Wo steht die Deutsche Einheit 37 Jahre nach dem Mauerfall, und wo die deutsche Demokratie? Nach den Wahlen in Ostdeutschland gab es am 03. Oktober 2026 viele nachdenkliche Töne zum Zustand des Landes. „Der 3. Oktober ist ein Tag der Freiheit und der Demokratie“, sagte der Mainzer Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU), und erinnerte daran: Es sei „dem Mut und der Sehnsucht der Menschen in der damaligen DDR zu verdanken, dass die Mauer gefallen ist.“ Ganz persönliche Erinnerungen dazu teilte der Mainzer OB Nino Haase (parteilos) am Abend – seine Eltern waren einst mit ihm als Kleinkind aus der DDR geflüchtet.

09. November 1989, Fall der Berliner Mauer: Menschen tanzen am Brandenburger Tor auf der Mauer. - Foto: Lear21 via Wikipedia.
09. November 1989, Fall der Berliner Mauer: Menschen tanzen am Brandenburger Tor auf der Mauer. – Foto: Lear21 via Wikipedia.

In der Nacht des 9. November 1989 fiel in Berlin die Mauer, die Deutschland in zwei Teile zerschnitt – es war der Beginn eines Einigungsprozesses im Turbotempo: Bereits am 03. Oktober 1990 trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei, seither feiert Deutschland am 3. Oktober den „Tag der Deutschen Einheit“. Ausgerichtet wird das große Bürgerfest jeweils in dem Bundesland, das gerade den Vorsitz im Bundesrat hat – in diesem Jahr ist das Bremen.

Dorthin pilgerten also am Freitag Bundespräsident und Bundeskanzler, Ministerpräsidenten und Bundestagspräsidentin – und feierten am Freitagabend eine lockere Party in einem Bremer Keller, bei der Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) in die Seiten einer Gitarre haute. Gemeinsam mit gleich mehreren MPs, darunter auch der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU), gab Bovenschulte zusammen mit dem schleswig-holsteinischen Regierungschef Daniel Günther mehrere Schlager zum Besten – das Video dazu machte prompt in den sozialen Netzwerken die Runde.

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Steinmeier: „unerträgliche Demagogie extremistischer Kräfte“

Bei den Feiern ging es dann eher staatstragend zu. Bundespräsident Steinmeier nutzte seinen ersten Auftritt seit längerer Zeit, um dem Land und seinen Bürgern ins Gewissen zu reden. Steinmeier warnte vor Extremismus und forderte, die demokratischen Grundrechte zu verteidigen. „Die unerträgliche politische Demagogie extremistischer Kräfte, die eine Lust an der Zerstörung ausleben und andere Menschen verhöhnen und bedrohen, gefährdet heute nicht nur Freiheit und Demokratie. Sie gefährdet unsere Einheit“, sagte Steinmeier laut Tagesschau.

Die vielleicht letzte große Rede von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier am 03. Oktober 2026 zum Tag der Deutschen Einheit - Steinmeiers Amtszeit endet im März 2026. - Foto: Bundesregierung, Steffen Kugler
Die vielleicht letzte große Rede von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier am 03. Oktober 2026 zum Tag der Deutschen Einheit – Steinmeiers Amtszeit endet im März 2026. – Foto: Bundesregierung, Steffen Kugler

Auch Steinmeier erinnerte an die friedliche Revolution der Ostdeutschen für Freiheit und Demokratie, er blickte mit Sorge auf diejenigen, die sich enttäuscht von der Demokratie abwenden, mahnte eine Rückkehr zu einer echten Streitkultur an und warnte mit Blick auf soziale Medien vor „einer schrillen Emotionalisierung“ und zugleich die Politik, Mut zu Reformen und Selbstkritik zu haben. Und Steinmeier warnte, es dürfe nicht zugelassen werden, dass in Deutschland erneut antijüdische Stimmungen um sich griffen und Jüdinnen und Juden um ihre Sicherheit fürchten müssten – mehr zu der Rede gibt es ausführlich hier.

Das Thema Demokratie, Freiheit und Zusammenhalt beschäftigte aber auch den neuen Mainzer Ministerpräsidenten Gordon Schnieder (CDU): „Der 3. Oktober ist ein Tag der Freiheit und der Demokratie“, betonte Schnieder in einer Stellungnahme zum Tage der Deutschen Einheit. Der Tag „erinnert uns daran, dass Freiheit und Zusammenhalt nicht selbstverständlich sind“, unterstrich er, und mahnte: „Es ist dem Mut und der Sehnsucht der Menschen in der damaligen DDR zu verdanken, dass die Mauer gefallen ist. Ihr friedlicher Ruf nach Freiheit und Demokratie ebnete den Weg für das, was wir heute gemeinsam feiern.“

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OB Haase erinnert an Flucht seiner Familie aus der DDR

