Das Mainzer Staatstheater ist nach einigen Jahren des Vor-sich-Hindümpelns wieder in den Herzen und den Köpfen der Mainzer angekommen. 219.690 Besucher besuchten in der Spielzeit 2015/16 eine der Aufführungen – statistisch gesehen ging damit jeder Mainzer einmal ins Theater. Das war die höchste Besucherzahl seit der Saison 1990/91 und brachte zudem eine Steigerung der Einnahmen auf rund 3,5 Millionen Euro mit sich. „Das Theater lebt und blüht in der Stadtmitte“, bilanzierten die Theatermacher denn auch. Am Samstag könnt Ihr das mit feiern: Beim Theaterfest im und um das Staatstheater herum.

Festakt im Staatstheater 200 Jahre Rheinhessen - Foto Bartenbach
Neuer Besucherrekrod im Mainzer Staatstheater: Volles Haus, gute Einnahmen, erfolgreiche Inszenierungen – Foto: gik

Die guten Zahlen sind die Belohnung für die neuen Theatermacher rund um Intendant Markus Müller. Unter dessen Vorgänger Matthias Fontheim hatten sich Staatstheater und Mainzer irgendwie entfremdet, als Müller 2014 kam, spielte das Theater in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch eine untergeordnete Rolle. Mit neuen Veranstaltungsformen, spannenden Inszenierungen und Hits wie dem Musical Spamalot schaffte es Müller in nur zwei Jahren, dass die Mainzer ihr Theater wieder wahrnehmen – und es besuchen: Die Besucherzahlen stiegen von 197.900 in der Saison 2014/15 auf eben die 219.690 in 2015/16, von Besucheransturm und guten Einahmen ist nun die Rede.

Insbesondere das Kleine Haus und damit schwerpunktmäßig das Schauspiel verzeichnete nach Angaben des Theaters einen rasanten Anstieg von 38.572 Zuschauern auf 54.896 – das ist mehr als eine Verdoppelung. „Offensichtlich gibt es ein Bedürfnis nach Auseinandersetzungen, die sich Raum und Zeit nehmen und dafür eigene, nicht immer einfache ästhetische Entwürfe suchen“, konstatieren die Theatermacher. Das sei „in unruhigen Zeiten wie diesen kein schlechtes Zeichen.“ Es ist auch ein Zeichen dafür, dass ein Theater mit Haltung und spannenden Angeboten für seine Zuschauer gebraucht wird und eben auch auf Resonanz stößt.

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Hocherfolgreich: Musical Spamalot im Mainzer Staatstheater – Foto: Andreas Etter

Müller hatte bei seinem Amtsantritt versprochen, das Theater wieder mehr für die Mainzer zu öffnen, und genau das hat er getan: Da gab es die szenische Lesungs-Reihe zu Anne Seghers, die Reihe mit jungen Künstlern und Uniparties im Glashaus, das Benefizkonzert für Flüchtlinge – und Veranstaltungen zu hochaktuellen Themen wie etwa die Performance-Lesung „Überforderung – zur Lage der Nation“. Und natürlich war da die „Ode an die Freude“, als das Statstheater mit dem lautstarken Singen der Europahymne eine Demonstration der rechtspopulistischen AfD vor ihrem Haus aufmischte. Die Aktion brachte dem Theater und  Intendant Müller große Sympathie, Rückhalt und europaweite Aufmerksamkeit – die Mainzer hatten schlagartig hohen Respekt vor dem Theatermacher mit Haltung.

Die Anerkennung beschränkte sich aber nicht nur auf Presseberichte und Besucherzuspruch, auch künstlerisches Lob heimste man ein: Zwei Mal wurde das Mainzer Staatstheater im wichtigen Fachmagazin Deutsche Bühne für die beste Gesamtleistung nominiert, für „Rigoletto“ in der Regie von Lorenzo Fioroni als Inszenierung des Jahres in der Oper sowie mit Thom Luz‘ „Traurige Zauberer“ im Schauspiel. Letztere wurde zudem in „Theater Heute“ nominiert – auch eine besondere Auszeichnung.

„Wir freuen uns sehr über die enorme Steigerung der Besucherzahlen und über die Diskussionsfreude und Theaterbegeisterung der Zuschauer“, sagte Müller schon im April bei der Vorstellung des Konzeptes für die neue Spielzeit: „In dieser Stadt Theater zu machen, inspiriert sehr.“ Die Erfolge seien Ansporn, das Konzept weiter zu stärken und die inhaltlichen Linien zu vertiefen. Auch in der jetzt gerade begonnen Spielzeit sollen deshalb lokale Themen besetzt, aber auch große spartenübergreifende Projekte gewagt werden.

Screenshot Interview Müller mit Tagesschau
Der Mainzer Intendant Markus Müller machte Furore mit dem Widerstand gegen die AfD – aber auch mit einer Positionierung des Theaters in der Mitte der Gesellschaft – Foto: gik

„Wir wollen im besten Sinne Stadttheater sein“, betonte Müller, aber zugleich auch die überregionale und internationale Vernetzung und Wahrnehmung des Hauses weiter ausbauen. Auch das dritte Jahr Müller soll also „bestimmt sein von der Überzeugung, dass Theater Teil der kritischen Öffentlichkeit ist“. Das Theater „als Raum, in dem jeder zum eigenständigen, freien Denken aufgefordert wird, ist heute wichtiger denn je“, betonte der Intendant.

Und so steht für diese Spielzeit in der Oper neben Bellinis „Norma“ und Glucks „Armide“ auch die Hindemith-Oper „Mathis der Maler“ auf dem Programm  – ein Werk, das Hindemith, wie Müller betonte, in einer Zeit schrieb, in der in Berlin auf öffentlichen Plätzen Bücher verbrannt wurden… Und auch bei Puccinis „La Bohème“ werden wir sicher Parallelen zu unserer Zeit der Zerrissenheit entdecken können. Bei den Inszenierungen setzt Müller weitgehend auf seine Hausregisseure, Generalmusikdirektor Hermann Bäumer wird dirigieren und bei La Bohème die musikalische Leitung führen.

Ein Geheimnis von Müllers Erfolg ist aber auch die kluge Mischung von Stücken – der Mann hat nicht vergessen, dass auch Unterhaltung Aufgabe des Theaters ist. Und so könnt Ihr Euch in dieser Spielzeit auf das „Weiße Rössl“ freuen, wobei die Operette auch „eine bitterböse und ironiegetränkte Geschichte“ erzähle, wie Müller betont. Das kann heiter werden 😉 Ferner wird Shakespeare’s „A Midsummer Night’s Dream“ in einer Inszenierung von Hausregisseur Niklaus Hebling zu sehen sein. Fortgesetzt wird das sehr erfolgreiche Hörtheater von Anselm Dalferths mit zwei Produktionen und Neuentdeckungen im Reich der Klänge und auf Hörerfahrungen.

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Das Käthchen von Heilbronn im Mainzer Staatstheater – Foto: Bettina Müller

Das Schauspiel ist natürlich traditionell der Ort der Auseinandersetzung mit aktuellen Themen – heute hat dazu „Ich, Pinocchio“ Premiere, und Hausregisseur Jan-Christoph Gockel stellt damit die Frage, was uns als Menschen überhaupt erst ausmacht. Die Geschichte der Holzpuppe Pinocchio, die zum Leben erweckt wird, sei eigentlich „der Mythos vom Pygmalion und damit zugleich die Illusion eines Kunstwerks, das Wirklichkeit wird“, heißt es in der Ankündigung – das verheißt spannende Fragen.

Gesine Schmidt wiederum fragt in ihrem dokufiktionalen Projekt „Begehren“, was öffentliche Bekenntniswut, Sehnsucht nach Devianz und der Wunsch nach Selbstaufgabe in der Verschmelzung mit dem Anderen bedeuten – aktueller geht’s angesichts der Bekenntniwut in den sozialen Netzwerken nicht. Und im „Käthchen von Heilbronn“ zeigt Niklaus Hebling nicht nur ein fulminantes Ritterspektakel, sondern fragt auch, was einen Menschen dazu bringen kann, unbeirrbar an seinen Träumen festzuhalten.

Und mit einem ganzen Strauß von Klassikern stößt das Theaer Debatten an, wie unser Zusammenleben aussehen und organisiert sein soll, stellt Fragen nach der Verantwortung des Einzelnen, nach dem Mut, diese auch gegen Widerstände zu
behaupten, nach der nötigen Fantasie und Eigenwilligkeit, die die Figuren dafür brauchen. Die Werke dazu sind Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ (Regie: Dariusch Yazdkhasti), Friedrich Dürrenmatts „Die Physiker“ (K.D. Schmidt), Michael Bulgakows „Der Meister und Margarita“ (Jan-Christoph Gockel) sowie die antike Tragödie des „Orestes“ von Euripides (Niklaus Hebling). K.D. Schmidt wird zudem das Stück „Stirb, bevor du stirbst“ inszenieren – ein Stück von Ibrahim Amir über eine Mutter und ihren Sohn, der nach Syrien ausreisen will, anstatt sich in Deutschland auf seinen Schulabschluss vorzubereiten.

Das Ensemble von tanzmainz feiert das Leben an sich ebenso wie seine Widersprüchlichkeiten, Fantasien und Verrücktheiten und wird dafür sicher – „angeleitet von sehr unterschiedlichen, internationalen und anspruchsvollen Choreografen“, wie es heißt, eindrucksvolle Bilder dafür finden. Und im jungen Staatstheater Justmainz wird es in der kommenden Spielzeit „um das ganz normale, manchmal so schwierige Leben gehen – dem es dennoch gilt, immer auch die komischen, die anrührenden Seiten abzugewinnen.“

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Theaterfest rund ums Mainzer Staatstheater – an diesem Samstag wieder! – Foto: Martina Pipprich

An diesem Samstag wird die Eröffnung der neuen Spielzeit erst einmal groß gefeiert: Beim Theaterfest auf dem Gutenbergplatz und natürlich auch im Theater selbst. Mit Musik und Theater, Maskenshow, Chorsingen, dem Philharmonischen Staatsorchester, Führungen hinter die Kulissen, Workshops, Lesungen, Arien im Orchestergraben, öffentlichem Tanztraining und und und. Auf dem Tritonplatz wartete das inklusive Kinder-Kultur-Fest Kraut & Rüben mit Zirkus, Rolliparcours und Kinderschminken, auf dem Gutenbergplatz unter anderem eine Maskenshow um 11.45 Uhr. Um 12.00 Uhr könnt Ihr im Haus einer öffentlichen Probe zur Oper „Norma“ beiwohnen, um 12. 30 Uhr gibt’s musikalische Ausschnitte aus „Im Weißen Rössl“ und um 13.15 Uhr eine öffentliche Chorprobe zum Mitsingen.

Exklusiv zum Theaterfest könnt Ihr ein Theaterfestabo erwerben mit vier Theatergutscheinen für Oper, Schauspiel und
Tanz im Großen oder Kleinen Haus sowie einer Vorstellung auf U17 bei freier Terminwahl ab 52,55 Euro. Und nur an diesem Tag gibt es Karten zu 15,- Euro zu erwerben für die Vorstellungen „Der fliegende Holländer“ am 3. Oktober und „Das Käthchen von Heilbronn“ am 25. September. Auch der Vorverkauf für die Fastnachtsposse und das Familienstück „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ startet am Tag des Theaterfests.

Führungen durchs Haus gibt’s von 12.00 Uhr bis 17.00 Uhr im 30-Minuten-Takt. Zum Abschluss warten um 17.00 Uhr „Randale“ Rockmusik für Kinder auf dem Gutenbergplatz und um 18.30 Uhr „Dead or Alive“, der Poetry Slam im Kleinen Haus.

Info& auf Mainz&: Samstag, 17. September 2016, 11.00 Uhr bis 17.00 Uhr Theaterfest im Mainzer Staatstheater und auf dem Gutenbergplatz. Alles zum Theaterfest und natürlich dem Programm des Mainzer Staatstheaters findet Ihr hier im Internet.

1 KOMMENTAR

  1. Alles wunderbar und richtig verehrte Frau Kirschstein.
    Und wer vorgestern in der Einführung zu Noma einen großen Teil der Oper vorab erleben konnte,
    der wird sagen „das stellt ja (fast) alles in den Schatten was wir bisher gehört und gesehen haben“.

    Eine vernünftige und einfallsreiche Regie, ganz ohne die in anderen Häusern oft zu etragenden absonderlichen Einfälle. Gleiches gilt für die Bühne. Eine wohltuende Beschränkung auf das Nötige. Sagenhaft aber wie die Priesterin Norma noch vor Beginn des Ganzen dem Volke und damit uns präsentiert wird (Will ich aber jetzt nicht mehr verraten).
    Dann der Chor. Wie in Mainz üblich voll in das Geschehen einbezogen. Und endlich die Musik: Herrlich wie das Orchester die Italianita Bellinis vermittelt; ihre unbändige Kraft, aber auch ihre Poesie. Eine Weile durften wir auch in die Probe hineinhören, mit klaren Ansagen des jungen Dirgenten, die (meist) auch der Laie verstehen kann, ebenso wie er spürt, daß das Orchester sie spontan mühelos umsetzt.

    Ja und die Sänger*innen ???
    Sind ja nur wenige (Haupt)rollen.
    Die Männer sehr ordentlich, angenehm volltönend.
    Aber die beiden Frauen :
    Norma: einfach Spitze. Ich will jetzt keine Vergleiche zu den großen Diven unserer und vergangener Zeiten anstellen;
    nur soviel: bei aller Perfektion singt sie gleichzeitig lyrischer als wir das sonst hören. Einfach schön.
    Und nicht weniger Lob gebührt ihrer jungen Rivalin Adalgisa mit ihrem sehr leichten Sopran

    Und am Samstag ist Premiere.

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