Ein Obermessdiener körperlich schwer angeschlagen, aber inhaltlich in Hochform. Eine spitzzüngige „Moguntia“ und ein nachdenklicher „Till“, eine Protokollerin, die Fastnachtsgeschichte schreibt und den Saal zum Toben bringt – und auch der Zeitgeist persönlich gibt sich die Ehre. Was die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ am Freitagabend auffahren wird, gehört zum Besten, was die Mainzer Fastnacht derzeit zu bieten hat – natürlich gehört da auch Spitzen-Kokolores und viel mitreißende Musik dazu. In ihrem 71. Jahr präsentiert sich die „Mutter aller Fernsehsitzungen“ spritzig, jung und weiblich.

Es ist das alljährliche Hochamt der Mainzer Fastnacht, und auch für viele Zuschauer bundesweit eine geliebte Tradition: Die große Fernsehfastnacht „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ vereinte früher Jung und Alt vor den Fernsehern – doch die Einschaltquoten schwinden, und in diesem Jahr kommt auch noch Fußball-Konkurrenz dazu. Ausgerechnet am Fastnachtsfreitag muss der Bundesligaclub Mainz 05 auswärts bei Borussia Dortmund antreten, und zu allem Überfluss wird das Spiel live übertragen – bei den Verantwortlichen geht die Angst um: Die Quote der ehrwürdigen Fernsehfastnacht könnte ins Bodenlose stürzen.
Dabei kommt die „Mutter aller Fernsehsitzungen“ bei ihrer 71. Ausgabe höchst schwungvoll und mit viel jüngeren Akteuren daher – den Machern des ZDF ist ein wahrlich guter Mix aus Mainzer Kokolores, hervorragenden politischen Rednern, einem tollen Ballett und (mit) den besten Fastnachtshits der Kampagne gelungen. Am Mittwochabend kam das Programm bei der Generalprobe im Kurfürstlichen Schloss zu Mainz jedenfalls hervorragend an.
Trommelfeuer von Humor, Witz und beißender Polit-Satire
Es beginnt mit einem Trommelfeuer – buchstäblich: Die „Schnorreswackler“ heizen dem Saal im Kurfürstlichen Schloss mit ihrer aktuellen Trommelnummer auf umgedrehten Eimern ein. Schade, dass die Gesangstruppe aus Gonsenheim nicht ihre geniale Sequenz mit den Leuchtstäben präsentieren dürfen, aber dafür hätte das Schloss auch dunkel werden müssen. Stattdessen tanzen die Schnorreswackler noch einmal schnell musikalisch rund um den Fastnachtsbrunnen – und schon sind wir mitten drin in all dem, was Mainzer Fastnacht ausmacht.

Da rocken „Handkäs und sei Mussig“ mit ihrer „Mona Lisa“ den Saal, und Jürgen Wiesmann lässt die Zuschauer vor Vergnügen kreischen – kein Wunder: Ernst Lustig, der Held seiner närrischen Fortsetzungs-Soap, muss jetzt „Hobby Dogging“ machen, und wenn Ernst Lustig mit „Söder“ Gassi geht, sind Lachsalven garantiert. Ganz nebenbei verarbeitet Wiesmann noch moderne Irrsinnigkeiten wie das „Ceranfeld am Dach“, und konstatiert noch knapp: „Bei uns muss der Nikolaus nicht durch die Wärmepumpe krabbeln.“ Das Publikum dankt mi donnernden Ovationen und Bravor-Rufen – und das direkt zu beginn der Sitzung.
Denn den „Ernst Lustig“ haben die Fernsehmacher ungewöhnlich früh im Programm auf Platz vier gesetzt, doch das erweist sich als geniale Idee: Mehr in Fastnachtslaune kann man einen Saal schlicht nicht versetzen. Platz drei, und damit die Poleposition hinter dem Einmarsch der Garden und dem Eröffnungslied, gebührt natürlich dem Protokoller – und da brechen die Fastnachter mit einer 200 Jahre alten Tradition. Zum ersten Mal in der Geschichte der Mainzer Fastnacht, ist der Protokoller – eine Frau.
Chrissy Grom: Fastnachtsgeschichte als erste Protokollerin
2025 gab Protokoller-Legende Erhard Grom den Staffelstab beim Gonsenheimer GCV an seine Tochter Chrissy weiter, und die bewies schon im ersten Jahr, dass sie die Gene des Papas für Reime und politische Spitzen geerbt hatte. In ihrer zweiten Kampagne als Protokollerin hält Grom nun Einzug auf der Fernsehbühne – und reißt den Saal zu Beifallsstürmen hin. Den Grom ist charmant-bissig und spielt ihren Vortrag regelrecht aus der Bütt in den Saal hinein – das ist bestes Narrenkino.

