Am 14. Juli 2021 rollte eine bis zu zehn Meter hohe Flutwelle durch das Ahrtal. Sie riss ganze Häuser mit und Straßen, pulverisierte Brücken und kostete 136 Menschen das Leben. Am morgigen Dienstag jährt sich die Katastrophe zum 5. Mal, zum Jahrestag kommen Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Es gibt Sondersendungen, wo viele bundesweite Medien sich lange nicht blicken ließen – aber was ist wirklich passiert in den fünf Jahren im Ahrtal? Eine Bilanz von Buchautorin und Mainz&-Chefin Gisela Kirschstein.

Das Hotel zur Post in Altenahr am 1. Juli 2026, fünf Jahre nach der Ahrflut. - Foto: gik
Das Hotel zur Post in Altenahr am 1. Juli 2026, fünf Jahre nach der Ahrflut. – Foto: gik

Das Hotel zur Post direkt an der Ahr ist noch immer eine Ruine. Wo einst ein schmuckes Schwimmbad mit Blick auf die Ahr die Gäste verwöhnte, klafft eine leere Fensterfront, dämmern noch immer schlammbespritzte Wände vor sich hin. Es ist der 1. Juli 2026, in wenigen Tagen jährt sich die Flutkatastrophe im Ahrtal zum fünften Mal, aber hier in Altenahr ist die Zeit ein Stück weit stehen geblieben.

Zu Füßen der malerischen Burgruine Are, mitten an einer der engsten Stellen des Tals, schlug einst das Herz des Ahrtal-Tourismus besonders laut. Gleich drei Hotels drängten sich an der Brücke, an der Ecke das Hotel Central – vor fünf Jahren ragten hier ganze Bäume aus dem Erdgeschoss, eingeschlagen wie Kanonenkugeln. Vergangenes Jahr konnte man noch durch die schlammbedeckte Ruine im Erdgeschoss schlendern. Heute steht das Hotel verbrettert da, ein „Lost Place“, ebenso wie das benachbarte Hotel zum Schwarzen Kreuz mit seiner malerischen Fassade und dem Weinkeller.

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Noch immer rund 440 Härtefälle bei Wiederaufbauhilfe

Gegenüber, im alten Bahnhof von Altenahr, telefoniert der Bürgermeister der Gemeinde bei offenem Fenster, auch bei ihm geht es um Genehmigungen und Hürden des Wiederaufbaus. Nebenan, in der Vinothek „Bahnsteig 1“, treffen sich seit einigen Monaten Betroffene einer Bürgerinitiative, die noch immer auf ihr Geld von der Wiederaufbauhilfe warten und an der Bürokratie der landeseigenen Investitions- und Strukturbank ISB verzweifeln – inzwischen hat das Land eingeräumt: 440 solcher „Härtefälle“ gibt es noch immer.

"Lost Place" in Altenahr: Das Hotel zum Schwarzen Kreuz 2025, getan hat sich hier bis heute nichts. - Foto: gik
„Lost Place“ in Altenahr: Das Hotel zum Schwarzen Kreuz 2025, getan hat sich hier bis heute nichts. – Foto: gik

Eine beispielhafte Chronologie auf der Homepage der „Initiative Bahnsteig 1“ demonstriert, wie ein Betroffener seit Juni 2022 mit der ISB und deren immer neuen Mängellisten und Anforderungen kämpft – bis heute. Inzwischen hat der neue Bauminister Sven Teuber (SPD) irgendwo im Radio offenbar gesagt, es solle nun eine direkte Ansprech-Adresse für solche Härtefälle geben – eine Pressemitteilung und damit eine breite Information der Medien dazu: nicht vorhanden.

