Es ist schon eine Sensation im an römischen Sensationen nicht gerade armen Mainz: Am Mainzer Zollhafen haben Archäologen bei einem Bauprojekt zwei römische Statuen entdeckt – sensationell gut erhalten, voller Details und von herausragend guter Machart. „Die Statuen sind ein Highlight, die sind von so exzellenter Qualität – das ist mit das beste, was Mainz zu bieten hat“, schwärmte Landesarchäologin Marion Witteyer. Eine der beiden Statuen könnte das Fragment eines Kriegers sein, hinter dem ein großes Schuppentier saß – die zweite, lebensgroße Statue aber ist etwas ganz Besonderes: Die Forscher fanden nichts weniger als „die Venus von Mainz“.

Auf diesem Grundstück auf der linken Seite an der Rheinallee, entsteht derzeit der neue Wohnkomplex von Sahle Wohnen. - Foto: gik
Auf diesem Grundstück auf der linken Seite an der Rheinallee, entsteht derzeit der neue Wohnkomplex von Sahle Wohnen. – Foto: gik

Im Mainzer Zollhafen wurde am Freitag der Grundstein für einen weiteren Bau des neuen Wohnquartiers gelegt: Auf dem Grundstück „Rheinallee IV“, schräg gegenüber der neuen Feuerwehrwache sollen zwischen Rheinallee und der Straße „An den Grachten“ insgesamt 138 Wohnungen für Studierende, Senioren, behinderte Menschen und Familien mit geringem Einkommen entstehen, das Unternehmen Sahle Wohnen will dort nun mit dem Bau beginnen. Doch vor den Bau haben in Mainz die Archäologen das Sagen – und die fanden nichts weniger als Götter.

22 Wochen lang durfte die Landesarchäologie die Baugrube erforschen, dass hier einst ein Teil des römischen Mogontiacum stand, wusste man bereits: Funde benachbarter Baustellen hatten bereits gezeigt, dass hier einst ein Teil der Siedlung rund um das römische Legionslager stand, nicht weit von hier wurde einst 1905 die große Jupitersäule gefunden, die sich mit der großen Jupitersäule in Rom vergleichen darf.

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Die Statue einer antiken römischen Göttin fanden Archäologen bei Ausgrabungsarbeiten am Mainzer Zollhafen - die "Venus von Mainz". - Foto: GDKE/Agentur Bonewitz
Die Statue einer antiken römischen Göttin fanden Archäologen bei Ausgrabungsarbeiten am Mainzer Zollhafen – die „Venus von Mainz“. – Foto: GDKE/Agentur Bonewitz

Was aber dieses Mal aus dem Boden zutage trat, verblüffte selbst die Experten: Zwei antike römische Statuten fanden die Archäologen in 2000 Jahre altem Bauschutt. „Es war römisches Abbruchmaterial, Baumaterial, das man von einem Gebäude abgerissen hat“, berichtete Witteyer im Gespräch mit Mainz&, „darunter lagen beide Statuen.“ Statue eins ist das Fragment einer menschlichen Figur, von der nur die nackten Füße und Teile der Beine erhalten sind, Statue zwei aber ist fast komplett erhalten: Eine etwa 1,50 Meter hohe Frauenfigur, der lediglich der Kopf fehlt.

Und diese Frauenfigur hat es in sich. Die Haltung der Statue mit leicht gedrehtem Oberkörper, ein Hüftmantel mit elegantem Faltenwurf, dazu der nackte Oberkörper – all das ließ nur einen Schluss zu: „Die weibliche Statue ohne Kopf ist vom Typus her einer Venus sehr verwandt“, sagte Witteyer, noch mit aller Vorsicht. Dabei ist die Ähnlichkeit mit vergleichbaren antiken Statuen verblüffend, Klassiker sind Aphrodite-Statuen, oder eben die berühmte „Venus von Milo“, eine Aphroditen-Statue aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, gefunden auf der griechischen Kykladeninsel Milos.

Die Mainzer Venus rafft mit eleganter Geste mit dem linken Arm ihren Mantel, der rechte Arm fehlt – und ebenso der Kopf der Statue. Dennoch kommt die Archäologin ins Schwärmen: „Die Statuen sind von so exzellenter Qualität“, sagt Witteyer, Faltenwurf, die ganze Herausarbeitung der Körperlichkeit, das habe eine Qualität von in Mainz bisher nicht gefundener Güte. Das Rätselhafte an der „Venus von Mainz“ ist aber: sie steht mit einem Fuß auf einem Kalbskopf. In der römischen Antike sei die Kuh etwas durchaus Verehrenswürdiges gewesen, erklärt Witteyer, so sei die Muttergöttin Hera oft als „kuhäugig“ beschrieben worden – was eindeutig als Kompliment gemeint war.