Dazu geißelt sie EU-Veggie-Namensverbot ebenso wie den ausbleibenden Aufschwung und nimmt sich ausgiebig das Hick-Hack um Tempo 30 auf Mainzer Hauptverkehrsstraßen vor, eine wahrhaft närrische Abrechnung mit völlig verfehlter Verkehrspolitik. Vor allem aber liest sie dem Herrn im Weißen Haus mächtig die Leviten, und zwar buchstäblich aus der Bibel. Da stehe nämlich, man solle nicht lügen, mahnt Grom, und zitiert zudem: „Und achte stets, steht hier genau, die Würde einer jeden Frau!“ Wie Grom den Himmel anfleht, doch bitte endlich Hirn vom Himmel zu schmeißen, und sei es mit der Gutenberg-Bibel, das gehört fraglos zum Besten der politisch-literarischen Narretei.
Für diese Tradition steht niemand anderes so sehr wie der „Till“, die Symbolfigur des MCC. Florian Sitte hat seit seiner Übernahme der Narrenkappe den Vortragsstil modernisiert, auf einem Medienwürfel werden seither Fotos zum Weltgeschehen eingespielt – wirklich nötig sind die eigentlich nicht. Denn Sitte nähert sich immer mehr den Vorgängern an, die durchaus auch mal den moralischen Zeigefinger hoben – genau das ist die Rolle des „Till“ in der Mainzer Fastnacht.
„Till“: Moralisch-kritisches Plädoyer für die Freiheit des Narrenwortes
Nicht jeder versteht das heutzutage, und so berichtet der „Till“ gleich als erstes Mal von der „Fanpost“ nach seinem Vortrag im Vorjahr – die Hassmails kamen übrigens keineswegs nur vom rechten, sondern auch vom Linken Rand. Und so konstatiert der Till nur trocken: „Nichts ist ganz falsch und nichts ganz richtig – im besten Fall macht euch das Spaß: Narrenfreiheit nennt man das!“ Denn Toleranz, doziert der „Till“, komme von „tolerare“, ertragen: „Wer Vielfalt predigt, ums klar zu benenne, muss Meinungsvielfalt auch zulasse könne.“

Und der Till ist denn auch der einzige Redner, der eine höchst brisante Entwicklung anspricht: „Es gibt sie, die antisemitischen rechten Spinner“, konstatiert der Till, auch werde Judenhass durchaus auch von Migranten importiert – „neu ist jedoch, und das tut mir stinken, der Judenhass von jungen Linken. Ein perfider antisemitischer Wahn, bricht sich bei uns gerade wieder Bahn, und wird, was mich noch mehr schockiert, von vielen Seiten toleriert“, warnt der Narr, und unterstreicht. „Narrenfreiheit, dafür steht auch dieser Ort, bleibt die Freiheit am gesprochen Wort!“
Tosender Beifall belohnt den Narren in der Bütt für seine klaren Worte, wie überhaupt Redner und Akteure des Abends ausnahmslos mit Ovationen gefeiert werden – an manchen Stellen mischen sich dann noch Bravo-Rufe darunter. Die Mainzer Fastnachter, sie ehren die Tradition des Redners, der Politik und Gesellschaft den Narrenspiegel vorhält, das ist schon seit der Gründung der Mainzer Fastnacht 1838 zutiefst politisch, und unterscheidet das Narrentreiben in Mainz von dem im Rest der Republik.
Der „Zeitgeist“ gibt sich die Ehre: Thomas Becker in Hochform
Dem Zeitgeist huldigt man hier nur sehr ungern – höchste Zeit, das sich der mal persönlich die Ehre gibt und Tacheles redet. Thomas Becker tut das in seiner neue Rolle mit großem Spaß am Austeilen, und bringt so den wohl bissigsten und pointiertesten politischen Vortrag des Abends auf die Bühne. „Zeitgeist ist es, Menschen für den Frieden auszuzeichnen, so wie es die Fifa… äh nee…“, ätzt Becker: „Wo war ich? AfD, korrupter Haufen – ah, FIFA!“

Trumps ICE-Truppen wiederum seien „wirklich die geschmackloseste Eissorte, die mir je unterkam“, kritisiert der Narr aus der Bütt, und warnt zugleich: „Es ist dünnes Eis, Trump als Clown darzustellen, und nicht als der Verbrecher, der er ist. Denn ein Arsch ist ein Arsch und keine Vase, selbst wenn aus ihm ein ganzer Blumenstrauß wächst.“ Die begeisterte Zustimmung im Saal zeigt: Becker sagt, was die Narren hier denken, die Politik sollte sich das zu Herzen nehmen…
Wenn sie denn zuhört: Zur Fernsehsitzung im Saal hat sich kein einziger hoher Bundespolitiker aus dem Kabinett angesagt. Einzige Ausnahme: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. Die CDU-Politikerin und gebürtige Bad Kreuznacherin ist aber schon seit Jahren Stammgast bei „Mainz bleibt Mainz“, der Rest der Berliner Politikszene wird indes am Freitag durch Abwesenheit glänzen, als stünden nicht zwei wichtige Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg vor der Tür – das Sich-Zeigen bei „Mainz bleibt Mainz“ vor den Fernsehkameras scheint wohl nicht mehr so wichtig zu sein.
Der „Ignaz“ rettet das Mainzer Marktfrühstück
Beckers Rundumschlag trifft indes auch den Kanzler und die SPD, das BSW und die AfD – nur die Landtagswahl und die in Mainz regierende Ampel unter SPD-Führung, die bleiben seltsamerweise nicht nur bei Becker von der Narrenkritik praktisch vollständig verschont. Stattdessen nimmt sich der Zeitgeist die Wählerstimmung vor: „Komisch, dass der Ruf nach starken Männern immer lauter wird, haben wir damit so gute Erfahrungen gemacht?“ wundert sich Becker – der Mann, der sei doch „ein Auslaufmodell“, konstatiert der Geist des Narren, und verspricht: „Liebe Frauen, ich glaube, der Zeitgeist will es: das nächste Jahrhundert gehört Euch.“

Apropos Frauen: Nicht nur Christina Grom bricht die ehrwürdige Männer-Phalanx der Mainzer Fastnacht auf, zum zweiten Mal nach 2025 steht auch Katharina Greule mit einer starken Nummer auf der Fernsehbühne. Gemeinsam mit Teresa Betz, Laura Heinz und Marie Döngi persiflieren sie verstaubte Frauenbilder der Jahrhunderte, doch die optisch starke Nummer verpasst die Chance, die Frauen wirklich in die Moderne zu beamen: Die Influencerin rennt am Ende doch wieder einem Mann hinterher…
Die Fernsehsitzung ist derweil mitten im Schwung, und sie zeigt einfach keine Längen. Nach dem Museum verbreiten drei Topstars der Mainzer Fastnacht Schwung im Saal und auf der Bühne: Oli Mager und Dobbelbock mit ihren neuesten Hits, dazu Solo-Newcomer „Hollebutz“, der mit seiner „Helga“ einfach überall abräumt – die Überraschungsnummer der Mainzer Kampagne. Ein Abräumer ist indes in diesem Jahr auch Markus Schönberg: Sein „Ignaz“ irrt so herrlich närrisch über das zerstückelte Mainzer Marktfrühstück, dass sich der Saal kringelt und lauthals mitsingt: „Wann wird das Marktfrühstück wieder richtig?“ Die Antwort des „Ignaz“: „Das kann dauern…“ Oh je.
Humor als Waffe gegen das Chaos der Welt – und ein Abschied
Aber wie schon der „Zeitgeist“ sagte, Humor ist die beste Waffe gegen das Chaos in der Welt, und so ist auch die „Moguntia“ mit den meisten Irrungen und Wirrungen jetzt „fein“ – Johannes Bersch legt erneut einen höchst spitzzüngigen Blick auf das Weltgeschehen vor, der höchsten ein wenig unter der späten Stunde leidet: Erst gegen 23.00 Uhr wird die Symbolfigur wohl auf dem Bildschirm erscheinen. Danach widmet sich die Sendung weitgehend der Abteilung Nostalgie: Die „Humbas“ um Thomas Neger müssen zum x-ten Mal ihren Hit „Im Schattend es Doms“ performen, und Hansi Greb darf noch einmal als lautstarker „Hobbes“ seine weißen Handschuhe schwingen.