Was also ist passiert im Ahrtal seit dem 14. Juli 2021? Und wieviel ist inzwischen „wieder gut“? Fährt man in diesen Tagen durch das enge, malerische Tal, so fällt vor allem eines auf: Viele, sehr viele Häuser erstrahlen in neuem Glanz. Gerade zwischen dem Jahrestag 2025 und heute ist ein Ruck durch das Tal gegangen, zumindest optisch. Daran hat die Deutsche Bahn einen großen Anteil: In Rekordzeit stellte sie die Ahrtalbahn wieder her, auch wenn die massiven Bahndämme stellenweise die komplette Optik bestimmen. Glänzende neue Gleise, neue Bahnsteige – es ist ein sichtbares Zeichen für den Neuanfang.

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Versprechen vom „schnellen und unbürokratischen“ Wiederaufbau

Der wird auch besonders an der unteren Ahr rund um Bad Neuenahr und Ahrweiler sichtbar: Die Innenstadt von Ahrweiler glänzt wie frisch gewienert, endlich ist auch die Kirche am Marktplatz renoviert – St. Laurentius war lange ein Mahnmal für all das, was im Tal nicht voran ging, röhrende Bautrockner und beißender Schlamm-Gestank inklusive. Am Dienstag wird der Marktplatz zur Bühne für das offizielle Gedenken zum 5. Jahrestag der Flutkatastrophe, sogar Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wird kommen – es ist sein erster Besuch im Ahrtal, während der Flut hatte Merz keine politische Verantwortung inne.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kurz nach der Flutkatastrophe zu Besuch in Schuld im Ahrtal, gemeinsam mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD, ganz rechts). - Foto: RLP
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kurz nach der Flutkatastrophe zu Besuch in Schuld im Ahrtal, gemeinsam mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD, ganz rechts). – Foto: RLP

Die Wiederaufbauhilfe organisierte seine Vor-Vorgängerin Angela Merkel (CDU), es war Merkel, die einen „schnellen und unbürokratischen Wiederaufbau versprach“ – gemeinsam mit der damaligen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Es gilt als das am bittersten gebrochene Versprechen der Politik im Nachgang der Flutkatastrophe, als der schlimmste Fehler. Denn der Wiederaufbau ging weder schnell, geschweige denn unbürokratisch, bis heute fehlen Schulen und Kitas, Sportplätze und Brücken.

Der schleppende Wiederaufbau hing nicht an fehlendem Geld, wie gerne kolportiert wird: 30 Milliarden Euro stellte die Bundesregierung unmittelbar nach der Katastrophe für die betroffenen Gebiete zur Verfügung, davon stehen 15 Milliarden Euro für Rheinland-Pfalz und 15 Milliarden Euro für Nordrhein-Westfalen bereit. Fünf Jahre danach sind im Land Rheinland-Pfalz nach Angaben des Mainzer Bauministeriums gerade einmal rund 3,72 Milliarden Euro an Fördergeldern bewilligt (!) – ausgezahlt sind noch viel weniger.

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Weigand: Brauchen dringend mehr Personal für den Wiederaufbau

Dass Bauminister Sven Teuber (SPD) das als einen „Beleg für das Ausmaß des Wiederaufbaus und für die Verlässlichkeit, mit der er vorangetrieben wird“ feiert, spricht für sich – aber nicht für die Landesregierung. Die Ahrweiler Landrätin Cornelia Weigand (parteilos) klagt, die Gemeinden hätten schlicht nicht genug Personal – doch als die CDU, damals noch in der Opposition, nach der Flutkatastrophe vorschlug, doch pensionierte Bundesbeamte aus dem nahen Bonn zur Hilfe heranzuziehen, kam von der Mainzer Landesregierung nur Schulterzucken: Könne die Landrätin ja machen, heißt es bis heute in Mainz.

Landrätin Cornelia Weigand (parteilos, ganz links) im Mai 2026 mit Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) im Ahrtal. - Foto: gik
Landrätin Cornelia Weigand (parteilos, ganz links) im Mai 2026 mit Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) im Ahrtal. – Foto: gik

Abwälzen, wegducken und sich selbst loben: Das scheint bis heute die Devise der alten Regierungsmitglieder in Mainz zu sein, die zum Teil eben auch die neuen sind. Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) tat bis zum Schluss nichts Durchschlagendes gegen die überbordende Bürokratie bei der ISB, ihr Nach-Nachfolger Gordon Schnieder (CDU) kündigte nun wenigstens an, den Härtefällen konkret und schnell helfen zu wollen – Schnieder traf sich auch mit der Bürgerinitiative „Bahnsteig 1“ persönlich.

Weigand fordert nun vom Land Rheinland-Pfalz weiteres zusätzliches Geld für Personal in ihrer Verwaltung für den Wiederaufbau: Zwar habe es nach der Flutkatastrophe fünf Millionen Euro für den Personalmehrbedarf gegeben, das Geld sei aber in diesem Jahr auf drei Millionen gekürzt worden – und solle nächstes Jahr ganz gestrichen werden, sagte Weigand in der Sendung „SWR1 Leute Live“. NRW hingegen versprach gerade seinen Hochwassergebieten weitere 15 Millionen Euro für den Mehrbedarf in den Verwaltungen, in NRW läuft vieles in Sachen Wiederaufbau besser und zügiger, wissen sie an der Ahr.

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1.000 Wohngebäude wiederaufgebaut – von 9.000 beschädigten

Rund 42.000 Menschen entlang der Ahr waren von der Flut betroffen, 17.000 verloren ihr ganzes Hab und Gut. Mehr als mehr als 9.000 Gebäude sowie große Teile der öffentlichen Infrastruktur wurden beschädigt oder zerstört. Im Bereich des privaten Wiederaufbaus seien mehr als 4.000 Förderanträge mit einem Volumen von 682 Millionen Euro bewilligt worden, informiert nun das Bauministerium, über 1.000 Wohngebäude seien inzwischen vollständig wiederaufgebaut.

Schmucker Neubau direkt an der Ahr: Die Ahrarkaden in Bad Neuenahr. - Foto: gik
Schmucker Neubau direkt an der Ahr: Die Ahrarkaden in Bad Neuenahr. – Foto: gik

Insgesamt habe man rund 20.800 vollständige Förderanträge vorliegen, davon seien „bereits über 20.000 bewilligt“. An der Ahr in Bad Neuenahr sieht man, was das konkret bedeutet: Das Parkhotel Elisabeth ist noch immer eine Großbaustelle, nebenan erheben sich die „Ahrarkaden“, ein hochmoderner Neubau im frischem Glanz. Davor: Ein winziges kleines Mäuerchen, das offenbar Wasser vom Eingang fernhalten soll. Angesichts der Dimensionen von vor fünf Jahren mutet es putzig an.

Die Ahr ist in diesen Tagen ein winziges Flüsschen von wenigen Zentimetern Höhe, dass dieser Bach zu einem meterhohen Monster werden konnte, ist unglaublich schwer vorstellbar. Doch die Bilder der Flut und der Katastrophe danach haben sich jedem eingebrannt, der dabei war.

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Bilder der Flutnacht: Verkeilte Automassen, Berge von Schutt

Bernd Engelien steht auf dem „Platz an der Linde“ in Bad Neuenahr und hält ein Foto hoch, das er hier vor fünf Jahren machte. Es zeigt ein Trümmerfeld übereinander gestapelter und verkeilter Autos, die Flutwelle hatte sie hier angeschwemmt. Engelien ist Leiter der Unternehmenskommunikation der Zurich Versicherungsgruppe, aus Köln kam er damals direkt nach der Flut zum Helfen ins Ahrtal – und erlebte die Hilflosigkeit der Helfer im Angesicht der Apokalypse: Brücken und Straßen verschwunden oder mit meterhohem Schlamm überzogen, in den Straßen Berge von Müll und Unrat.