Schnieder war nicht der einzige, dessen Gedanken sich zurück auf jene Tage richteten: Der Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) veröffentlichte am späten Samstagabend ein sehr persönliches Statement zum Festtag der Einheit, das stark geprägt war von seiner Familiengeschichte. Denn Haases Eltern kamen 1984 aus der DDR, ausgewiesen als Staatsfeinde samt ihrem Sohn Nino Haase, der damals gerade ein Jahr alt war. Haase wuchs im hessischen Obertshausen auf, studierte in Mainz Chemie und ist seit März 2023 Oberbürgermeister von Mainz. Die Geschichte seiner Familie aber hat ihn tief geprägt – sein zutiefst persönliches Statement dokumentieren wir deshalb im Wortlaut:

„Ein Foto von 1984: Meine Eltern (Papa ganz links, Mama rechts) kommen als frisch ausgewiesene Staatsfeinde aus dem Sozialismus der DDR in der BRD an. 2 schnell zusammengepackte Koffer, ich im Kinderwagen. Das war es. 6 Jahre später dann die Wende.

Familie Haase nach der Ausbürgerung aus der DDR bei ihrer Ankunft in Westdeutschland. - Foto: Nino Haase privat
Familie Haase nach der Ausbürgerung aus der DDR bei ihrer Ankunft in Westdeutschland. – Foto: Nino Haase privat

Dann mehr als 2 Jahrzehnte des Zusammenwachsens. Ich hatte den Eindruck, das wir auf einem guten Weg in Deutschland sind. Allerdings oft ohne grundlegendes Verständnis für viele Menschen in den neuen Bundesländern und deren Geschichte. Oft waren viele Jahrzehnte der Arbeit, des Einsatzes, nichts mehr wert nach der Wende. Die Firmen, die Biografien waren einfach weg. Das ist ein großes Problem. Und nun kommen die politischen Rattenfänger und greifen das ab.

Heute höre ich leider wieder öfter „ach, die da drüben“… 🤷🏻‍♂️ Wir sind ein Land mit EINEM Grundgesetz, mit einem Ziel. Aber natürlich mit unterschiedlichen Geschichten. Diese Demokratie ist ein Segen. Sie ermöglicht allen die politische Mitsprache. Ja, sie ist kompliziert und manchmal wirkt sie ineffizient. Aber sie schützt auch die Schwachen und ermöglicht einem jeden, jedes politische Amt erreichen zu können. Egal, woher man kommt. 🙏🏻

Das Kind in dem Kinderwagen ist 38 Jahre später OB einer Landeshauptstadt. Geboren in Dresden, gewählt in Mainz. In welchem anderen Land kann das gelingen?
Gerade am 3. Oktober geht es um das Zusammen. Und das Besinnen darauf, was wir alles schon geschafft haben. Ja, aktuell sind die Herausforderungen groß. Aber ich glaube gerade an diesem Tag an die Stärke dieses Landes: Wegen seiner Vielfalt und wegen seiner Lust auf Herausforderungen. Lasst uns in diesem Sinne an unserer Zukunft arbeiten. 👍🏻👍🏻👍🏻 „

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Mainzer Ranzengarde beim Tag der Offenen Tür in Berlin

Schnieder war übrigens nicht allein nach Bremen gereist: „Am Tag der deutschen Einheit vertreten sieben engagierte Bürgerinnen und Bürger Rheinland-Pfalz als Bürgerdelegation in Bremen“, teilte der Ministerpräsident mit: „Sie stehen stellvertretend für die Vielfalt des ehrenamtlichen Engagements im Land: von der Integrationsarbeit über Naturschutz und Jugendarbeit bis zur Hospizbegleitung und Stärkung des Zusammenhalts im ländlichen Raum. Auch das außerordentliche Engagement nach der Flutkatastrophe im Ahrtal ist vertreten.“

Mainzer Ranzengarde am 03. Oktober in Berlin auf dem Weg zur rheinland-pfälzischen Landesvertretung. - Video: Ranzengarde
Mainzer Ranzengarde am 03. Oktober in Berlin auf dem Weg zur rheinland-pfälzischen Landesvertretung. – Video: Ranzengarde

In Berlin wiederum öffnet traditionell am Tag der Deutschen Einheit auch die rheinland-pfälzische Landesvertretung ihre Türen für Gäste. Knapp 3.000 Besucher konnten dort „ein vielseitiges Programm mit regionalen Spezialitäten, ökologischem Wein, touristischen Informationen, Kunst und Einblicken in die politische Arbeit“, erleben, sagte Staatssekretär Torsten Welling, Bevollmächtigter des Landes beim Bund – und konnte sich über besondere Gäste aus Mainz freuen: Zu Besuch war nämlich eine große Abordnung der Mainzer Ranzengarde – natürlich samt Musikzug und Trommlern.

Info& auf Mainz&: Wer die gesamte, durchaus bemerkenswerte Reder von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier noch einmal komplett hören will, findet hier ein Video im Internet. Wer lieber liest, findet hier den kompletten Redetext.