Wenn die Römer ins Theater baten, war das keine leise Sache: Im Theater wurde geflötet und gerasselt, das Cornu setzte lautstark Akzente, eine Wasserorgel entfaltete gewaltige Klangteppiche – in der Antike ließ man es durchaus krachen. Dem widmet sich die „Unsichtbare Römergarde“ nun bei ihrem 5. Fest der Göttin Carna: Am 1. Juni lädt man zum 5. Mal zu den Carnarien – und natürlich gibt es wieder eine Ehrensenatorin: Passend zum Thema Theater wird dazu Marie-Luise Thüne ernannt, Chefin der Laien-Schauspieltruppe „Theater in der Römische Provinz“.

Amphitryon umgarnt Alkmene: Dirk Loomans als "Amphitryon" und Marie-Luise Thüne als "Alkmene" im Sommer 2024 - Foto: gik
Amphitryon umgarnt Alkmene: Dirk Loomans als „Amphitryon“ und Marie-Luise Thüne als „Alkmene“ im Sommer 2024 – Foto: gik

Es war im Juni 2024, als im Antiken Römischen Theater zu Mainz nach 2000 Jahren wieder klassische Verse erklangen: „Mich sendet Jupiter zu Euch, er hat Gewichtiges mitzuteilen!“ – Merkur, der Götterbote sprach’s, und vor den Augen und Ohren von rund 100 Zuschauern entfaltete sich die uralte Komödie des „Amphitryon“, das antike Verwirrspiel um Götter und Erdenmänner, um Liebe, Treue, Verrat und natürlich um die Liebe.

Zur Aufführung brachte den antiken Text in moderner, adaptierter Form die kleine Schauspieltruppe des „Theaters in der Provinz“, die seit 2015 von der Schauspielerin und Bühnenautorin Marie-Luise Thüne geleitet wird. Ein Jahr später gab das Ensemble an gleicher Stelle Aristophanes „Die Vögel“ – so groß war der Erfolg, dass sich die Schauspieltruppe in „Theater in der Römischen Provinz“ umbenannte und zur offiziellen Schauspielgruppe des heutigen Mogontiacum gekürt wurde.

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Fest der Carna: Göttin der Eingeweide und des Herzens

Nun wird Marie-Luise Thüne dafür zur 5. Ehrensenatorin der „Unsichtbaren Römergarde“ ernannt, jener subversiven und immer etwas unsichtbaren Fastnachtsgarde, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das antike römische Mainz auch in der Fastnacht – nun ja: sichtbar zu machen. Die Ehrung erfolgt im Rahmen des Festes der Göttin Carna: Das Fest wurde bei den Römern in der Antiek zu Ehren der Göttin der Bohnen und Eingeweide gefeiert, 2022 rief die Unsichtbare Römergarde es erstmals im modernen Mainz ins Leben.

Abbildungen der Göttin Carna als kleine Statuette und auf einer Münze. - Fotos: Vahl
Abbildungen der Göttin Carna als kleine Statuette und auf einer Münze. – Fotos: Vahl

„Carna war die Göttin des Herzens, Schutzgöttin der Gesundheit, und sie war über die Eingeweide der Menschen gesetzt“, erklärte Christian Vahl, seines Zeichens Herzchirurg und damals Chef der „Unsichtbaren Römergarde“. Carna war eine der kleineren und ältesten Gottheiten im altrömischen Pantheon, die später durch die Göttin Salus verdrängt wurde – in den Annalen wird Carna als Nymphe und Frau des doppelköpfigen Gott Janus geführt. Im alten Rom aber war Carna die Schutzgöttin der Eingeweide und der Verdauung – und zuständig für die Abwehr der Strygen, jener gruseligen Geiervögel, die das Blut von Neugeborenen saugen wollen.

Ovid machte Carna zur Göttin der Scharniere, die öffnet, was geschlossen ist, und schließt, was offen ist. Daraus wurde in späteren Zeiten die Göttin der Türangeln und des Schutzes gegen Vampire, ihre wichtigste Funktion aber war die Schutzmacht über Magen und Darm – zu ihrem Fest am 1. Juni feierte man mit Oliven und Schafskäse, mit den gerade frisch geernteten Bohnen und natürlich mit viel Wein – die Fässer in den Kellern mussten leer werden, um Platz für die kommende Ernste zu schaffen.

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Marie-Luise Thüne wird 5. Ehrensenatorin: Theater zum Leben erweckt

Jedes Jahr ernennt die „Unsichtbare Römergarde“ während des Festes einen Ehrensenator. der sich um die Wiedererweckung des antiken Mogontiacum und seines Alltags in der Moderne besonders verdient gemacht hat, so wurden bereits Ex-Kulturdezernent Peter Krawietz, der Journalist Bernd Funke, der Vorsitzende des Mainzer Automobil Clubs, Oliver Sucher, sowie die Archäobotanikerin Margarethe König geehrt.

Marie-Luise Thüne 2025 in der antiken Komödie "Die Vögel". - Foto: gik
Marie-Luise Thüne 2025 in der antiken Komödie „Die Vögel“. – Foto: gik

Zu den 5. Carnarien verneigt man sich nun vor Marie-Luise Thüne: „Sie leistet in hervorragender Weise, was wir als Credo haben: das Römische Theater zum Leben zu erwecken und in die Stadtgesellschaft zu integrieren“, begründete Christian Vahl die Ehrung im Gespräch mit Mainz&. Thüne bringe nicht nur die antiken Komödien zur Aufführung, sie schreibe die Stücke auch um und adaptiere sie auf die heutige Bühne und die moderne Zeit, ohne dabei den ursprünglichen Charakter zu verlieren. „Sie bringt Laien dazu, sich in begeisterter Weise der antiken Kultur zu widmen“, lobte Vahl.

Zugleich wollen die Carnarien 2026 denn auch daran erinnern, wie das antike Theater zur Römerzeit wirklich war. „Wir stellen uns das Römische Theater so vor, wie wir es kennen – dem war aber nicht ganz so“, sagt Vahl – die Aufführungen waren eben nicht nur reines Sprechtheater. „Im römischen Theater gab es aber auch immer Musikkomponenten, ein Römisches Theaterstück war ohne Musik als strukturierendes Element nicht denkbar“, erklärt Vahl, der auch Präsident des Vereins „Rettet das Römische Mainz“ ist, in dem unter anderem der frühere Landesarchäologe Gerd Rupprecht mitwirkt. Der Verein ist Schirmherr der Carnarien.

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Römische Theatermusik mit Flöten und Rasseln, Wasserorgel, Cornu

„Römische Theatermusik war ein zentraler, hochdynamischer Bestandteil der römischen Theaterkunst und glich in ihrer Funktion modernen Musicals oder Opern“, zitiert Vahl aus dem heute bekannten Wissen. Wichtige Instrumente waren dabei Flöten, für den Rhythmus gab es unterschiedliche Formen von Rasseln, neben Handrasseln auch das Scabillum, eine schwere Holz- oder Eisenklapper, die der Musiker mit dem Fuß schlug.

Archäologe Rainer Müllers mit dem Nachbau eines antiken Cornus, hier bei den Saturnalien. - Foto: gik
Archäologe Rainer Müllers mit dem Nachbau eines antiken Cornus, hier bei den Saturnalien. – Foto: gik

„Die Tibia war das wichtigste Instrument des römischen Theaters überhaupt“, berichtet Vahl: Das Blasinstrument mit Doppelrohrblatt ähnelte einer heutigen Oboe und wurde von einem Tibicen, dem Flötenspieler, gespielt. Für markante Signale erklang das Cornu, es kündigte Anfang und Ende an oder dramatische Momente im Stück. Gelegentlich seien auch Saiteninstrumente wie die Kithara oder die Lyra zum Einsatz gekommen, und in der späteren Kaiserzeit gar Wasserorgeln – sie erzeugten bei großen Arena-Spektakeln gewaltige Klangteppiche.

Auch Tanzeinlagen habe es in der Antike gegeben – womöglich ähnelte manches Stück in der Antike mehr unseren heutigen Musicals. Auf ganz ähnliche Weise hatte auch das „Theater in der Römischen Provinz“ vergangenes Jahr bei den „Vögeln“ Lieder und Gesang eingestreut, in diesem Jahr plant das Ensemble noch mehr solcher Elemente bei einer modernen Adaption des Aristophanes‘ Stückes „Die Frösche“.

Bei den Carnarien wird denn auch der Musikarchäologe Rainer Müllers Einblicke in das Thema Römische (Theater-)-Musik sowie die Funktionsweise von Cornu, Sistrum und anderen antiken Instrumenten geben – präsentiert auf Original-Nachbauten dieser Instrumente. Gefeiert wird erneut im Weingut Landenberger in der Adam-Karillon-Straße in der Mainzer Neustadt, los geht’s am 1. Juni um 18.00 Uhr.

Info& auf Mainz&: 5. Römerfest zu Ehren der Göttin Carna am 1. Juni 2026 im Bellini’s, dem Café am Weingut Landenberger in der Adam-Karillon-Straße 4 in Mainz. Start ist 18.00 Uhr, die Laudatio hält Dirk Loomans. Der Eintritt ist frei, um Anmeldung wird unter der Email-Adresse irm.medicom@gmail.com gebeten.

Mehr zum Fest der Göttin Carna und seiner Wiedergeburt im modernen Mainz könnt Ihr noch einmal hier bei Mainz& nachlesen:

Göttin des Herzens, Schutzgöttin der Gesundheit: Initiative Römisches Mainz feiert Fest der Göttin Carna