Nach 45 Jahren legt eines der Urgesteine der Kokolores-Rede schließlich seine Handschuhe und die rote Nase ab, diese Art der Rede – in der Mainzer Fastnacht ist sie eher eine aussterbende Gattung. Apropos Alter: Die Mainzer Hofsänger werden in diesem Jahr stolze 100 Jahre alt, und werfen zu dem Anlass einen musikalischen Blick zurück auf ihre Erlebnisse, wunderschöne und stimmgewaltige Jubiläumshymne inklusive. Dabei vergisst der in den vergangenen Jahren runderneuerte Männerchor auch nicht, sich selbst auf die Schippe zu nehmen: „Die Hofsänger? Versteht man doch nie“, lästern sie – wäre schade, wenn das am Freitag auch so wäre.
Den inhaltlichen Schluss-Höhepunkt setzt indes ein anderer: „Im letzten Jahr, da war er krank, da isser wieder – Gottseidank“, reimt Jürgen Wiesmann als Vertreter des Sitzungspräsidenten – denn der hat es sich gerade auf der Bühne bequem gemacht. Andreas Schmitt schwingt in diesem Jahr wieder die Schelle als Sitzungspräsident und kehrt auch als Obermessdiener zurück – allein: Der schwergewichtige 64-Jährige kann kaum laufen und stehen schon gar nicht, also nimmt Schmitt auf einem breiten Stuhl Platz auf der Bühne.
Obermessdiener Schmitt: Plädoyer für Freiheit und Demokratie
Inhaltlich aber teilt der Obermessdiener so frisch und frei aus wie je, zieht mit Flammenschert und Erzengel Michael gegen Donald Trump und nimmt auch das neue rheinland-pfälzische Bestattungsgesetz aufs Korn. Seherische Fähigkeiten demonstriert er auch: Bei Schmitt gewinnt Mainz 05 am Freitag mit 5:0 gegen Dortmund, man wird sehen… Doch Schmitt geißelt überraschend auch die Frauen-Benachteiligung in der Kirche und die typische deutsche Suche nach Mopsfledermaus statt Baufortschritt: Die Franzosen hätten Notre Dame in fünf Jahren wieder aufgebaut, „in der Zeit hätten wir gerade mal gewusst, ob der Bauantrag richtig gegendert ist“, lästert der Obermessdiener.

Und Schmitt teilt auch gegen die SPD aus, geißelt überraschend das „Laber-Rhabarber“ der Bundespartei und den „Kindergarten“ des Lars Klingbeil. „Über Sterbende soll man nichts Schlechtes reden“, lästert Schmitt, dabei tritt er selbst am 22. März als Kandidat für den Posten des Bürgermeisters in der Verbandsgemeinde Nieder-Olm bei Mainz an – für die SPD. Als „Obermessdiener“ aber spricht er Klartext und beschwört den alten rheinischen Adel von der Völkermühle Carl Zuckmayers und schließt mit einem starken Plädoyer für Freiheit und Demokratie:
„Hier haben die Rassen sich vermischt ohne Tadel/, Vom Rhein ist ein Mischling, das ist natürlicher Adel./ Seid stolz darauf, so lautet sein Satz, / Für Nazifratzen ist hier kein Platz./ Für Freiheit und Demokratie, heute und immerdar, / Standhaft wie der Dom! Helaulujah!“ Da steht der Saal und donnert geschlossen seine Zustimmung. Die nächsten Leserbriefe dürften garantiert sein. Ob es die Einschaltquoten auch sind, oder doch „König Fußball“ regiert – das zeigt sich am Freitagabend ab 20.15 Uhr.
Info& auf Mainz&: Die große Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ wird am Freitag, den 13. Februar 2026, ab 20.15 Uhr im ZDF gesendet – und zwar live aus dem Kurfürstlichen Schloss zu Mainz. Wer lieber Fußball guckt: Das Narrenspektakel findet man anschließend auch in den Mediatheken. Mehr zu den Akteuren der Fernsehsitzung lest Ihr zudem hier auf Mainz&. Und natürlich: Hier kommt die Fotogalerie mit unseren Eindrücken aus der Närrischen Generalprobe von „Mainz bleibt Mainz“ am Mittwoch:








