Die Wirtschaft in Mainz schlägt Alarm: Die Verkehrspolitik in Mainz wirkt sich zunehmend auf Kundenfrequenz und Umsatz in der Mainzer Innenstadt aus – und zwar negativ. Das ergab nun eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rheinhessen unter ihren Mitgliedsbetrieben zum Thema Verkehr in Mainz. Das Ergebnis bezeichnet die IHK selbst als „deutliches Warnsignal“, denn: Baustellenchaos, aber auch die allgemeine Verkehrsführung sorgen für weniger Kunden und schwindende Umsätze – und bedrohen Existenzen. Denn die neuesten zahlen des Pendleratlas zeigen: Zwei Drittel aller Arbeitnehmer pendeln jeden Tag nach Mainz zur Arbeit – rund 80.000 Menschen.

Die Sperrung der Binger Straße stadteinwärts kappte eine wichtige Zufahrt zur Mainzer Innenstadt für zwei Jahre, und löste die erste IHK-Verkehrsumfrage aus. - Foto: gik
Die Sperrung der Binger Straße stadteinwärts kappte eine wichtige Zufahrt zur Mainzer Innenstadt für zwei Jahre, und löste die erste IHK-Verkehrsumfrage aus. – Foto: gik

Im Oktober 2024 hatte die IHK Mainz-Rheinhessen schon einmal ihre Mitgliedsbetriebe zum Thema „Verkehr in Mainz“ befragt, Anlass war damals die Sperrung der Binger Straße für den Verkehr stadteinwärts wegen der Großbaustelle für die neue Straßenbahntangente. Das Ergebnis schon damals: 86 Prozent beklagten, die Erreichbarkeit ihrer Betriebe habe sich deutlich verschlechtert, und zwar für Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten. Drei Viertel beklagten negative wirtschaftliche Folgen durch die Verkehrslage, 17 Prozent sahen sich gar in ihrer Existenz gefährdet.

Die Politik in Mainz reagierte mit dem Null-Euro-Samstag und der Werbekampagne „Mainz bleibt offen“– am Baustellenchaos änderte sich nichts, im Gegenteil: Zwei Jahre danach ist die Binger Straße inzwischen zwar wieder eröffnet, dafür aber sperrte das Verkehrsdezernat der grünen Dezernentin Janina Steinkrüger im Gegenzug den unteren Teil der Großen Bleiche zum Rhein hin für jeden Individualverkehr. Seither herrschen Verkehrschaos im Regierungsviertel, lange Staus auf der Kaiserstraße sowie Wut und Ärger bei den Anwohnern im Bleichenviertel, bei vielen herrscht der Eindruck vor: die grüne Verkehrsdezernentin zieht der Innenstadt nun endgültig den Stecker.

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IHK-Umfrage: Verkehrslage belastet Wirtschaft spürbar negativ

Im August startete die IHK erneut eine Umfrage zum Thema „Verkehr in Mainz“, die Antworten zeigen: Für die Unternehmen hat sich nichts zum Besseren verändert -im Gegenteil. „Baustellen, Umleitungen und wechselnde Verkehrsführungen erschweren den Betrieben weiterhin den Alltag – und wirken sich zunehmend auf Erreichbarkeit, Kundenfrequenz und Abläufe aus“, bilanzierte die IHK nun. Vier von fünf Betrieben berichteten, dass sich die Anbindung ihres Standorts seit der letzten IHK-Befragung im Jahr 2024 sogar weiter verschlechtert habe.

Inzwischen sorgt die Sperrung der Durchfahrt an der Großen Bleiche zum Rhein hin für den Individualverkehr für erheblichen Ärger, Staus und lange Umwege. - Foto: gik
Inzwischen sorgt die Sperrung der Durchfahrt an der Großen Bleiche zum Rhein hin für den Individualverkehr für erheblichen Ärger, Staus und lange Umwege. – Foto: gik

„Die Ergebnisse sind ein deutliches Warnsignal“, betonte IHK-Hauptgeschäftsführerin Karina Szwede: „Aus Sicht der Betriebe geht es längst nicht mehr nur um einzelne Baustellen, sondern um strukturelle Defizite bei Verkehrsführung, Planung und Kommunikation.“ Häufig wechselnde Verkehrsführungen und schwer planbare Zufahrten belasteten „Beschäftigte, Kunden und Lieferverkehre erheblich.“ Kurz gesagt: Die Betriebe spüren eine grundlegende Blockade der Mainzer Innenstadt für den Autoverkehr in ihrem Alltag, aber auch bei ihren Umsätzen.

