Wer durch den überdachten Durchgang den Mainzer Ballplatz betritt, hat soeben einen bedeutenden Ort des antiken Mogontiacums passiert – meist, ohne es zu merken. Doch in der kleinen Passage zwischen zwei Restauranteingängen stehen zwei unscheinbare niedrige Steinsäulen, es sind die Rest eines großen und bedeutenden Heiligtums: Hier wurde einst Gott Mithras gehuldigt, dem aus Persien stammenden Lichtgott und Erlöser. Das hat nicht nur zufällig Ähnlichkeit mit Jesus Christus – Mithras Geburtstag wird wahlweise mit dem 21. oder dem 25. Dezember angegeben. Unser Mainz&-Adventskalender-Türchen Nummer 21.

Es war in den 70er Jahren des 1. Jahrhunderts nach Christus, als ein gewisser Secundinius Amantius, Adjutant des Präfekten der XXII Legion von Mogontiacum, ein Gelübde erfüllte – und dem Gott Mithras einen Altar samt Weiheinschrift errichtete. „Froh und nach Verdienst aufgestellt“, heißt es auf dem 91 Zentimeter hohen und 47,5 Zentimeter breiten Stein, gewidmet „dem unbesieglichen Gott Mithras und dem Mars.“
Sol Invictus, der unbesiegliche Sonnengott, das war der Gott der Legionäre, er verkörperte Tapferkeit und Edelmut und brachte den Sieg. Wofür genau, Amantius den Altar stiftete, wissen wir leider nicht, wohl aber das der Mithraskult gerade unter Soldaten große Verbreitung fand. Dabei stammt der Gott Mithras eigentlich aus Persien und Indien, wo er als Lichtgott Mitra bereits seit dem 14. Jahrhundert vor Christus nachgewiesen ist.
Mithras, Gott des Lichts und der Sonne, verehrt am 21. Dezember
Die Römer passten den Kult für ihre Zwecke an, aber auch bei ihnen war Mithras der Gott des Lichts und der Sonne – das machte die Sommer- und Wintersonnenwende zu besonderen Festtagen der Gemeinschaft. Verehrt wurde Mithras in unterirdischen Tempeln, deren Decken als Sternenhimmel ausgeschmückt waren und eine Illusion von Feiern unter dem Himmelszelt verbreiteten. Auch Stiertötungsszenen spielen im Mithraskult eine wichtige Rolle, allerdings war der Kult eine Geheimreligion, die allein Männern vorbehalten war.

Daran könnte, so mutmaßen Forscher, der Siegeszug des Mithraskults letztendlich gescheitert sein, denn im 1. und 2 Jahrhundert nach Christus war der Kult um den Sonnengott sogar zeitweise erfolgreicher als das Christentum, mit dem eine ganze Reihe Gemeinsamkeiten hatte: Der Glaube an einen bestimmenden Gott, eine Form der persönlichen Religiosität, eine Verehrung als Erlöserfigur – und nicht zuletzt der Zusammenhang mit der Wintersonnenwende als Geburtstag: die Personifizierung der Wiederkehr des Lichts und der Hoffnung.
Der 25. Dezember galt denn auch als der Tag der Geburt des Gottes Mithras – die Christen übernahmen das für ihren himmlischen Erlöser, Jesus Christus. „Der Gott, dem wir den Termin des Weihnachtsfestes verdanken“, schrieb die Neue Züricher Zeitung einmal. „Hätte ein tödliches Missgeschick den Siegeszug des Christentums aufgehalten, dann hätte die Welt dem Mithras gehört“, soll der französische Spätantike-Forscher Marc-Aurèle (Renan einmal gesagt haben. Praktisch jedes Legionslager im Römischen reich dürfte ab dem Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus einen Mithras-Tempel gehabt haben – natürlich traf das auch für Mogontiacum zu.
Gnadenlose Bagger, jede Menge Raubgräber und eine Forscherin
Doch die Geschichte des Mainzer Mithräums ist ein Krimi der Fahrlässigkeit und Ignoranz: Im Sommer 1976 wurde am Ballplatz gebaut, doch der „alte Kram“, der dabei ans Tageslicht kam, interessierte die Bauherren herzlich wenig: Die Mauern aus der Antike fielen gnadenlos dem Bagger zum Opfer. Die Gruben allerdings wurden ein Tummelplatz für interessierte Mainzer, die aus dem Erdreich Tonlampen und Kelche, Scherben und wer weiß was noch alles bargen – und auch zwei Sandsteine mit Inschriften.

Es sei der Archäologin Ingeborg Huld-Zetsche zu verdanken, dass das Mainzer Mithräum dennoch nicht komplett im Dunkeln der Geschichte versank, schreibt Bernd Funke in seinem Buch „Das Römische Mainz“: Im Jahr 2000 bat Huld-Zetsche die Mainzer nämlich um Mithilfe bei ihren Forschungen zum Mithras-Heiligtum – und rund 600 (!) Fundstücke konnten aus Privatbesitz zusammengetragen werden, die bei der Datierung des Mithräums weiterhalfen. Unter den Funden fanden sich auch Weihhkrauchkelche und zwei doppelhenkelige Gefäße, vor allem aber erlaubten die Funde die Datierung des Heiligtums.
Und die war wieder einmal eine kleine Sensation: Um 70 nach Christus sei das Mithräum in Mainz bereits entstanden – damit wäre es eines der frühesten Heiligtümer seiner Art nördlich der Alpen. Und – wieder einmal – eines der größten je in dieser Region gefundenen: Denn Rekonstruktionen aus Mauern und und alten Befundplänen von 1976 ergab eine Gesamtlänge von stolzen 30 Metern. Der Mittelgang war demnach drei Meter breit und etwa 22 Meter lang. „Mit diesen Maßen wäre das Mainzer Mithräum eines der größten im Römischen Reich gewesen“, schreibt Funke.
Erhalten waren die Mauern sogar bis zu einer Höhe von rund 90 Zentimetern, wie Dokumentationen der Archäologen ergeben – doch die Archäologie hatte 1976 noch nicht die Befugnisse, einen Baustopp zu erreichen, und die Funde zu sichern. So verschwand einer der bedeutendsten Tempelbauten des antiken Mogontiacum im Nirwana. Vielleicht legt Ihr ja heute mal zum Gedenken eine Blume oder einen Stein auf einem der Altäre ab.
Info& auf Mainz&: Wer mehr wissen möchte, wie die Mithraen einmal aussahen, wird hier auf der Seite „Das Erbe Roms“ fündig. Auch für dieses Türchen haben wir mal wieder auf die Erkenntnisse des Buches „Das Römische Mainz“ von Bernd Funke zurückgegriffen. Alle Türchen unseres Römischen Adventskalenders findet Ihr hier auf Mainz&. Ihr wollt kein Türchen mehr verpassen? Dann Mainz&-Solidarabo abschließen und unseren Newsletter bekommen! Hier steht, wie es geht:







