Es war im Jahr des Herrn 2012, als in einem Hörsaal in Mainz die erste „Närrische Nachtvorlesung“ stattfand – in diesem Jahr feierte das ungewöhnliche Fastnachtsformat seine zehnte Ausgabe. Wobei „X. Lectiones Nocturnae“ eigentlich die korrekte Bezeichnung ist, denn Veranstalter ist inzwischen die Initiative Römisches Mainz (IRM). Und so schunkelt man mit einer Unsichtbaren Römergarde, lernt einen Fastnachtssong zu schreiben und darf erfahren, wer einst das „Uiuiui“ erfand. Dazwischen und drum herum gibt’s herzhaften Kokolores und vor allem beißende Polit-Kritik – willkommen zur akademischen Narretei.

"Musikautomat": Christian Vahl erklärt, wie man einen Fastnachtssong schreibt. - Foto: gik
„Musikautomat“: Christian Vahl erklärt, wie man einen Fastnachtssong schreibt. – Foto: gik

Es ist eines der ungewöhnlichsten Formate der Mainzer Fastnacht, erfunden in einem Hörsaal vor mehr als zehn Jahren: Die „Närrische Nachtvorlesung“ brachte im Jahr 2012 erstmals Fastnachtsvorträge und -musik in die ehrwürdigen hallen der Mainzer Universitätsmedizin. 2023 wurde das Format nach Ausscheiden seines Gründers Christian Vahl als Chef der Klinik für Herzchirurgie aus den Hörsaal-Hallen verbannt, in diesem Jahr zelebrierte man die „Lecturnes Nocturnae“ deshalb im „Grünen Kakadu“ – Staatstheater-Gastronomie statt Hörsaal-Flair.

Und so trat denn auch der Charakter der „Vorlesung“ mehr in den Hintergrund – schade eigentlich, aber wohl dem Saal geschuldet. Gleichwohl lernten die Zuhörer durchaus Praktisches für die Narrenzeit in Mainz. Da erklärte etwa Christian Vahl, Vorsitzender der Initiative Römisches Mainz (IRM), dem Auditorium das Geheimnis, wie man einen Fastnachtssong schreibt: „Man nehme einen bekannten Song, und packe einen neuen Text dazu“ – fertig ist der Hit.

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Der Ursprung des Fastnachtsrufes „Uiuiui“

Vahl demonstrierte das auch gleich ganz praktisch, und dichtete auf die bekannte Hymne von Barclay James Harvest: „Habeck, schenk uns Wärmepumpen schnell, für uns’re Unformen…“ Auch historische Lektionen in Sachen Fastnacht gab es durchaus: 1969 wurde erstmals im Fernsehen das „Uiuiui“ präsentiert, das heute von keiner Fastnachtssitzung mehr wegzudenken ist. Das Publikum im Saal kommentiert damit Verse, die besonders schlüpfrig, treffend und entlarvend sind – aber wer hat diesen Geniestreich eigentlich erfunden?

Schunkeln und Feiern mit dem Trio Aeterna. - Foto: gik
Schunkeln und Feiern mit dem Trio Aeterna. – Foto: gik

Des Rätsels Lösung wurde nun bei der Närrischen Nachtvorlesung gelüftet: Es waren die Ursprungs-„Bänkelsänger“ Lutz Franck und Wilfried Rudolph vom Mainzer Carneval Verein (MCV), die das „Uiuiui“ und „Auauau“ in die närrische Welt brachten. Deren Nachfolger heißen heute Guido Seitz und Thomas Gerster, und die glossierten auch in diesem Jahr wieder bissig und pointenreich das politische Geschehen in musikalischer Form – vom „ewigen Schatz der Goldgrube“ über die Mainzer „Busspurdezernentin“, die keiner vermisst bis hin zum Kanzler mit Augenklappe: „Für die Bundesregierung ist er ein Held gewiss“, reimen die Bänkelsänger, „der Einäugige Sieger unter den Blinden ist.“

Das Historische ist ohnehin an diesem Abend unsichtbar, aber eben überall vertreten: Die „Unsichtbare Römergarde“ ist der heimliche Mitveranstalter der Nachtvorlesung, deren Sitzungspräsidentin heißt Kathrin Dohle – und die sagt nicht nur die Redner in perfekten Reimen an, sondern bringt auch mit dem „Trio Aeterna“ Schwung in die Sitzung: „Mainz bleibt Mainz bleibt Mainz“, singt Kathrin Dohle und schunkelt gemeinsam mit Christian Vahl und Thomas Rück die Fastnacht ins Lot.