„Die Verkehrslage belastet die Wirtschaft spürbar: 78 Prozent der Betriebe bewerten die wirtschaftlichen Auswirkungen als überwiegend negativ“, heißt es in der Bilanz der IHK. Die Betriebe berichteten von Problemen bei der Anfahrt der Beschäftigten, sinkenden Kundenfrequenzen, zusätzlichem Planungsaufwand, Umsatzeinbußen oder erschwerten Lieferungen. Zehn Unternehmen sähen darin sogar eine Bedrohung ihrer Existenz, heißt es weiter. Bereits in den vergangenen zwei Jahren hatten mehrere alteingesessene Geschäfte ihre Tore geschlossen, für einen Aufschrei sorgte dabei das Aus für den Kinderladen Wirth und das Papiergeschäft Listmann Ende 2025.

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IHK: Für 94 Prozent Auto unverzichtbar für die Erreichbarkeit

Die Politik reagierte mit Abwiegeln: Die Kundenströme in der Innenstadt seien keineswegs weniger geworden, heißt es bis heute aus dem Mainzer Stadthaus: Gerade die Touristen kämen in Scharen und kauften auch gerne in den Mainzer Läden ein. Das Umland stimmt derweil längst mit den Füßen ab: Seit mindestens zwei Jahren berichten Mainzer Einzelhändler, dass eben gerade die Käufer aus Rheinhessen in erheblichem Maße wegblieben, und das könne man mit Zahlen nachweisen. Der Hauptgrund: Das Stauchaos durch Baustellen bei der Anfahrt sowie hohe Parkgebühren in der Innenstadt.

Stau auf der Alicenbrücke am Mainzer Hauptbahnhof im August 2024: Nervige Anfahrtswege schrecken vor allem potenzielle Kunden der Innenstadt ab. - Foto: gik
Stau auf der Alicenbrücke am Mainzer Hauptbahnhof im August 2024: Nervige Anfahrtswege schrecken vor allem potenzielle Kunden der Innenstadt ab. – Foto: gik

Nun betont auch die IHK erneut, eine gute Anbindung sei für die Innenstadtbetriebe unverzichtbar, übrigens auch für die beschäftigen in den Läden selbst: 94 Prozent bewerteten einen verlässlichen Arbeitsweg für ihre Beschäftigten als wichtig oder sehr wichtig. „Die Innenstadt lebt davon, dass Menschen sie unkompliziert erreichen können. Wenn Kundenbesuche ausbleiben oder die Anfahrt zu aufwendig wird, verliert der Standort an Attraktivität. Das trifft die Betriebe unmittelbar und schwächt Handel, Gastronomie und Dienstleister gleichermaßen“, betont Jan Sebastian, Vorsitzender des Handelsausschusses der IHK für Rheinhessen und selbst Einzelhändler in Mainz.

Denn die Umfrage machte auch erneut deutlich: Der Pkw bleibt für 94 Prozent der befragten Unternehmen ein zentraler Faktor für die Erreichbarkeit der Innenstadt. Das zeigen im Übrigen auch die neusten Zahlen des Pendleratlas der Bundesagentur für Arbeit: Nach den jüngsten Zahlen vom Juni 2025, die gerade veröffentlicht wurden, pendeln jeden Tag rund 80.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte aus einem anderen Kreis nach Mainz zur Arbeit – insgesamt habe Mainz rund 128.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte.

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Pendleratlas: 62,4 Prozent aller Arbeitnehmer in Mainz sind Einpendler

Damit pendeln 62,4 Prozent aller Beschäftigten in Angestelltenjobs in Mainz in die Stadt zur Arbeit – Beamte sind dabei noch nicht einmal mitgerechnet. In Mainz wohnen der Statistik zufolge übrigens bei einer Einwohnerzahl von rund 220.000 Menschen genau 94.822 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, von denen 49,1 Prozent zur Arbeit in eine andere Stadt pendeln – die meisten nach Wiesbaden (rund 10.000), Frankfurt (rund 9.700) oder in den Landkreis Mainz-Bingen (rund 5.600).

Karte Einpendler nach Mainz pro Tag, erfasst sind dabei sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer. - Karte: Pendleratlas der Agentur für Arbeit, Screenshot: gik
Karte Einpendler nach Mainz pro Tag, erfasst sind dabei sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer. – Karte: Pendleratlas der Agentur für Arbeit, Screenshot: gik

Nach Mainz hinein wiederum kommen die meisten aus dem Landkreis Mainz-Bingen, immerhin rund 23.000 Einpendler, gefolgt von Wiesbaden (rund 10.000) und dem Landkreis Alzey-Worms (rund 7.100). Aber auch von der anderen Rheinseite, aus dem Landkreis Groß-Gerau pendeln täglich knapp 5.200 Menschen nach Mainz zur Arbeit, umgekehrt fahren von hier rund 3.300 Menschen dorthin. Selbst aus dem Rheingau-Taunus-Kreis (2.790) und dem Main-Taunus-Kreis (2.199) kommt jeden Tag eine relevante Menge von Arbeitnehmern zum Job nach Mainz.

