Hier ist „aus der Reihe tanzen“ nun wirklich Programm: Wenn die Meenzer Jägergarde zum Ordensempfang ruft, dann bekommen die Orden die Gäste, den Spott die Ehrengäste, und prämiert wird, wer Selbstironie beweist und sich selbst einlädt. Nein, die Jägergarde ist wahrlich nicht „normal“ – wie könnte sie auch, wenn das einzige Mitglied 2,04 Meter groß ist und gleichzeitig Generalfeldmarschall und Mobbing-Beauftragter. „Fastnacht ist dafür da, alles auf den Arm zu nehmen“, sagt Bernd Frank, „und wenn es die Fastnacht selber ist.“

Verlieh den "Arschkriecher-Friedenspreis" an US-Präsident Donald Trump: Bernd Frank, einziges Mitglied der "Meenzer Jägergarde". - Foto: gik
Verlieh den „Arschkriecher-Friedenspreis“ an US-Präsident Donald Trump: Bernd Frank, einziges Mitglied der „Meenzer Jägergarde“. – Foto: gik

Nichts ist so Ernst, wie der Spaß in der Fastnacht, sagt ein Mainzer Sprichwort gern, tatsächlich haben vielerorts längst Hierarchien und Regeln die eigentlich so typische närrische Anarchie verdrängt. Der Ursprung der Narretei ist es, das Untere zuoberst zu kehren, die Welt auf den Kopf zu stellen und den Autoritäten den Spiegel vorzuhalten – in Zeiten von Diktatoren, Kriegen der Macht und schwindender Freiheit ist das wichtiger denn je.

„Ich wollte ja noch Präsident Trump einladen und ihm den Friedenspreis verleihen“, sagt der Gastgeber des Abends – und präsentiert eine extra-große Flasche Jägermeister als „Arschkriecher-Friedenspreis“. Der Einmarsch erfolgt natürlich durch das Ein-Mann-Trommlercorps der Jägergarde, der Narrhallamarsch wird von den Gästen auf der Kazoo gespielt, und der Präsident bekennt, er sei gleichzeitig „fürs Mobbing zuständig“ – Willkommen bei der Meenzer Jägergarde.

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Ordensempfang mit „Anti-Orden“ für Selbstironie für Aron

Seit 2014 zelebriert und karikiert der Mainzer DJ, Grafiker und Autoschrauber Bernd Frank das Gardewesen der Mainzer Fastnacht: Frank gründete aus einer Jägermeister-Laune heraus die „Meenzer Jägergarde“ und verhängte gleich auch einen Aufnahmestopp. Bis heute ist die Jägergarde die wohl einzige Ein-Mann-Garde der Republik, was den einen Amtsinhaber gehörig ins Schwitzen bringt: 25 Fastnachtsveranstaltungen hat er schon hinter sich, und dabei ist es erst der 13. Januar.

Verleihung des "Meenzer Hirschen" an den Gonsenheimer Ortsvorsteher Josef Aron. - Foto: gik
Verleihung des „Meenzer Hirschen“ an den Gonsenheimer Ortsvorsteher Josef Aron. – Foto: gik

50 Vereine kamen am Dienstagabend nach Gonsenheim, um der kuriosesten Mainzer Garde ihre Reverenz zu erweisen, wer eine Verbeugung vor Ehrengästen erwartet hatte oder gar Applaus für wahlkämpfende Politiker: Pustekuchen. „Hier ist jeder gleich, egal ob Präsident oder Büttenschieber“, stellt Gastgeber Frank klar, und schiebt gleich hinterher: „Den von der Politik begrüße ich jetzt nicht – er hat sich nämlich selbst eingeladen, deshalb: tut mir Leid.“

„Der von der Politik“ heißt Josef Aron, ist Ortsvorsteher des Mainzer Stadtteils Gonsenheim und beendet im August 2024 Jahren die Ära der CDU-Ortsvorsteherin Sabine Flegel – was den Grünen lakonisch zu der Bemerkung veranlasste: „Es hat sich in Gonsenheim nichts verändert – es ist immer noch ein Schwarzer im Rathaus.“ Weil Aaron selbst dunkelhäutig ist, und diesen Satz zu niemand anderem als Bernd Frank sagte, hatte er den Salat: Am Dienstagabend bekam er den „Meenzer Hirsch“ überreicht, den von Frank selbst ins Leben gerufenen „Anti-Orden“ für Menschen, die sich selbst auf den Arm nehmen und sich möglichst dreist selbst bewerben.

 

Wenn ein Schwarzer sich selbst grün ist und nicht Rot werden kann

Dass Aron das beherrscht, machte er umgehend klar: „Ich freue mich, dass ich mich selbst eingeladen habe“, sagte der Grünen-Politiker, der gerade auch im Landtagswahlkampf steckt, und fügt süffisant hinzu: „Die Gonsenheimer wollten nicht weg von Schwarz, deswegen haben sie mich gewählt.“ Immerhin habe das einen Vorteil, betonte Aaron sehr zum Vergnügen des Publikums: „Ich kann nicht Rot werden.“

Ein "Meenzer Hirsch>" für den Oberindianer von Mainz-Finthen, Christian Weil. - Foto: gik
Ein „Meenzer Hirsch>“ für den Oberindianer von Mainz-Finthen, Christian Weil. – Foto: gik

So ist das eben bei der Jägergarde: Ausgezeichnet wird hier Selbstironie und das Lachen über die eigenen Eitelkeiten. Woanders hieße es immer „ich habe dies geleistet, ich habe das geleistet – es ist ein Graus“, schimpfte Frank: „Für so etwas auszeichnen? Vergesst es einfach!“ Geehrt werden hier die, die wirklich etwas leisten, und so werden Ralf Engelhardt vom Finther Edeka-Markt samt Partnerin Daniela Schreiber flugs zu „Hofcaterern“ ernannt – sie stifteten höchst verdienstvoll das Buffet des Abends.

„Nun steh‘ ich hier als Reservist, der auch noch Finther ist“, reimte da flugs ein anderer Bewohner des Bergdorfes, und erklärte prompt: „Mein Bergmarschall hat mich zum obersten Indianer von Finthen ernannt“ – das war ein klarer Fall für einen weiteren „Meenzer Hirschen“. Wegen einer Namensverwirrung kreierte Weil gleich noch den „Ich bin’s-Orden“ und bekannte, er habe die Meenzer Jägergarde bei der Reise zum Marktfrühstück vom Stuhl gestoßen – alle Achtung, das muss man bei 2,04 Metern erst einmal schaffen.

 

Tanzgruppe für die Jägergarde mit orangenem Tüllrock

Apropos Größe: „Wenn Du zum Empfang des Ministerpräsidenten am Fastnachtsdienstag eingeladen bist“, sprach der „Oberschlappeflicker“ von Drais, „dann wollen wir dafür sorgen, dass Ihr Euch auf Augenhöhe bewegt.“ Und dafür gab es römische Sandalen zum Unterziehen unter die Schuhe, denn Alexander Schweitzer ist bekanntlich 2,06 Meter groß. „Wir stellen deshalb zwei Zentimeter zur Verfügung“, sprachen die Draiser. Einziger Haken: Bernd Frank ist zum Empfang des Ministerpräsidenten noch gar nicht eingeladen…

Eine Tanzgruppe für die Meenzer Jägergarde mit Bernd Frank. - Foto: gik
Eine Tanzgruppe für die Meenzer Jägergarde mit Bernd Frank. – Foto: gik

„Die Gläser hoch, auf die Freundschaft, auf das Jetzt und noch viel mehr“, sangen da die KappellMainzer – in der Tat: Über die Jahre ist rund um die Meenzer Jägergarde eine eingeschworene Unterstützer – und Fangruppe entstanden. Dazu gehören natürlich diverse Julias, besitzt die Jägergarde doch den wohl einzigen Julia-Beauftragten der Fastnacht, aber auch die erste Trägerin des Meenzer Hirsches, Gabriele Ackermann.

Und die hatte eine besondere Überraschung für den Gastgeber im Gepäck: „Was ist die Einmannshow noch nicht?“, fragt Ackerman, und löste auch gleich auf: „Bernd ist noch kein Trainer und Choreograph einer Tanzgruppe“ – das musste natürlich umgehend geändert werden. Und so wurde der Jägergardist mit einem orangenem Tüllrock ausgestattet, und musste zum legendären „Macarena“ mit den Damen das Tanzbein schwingen, wobei natürlich fleißig aus der Reihe getanzt wurde. Da tobte der Saal, forderte Zugabe, und sang lauthals: „Oh, wie ist das schön, oh wie ist das schön!“

Laura Müller verzauberte auch auf dem ordensempfang der Meenzer Jägergarde. - Foto: gik
Laura Müller verzauberte auch auf dem ordensempfang der Meenzer Jägergarde. – Foto: gik

Ja, die Fastnacht in Meenz ist eben ein ganz besonderer Ausnahmezustand, und wen er erwischt, der verfällt ihm rettungslos: „Wenn uns dieses Fieber erwischt, und Gott Jokus wieder in unserer Mitte ist“, singt Laura Müller, die Frau mit der großen Stimme und dem besonderen Zauber darin: „Helau hier aus Mainz am Rhein, geliebte fünfte Jahreszeit. Jedes Jahr ist es der gleiche Zauber, doch er trifft mich immer neu. Helau hier aus Mainz am Rhein, für mich kann’s nirgendwo schöner sein. Wenn der Boden unter unseren Füßen pulsiert, wenn die Narren wieder durch die Gassen marschier’n: Helau!“

Info& auf Mainz&: Mehr zur Mainzer Jägergarde und dem Talent, über sich selbst zu lachen, lest Ihr hier auf Mainz&. das Video zum neuen Fastnachtslied von „Laura singt“ findet Ihr hier auf dem Mainz&-Facebook-Account.