Bernd Engelien mit Bildern vom 15. Juli 2021 aus Bad Neuenahr, vom "Platz an der Linde" am 1. Juli 2026. - Foto: gik
Bernd Engelien mit Bildern vom 15. Juli 2021 aus Bad Neuenahr, vom „Platz an der Linde“ am 1. Juli 2026. – Foto: gik

Die Dimensionen der Katastrophe – bei der Zurich haben sie sie persönlich und beruflich erlebt. 6.000 Versicherungsfälle hatte die Zurich Gruppe in den Katastrophengebieten mit einer Schadenssumme von 225 Millionen Euro. Jetzt, fünf Jahre später, stehen die Experten der Versicherungsgruppe an diesem Julitag im Ahrtal, um Bilanz zu ziehen.

Und die fällt durchaus gemischt aus: Ja, vieles habe sich getan im Ahrtal und beim Katastrophenmanagement in Rheinland-Pfalz – Erfolge seien etwa die längst überfällige Einführung des Cell Broadcasting auf Bundesebene, mit dem man jedem Handy im Notfall eine Warnung schicken kann, unabhängig von Apps. Auch das neue Landesamt für Katastrophenschutz in Rheinland-Pfalz begrüßen sie, Änderungen wie die hauptamtlichen Brandschutzinspekteure in den Kreisen.

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Experten der Zurich: „Flutdemenz ist heute das größte Risiko“

Aber schon wieder drohe, was Experten „Flutdemenz“ nennen, das Vergessen von Ursachen und Ausmaßen der Katastrophe, klagt Horst Nussbaumer, Chief Operating Officer der Zurich Gruppe Deutschland: „Noch immer wird das Extremwetterereignis ‚Bernd‘ als historisch einmalig und völlig unvorhersehbar dargestellt“, kritisiert Nussbaumer, und betont: „Das ist historisch und fachlich so nicht haltbar- ‚Bernd‘ war definitiv kein ‚Worst-Case-Szenario.“

Experten der Zurich Versicherungsgruppe am 1. Juli auf Reise durchs Ahrtal, von links: Michael Szönyi, Direktor der Zurich Climate Resilience Alliance, Bernd Engelien, Horst Nussbaumer, Vorstand Zurich und Professor Matthias von Harten, Teamleiter Zurich Resilience Solutions. - Foto: gik
Experten der Zurich Versicherungsgruppe am 1. Juli auf Reise durchs Ahrtal, von links: Michael Szönyi, Direktor der Zurich Climate Resilience Alliance, Bernd Engelien, Horst Nussbaumer, Vorstand Zurich und Professor Matthias von Harten, Teamleiter Zurich Resilience Solutions. – Foto: gik

1804 und 1910 tobten zwei durchaus vergleichbare Hochwasserfluten durch das Ahrtal, gut dokumentiert – und dennoch vergessen. Damals war das Ahrtal schlicht noch nicht annähernd so eng bebaut wie heute, die Schäden hielten sich deshalb in Grenzen, doch die Dimension einer Flutwelle – das hätte man wissen können, wissen müssen, sagt Michael Szönyi: „Man kann die These sehr gut widerlegen, dass das ein nie dagewesenes Ereignis war.“

Szönyi ist Direktor der „Zurich Climate Resilience Alliance“, hier erstellen sie unmittelbar nach einer Naturkatastrophe ausführliche Studien über Ursachen und Verlauf – um daraus zu lernen. Das tat Szönyi auch im Ahrtal, nur ein Jahr nach der Flutkatastrophe erschien seine „PERC-Analyse“ zu „Bernd“ – sie nimmt zahlreiche Ergebnisse aus dem Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags zur Flutkatastrophe vorweg. Denn auch Szönyi kommt zu klaren Ergebnissen: das Ausmaß der Schäden sei „auf strukturelle Defizite im Hochwasserrisikomanagement“ zurückzuführen, besonders groß sei „die Lücke zwischen vorhandenen Warnungen und konkretem Handeln.“

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Zurich: Warnungen vor Pegel 5,50m waren völlig unzureichend

Hinweise auf die Gefahrenlage habe es durchaus gegeben, konstatiert der Bericht, doch führten sie „nicht überall zu rechtzeitigen Schutzmaßnahmen oder Evakuierungen.“ Sein Team habe sehr viele Gespräche im Ahrtal geführt, gerade am Oberlauf, berichtet Szönyi im Gespräch mit Mainz&: „Da war es noch relativ früh am Tag, da war es noch hell!“ Die Berichte lauteten: Ja, man habe eine Hochwasser-Warnung bekommen, „aber wir wussten nicht, wie wir die einordnen sollten: was bedeuten 5,50 Meter im Ort? Da hat die Vorstellungskraft gefehlt.“

Hochwasserexperte Holger Schüttrumpf am 1. Juli 2026 an der Ahr bei Bad Neuenahr. - Foto: gik
Hochwasserexperte Holger Schüttrumpf am 1. Juli 2026 an der Ahr bei Bad Neuenahr. – Foto: gik

Szönyis Analyse ist eindeutig, und sie ist für den Katastrophenschutz im Land nicht schmeichelhaft: Eine Warnung über einen Pegel von 5,50 Metern Höhe sei eben nicht ausreichend, man habe den Einsatzkräften vor Ort und auch der Bevölkerung eben nicht deutlich gemacht, was das heiße. Eine Verknüpfung vom Oberlauf zum Unterlauf habe nicht stattgefunden, und überhaupt müsse für Endverbraucher anders gewarnt werden als für Einsatzkräfte, sagt Szönyi: „Für die Feuerwehr muss ich anders kommunizieren, als für die Bewohnerin einer Untergeschosswohnung oder den Leiter einen Altenheimes – und diese Diskussion ist noch gar nicht geführt worden.“

Bei der Zurich fordern sie deshalb, Warnungen zu verbessern und grundlegend zu überarbeiten, aber auch eine resilienteren Wiederaufbau im Sinn eines „built back better“ – zu spät: „Bei Flussraum, Infrastrukturplanung und baulicher Vorsorge zeigen sich weiterhin erhebliche Umsetzungslücken“, konstatiert man bei der Versicherung. Holger Schüttrumpf wird da noch deutlicher. Der Direktor des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen steht an der Ahr in Bad Neuenahr, und seufzt: „Uns schmerzt, wenn wir sehen, dass hier genauso wieder aufgebaut wird“, sagt er, „wir brauchen eigentlich mehr Raum für den Fluss.“

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Wiederaufbau an gleicher Stelle: Bloß keine Bereicherung fördern

Der Wiederaufbau derselben Häuser an derselben Stelle – es ist der Sündenfall nach der Katastrophe. Verursacht wurde er durch die Regeln des Wiederaufbaufonds: Bis auf 34 Häuser im Ahrtal durften alle anderen an gleicher Stelle wiederaufgebaut oder saniert werden. Das aber führte zu einer Falle: Ohne den Wiederaufbau am gleichen Ort und oft auch in der gleichen Weise, gab es kein Geld, Ausweichgrundstücke existierten in den meisten Fällen nicht – den Besitzern blieb gar nichts anderes übrig, als an gleicher Stelle wiederaufzubauen. Und weil sie bloß nicht profitieren sollten, wurde weitgehend ein Eins-zu-Eins-Wiederaufbau gefördert – Fortschritt? Ach wozu denn…

Bauarbeiten am Ahrufer bei Bad Neuenahr: Echte Hochwasser-Vorsorge bis heute nicht passiert. - Foto: gik
Bauarbeiten am Ahrufer bei Bad Neuenahr: Echte Hochwasser-Vorsorge bis heute nicht passiert. – Foto: gik

In Sachen Hochwasservorsorge habe sich in fünf Jahren im Ahrtal schlicht nichts getan, konstatiert Holger Schüttrumpf deshalb klar. Es habe nach 1910 Planungen für insgesamt 18 Rückhaltebecken am Oberlauf der Ahr gegeben, „davon ist aber nicht eines umgesetzt worden“, sagt Schüttrumpf. Bis auch nur eines gebaut sei, werde es noch mindestens fünf bis zehn Jahre dauern, für alle Becken Jahrzehnte. In Nordrhein-Westfalen hingegen gebe es zahlreiche Talsperren, die hätten die Unterlieger bei Tief „Bernd“ geschützt.

An der Ahr hingegen gibt es noch immer sogar Feuerwehrhäuser direkt am Fluss, auch das sei ein Problem, sagt Schüttrumpf: „Auch das verstärkt die Gefahren in so einer Katastrophe, denn die sind mit als erste geflutet worden – wenn die aber nicht ausrücken können, dann haben wir ein Problem.“ Es brauche resiliente Infrastrukturen, und es brauche mehr Vorbereitung: „Den Feueralarm in der Schule kennen wir alle“, sagt Schüttrumpf, „aber Hochwasser werden nie geübt.“

114 Brücken im Ahrtal zerstört, 14 wiederhergestellt

„Ich habe als Kind gelernt, was ich tun muss wenn Erdbeben ist, aber noch nie, was ich bei Hochwasser tun muss“, sagt auch Lisa Burghardt, sie promoviert gerade bei Schüttrumpf über das Thema Brücken bei Flutkatastrophen. 114 Brücken gab es vor der Flut im Ahrtal, rund 70 Prozent wurden beschädigt oder zerstört – gerade einmal 14 sind heute wiederhergestellt. Immerhin: Burghardt sieht bei den Planungen der Brücken „Riesenfortschritte“, denn viele wurden ganz anders geplant – mehr Wasserdurchfluss, weniger Pfeiler in der Ahr. Auf der Strecke blieben dabei die Ahr-typischen Brückenbögen.

Neue Brücke, neuer Bahndamm: Dernau im Juli 2026. - Foto: gik
Neue Brücke, neuer Bahndamm: Dernau im Juli 2026. – Foto: gik

Und so bleibt ein Fazit in jedem Fall: Das Ahrtal hat sich verändert mit der Flut. Vielerorts wurden die Chancen genutzt, Infrastruktur zu modernisieren – das Hotel zu Post in Altenahr hat an der Hauptstraße ein hochmodernes, wunderschönes Zweithaus stehen, viele Vinotheken oder Restaurants sind moderner und attraktiver als je zuvor. Vielerorts wurde die Modernisierung aber auch blockiert und ausgebremst, wie der Focus schon 2024 ausführlich berichtete.

Und oft sitzen in den neuen Häusern tief traumatisierte Menschen, die jetzt erst mühsam mit der Verarbeitung dessen beginnen, was vor fünf Jahren in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli geschah. Das endlose Tosen der Fluten, die Schreie von Nachbarn, die sie nicht retten konnten, der Verlust geliebter Menschen, Bekannter, Freunde. Dann das Chaos danach, der Verlust des alten Lebens, der Kampf um ein neues. „Man kann viel Betroffene fragen“, sagt Szönyi nachdenklich, „die sagen, sie sind nicht wieder da, wo sie vor fünf Jahren waren – geschweige denn, dass es besser ist.“

Info& auf Mainz&: Wir werden natürlich auch am 14. Juli 2026 aus dem Ahrtal berichten, besonders von der Gedenkfeier am Abend in Ahrweiler. Unsere Bilanz zum vierten Jahrestag der Flutkatstrophe 2025 könnt Ihr noch einmal hier auf Mainz& nachlesen:

Das Ahrtal, der Wiederaufbau und das erschütterte Vertrauen – Vier Jahre nach der Flutkatastrophe gedenkt das Ahrtal der Toten und sucht Zuversicht