Die Via Appia war wohl Roms berühmteste Straße, begonnen 312 vor Christus gilt sie heute als „die Königin der Straßen“ – und als Wahrzeichen für das berühmte Straßennetz der Römer, das bis weit in die Provinzen führte. Und auch Mainz hatte seine Via Appia, seine Fernstraßen und Wege – mitten in der Innenstadt steht noch heute ein römischer Meilenstein, er markiert die „Route 66“ des Altertums. Gefunden wurde er beim Bau des Kleinen Hauses, heute erinnert er an das weltumspannende Straßennetz, auf dem die Römer ihr Reich erbauten. Unser Mainz&-Adventskalender-Türchen Nummer 9.

Archäologe Andreas Puhl zeigt auf die Reste der alten Römerstraße, gefunden 2019 auf dem Beethovenplatz in der Mainzer Neustadt. – Foto: gik
Archäologe Andreas Puhl zeigt auf die Reste der alten Römerstraße, gefunden 2019 auf dem Beethovenplatz in der Mainzer Neustadt. – Foto: gik

Es war im Sommer 2019, als Archäologen bei Ausgrabungen in der Mainzer Neustadt auf zahlreiche Funde aus der Römerzeit stießen. Bei der Bebauung des Beethovenplatzes kamen dicke Mauern, antike Wasserbecken und ein Töpferofen, diverse Brunnen – und eine fast 2000 Jahre alte römische Fernstraße zutage. In den alten Steinen waren noch die Spuren römischer Karren eingegraben, die hier einst entlang rollten: Es waren wohl die Überreste der Fernstraße, die einst von der Mainzer Neustadt nach Norden in Richtung Koblenz und Köln führte – die Via Appia von Mainz.

Das berühmte Vorbild, die römische Via Appia, wurde 312 vor Christus begonnen, und zwar von einem gewissen Appius Claudius Caecus, seines Zeichens Consul von Rom. Die Mutter aller Fernstraßen verband zunächst Rom mit Capua und später mit Brindisi verband. Die moderne Bauweise mit großen Basaltsteinen machte die Via Appia nicht nur zur „Königin der Straßen“, sondern auch ausgesprochen langlebig: Bis heute sind in ganz Europa solche „Via Appias“ erhalten, deren Ränder stets mit Grabmälern und Gedenkstelen geschmückt waren.

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Die Via Appia von Mainz und ein römischer Meilenstein

Das dürfte auch in Mainz der Fall gewesen sein, die Reisenden rollten so auf dem Weg nach Mainz an zahlreichen steinernen Zeugnissen und Gräbern vorbei – eine Art Reklametafeln des Altertums.  Die Via Appia von Mainz ist nicht erhalten, ihre Reste wurden von Wohngebäuden überbaut, aber hinter dem Kleinen Haus in der Mainzer Innenstadt steht ein Erinnerungsstück aus jener Zeit: Ein römischer Meilenstein. Die unscheinbare Säule aus rotbraunem Sandstein wird heute meistens übersehen und gerne zugeparkt, dabei ist sie ein Fingerzeig für eine einst weltumspannende Sensation.

Zwei Legionäre der Unsichtbaren Römergarde mit einem Streitwagen vor dem Kleinen Haus, flankiert von Oldtimern des Mainzer Automobil Clubs. - Foto: gik
Zwei Legionäre der Unsichtbaren Römergarde mit einem Streitwagen vor dem Kleinen Haus, flankiert von Oldtimern des Mainzer Automobil Clubs. – Foto: gik

Ausgehend von ihrer Metropole Rom bauten die Römer ein bis dahin einmaliges Straßennetz aus gut gepflasterten, breiten Straßen, das vom Mittelmeer bis zur Nordsee und weiter nach Großbritannien, von Gibraltar bis nach Ägypten reichte. Es war dieses Straßennetz, das den Legionen der Römer ungeahnte Schnelligkeit und Reichweite verschaffte, und die großen Eroberungen sowie die Verwaltung des Reiches erst möglich machte. Zugleich wurden die gut ausgebauten Straßen zur Grundlage von Handel, Völkeraustausch und Innovation, zu den Lebensadern des Weltreiches.

Viele der alten römischen Straßen existieren bis heute, wie groß und dicht das Straßennetz der Römer war, wird aber erst jetzt so richtig deutlich: Bei dem digitalen Atlas „Itiner-e“ haben Forscher erstmals das komplette römische Straßennetz der Antike rekonstruiert. „Intiner-E“ habe „das erste hochauflösende, offene Datenset zu sämtlichen Straßen des römischen Imperiums geschaffen“, berichtete im November die Deutsche Welle: „299.000 Kilometer Wege, die durch vier Millionen Quadratkilometer verlaufen, wurden digital rekonstruiert – das ist fast das Doppelte der bisher bekannten Streckenlänge.“

 

Projekt Itiner-E rekonstruiert antikes römisches Straßennetz

Für die Rekonstruktion wurden Quellen studiert und alte Reiseberichte gelesen, die Ergebnisse archäologischer Forschungen zusammengetragen  und jahrhundertealte Straßenkarten ausgewertet. Die historischen Hinweise wurden schließlich mit modernen Luft- und Satellitenbildern abgeglichen. Über 100.000 Kilometer Hauptstraße konnten so digital rekonstruiert werden, dazu die Verläufe von mehr als 190.000 Kilometern Nebenstraßen – das ist das Doppelte der bisher bekannten Streckenlänge.

Der antike römische Meilenstein aus dem 3. Jahrhundert an seinem Standort hinter dem Kleinen Haus - meist leider achtlos zugeparkt. - Foto: gik
Der antike römische Meilenstein aus dem 3. Jahrhundert an seinem Standort hinter dem Kleinen Haus – meist leider achtlos zugeparkt. – Foto: gik

Es ist ein sensationelles und revolutionäres Bild des römischen Straßennetzes aus der Antike, das so entstanden ist. Bei Itiner-E konnten auch Reisegeschwindigkeiten, Streckenführung und topografische Hindernisse simuliert werden, Entfernungen wiederum wurden auf Meilensteinen festgehalten, die militärische Ziele und Verwaltungszentren markierten – so, wie der Mainzer Meilenstein. Ihre Aufstellung erfolgte nach dem Ende des Straßenbaus, für den übrigens der Kaiser in Rom verantwortlich war, weswegen der jeweilige Caesar auch meist auf dem Meilenstein genannt wird.

So auch bei dem Mainzer Exemplar, auf seiner Inschrift heißt es nämlich: „dem frommen, glücklichen, unbesiegten Kaiser, oberster Priester [im … Jahr seiner] tribunizischen Amtsgewalt, Vater des Vaterlandes, Konsul.“ Dumm nur: Welcher Kaiser hier derart gepriesen wird, das verrät die Inschrift leider nicht mehr. Experten gehen aber davon aus, dass mit der Widmung entweder Kaiser Postumus oder Kaiser Diocletian gemeint waren und datierten den Stein damit ans Ende des 3. Jahrhunderts.

Meilenstein einst dem Usurpator Postumus gewidmet?

„Der Usurpator Postumus hielt sich 269 nach Christus zwecks der Niederschlagung eines Aufstandes unter einem seiner Generäle, Laelianus, in Mogontiacum auf“, weiß man bei Regionalgeschichte.net, und auch für Diocletian lasse sich ein Aufenthalt in der Hauptstadt der Provinz Germania superior nachweisen. Für den Usurpator Postumus würde die Tatsache sprechen, dass der Name auf dem antiken Stein ausgemeißelt wurde – Diocletian hingegen war ein ausgesprochen geachteter und erfolgreicher „Reformkaiser“, der die große Krise des 3. Jahrhunderts mit seinen verschiedenen Soldatenkaisern überwunden wurde.

Das Projekt Itiner-E hat das antike römische Straßennetz digital rekonstruiert. - Screenshot: gik
Das Projekt Itiner-E hat das antike römische Straßennetz digital rekonstruiert. – Screenshot: gik

Gefunden wurde der Römische Meilenstein übrigens tatsächlich beim Bau des Kleinen Hauses im Jahr 1993 in der Baugrube auf dem Tritonplatz, zusammen mit mächtigen Steinplatten, die der einstige Straßenbelag gewesen sein könnte. Denn wenige Meter weiter wurde auch die hölzerne Unterkonstruktion einer antiken römischen Straße gefunden – der Meilenstein dürfte also einst einen wichtigen Platz oder eine Wegekreuzung im öffentlichen Raum mitten im Herzen von Mogontiacum markiert haben.

Hier rollten Wagen mit Gütern aller Art durch die Stadt, passierten edle Reisewagen hochrangiger Adliger und Präfekten, marschierten Soldaten und ritten Meldereiter in alle Himmelsrichtungen. Die Karte bei Itiner-E zeigt übrigens auch: Während im Süden wirklich alle Wege nach Rom führten, war es in der Provinz Germania superior anders: Entlang des Rheins und zwischen Basel und Koblenz führten einst tatsächlich alle Wege – nach Mogontiacum.

Info& auf Mainz&: Mehr zu dem Projekt Itiner-E lest Ihr hier bei der deutschen Welle.  Dieser Adventskalender entsteht in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Alle Folgen unseres Römischen Adventskalenders findet Ihr übrigens hier auf Mainz&.