Damit muss Mainz jeden Tag eine erhebliche Menge von Verkehrsströmen bewältigen – in der aktuellen Verkehrspolitik der Stadt bildet sich das nicht ab. Untersuchungen zeigen, dass gerade Menschen, die von weiter her kommen, meist das Auto nutzen, weil die Fahrt mit dem ÖPNV doppelt oder dreimal so lange dauert – das gilt gerade auch für ländliche Regionen, wie Rheinhessen: Funktionierende, schnelle Bahnverbindungen gibt es nur entlang der Rheinschiene oder Richtung Alzey, der Rest ist meist aufs Auto angewiesen.

Karte der Auspendler und Einpendler nach Mainz pro Tag, erfasst sind dabei sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer. - Karte: Pendleratlas der Agentur für Arbeit, Screenshot: gik
Karte der Auspendler und Einpendler nach Mainz pro Tag, erfasst sind dabei sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer. – Karte: Pendleratlas der Agentur für Arbeit, Screenshot: gik

Demo „Mainz muss mobil bleiben“ am Mittwoch vor dem Stadtrat

Bei der IHK betont man denn auch, die Ergebnisse der Umfrage zeigten, dass auch öffentlicher Nahverkehr sowie Fuß- und Radverkehr zuverlässig funktionieren müssten – „nur ein leistungsfähiges Zusammenspiel aller Verkehrsmittel sichert die Erreichbarkeit der Innenstadt.“ Die Forderungen der Unternehmen seien denn auch klar: „Es geht den Unternehmen nicht um die Bevorzugung eines einzelnen Verkehrsmittels, sondern um ein funktionierendes Gesamtsystem“, sagt Kai Langer, Vorsitzender des Mobilitätsausschusses der IHK für Rheinhessen.

"Mainz& satirisch": Karikatur zum Baustellenchaos in Mainz sowie den aktuellen neuen Verkehrsführungen. - Grafik: Mainz& / KI
„Mainz& satirisch“: Karikatur zum Baustellenchaos in Mainz sowie den aktuellen neuen Verkehrsführungen. – Grafik: Mainz& / KI

Das heißt im Klartext: Baustellen müssten endlich besser koordiniert, zeitlich entzerrt und verlässlicher kommuniziert werden – eine Forderung, die es bereits seit Jahren gibt. Gefordert seien ferner eine langfristige Verkehrsplanung, frühzeitige Informationen über anstehende Maßnahmen sowie Umleitungen, auf die sich Betriebe, Beschäftigte, Kundinnen und Kunden sowie Lieferverkehre verlassen könnten.

Die aktuelle Häufung von Baustellen sei zwar auch „Ausdruck eines über viele Jahre gewachsenen Sanierungs- und Investitionsstaus“, umso wichtiger sei es aber, „die notwendigen Maßnahmen so zu koordinieren, dass die Innenstadt erreichbar bleibt.“ das sieht man bei der IHK derzeit offenbar nicht gegeben. Am Mittwoch ist der Verkehr und die Baustellenlage auch Thema im Mainzer Stadtrat, vor der Sitzung haben die Freien Wähler zwischen 14.00 Uhr und 15.00 Uhr zu einer Demonstration am Kurforstlichen Schloss aufgerufen.

Unter dem Titel „Mainz muss mobil bleiben“ will nach Informationen von Mainz& inzwischen ein breites Bündnis für eine „Verkehrspolitik mit Fakten statt Ideologie“ und eine gleichberechtigte Berücksichtigung aller Verkehrsträger demonstrieren – aber auch darauf aufmerksam machen, dass dazu eben auch das Auto gehört. „Die Verkehrspolitik in Mainz darf nicht von Ideologien geprägt sein, sondern muss sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren“, sagte Organisator Gerhard Wenderoth von der Freien Wählerorganisation im Vorfeld: „Ob Anwohner, Pendler, Familien, Senioren, Gewerbetreibende oder Handwerker: Mobilität muss für alle Menschen in unserer Stadt möglich und bezahlbar bleiben.“

Info& auf Mainz&: Einen ausführlichen Bericht über die Verkehrsumfrage der IHK aus dem Jahr 2024 könnt Ihr noch einmal hier bei Mainz& nachlesen. Mehr zur Demo gegen die aktuelle Verkehrspolitik in Mainz am Mittwoch, den 09. September 2026 von 14.00 Uhr bis 15.00 Uhr am Kurfürstlichen Schloss lest Ihr noch einmal hier auf Mainz&:

„Mainz muss mobil bleiben!“: Freie Wähler rufen vor Stadtratssitzung zur Demo gegen ideologische Verkehrspolitik auf