In zwei Wochen jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum fünften Mal, und bis heute ist längst nicht alles gut in dem kleinen Tal im Norden von Rheinland-Pfalz. Kommende Woche nun lädt der Presseclub Mainz zu einer Bilanz: „Fünf Jahre nach der Ahrflut – Welche Konsequenzen haben Politik, Verwaltung und Justiz gezogen?“ An dem Abend berichtet Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein, was sich seither getan hat, und wie die Lage im Ahrtal heute ist.

Das zerstörte Hotel Central in Altenahr Ende Juli 2021. - Foto: gik
Das zerstörte Hotel Central in Altenahr Ende Juli 2021. – Foto: gik

Es war die Nacht, als die Zivilisation im Ahrtal unterging. Neun Stunden lang wälzte sich eine Flutwelle am Nachmittag und Abend des 14. Juli 2021 durch das enge Ahrtal, bis zu zehn Meter türmten sich die Fluten an manchen Stellen empor – sie rissen Straßen und Schienen weg, ganze Brücken explodierten unter der Last von Wasser und Treibgut. Über 9.000 Gebäude wurden zerstört oder schwer beschädigt, viele standen bis zum Dach unter Wasser, andere wurde gar komplett von den Wassermassen mitgerissen.

Als die Sonne am Morgen des 15. Juli 2021 wieder aufging, harrten Tausende noch immer auf Dächern oder Balkonen aus, andere klammerten sich in Bäumen oder an einem Friedhofskreuz ans Leben, überlebten auf dem Dach eines Feuerwehrautos oder einer Zufallsinsel inmitten der Fluten. 136 Menschen verloren am Ende während der Flutnacht ihr Leben, eine Person davon ist bis heute vermisst. 17.000 Menschen verloren in der Flutnacht alles, den Wiederaufbau seither haben viele Bewohner im Ahrtal als quälend langsam erlebt.

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Fünf Jahre nach der Flut: Der Alptraum hat tiefe Spuren hinterlassen

Wer heute durch das Ahrtal reist, sieht ein zweigeteiltes Land: Da sind glänzende Neubauten und schön gestaltete Ortskerne, eine brandneue Zugstrecke samt Dämmen und  Bahnhöfen zieht sich durch das Tal. Weingüter verkaufen in ihren Vinotheken wieder Wein, Hotels haben wieder eröffnet, der Tourismus zieht spürbar wieder an – auch weil die Touristiker und Winzer im Ahrtal mit tollen Events nur so wirbeln.

Neue Bahnstrecke, neue Brücke, neue Häuser: Dernau im Juli 2026. - Foto: gik
Neue Bahnstrecke, neue Brücke, neue Häuser: Dernau im Juli 2026. – Foto: gik

Und doch ist auch fünf Jahre nach der Flut längst nicht alles gut im Ahrtal. Hinter den vielen neuen Fassaden wohnen Menschen, die die Flutnacht nicht vergessen können. Psychologen und Therapeuten werden heute mehr gebraucht denn je – der Alptraum jener Nacht sitzt tief. Der Verlust geliebter Menschen sitzt tief und ist oft unverwunden, wie gerade die ZDF-Reportage „Ein Tag im Juli“ eindrucksvoll zeigte: Die Dokumentation zeichnet den Ablauf des 14. Juli 2021 nach, vom ersten Tod der Feuerwehrfrau Katharina Kraatz bis zu den Toten im Behindertenheim in Sinzig morgens um 2.00 Uhr.

Und es waren gerade die Eltern von Katharina Kraatz, die in der Dokumentation zeigen, wie schwer das Leben auch heute noch ist: Wenn Udo Kraatz, ein gestandener Feuerwehrmann und ein Bär von einem Kerl, vor laufender Kamera weinend zusammensackt, gebrochen, verzweifelt, wenn seine Frau sagt, der Verlust habe „uns eben aus der Bahn geschmissen“ – dann bekommt man eine Ahnung davon, was die Menschen im Ahrtal seit fünf Jahren durchmachen.

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Irrsinnige Fragen, fehlende Aufarbeitung vor Gericht, Politikversagen

Die Verzweiflung hat nicht nur ihre Ursache in den Verlusten: sie speist sich auch aus einer Justiz, die jede Aufarbeitung vor Gericht verweigert, aus einer Politik, die nicht einmal ein Entschuldigung für das Versagen des Staates über die Lippen brachte, und einer Landesbank, die statt schneller und unbürokratischer Hilfe Antragsverfahren seit Jahren in Bürokratie und irrsinnigen Fragenkatalogen verschleppt – Beispiele wie die nach Stromzählern, die es längst nicht mehr gibt, oder der Form von Steckdosen, die keiner mehr braucht, gibt es Hundertfach.

Bauarbeiten am Ahrufer in Bad Neuenahr im Juli 2026: Mehr Hochwasserschutz gibt s bis heute nicht. - Foto: gik
Bauarbeiten am Ahrufer in Bad Neuenahr im Juli 2026: Mehr Hochwasserschutz gibt s bis heute nicht. – Foto: gik

Dass sich bis heute kein einziger Politiker vor Gericht dafür verantworten musste, dass es keine Alarm- und Einsatzpläne gab, dass Warnungen gar nicht oder viel zu spät ausgesprochen wurden, dass Menschenleben hätten gerettet werden können, wenn nur jemand von Staates Seite früher eingegriffen und Verantwortung übernommen hätte – dass nichts davon passiert ist, hat viele Menschen im Ahrtal bitter gemacht. Es hat auch das Vertrauen in Staat und Politik zutiefst erschüttert, in die Unabhängigkeit der Justiz sowieso.

Die Aufarbeitung im Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags ist damit bis heute die einzige offizielle Bilanz dessen. was in der Flutnacht geschah – und vor allem: was nicht geschah – das Buch dazu von Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein erschien im Oktober 2023. Fünf Jahre nach der Flut reiste Gisela Kirschstein gerade noch einmal durch das Ahrtal, sah Neubauten ebenso wie Ruinen, die seit fünf Jahren dort stehen.

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Bilanz im Presseclub Mainz: Wo steht das Ahrtal heute?

Fünf Jahre lang hat sie den Wiederaufbau begleitet und Menschen, die ihre Liebsten verloren, hat mit Politikern gesprochen und Experten für Hochwasser und Katastrophenschutz, mit Juristen und Winzern. Am 09. Juli 2026 zieht sie nun im Presseclub Mainz Bilanz: Wo steht das Ahrtal heute? Was ist gut gelaufen, und was nicht?

Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein in der ZDF-Doku "Ein Tag im Juli" zum fünften Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal. Nun zieht sie im Presseclub Mainz Bilanz. - Screenshot: gik
Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein in der ZDF-Doku „Ein Tag im Juli“ zum fünften Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal. Nun zieht sie im Presseclub Mainz Bilanz. – Screenshot: gik

Denn noch immer müssen Kindern in Containern lernen, sind Kitas nicht wieder aufgebaut, gähnen Böschungen, wo einst Brücken über die Ahr führten. In Koblenz steht heute eine Landesamt für Katastrophenschutz, das rund um die Uhr die Lage im Land beobachtet, seine Feuertaufe steht noch aus: Werden die Menschen bei der nächsten Katastrophe wirklich besser und vor allem frühzeitiger gewarnt? Sicherer ist das Ahrtal heute nicht: Im Hochwasserschutz stehe man noch exakt genauso da, wie vor fünf Jahren, bescheinigten Experten gerade Mainz&, und beim Wiederaufbau wurde die Wiederherstellung des Status Quo diktiert – sonst gab es kein Geld.

Zeit also, Bilanz zu ziehen – das tun wir am 9. Juli 2026, um 19.00 Uhr im Beichtstuhl in der Kapuzinerstraße in Mainz. Wer sich noch einmal in das Thema einlesen oder einschauen möchte, dem sei das Buch „Flutkatastrophe Ahrtal – Chronik eines Staatsversagens“ empfohlen, oder die sehenswerte ZDF-Doku, in der Gisela Kirschstein ebenfalls ausführlich zu Wort kommt. Wir freuen uns auf einen spannenden Abend mit Euch! Der Presseclub bittet um Anmeldung unter buero@presseclub-mainz.de.

Info& auf Mainz&: Clubabend Presseclub Mainz am Donnerstag, den 09.07.2026 zum Thema „Fünf Jahre nach der Ahrflut. Welche Konsequenzen haben Politik, Verwaltung und Justiz gezogen?“ mit Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein, 19.00 Uhr im Beichtstuhl in der Kapuzinerstraße in Mainz. Der Abend findet im 1. Stock statt, es gibt keinen Aufzug – und im Beichtstuhl ist nur Kartenzahlung möglich. Alles zum Ahrtal findet ihr in unserem Mainz&-Dossier zur Flutkatastrophe im Ahrtal, mehr zur ZDF-Doku hier:

Ein Tag im Juli: Bewegende ZDF-Doku rekonstruiert die Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 – Mainz&-Journalistin als Expertin dabei