit „Fairytale“, herrliche Satire mit Rene Pschierer
Aber da wirbeln ja schon „Fairytale“ über die Bühne, entführen zurück in die Anfänge der Filmgeschichte, feiern Farbfilm und Pink Panther und enden mit einer tollen Lichteffekt-Performance – wow. Nummer drei in der Riege ist das Ballett „Fantasy“, das tief in die Südsee entführt, explodierender Vulkan inklusive, und traumhafte Szenen samt Sensations-Sprüngen auf die Bühne zaubert. „Sensationell, was Ihr abliefert“, staunt da nicht nur der Sitzungspräsident.

„Nie mehr Fastnacht – ohne dich“, singt der Männerchor der „Goldisch Meenzer Bube“ schief, aber gut gelaunt, „im Schatten des Doms, ham wir uns geküsst.“ – „Kommste selbst vorbei, oder schickst du einfach nur ’nen Link?“, sagt René Pschierer, der eigentlich auf Nachwuchssuche in der Bundeswehr gehen wollte, doch das geht beinahe unter, denn: Pschierer brilliert mit einem Vortrag, der die Kurzzeit-Vorgaben der Eiskalten auf die Schippe nimmt, da kugelt sich das Publikum vor Lachen.
„Tolles Publikum… Schad, dass wir uns heute nur so kurz sehen“, lästert der Pschierer, und stichelt in Richtung Sitzungspräsident: „Beim Andreas hatte ich 20 Minuten…“ Das Publikum versteht natürlich die Anspielung auf den Ex-Sitzungspräsidenten und „Eiskalten“ Andreas Schmitt, der 2025 empört den Verein verließ – wirklich vermisst wird er bei der souveränen Moderation durch den Abend durch Nachfolger Frank Brunswig nicht. Pschierer plädiert derweil für „mehr Friedenstüchtigkeit“ der Jugend, und für Konfetti und Marktfrühstück statt Gleichschritt und Kanonen – ein absolutes Highlight des Abends.
Amazonen-Alarm und Mainzer Baustellen-Unkultur
Neu ist aber auch: Auch die Frauenfront lässt sich nicht lange bitten: Als Amazone weckt Katharina Hammann das dröge Hamburg aus dem närrischen Tiefschlaf, ein hartes Stück Arbeit und eine der Entdeckungen der Kampagne 2026. Apropos Amazone: Eine solche wäre so gerne Max Geis, der Newcomer bringt das zauberhafte Liedchen mit enorm viel Bühnencharme auf die Bretter – der Text stammt übrigens aus der Feder von GCV-Protokollerin Chrissy Grom.

Die Nummer kommt fabelhaft an, und Brunswig schmunzelt: „Wir helfen ja gerne – unsere echte Meenzer Lebensart bringen wir gerne in die Welt.“ Und dazu gehört eben auch eine gehörige Portion Toleranz gegenüber allen Lebensformen – und gehörige Intoleranz gegenüber „jede Form von Rassismus, Extremismus, Sexismus“, wie Eiskalte-Präsident Bert Christmann klarmacht: „Wir Fastnachter stehen und werben für Frieden und Demokratie, für Freiheit und Toleranz – die Freiheit der Rede endet, wenn Personen oder ganze Gruppen angefeindet, beleidigt oder diskriminiert werden.“
Die Freiheit der Rede hält indes natürlich der Protokoller hoch: „Hier gibt heute jeder Gas, auch ich muss mich sputen“, sagt Axel Zimmermann, und fasst kurz und knapp die Lage zusammen: „Die Ampel ist fort, auf den Februar folgte der Merz – der Vorgänger war zu lasch, wie Trappatoni sagt: leere Flasche.“ Da könnte man beinahe schon sagen: fertig! Doch es gilt ja noch Trump und Völkerrecht, Machtmissbrauch und das Stadtbild aufzudröseln – und die Mainzer Baustellen-Unkultur: „Auf’m Tacho steht gerade mal 25, der Salat wird schon welk und manch anderes ranzig, so en echt Meenzer Baustell‘ macht alles dicht“, dichtet der Protokoller, und geht hart mit der grünen Verkehrspolitik ins Gericht.
Dauerfeuer im 10-Minuten-Takt
Aber hey, es ist ja keine Zeit, also hat Gerd Emrich „das Wichtigste des Tages in fünf Minuten, und präsentiert einen grandiosen Parforce-Ritt durch die Fernsehlandschaft – in genau 5.22 Minuten. Wer jetzt noch nicht platt ist, auf den warten die KappellMainzer mit Hawaii und Schwellkoppträger, die „Eiskalte Dorfmusik“ rund um Vizepräsident Thorsten Becker, sowie „Grundfunk“ mit ihrem Fastnachts-Hip Hop. Die Rheinschiffer haben einen Tribut an Tobias Mann’s „Siebe Schoppe musst du übersteh’n dabei“ – und dann kommt der „Hollebutz“ und bringt den Saal mit seinem „Kaltgetränke“ und „bei die Helga“ zum Beben.

Apropos Hommage: Mit einer gesungenen Selbigen an den legendären Becker, Jean der nachts „noch lang nit heem“ macht, verzückt auch Pit Rösch, doch inzwischen macht sich Erschöpfung breit. Nach drei Stunden Dauerfeuer im Zehn-Minuten-Takt schwinden dem Publikum sichtlich die Kräfte. Andreas Kunze als „Kapitän“ erleidet da regelrecht Schiffbruch, und nicht einmal Marcus Schwalbach kann als versierter „Gardist“ das Publikum noch richtig hochreißen. Das ist ein Fall für die „Eisbären“ und ihre tollen neuen Lieder samt Finale: „Ja, wir woll’n die Eisbären sehen“, singt der Saal – das ist wahrlich „eiskalte Meenzer Fastnacht für die Ewigkeit.“ –
„Wir sind mit zwei Minuten Verzug durch dieses Raum-Zeit Experiment gerast – sensationell“, bilanziert am Ende Frank Brunswig: „Uns hat’s sau viel Spaß gemacht, ich hoffe, euch auch!“ Es ist 22.45 Uhr, und man darf feststellen: Experiment gelungen, Publikum glücklich – aber k.o.
Info& auf Mainz&: Tut uns Leid, Ihr Lieben, aber bei satten 21 Nummern haben wir dieses Mal leider keine Fotogalerie mit allen Aktiven für Euch – es ging einfach zu schnell. Eine kleine, sehr subjektive Auswahl gibt’s hier – das ist KEINE Abwertung der anderen Aktiven auf der Bühne!







