Die Römer sind wohl die ersten Erfinder weltumspannender Mobilität, ihr Weltreich bauten sie buchstäblich auf einer ihrer wichtigsten Errungenschaften: Straßen. Auf ihren reisten Händler und Kaufleute, Beamte, Meldereiter und vor allem das Militär – der Beginn einer weltumspannenden Mobilität. Im modernen Mainz trägt sogar ein Bahnhof das Römische im Namen: Im Bahnhof „Römisches Theater“ finden sich einige versteckte „Easter Eggs“, die an die römische Geschichte erinnern – und an einen großen Sündenfall.

Vom alten, 1884 erbauten Bahnhof "am Neuthor" ist nur noch ein Teil der Fassade des alten Backsteingebäudes erhalten. - Foto: gik
Vom alten, 1884 erbauten Bahnhof „am Neuthor“ ist nur noch ein Teil der Fassade des alten Backsteingebäudes erhalten. – Foto: gik

Dieser Bahnhof ist eigentlich ein Verbrechen: 1884 brauchte Mainz einen zweiten Bahnhof. Mainz war die größte Stadt des Großherzogtums Hessen und mit seiner Lage an Rhein und Mainmündung ein wichtiger Knotenpunkt für Verkehr und Wirtschaft – und hier rollte bereits seit 1859 eine Eisenbahn Richtung Bingen, und ab 1871 in Richtung Alzey. Der alte Bahnhof der Hessischen Ludwigsbahn lag zwischen Rhein und Fort Malakoff, dort wurde der Platz knapp und außerdem das Lauterenviertel gebaut.

Es war Stadtbaumeister Eduard Kreyßig, der die Pläne für den neuen Mainzer Hauptbahnhof entwickelte – und für den zweiten Bahnhof im Süden von Mainz. 1884 wurde der neue Bahnhof „Mainz-Neuthor“ eröffnet, was die Erbauer von Bahnhof und Gleisen nicht wussten – oder was sie nicht scherte -: Sie hatten die neue Bahntrasse samt Gebäude direkt durch die Reste eines antiken Baus gefräst und Teile unwiederbringlich zerstört.

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Bahntrasse direkt durch die antike Bühnenwand gefräst

Erst 1914 entdeckte der Archäologe Ernst Neeb, dass in dem Hang oberhalb des Bahnhofs einst das größte Bühnentheater nördlich der Alpen gelegen hatte, zumindest legte er das zu diesem Zeitpunkt in Schriften nieder, die in den 1990er Jahren ein anderer Archäologe fand: Gerd Rupprecht startet 1997 die Wiederentdeckung des Römischen Theaters von Mainz. Und im Laufe der Forschungsarbeit wurde immer deutlicher: Der Südbahnhof, wie er damals hieß, stand genau dort, wo sich einst die große Bühnenrückwand des Theaters erhob.

Römische Familie auf einem Versorgungsschrank in der Unterführung im Bahnhof "Römisches Theater". - Foto: gik
Römische Familie auf einem Versorgungsschrank in der Unterführung im Bahnhof „Römisches Theater“. – Foto: gik

Im Dezember 2006 verneigte sich auch die Deutsche Bahn vor den Erkenntnissen, und benannte den Bahnhof in „Römisches Theater“ um. Die sichtbarste Verknüpfung ist natürlich der heutige Blick durch die Plexiglasscheiben von Bahnsteig 4 auf genau dieses antike Theaterrund, doch es gibt noch ein nettes weiteres Element: In der Unterführung ziert eine römische Familie einen Versorgungsschrank. Eine Mutter mit Kleinkind, ein bärtiger Mann mit Toga – brechen sie hier gerade zu einer Reise auf? Zumindest bei dem Mann ist das unwahrscheinlich: er ist nämlich barfuß.

Dabei reisten die Römer viel und oft, gerade auch zwischen den Provinzen und der Metropole Rom. Die Grundlage dafür schuf ein bis dahin einmaliges Straßennetz: Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wurden durch die Römer gut gepflasterte, breite Straßen gebaut, und das vom Mittelmeer bis zur Nordsee und weiter nach Großbritannien, von Gibraltar bis Ägypten. Das die gesamte damalige Welt umspannende Straßennetz diente natürlich in erster Linie den militärischen Eroberungen, doch wurden die gut gebauten Straßen ebenso zur Grundlage von Handel, Völkeraustausch und Innovation.

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Bahnhof als Entrée zu neuem Freilichtmuseum?

Dass die Bahn das antike Bühnentheater in einem großen Maße zerstörte, schmerzt heute – wo einmal das Bühnenhaus stand, kann man indes noch heute sehen: Die Umrisse sind als ockerfarbene Pflasterung auf Bahnsteig 4 markiert. Und vielleicht könnte der Bahnhof Römisches Theater ja doch noch eine versöhnliche Rolle spielen: Der Verein „Rettet das Römische Mainz“ schlug jüngst vor, den Bahnhof zu einem Eingangstor für ein einzigartiges archäologisches Freilichtmuseum zu machen.

Der Verlauf des antiken Bühnentheaters und seiner großen Rückwand ist auf dem Boden des Bahnsteigs 4 im Bahnhof Römisches Theater markiert. Im Hintergrund der neue Aufzug vom Bahnhof hinauf zur Zitadelle. - Foto: gik
Der Verlauf des antiken Bühnentheaters und seiner großen Rückwand ist auf dem Boden des Bahnsteigs 4 im Bahnhof Römisches Theater markiert. Im Hintergrund der neue Aufzug vom Bahnhof hinauf zur Zitadelle. – Foto: gik

Der Bahnhof könnte mit einer „touristisch wirksamen Neudarstellung“ zu einem Eingangstor für eine Römerpfad werden, der vom Bahnhof über die Reste des antiken Bühnentheaters hinauf zum Drususstein auf der Mainzer Zitadelle führt. Mit der gerade erfolgten Fertigstellung der Freitreppe zwischen Bahnhof und Zitadelle sowie dem „Facelifting“ des Drusussteins seien „entscheidende Schritte zur neuen touristischen Erschließung dieses Areals erfolgt“, sagte der frühere Mainzer Kulturdezernent Peter Krawietz.

Die neuen Verbindungsachsen laden, so findet der Verein, jetzt auch zu einer Neugestaltung des Bahnhofbereichs ein. Das könne ergänzt werden durch Duplikate von Funden, die im Bahnhof und womöglich auch auf den Bahnsteigen ausgestellt. Und Ex-Landesarchäologe Gerd Rupprecht, Mitglied des in diesem Sommer gegründeten Vereins, kann sich sogar vorstellen, auf dem Bahnhofsvorplatz Nachbildungen römischer Geschütze wie etwa einer Ballista, Catapulta oder Scorpio zu präsentieren, um die militärische Bedeutung von Mainz visuell darzustellen.

Info& auf Mainz&: Mehr zur Vorstellung eines „Römerpfades“ in Mainz lest Ihr hier auf Mainz&.