Das Kreischen der Motorsägen in den frühen Morgenstunden ist bis heute unvergessen, die majestätischen alten Kastanien sind es auch: Vor genau sechs Jahren ließ die Stadt Wiesbaden in den frühen Morgenstunden des 4. November mehr als 70 über 100 Jahre alte Kastanienbäume fällen – dem Massaker fiel die legendäre Lesselallee zum Opfer. Sechs Jahre danach sorgt sich nun der Ortsbeirat Mainz-Kostheim um die Gesundheit der Nachfolgebäume: die als Ersatz gepflanzten Flatterulmen sind bis heute eher mickrig, viele der jungen Bäume weisen lichte Kronen auf, heißt es in einem Ortsbeirats-Antrag – die Stadtteilvertreter wollen Auskunft von der Stadt Wiesbaden über die Zukunft der Allee.

Die Lesselallee auf der Maaraue mit ihren 100 Jahre alten Kastanien im Jahr 2014. - Foto: privat
Die Lesselallee auf der Maaraue mit ihren 100 Jahre alten Kastanien im Jahr 2014. – Foto: privat

Es war im Jahr 1910, als die Stadt Mainz auf der Maaraue entlang des Mains eine Allee von Bäumen pflanzte: Die Kastanien waren ein Geschenk der Stadt an die Kostheimer zu ihrer Eingemeindung ins linksrheinische Mainz. Einhundert Jahre lang wuchsen und gediehen die Kastanien zu majestätischen Baumriesen heran, in der dichten Allee spielten Generationen von Kostheimern als Kinder, gingen spazieren, schoben Kinderwagen, führten Hunde aus. Die Lesselallee wurde geliebt und von Anna Seghers literarisch verewigt, das Naturdenkmal war ein Stück Kostheimer Identität.

Im März 2014 errichtete die Stadt Wiesbaden über Nacht einen Zaun um die Allee, die Stadt sprach von einem Befall der Kastanien mit einem Pilz, der schädige die Bäume und mache sie nicht mehr standfest, hieß es. Die Kostheimer wunderten sich – und gründeten eine Bürgerinitiative. Mit kreativen Aktionen protestierten mehrere Hundert Kostheimer, aber auch Mainzer wochenlang für den Erhalt der Allee, verlangten Erklärungen – und wurden abgespeist.

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Gefallener Baumriese in der Lesselallee am 4.11.2014. - Foto: gik
Gefallener Baumriese in der Lesselallee am 4.11.2014. – Foto: gik

Gutachten zu den angeblichen Schäden wurden erstellt und verschwanden in Schubladen, der Wiesbadener Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU) behauptete wieder und wieder in Kameras und Mikrofone: „Die Bäume sind krank“, die Allee müsse gefällt werden. Den Dezernenten focht nicht an, dass mindestens sechs Baumexperten das Gegenteil nachwiesen, dass selbst der eigene Gutachter der Stadt Wiesbaden bescheinigte: mindestens 50 Bäume seien kerngesund. Die Stadt wollte fällen – kerngesunde, 100 Jahre alte Bäume waren kein Hindernis.

Im verzweifelten Ringen um den Erhalt der Allee wurden Demonstrationsmärsche organisiert und Unterschriften gesammelt, ein wenige Tage vor der Fällung gestartetes Bürgerbegehren pro Erhalt der Bäume wurde von Franz und den Verantwortlichen in Wiesbaden übergangen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) schlug vor, der Allee eine dreijährige Denkpause zu gewähren und sie in dieser Zeit wissenschaftlich zu begleiten, um zu sehen, ob die Bäume wirklich so krank waren, oder nicht doch überleben würden. Die Stadt Wiesbaden befand den Vorschlag nicht einmal einer Antwort Wert.

Die ehemalige Lesselallee einen Tag nach der Fällung. - Foto: gik
Die ehemalige Lesselallee einen Tag nach der Fällung. – Foto: gik

Auch aus Mainz kam keine Unterstützung: Obwohl die Allee einst ein Geschenk der Mainzer an die Kostheimer war, verweigerten sowohl Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) als auch Umweltdezernentin Katrin Eder (Grüne), sich für den Erhalt der Allee einzusetzen. Das sei eine Wiesbadener Entscheidung, sagte Ebling lediglich. Ordnungsdezernent Franz ertrickste sich schließlich im Umweltausschuss der Stadt Wiesbaden das JA von CDU und SPD in Wiesbaden zur Fällung durch die Hintertür. Der Ausschuss lehnte nämlich lediglich den Erhalt der Allee ab – Franz machte daraus im Anschluss einen Fällbeschluss im Eiltempo.

Am Morgen des 4. Novembers 2014 kreischten Motorsägen auf der Maaraue. Die Zugänge waren abgeriegelt, selbst Pressevertretern wurde der Zugang zum Geschehen verweigert. Binnen weniger Stunden fielen 70 alte Baumriesen schweren Sägen zum Opfer. „Ich kann mich noch sehr gut an den Tage erinnert“, schriebt eine der Kämpferinnen für die Bäume sechs Jahre danach auf Facebook: „Das Geräusch der Motorsägen werde ich nie vergessen. Ebenso habe ich immer noch das Bild der blutenden Baumstümpfe vor Augen – ja blutend – denn durch den Querschnitt der Bäume sah man das warme, dunklere Innere des Baumtorsos, so als hätte jemand einen menschlichen Rumpf zersägt.“

Trauerkerzen vier Tage nach der Fällung an den Baumresten der Lesselallee. - Foto: gik
Trauerkerzen vier Tage nach der Fällung an den Baumresten der Lesselallee. – Foto: gik

„Auch sechs Jahre nach der Fällung ist die Kastanienallee unvergessen“, sagt Marion Mück-Raab, Fraktionsvorsitzende des Arbeitskreises Umwelt und Frieden (AUF) im Ortsbeirat Kostheim. Mück-Raab gründete 2014 die Bürgerinitiative zum, Erhalt der Lesselallee, bis heute sagt auch sie: „Ich kann mich an den Anblick der neuen Allee nicht gewöhnen.“ Immer noch habe sie die alte Allee vor Augen, „ich kann mit geschlossenen Augen durchlaufen und sehe jede Kastanie. Wenn ich an die Fällung denke, dann höre ich das Gekreische der Sägen, es war für mich als ob die Bäume schreien.“

Die alte Allee sei früher wie ein schützendes Dach gewesen, die Menschen hätten dort auf den Bänken gesessen, das gebe es nicht mehr. „Immer wieder werde ich darauf angesprochen, wie traurig es ist, dass die alten Kastanien nicht mehr stehen“, berichtet Mück-Raab: „Ich kenne Leute, die meiden diesen Ort – weil sie es unerträglich finden, das zu sehen.“

Die Flatterulmen-Allee Anfang Juni 2015. - Foto: gik
Die Flatterulmen-Allee Anfang Juni 2015. – Foto: gik

Die als Ersatz gepflanzten Ulmen spendeten bis heute keinen Schatten und keinen Trost, die kleinen Bäume seien mickrig geblieben und überhaupt kein Vergleich mit den mächtigen alten Kastanien. „Natürlich ist die Trauer und die Empörung nicht mehr so groß wie kurz nach der Fällung – aber vergessen hat das niemand“, sagt Mück-Raab: „Und die Hoffnung, dass diese Allee irgendwann einmal an das, was war, heranreichen könnte, die hat niemand.“

72 junge Flatterulmen hatte die Stadt Wiesbaden als „Ersatz“ für die gefällten Baumriesen gepflanzt, angeblich seien die Flatterulmen an den Standort viel besser angepasst, als die Kastanien, versicherte die Stadt. Doch schon im darauffolgenden Sommer, im Juni 2015, boten die Jungbäume ein trauriges Bild: durchbohrte Blätter, kahl gefressene Äste an manchen Bäumen – die Ulmen litten unter dem Ulmen-Zipfelfalter, behauptete die Stadt. Dass sich die Fraßschäden an den Bäumen viel weiter ausgebreitet hatten und ganz andere Merkmale aufwiesen – die Stadt focht das nicht an.

Flatterulmen-Bäumchen mit fast kahlen Kronen im Oktober 2020. - Foto: privat
Flatterulmen-Bäumchen mit fast kahlen Kronen im Oktober 2020. – Foto: privat

Die Flatterulmen haben überlebt, doch nun, fünf Jahre danach, sorgt sich der Ortsbeirat erneut um die Jungbäume: Die Bäume müssten bis heute intensiv bewässert werden, trotz der „sehr intensiven und kontinuierlichen Bewässerung der Flatterulmen durch die Stadt, zeigen nicht wenige der jungen Bäume in der Allee lichte Kronen“, heißt es in einem Antrag der AUF für die jüngste Sitzung des Ortsbeirats. Man wolle die Gründe hierfür von der Stadt wissen und auch, „ob hier möglicherweise Ersatzpflanzungen nötig sind.“ Überhaupt solle die Stadt berichten, wie es den Ulmen so gehe: „Wurde in den sechs vergangenen Jahren in der Allee ein Schädlingsbefall festgestellt?“, will der Ortsbeirat wissen, und: „Mussten seit der Pflanzung der Flatterulmenallee Bäume durch Neupflanzungen ersetzt werden?“

Alleen in Wiesbaden sollten offenbar in Zukunft „nicht mehr solo aus einer Baumart“ bestehen, sondern gemischt gestaltet werden, heißt es in dem Antrag weiter, werde so auch in Zukunft bei der Flatterulmenallee verfahren? Pikantes Detail: Vor sechs Jahren lehnte die Stadt Wiesbaden dieses Vorgehen noch strikt ab – als die Lesselallee-Verteidiger vorschlugen, zur Rettung der Allee andere Baumarten zwischen die Kastanien zu setzen. Warum die Stadt Wiesbaden und insbesondere Ordnungsdezernent Franz die Fällung der 100 Jahre alten Bäume so vehement voran trieb, ist bis heute ungeklärt – Gerüchte von lukrativen Bauvorhaben machten damals hartnäckig die Runde.

Schaden für die Demokratie - und Schaden für die Lesselallee: Transparent in der Allee im November 2014. - Foto: gik
Schaden für die Demokratie – und Schaden für die Lesselallee: Transparent in der Allee im November 2014. – Foto: gik

Experten wiesen noch nach der Fällung anhand der Baumscheiben nach: der überwiegende Großteil der Kastanien war gesund, lediglich acht Bäume hätten tatsächlich gefällt werden müssen. Ein nicht zu übersehender Beleg dafür steht bis heute: Zwei alte Kastanien überlebten damals das Massaker – weil sie nicht der Stadt Wiesbaden, sondern der Stadt Mainz gehörten. „Die Mainzer Bäume stehen bis heute“, berichtet Mück-Raab, von mangelnder Standfestigkeit keine Spur. Die Allee sei der Stolz von Kostheim, sie zu fällen sei, als würden man den Mainzern den Dom nehmen, sagte Mück-Raab damals, kurz vor der Fällung – den Kostheimern sei in jedem Fall damit ein Stück Geschichte genommen worden.

„Für mich ist und bleibt das ein großer Verlust“, betont Mück-Raab, doch die Fällung der uralten Allee sei mehr als das: „Es ist auch ein politischer Skandal“, sagt Mück-Raab, „denn es war ein völlig unnötiges Machtspiel – und es hat mein Vertrauen in die Wiesbadener Politik nachhaltig erschüttert.“

Info& auf Mainz&: Wir haben 2014 intensiv über die Vorgänge berichtet, die zur Fällung der Lesselallee führten, einen Bericht vom Tag der Fällung findet Ihr hier auf Mainz&. Über die Schädlinge an den Flatterulmen haben wir in diesem Mainz&-Text berichtet, wie sich die Kostheimer noch zwei Jahre nach der Fällung fühlten, das steht hier: „Die Baumriesen sind unvergessen.“ Der Ortsbeirat verabschiedete den AUF-Antrag am Mittwochabend mit Mehrheit – genau auf den Tag sechs Jahre nach der Fällung der Lesselallee.

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