Frauenpower bei der Närrischen Nachtvorlesung

Überhaupt ist der Frauenanteil in der Närrischen Nachtvorlesung so hoch wie in keiner anderen Fastnachtssitzung in Mainz: Da referiert höchst komisch „Grande Dame“ Hildegard Bachmann aus ihrem Leben als Untermieterin von Hund Willi, während Gaby Elsner in ihrer Paraderolle als „Appollonia“ mit den Tücken von Computer, Genderwahn und Autokorrektur kämpft. Der „Herr Frau Korrektur“ empfiehlt da schon mal „gehen Sie auf den Unterstrich!“ und hat auch ansonsten wenig Verständnis für die Feinheiten der Mainzer Fastnacht – das Publikum feiert den närrischen Blick auf moderne KI mit stehenden Ovationen.

Närrische Lesung der Extraklasse: Hildegard Bachmann. - Foto: gik
Närrische Lesung der Extraklasse: Hildegard Bachmann. – Foto: gik

Bei fast 50 Prozent Frauenquote braucht es in der Fastnachtswelt natürlich direkt eine „Männerbeauftragte“: Patricia Lowin nimmt sich dieser Aufgabe heldenhaft an: „Meine Arbeit ist nach wie vor erforderlich“, sagt sie streng: „Immer noch werden Männer im häuslichen Teil benachteiligt und unterdrückt.“ Tradition in der Mainzer Fastnacht haben Männervorträge, die über ihre Ehefrauen lästern und darüber, wie wenig sie daheim zu sagen haben – Lowin dreht die alten Stereotypen einfach mit feiner Ironie um, und hält so der Fastnachts-Männerwelt den Spiegel vor. Chapeau!

Und dann ist da ja noch „Fräulein Baumann“, jene über 100-Jährige aus der wilhelminischen Zeit, die gleichwohl mit feinem Narrenblick Narrenheiten bei Jung wie Alt glossiert – und von einem Mann gespielt wird. Markus Weber, Apotheker aus Weinheim, vollbringt an diesem Abend das Kunststück, nur mit Mimik, Haltung, Stimme und Lorgnon die alte Dame zum Leben zu erwecken: Eine Drehung, und die Täuschung greift, auf der Bühne steht nicht länger der Mann in Schwarz, sondern das Fräulein im gestickten Seidenkleid.

Kammerspiel mit „Fräulein Baumann“ und Autofahrer-Nöte

„Ich war ein Riesenfan von Fraa Bappisch und Fraa Struwwelisch“, erzählte Weber im Gespräch mit Mainz&, und verweist damit auf jenes legendäre Fastnacht-Duo, das einst als „Putzfrauen“ die Säle und die Bühne von „Mainz bleibt Mainz“ rockten. Mit seinem „Fräulein Baumann“ habe er ein Pendant dazu geschaffen, sagte Weber, der zwei Jahre lang auf der Schauspielschule in Heidelberg das Handwerk der Kleinkunst lernte. Auf Kleinkunstbühnen wie im Grünen Kakadu allerdings stehe er nicht gerne im Damenkleid da, verriet Weber: „Das bekommt dann schnell den Hauch einer „Tunte“ – und das ist Fräulein Baumann nicht.“

Närrisches Kammerspiel: Markus Weber zaubert "Fräulein Baumann" nur mit wenigen Requisiten hervor. - Foto: gik
Närrisches Kammerspiel: Markus Weber zaubert „Fräulein Baumann“ nur mit wenigen Requisiten hervor. – Foto: gik

Für den Sport in der Vorlesung sind derweil die „Altrheinstromer“ zuständig, die mit Hymne und viel „Kääs“ einen Blick voraus auf die Fußball-EM werfen – und ganz im Sinne des „Musikautomaten“ alten Liedern neue Texte verpassen. Das ist gut gelaunte und gesungene Fastnacht, mit „Humba Täterää“ und „Steht auf, wenn Ihr Mainzer seid!“ Der Saal lässt sich nicht lange bitten, singt und feiert – und fordert natürlich eine Zugabe.

So viel Tempo hätte Christian Campe auch gerne, doch als Autofahrer fühlt er sich nur noch ausgebremst: Baustellen-Chaos und Tempo 30 sorgten doch nur für eines, klagt Campe: „Kilometerlanger Stau, ist das so schlau? Und fahren die Autos nur noch Schritt, brauchen sie viel mehr Sprit – wo bleibt denn da der Umweltschutz?“ Mit seinem gereimten Vortrag spricht Campe nicht nur dem Publikum aus dem Herzen, sondern legt auch seinen ersten närrischen Vortrag überhaupt auf die Bretter – der Saal dankt es dem IRM-Mitglied mit lautem Applaus und ordentlich gelernten „Uiuiui“s.

Protokoll: Narren-scharf den Finger in die Wunde gelegt

Das politische Geschehen darf in einer Närrischen Nachtvorlesung eh nicht fehlen: Klartext redet Peter Krawietz schon seit Jahren, nun kündigt er sein „letztes Protokoll“ an. Liegt’s am Alter oder an der Künstliche Intelligenz, die demnächst die Texte dichtet? Unwahrscheinlich, dass ein künstliches Programm jemals so Narren-scharf den Finger in die Wunde legen und der Politik die Leviten lesen könnte. Krawietz geißelt Moralverwirrungen wie vom Patriarchen Kyrill in Russland („Wer solche Unverschämtheit spricht, der spuckt dem Herrgott ins Gesicht“), europäische Ungeister in Ungarn und braune von der AfD.

"Advokat des Volkes" Rüdiger Schlesinger mit Sitzungspräsidentin Kathrin Dohle. - Foto: gik
„Advokat des Volkes“ Rüdiger Schlesinger mit Sitzungspräsidentin Kathrin Dohle. – Foto: gik

Auch vor Krieg und Leid in Gaza macht das Protokoll nicht Halt, mahnt Humanität an und Toleranz – ganz im Sinn der Aufklärung, die einst an den Universitäten Europas erdacht und auch erfochten wurde. „In diesen ernsten Zeiten, kann niemand ernsthaft bestreiten, welchen Wert die Fastnacht hat“, doziert Krawietz: „Auf dass die Not mal Pause macht, auch das ist Sinn von Fassenacht.“

Keine Frage, das Volk braucht in Zeiten von Ampel-Irrungen und Polit-Verwirrungen dringend einen Advokaten – Rüdiger Schlesinger nimmt sich der Aufgabe erneut an. „Ihr seid doch, weiß Gott, mit Schuld an diesem Malheur“, klagt der „Advokat“ die Politiker in Berlin an, meint damit die populistischen Machenschaften der AfD, und warnt: „Wer Rechte wählt, der kriegt sie auch. Demokratie wird abgeschafft, und dann merkt auch der letzte Mob, was ihm dann blüht.“ (Die fehlende Reimkultur gehen allein zu Lasten der Autorin dieses Textes).

Politschelte im Namen des Volkes: Großartiger „Advokat“

Im perfekt gereimter Rede watscht Schlesinger Klimakleber und Maskendealer genauso ab, wie Kindes-missbrauchende Bischöfe und traumtänzende Kanzler. Auch die Opposition sitzt auf der Klagebank, allen voran CDU-Chef Friedrich Merz: „Sein rechter Schneidezahn der wackelt, so hat der Friedrich keinen Biss, zum Doktor war er schon gewackelt, doch ein Termin ist ungewiss“, reimt Schlesinger zum großen Vergnügen des Auditoriums. Das sind geschliffene 20 Minuten hoher Polit-Narrenkunst, garniert auch noch mit dem einen oder anderen Liedchen – fraglos eine närrische Sternstunde der Nachtvorlesung.

Tolle Weinlieder von und mit "Wirtin" Nadine Meurer. - Foto: gik
Tolle Weinlieder von und mit „Wirtin“ Nadine Meurer. – Foto: gik

„Das Schweigen ist nicht mehr genug, das Schweigen ist Zukunftsbetrug“, konstatiert auch „der Gude vom Bundestag“, der als Chauffeur die hohen Herrschaften der Politik kutscheiert. Christian Vahl mahnt in seiner zweiten Vortragsrolle des Abends Führung und Bürger-nahe Politik an, konstatiert: „Änderung tut not, denn nichts mehr ist im Lot“ und empfiehlt dringend: „Bleibt wach, weil so die Zukunft Spaß macht.“

Seinen „guten Blick“ auf die Welt habe einst ein gewisser Henry Vahl geprägt, verrät er noch. Henry Vahl war in den 1950er Jahren ein beliebter Volksschauspieler und wurde einst mit Heidi Kabel im Ohnesorg-Theater zum „Fernseh-Opa“ der Nation – und war ein Großonkel von Christian Vahl. Der „gute Blick“ aber sei jener, „der entlarvt, der lacht und der befreit, der Etikettierung schlicht vermeidet, der sich zur Tarnung nicht verkleidet.“ Aber damit die Kehle bei so viel Lachen, das im Halse stecken bleibt, nicht trocken wird – dafür hat die Nachtvorlesung ja Nadine Meurer: Die schenkt als Wirtin wunderbare Weinlieder ein, und auch wenn Riesling-Knappheit droht – in Mainz wird Fastnacht gefeiert. Versprochen.

Info& auf Mainz&: Der Erlös des Abends ging übrigens komplett an die Initiative Römisches Mainz, denn sämtliche Mitwirkende verzichteten auf ihre Gagen. Und hier unsere Fotogalerie: