Die Entschuldigung kam an einem lauen Sommerabend auf dem Marktplatz von Ahrweiler. Am fünften Jahrestag der Flutkatastrophe sagte Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) die Worte, auf die das Ahrtal so lange vergeblich gewartet hatte: Der Ministerpräsident bat um Entschuldigung für das Versagen des Staates, seine Bürger in der Flutnacht des 14. Juli 2021 eben nicht geschützt zu haben. „Menschen sind fehlbar“ sagte Schnieder – Mainz& dokumentiert die Rede im Wortlaut. Zuvor hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gut abgewogene Worte gefunden, auch er unterstrich das Schutzversprechen des Staates.

Vor fünf Jahren, genau am 14. Juli 2026 um diese Zeit, schob sich bereits eine meterhohe Flutwelle durch das Ahrtal. Bereits zwischen 17.00 Uhr und 18.00 Uhr starben die ersten Menschen auf einem Campingplatz in Dorsel, gegen 19,30 Uhr erreichte die sich immer höher auftürmende Flutwelle Dorsel, gegen 22.30 Uhr die Altstadt von Ahrweiler. Noch um 2.00 Uhr morgens starben im Lebenshilfehaus in Sinzig 12 behinderte Menschen im Erdgeschoss der Einrichtung, weil sie niemand evakuiert hatte.
Drei Jahre lang hatte ein Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags die Versäumnisse der Flutnacht minutiös aufgearbeitet, hatte aufgezeigt, wie sehr staatliche Stellen und Akteure vor allem in der Landespolitik versagt hatten. Lange hatten die Menschen im Ahrtal darauf gewartet, dass irgendein Verantwortlicher in der Mainzer Landesregierung Verantwortung dafür übernehmen würde, dass Fehler eingestanden werden würden – und dass eine Ministerpräsidentin oder ein Ministerpräsident einfach mal sagen würden: Sorry, wir haben es verbockt. Wir entschuldigen uns bei Euch.
Schnieder: „Der Staat hat in dieser Nacht versagt“
Jetzt, am fünften Jahrestag der Flutkatastrophe, passierte genau das. Und es brauchte einen neuen Ministerpräsidenten einer neuen Partei dafür, diesen Schritt zu tun: Gordon Schnieder hatte im Wahlkampf versprochen, werde er Ministerpräsident, vom ihm werde es eine Entschuldigung geben. Seit dem 18. Mai ist der CDU-Politiker Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz, nur zwei Monate später wählte er den Jahrestag, um sein Versprechen wahr zu machen.

Vor den gut gefüllten Zuschauerreihen des Marktplatzes von Ahrweiler erinnerte Schnieder in seiner Rede an die 136 Menschen, die die Flut in jener Nacht mit sich rissen. „Auch fünf Jahre danach bleibt die Flutnacht einfach nur schrecklich“, sagte Schnieder, und fuhr fort: „Sie, die Menschen, die so großes Leid erfahren mussten, spreche ich direkt an. Ihnen sage ich: Menschen sind fehlbar. Organisationen und Institutionen sind fehlbar.“
Und Schnieder weiter: „Es war Fehlbarkeit, die dazu führte, dass das Ahrtal nicht auf diese Katastrophe vorbereitet war. Es war Fehlbarkeit, die dazu führte, dass so viele Menschen gestorben sind. Es war Fehlbarkeit, dass das Leid in dieser Schicksalsnacht nicht abgemildert wurde.“ Und dann sagte Schnieder: „Es ist das Versprechen und die Zusage des Staates, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Dieses Versprechen wurde nicht eingehalten. Der Staat hat in dieser Frage und in dieser Nacht versagt.“
„Dafür bitte ich als Ministerpräsident um Entschuldigung“
Bereits nach diesem Satz gab es Applaus, doch Schnieder war noch nicht fertig: „Dafür bitte ich als Ministerpräsident um Entschuldigung.“ Das wurde mit noch lauterem Applaus quittiert. Da war er, der lange entbehrte Satz der Entschuldigung von Staats wegen, und Schnieder formulierte ihn analog zu dem, was ein Gutachter im Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe im Ahrtal gesagt hatte: „Es ist die vornehmste Aufgabe des Staates, das Leben seiner Bürger zu schützen“, sagte der Bielefelder Staatsrechts-Professor Christoph Gusy im September 2022 – bei dieser Aufgabe habe der Staat in der Flutnacht versagt.

Der Ausdruck des „Staatsversagens“ war damit in der Welt, dass Schnieder ihn nun in seinen eigene Worten zur Grundlage seiner Entschuldigung machte, verlieh seinen Worten Gewicht: Der Ministerpräsident gestand ein, dass der Staat darin versagt hatte, das Leben seiner Bürger zu schützen und zu retten. Und Schnieder betonte, diese Nacht sei „für unser Bundesland eine Zäsur: Diese Nacht teilt die Zeit, insbesondere hier im Ahrtal, in ein Davor und ein Danach.“
Ja, es gebe Fortschritte, aber „gleichzeitig gibt es noch so viele Narben und Wunden, die unsichtbar sind: Seelische Wunden, Traumata, schmerzvolle Erinnerungen“, sagte Schnieder weiter. Und er machte deutlich, dass dies für ihn keine leeren Worte sind: „Ich habe ein Versprechen gegeben, das gilt: Ich werde das Ahrtal nicht vergessen“, betonte Schnieder: „Ihre Region ist und bleibt mein Schwerpunkt und der meiner Landesregierung: Wir schauen genau hin und bleiben dran.“
Merz: „Sie hier im Ahrtal teilen Erfahrungen, die unvorstellbar sind“
Das gelte für das Unsichtbare – die psychosozialen Hilfen – genauso wie für das Sichtbare – den Wiederaufbau. „Meine Landesregierung hat Ihre Region fest im Blick und will wissen, was gebraucht wird, wo es hakt und wo es so gut gelungen ist, dass es zur Blaupause dienen kann. ‚Erst zuhören, dann handeln“ leitet uns“, so der Ministerpräsident weiter: „Ich weiß, diese fünf Jahre haben tiefe Spuren hinterlassen.“ Und doch seine da immer noch Helfer, , es gebe „eine Verbundenheit mit dem Tal, die schwer in Worte zu fassen ist“, sagte Schnieder. Für ihn sei es ein „Auftrag zum Handeln: für Schutz, Zusammenhalt und Verantwortung.“

Auf dem Marktplatz war es bei den Worten mucksmäuschenstill, zuvor hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in einer kurzen Ansprache ebenfalls vom „Tag der Trauer“ gesprochen, und an die Toten der Flutnacht erinnert. „Sie hier im Ahrtal teilen Erfahrungen, die unvorstellbar sind für die meisten Menschen in unserem Land, die auch für mich unvorstellbar sind“, sagte Merz. Die Bilder der Nacht hätten sich eingeprägt, „aber was wir auf ihnen nicht sehen können“, sagte Merz weiter, „das ist das Grollen der Wassermassen. Das Geräusch von berstenden Hauswänden und splitterndem Holz. Das Schrillen unzähliger Alarmanlagen. Und vor allem die Hilfeschreie von Menschen in Not.“
Was man auf den Bildern nicht sehen könne, „was wir nur versuchen können nachzuempfinden, das ist das Entsetzen, die Todesangst, die Angst, die um sich griff, als das Wasser immer weiter stieg“, sagte der Kanzler weiter: „Ich kann auch selbst nur versuchen nachzuempfinden, wie sich das Leben derer änderte, die das erleben mussten.“
„Ein Land, das Anspruch hat, keinen Menschen schutzlos zu lassen“
Und dann zog auch Merz die Linie zum großen Schutzversprechen des Staates. „Die Bundesrepublik Deutschland, ist gegründet worden als ein Land, das sich selbst den Anspruch gegeben hat, keinen Menschen alleine zu lassen „, sagte Merz, „ein Land, das den selbst genutzten Anspruch hat, keinen Mensch schutzlos zu lassen, gegenüber Naturgewalten, gegenüber menschlicher Gewalt, gegenüber Willkür, Schicksalsschlägen, Grausamkeit. Keinen Mann, keine Frau, kein Kind.“

Freiheit und Sicherheit seien „die Grundversprechen unseres Landes, das ist die Legitimationsgrundlage unseres Staates§, betonte der Kanzler: „Es ist die Pflicht, staatlicher Organisationen, Vorsorge zu treffen, wo Gefahren drohen, die die Vorsorgekraft des Einzelnen übersteigen. Kein Mensch, keine Stadt, keine Region darf und soll in unserem Land alleine bleiben mit der Furcht vor Katastrophen und Naturgewalten. Mit der Furcht vor den Folgen des Klimawandels, den wir erleben.“
Merz war zu Beginn auf dem Marktplatz sogar von einigen Teilnehmern mit Buhrufen empfangen worden, nach seiner Rede wurden die aber nicht wiederholt. „Gedenken richtet den Blick zurück, aber es darf uns dort nicht festhalten“, mahnte zudem der Bürgermeister von Bad Neuenahr, Pascal Rowald: Die Region sei noch immer „mittendrin“ – „mittendrin in schwierigen Gesprächen, langen Genehmigungsverfahren, in Baustellen, im Improvisieren.“
„Vielen Dank für diese Entschuldigung!“
Und wenn dabei Bundeskanzler und Ministerpräsident „wahrhaftig an unserer Seite sind, dann macht das Mut, das macht Hoffnung, das gibt Halt“, betonte Rowald. Und schließlich bedeute der Blick nach vorne „nicht, das Vergangene zu vergessen“, sondern Neues abzuleiten für das Kommende, für einen Wiederaufbau, der verbessere. „Wir haben gezeigt, dass Solidarität keine abstrakte Idee ist“, betonte Rowald. „Sie hat Gesichter, sie hat Hände und vor allem Herzen. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar.“

„Die Katastrophe, die hier geschehen ist, hat das Beste Ihrer Region, hat das Beste unserer Gesellschaft hervorgebracht“, sagte auch Merz: „bedingungslose Hilfsbereitschaft, ein stärkendes Miteinander.“ Viele Menschen hätten in der Flutnacht und in den Folgetagen „Unglaubliches geleistet: Sie haben geholfen, wo die Not am Größten war, bisweilen unter Einsatz des eigenen Lebens, unter größten Gefahren an Leib und Leben“, würdigte der Kanzler die Helfer, und schloss: „Heute ist ein Tag auch von Heldinnen und Helden.“
An die Reden schloss sich ein ökumenischer Gottesdienst an, danach mischten sich Merz und Schnieder noch eine Weile unter die Besucher auf dem Marktplatz. Es sei „eins ehr bewegender Abend“, sagte Merz im Gespräch mit Mainz&, aber die Katastrophe zeige auch, „wozu unser Land fähig ist“, sagte der Kanzler mit Blick auf Hilfsbereitschaft und Solidarität. Derweil sah sich Schnieder von Menschen umringt, die vor allem ein Anliegen hatten: „Sie sind der erste, der sich entschuldigt hat“, sagte ein älterer Herr: „Vielen Dank für die Entschuldigung!“
Info& auf Mainz&: Mehr zum fünfen Jahrestag der Ahrflut lest Ihr in einer Bilanz hier auf Mainz&, mehr zum Gedenken am fünften Jahrestag haben wir hier aufgeschrieben. Mainz& dokumentiert im Folgenden die Rede von Ministerpräsident Gordon Schnieder in voller Länge im Wortlaut.
Die Rede von Ministerpräsident Gordon Schnieder im Wortlaut
Heute sind so viele Gäste hier, um Anteil zu nehmen und gemeinsam zu gedenken. Ich begrüße unseren Herrn Bundeskanzler – es tut gut, Sie heute bei uns zu wissen.
Für den rheinland-pfälzischen Landtag darf ich Herrn Lammert begrüßen.
Auch ist es ein wichtiges Zeichen, dass so viele Kabinettsmitglieder gekommen sind – ich grüße stellvertretend Frau Bätzing-Lichtenthäler.
Und ich sehe viele Menschen, die hier leben und Verantwortung übernommen haben. Stellvertretend für Sie alle grüße ich Sie herzlich, lieber Herr Rowald, und Sie, liebe Frau Weigand.
Wir sind zusammengekommen, um innezuhalten. Heute im Tal gedenken wir gemeinsam an die Nacht, die bis heute Schmerz und Trauer hinterlassen hat.
Vom 14. auf den 15. Juli 2021 ist das Unvorstellbare passiert. Allein hier im Ahrtal riss die Flut 135 Menschen aus dem Leben. Alle 136 Menschen, die die Flut mit sich nahm, waren Menschen mit Träumen und Zukunftsplänen; sie wussten nicht, dass diese Nacht ihre letzte sein würde. Ihnen wurde das Leben von jetzt auf gleich genommen. Ihnen gilt unser Gedenken. Wir werden sie nie vergessen.
Jede und jeder von ihnen fehlt. Mein ganzes Mitgefühl gilt allen, die diesen Menschen verbunden waren. Hinter jeder Toten, hinter jedem Toten stehen Familien, Freunde, Nachbarn und Kollegen. Heute zeigen wir mit dem Gedenken: Wir sehen Sie und Ihren unsagbaren Verlust.
Auch fünf Jahre danach bleibt die Flutnacht einfach nur schrecklich. Der Blick zurück schmerzt. Und ich kann verstehen, wenn manche lieber nicht zurückschauen wollen; zugleich weiß ich auch: Andere brauchen dieses Gedenken; brauchen, dass wir zusammenkommen. Wenn ich mit Menschen im Tal spreche, spüre ich sehr oft: Sich gemeinsam erinnern hilft und tröstet – nicht nur am Jahrestag. Gedenken ist für mich deshalb kein einmaliger Termin, es ist eine Verpflichtung den Menschen im Ahrtal gegenüber – und allen gegenüber, die die Flut in unserem Land traf.
Sie, die Menschen, die so großes Leid erfahren mussten, spreche ich direkt an. Ihnen sage ich: Menschen sind fehlbar. Organisationen und Institutionen sind fehlbar. Es war Fehlbarkeit, die dazu führte, dass das Ahrtal nicht auf diese Flutkatastrophe vorbereitet war. Es war Fehlbarkeit, die dazu führte, dass so viele Menschen gestorben sind. Es war Fehlbarkeit, dass das Leid in dieser Schicksalsnacht nicht abgemildert wurde. Es ist das Versprechen und die Zusage des Staates, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Dieses Versprechen wurde nicht eingehalten. Der Staat hat in dieser Frage versagt. – Dafür bitte ich als Ministerpräsident um Entschuldigung.
Für unser Bundesland war und bleibt diese Nacht eine Zäsur. Diese Nacht teilt die Zeit, insbesondere hier im Ahrtal, in ein Davor und ein Danach.
Und ich weiß auch aus meinen Begegnungen, dass man nicht einfach nur nach vorne schauen kann. Ja, es gibt das Sichtbare, das sich in den großen Fortschritten des Wiederaufbaus zeigt; die Baustelle im Kurpark ist einer dieser Fortschritte, genauso wie die Ahrtalbahn. Jedoch gibt es gleichzeitig noch so viele Narben und Wunden, die unsichtbar sind: Seelische Wunden, Traumata, schmerzvolle Erinnerungen.
Die Zeit jetzt, fünf Jahre danach, ist auch die Zeit, wo es bei dem einen oder anderen stiller werden kann, weil das eine oder andere geregelt und organisiert ist. Dann kommen Gedanken und Erinnerungen auf, die Raum suchen. Es muss dann diesen Raum geben, in denen mitfühlendes Zuhören da ist, in dem Menschen sich unterstützen, wenn es gebraucht wird – sei es untereinander, sei es über Hilfen.
Ich habe ein Versprechen gegeben, das gilt: Ich werde das Ahrtal nicht vergessen. Ihre Region ist und bleibt mein Schwerpunkt und der meiner Landesregierung: Wir schauen genau hin und bleiben dran. Das gilt für das Unsichtbare – die psychosozialen Hilfen – genauso wie für das Sichtbare – den Wiederaufbau.
Meine Landesregierung hat Ihre Region fest im Blick und will wissen, was gebraucht wird, wo es hakt und wo es so gut gelungen ist, dass es zur Blaupause dienen kann. „Erst zuhören, dann handeln“ leitet uns.
Als Land brauchen wir deshalb Menschen, die wissen, wie es vor Ort wirklich aussieht und was gebraucht wird. Ganz besonders gelingt Zukunft, wo Kommunen und Land eng miteinander zusammenarbeiten.
In der Ahr-Region geht es voran, weil viele – privat wie staatlich – zuhören und Wege finden, dass Hilfen ankommen und so überhaupt sicherer, nachhaltiger wiederaufgebaut werden kann.
Mein tiefer Dank gehört den Menschen. Den Ahrtalerinnen und Ahrtalern, die ihre Heimat unermüdlich wieder aufbauen, den damaligen und heutigen Helferinnen und Helfern und auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Verwaltung.
Gerade in den Wochen unmittelbar nach der Flutkatastrophe ist das Tal zum Sinnbild lebendigen Zusammenhalts geworden.
Ich weiß, diese fünf Jahre haben tiefe Spuren hinterlassen. Und trotzdem sind Einige von Ihnen immer noch da und helfen mit. Diese Verbundenheit mit dem Tal ist schwer in Worte zu fassen – sie steht für sich.
Heute liegt es an uns, dass wir gemeinsam hinschauen und den Weg weitergehen; dass wir die Zuversicht einladen und die Menschen, die Hilfe benötigen, fest im Blick behalten.
Lassen Sie mich mit dem Gedanken schließen: Wenn wir heute hier zusammenkommen und gedenken, dann liegt darin unser Auftrag zum Handeln: für Schutz, Zusammenhalt und Verantwortung. Herzlichen Dank.“