Eleganter Faltenwurf, hohe Bildhauerqualität: die gefundene Venus ist eine Sensation. - Foto: GDKE/Agentur Bonewitz
Eleganter Faltenwurf, hohe Bildhauerqualität: die gefundene Venus ist eine Sensation. – Foto: GDKE/Agentur Bonewitz

Und es war gerade der Kalbskopf, der die Expertin auf eine Idee brachte: „In Köln gibt es eine vergleichbare Figur“, sagte Witteyer, ebenfalls eine Venusfigur, die genauso einen Fuß auf einem Kalbskopf habe: „Die sehen aus wie Geschwister.“ Nur habe die Kölner Venus zusätzlich noch in einer Hand eine Schale mit Eiern und Früchten, auch könne man hier sehen, dass sich eine Schlange um die Figur winde. „Die Kollegen haben das als Heilsgöttin Salus gedeutet“, sagte Witteyer – in der römischen Mythologie war „Salus“ die Personifikation der Gesundheit und des Wohlergehens.

Die Kölner Statue stamme aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus, berichtet Witteyer weiter, die Mainzer Venus könne aus derselben Zeit sein, so die erste Schätzung: „Erstes oder zweites Jahrhundert nach Christus“, sagt Witteyer. Genaueres habe man noch nicht erforschen können, „die Statuen sind noch fundfrisch“, betonte die Archäologin – gerade erst vergangene Woche wurden die Fundstücke im Erdreich entdeckt. Wen genau die Figur darstellte, und wer sie warum errichtete, das ist deshalb noch unklar.

Der Sockel der Venus ist mit einer Inschrift versehen, die die Forscher noch frei legen und entziffern müssen. Foto: GDKE/Agentur Bonewitz
Der Sockel der Venus ist mit einer Inschrift versehen, die die Forscher noch frei legen und entziffern müssen. Foto: GDKE/Agentur Bonewitz

Doch die Forscher könnten großes Glück haben: „Die weibliche Figur steht auf einem Fundament mit einer kleinen Inschrift“, sagt Witteyer. Noch sei die nicht von den Ablagerungen der Zeit befreit, doch die Expertin ist sich sicher: „Die Inschrift wird uns verraten, wer gestiftet sie hat und wem – und wenn wir ganz viel Glück haben, können wir auch eine Datierung daraus erhalten.“

Die zweite gefundene Figur gibt den Forschern derweil noch mehr Rätsel auf: Von der Statue ist lediglich der Sockel und der untere Teil erhalten, er zeigt zuvorderts ein paar nackte Füße mit unglaublich detailgenau herausgearbeiteten Zehen. Auch ein kleines Stück Bein ist noch zu sehen, und daran erkennen die Forscher: „Die Figur stand in einer Kontrapost“, also in einer leichten Kampfhaltung. Der Grund dafür könnte das sein, was sich hinter ihr befindet – „ein gebogener, gewellter Leib mit mehreren großen Schuppen, ein schlangenförmiger Körper“, erklärt Witteyer – hinter dem Kämpfer stand, lag oder erhob sich offenbar ein geschupptes Untier.

Fragment der zweiten, im Mainzer Zollhafen gefundenen römischen Statue: Ein Kämpfer mit nackten Füßen vor dem schuppigen Leib eines Ungeheuers. - Foto: GDKE/Agentur Bonewitz
Fragment der zweiten, im Mainzer Zollhafen gefundenen römischen Statue: Ein Kämpfer mit nackten Füßen vor dem schuppigen Leib eines Ungeheuers. – Foto: GDKE/Agentur Bonewitz

„Wir wissen im Moment nicht, was das ist“, sagte Witteyer, das Tier „könnte ein Seeungeheuer sein, im Grunde also ein Drache“, doch welcher Kontext dahinterstehe, das sei noch unklar. Der Kämpfer habe jedenfalls enorm große Füße gehabt, sagte Witteyer weiter, die Statue müsse mindestens lebensgroß gewesen sein – im Rheinland weckt ein Kämpfer mit geschupptem Untier natürlich sofort die Assoziation vom Drachentöter… „Wir werden alle Steine, die wir dort in der Baugrube noch bewegen, zwischenlagern und schauen, ob wir weitere Bruchstücke finden“, sagte Witteyer, die Forscher hoffen auf weitere Teile des Kämpfers oder gar auf den Kopf der Venus.

Klar sei indes: Beide Statuen seien von herausragender qualitativer Machart, „wer dort, den dem Fundort, lebte, konnte sich das nicht nur finanziell leisten, sondern hatten auch einen Anspruch“, betont die Archäologin. Wer eine Venus Salus aufstellte, der habe einen Bildungshintergrund gehabt, damit verdichten sich die Hinweise auf ein wohlhabendes Handwerkerviertel mit einer sehr gehobenen Bevölkerung in diesem Bereich des antiken Mainz. Denn gar nicht weiter Weg, Luftlinie nur wenige hundert Meter entfernt, fanden die Archäologen vor einem Jahr Reste eines reichen Handwerkerviertels mit einer Fernstraße und Häusern mit Wasserbecken und Fußbodenheizung.

Archäologe Andreas Puhl im September 2019 auf der in der Mainzer Neustadt gefunden alten Römerstraße, der "Via Appia" von Mainz. - Foto: gik
Archäologe Andreas Puhl im September 2019 auf der in der Mainzer Neustadt gefunden alten Römerstraße, der „Via Appia“ von Mainz. – Foto: gik

Die „Via Appia von Mainz“ war wohl einst  der Beginn einer wichtigen Fernstraße nach Norden, Richtung Köln, und das Eingangstor für Reisende, die nach Mogontiacum kamen. Das Areal zwischen Wallaustraße und Sömmerringstraße deuteten die Archäologen schon 2019 als Teil eines reichen Viertels mit Handwerkern, deren Töpferöfen man fand, reichen Kaufleuten und gutsituierten Bürgern wie einem Augenarzt, der auf dem Legionslager auf dem Kästrich arbeitete. Das Viertel war mit Insulae bebaut, den großen Wohnhäusern der römischen Zeit, im Erdgeschoss gab es oft Läden zur Straßenseite hin – und die Vorstadt von Mogontiacum erstreckte sich bis zum Zollhafen hinunter und wohl weiter weit in Richtung Rhein.

Genau dafür sind die Statue des Drachenkämpfers und der Venus nun weitere Belege, die Siedlung habe ihre Anfänge „ein paar Jahre vor Christi Geburt“, sagt Witteyer. Offenbar war hier zu Beginn auch erst einmal ein militärisches Zeltlager: „Es muss dort eine Zeltaufstellung gegeben haben“, sagte Witteyer, gefunden worden sei auch ein Hering, noch in Originalposition. Rund 100 Jahre später aber stand hier eine großstädtische Siedlung, „wir haben weitere Quartierbebauung gefunden“, berichtete Witteyer, „und wieder römische Straßen, zwei Stück.“

Die Funde werden die Forscher noch über Jahre hinweg beschäftigen, die Statuen aber werden jetzt von Experten im Institut für kla ssische Archäologie untersucht. „Ich bin sicher“, sagt Witteyer, „dass wir heraus bekommen können, wer die Venus war.“

Info& auf Mainz&: Mehr zur antiken Via Appia von Mainz und den Ausgrabungen in der Mainzer Neustadt an der Wallaustraße lest Ihr hier bei Mainz&. Mehr zur römischen Jupitersäule von Mainz könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen, einen Text zum Römischen Mainz und seiner Bedeutung findet Ihr hier.

 

2 KOMMENTARE

  1. In der Tat ein sehr interessanter Beitrag zur langen Vergangenheit dieses Siedlungsraums,
    Auch die Kunst der bildhauerlichen Darstellung ist beeindruckend.

    Dann aber noch etwas Profanes:

    Die Sömmerringstraße ist nach dem Arzt und Forscher Dr. Samuel Soemmerring benannt, dessen Name nun einmal mit zwei R geschrieben wird. Während die Verkehrsbetriebe der Stadt Mainz die richtige Schreibweise beherrschen, scheitern die Redakteure der AZ Mainz an dieser Aufgabe, und nun hat auch Ihre Redaktion damit ihre Probleme, Diese Straße ist und war nie ein Ringstraße. Nein, der gute Namensgeber war ein Samuel Soemmerring, der an der Mainzer Universität sogar einen Lehrstuhl hatte.

    mit dem englischsprachlichen Text weiter unten kann ich nichts anfangen. Ich lebe in Mainz und nicht in GB oder in den USA.

    • Hallo Herr Lebert, vielen Dank für Ihren Hinweis zu dem Herrn Sömmerring – natürlich wissen wir, dass die besagte Straße mit zwei „r“ geschrieben wird, es war schlicht ein Tippfehler. Soll vorkommen 😉 Haben wir natürlich auch sofort korrigiert. Was Sie mit dem „englischen Text weiter unten“ meinen, können wir nicht nachvollziehen – bei uns auf Mainz& stehen eigentlich keine englischen Texte….

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