Die Sperrung der Abfahrtsrampe von der Autobahn A643 bei Mainz-Mombach sorgt für erheblichen Ärger in Mainz: Die Sperrung wirke sich massiv aus, berichten Pendler, Fahrzeiten zur Arbeit hätten sich um das Vier- bis Fünffache verlängert. Die Mainzer FDP schimpft, das sei das Ergebnis einer „jahrelangen ideologischen Blockadehaltung“ gegen den Ausbau der A643, das „Bündnis“ gegen den Ausbau wehrt sich: Man sei nie gegen einen Neubau der Vorlandbrücke gewesen und habe dem Bund vorgeschlagen, genau diese schon mal zu bauen – das Bundesverkehrsministerium lehnt das aber ab.

Die neue Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden wurde im Sommer 2023 eingeweiht - mit sechs Spuren. - Foto: Autobahn GmbH
Die neue Schiersteiner Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden wurde im Sommer 2023 eingeweiht – mit sechs Spuren. – Foto: Autobahn GmbH

„Ich wohne in Budenheim und stehe permanent im Stau“, klagt Mainz&-Leser Thomas Schardt, der in einem Wiesbadener Ministerium arbeitet und praktisch täglich über die Schiersteiner Brücke zur Arbeit muss. Die Sperrung der Ausfahrt wirke sich massiv aus, täglich bilde sich ein langer Rückstau, vor allem auf dem Heimweg. Brauche er morgens auf dem Hinweg im besten Fall 20 Minuten, so seien es jetzt auf dem Rückweg mindestens 1,15 Stunden, manchmal auch 1,30 Stunden, berichtet Schardt: „Die Frustration ist enorm, ich habe viele Kollegen, die auch in Rheinland-Pfalz wohnen und denen es ebenso geht.“

Als vergangene Woche ein Lkw auf der Fahrtrichtung nach Bingen in Höhe von Mainz-Gonsenheim liegen blieb, brach der Verkehr zwischen Wiesbaden und Mainz gar komplett zusammen: Ganz Wiesbaden versank im Stau, die A643 war komplett dicht, Leser berichteten, sie hätten bis zu drei Stunden für ein Wegstrecke gebraucht – auch die Ausweichroute über die Theodor-Heuss-Brücke brach praktisch umgehend zusammen.

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Pendler: Fünffache Fahrzeit seit Sperrung der Ausfahrt Mombach

Grund für den Rückstau aus Richtung Wiesbaden sei vor allem die Verschenkung von der neuen Schiersteiner Brücke auf die alte Vorlandbrücke, berichtet Schardt: Die enge S-Kurve sorge für Bremsmanöver und Rückstau, die Sperrung der Ausfahrt verschlimmere die Lage, weil dort sonst viele Pendler wie er selbst auch abgefahren seien. Was Schardt zudem Sorgen macht: „Wenn es da mal zu einem Unfall kommt, ich fürchte, dann kommen Rettungskräfte durch die Verschwenkung nicht mehr durch – da ist schlicht rechts und links kein Platz mehr. Ich fürchte, da ist Gefahr in Verzug!“

Die A643 bei Mainz-Mombach, im Vordergrund die gesperrte Abfahrtsrampe. – Foto: Autobahn GmbH
Die A643 bei Mainz-Mombach, im Vordergrund die gesperrte Abfahrtsrampe. – Foto: Autobahn GmbH

Anfang Oktober hatte die Autobahn GmbH des Bundes überraschend die Abfahrtsrampe an der A643 in Richtung Mainz-Mombach für den Verkehr komplett gesperrt, nachdem Lkws wiederholt ein Befahrungsverbot missachtet hatten. Die Rampe werde „bis auf Weiteres zum Schutze der Bestandsbrücke und zur Gefahrenabwehr für den gesamten Verkehr gesperrt“, teilte die Autobahn GmbH damals mit. Das ließ tief blicken: Gut zwei Monate zuvor hatte eine Bauwerksprüfung stattgefunden, und die ließ die Ingenieure offenbar aufhorchen.

Eigentlich galt auf der Rampe bereits seit April 2025 eine Lastbeschränkung für Fahrzeuge mit mehr als 3,5 Tonnen, doch daran hielten sich viele Lkw nicht- die Autobahn GmbH sperrte kurz danach die Abfahrtsrampe komplett. Dass die Bundesbehörde dabei mit dem Schutz der Bestandsbrücke als Ganzes argumentiert lässt alle Alarmglocken klingeln: Es war genau diese Vorlandbrücke, die im Februar 2015 mit einem plötzlichen Absacken den großen „Brückengau“ zwischen Mainz und Wiesbaden auslöste – mit monatelangen Staus und Verkehrschaos.

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FDP Mainz: Sperrung „Folge jahrelanger Blockade gegen Ausbau“

Nach dem Unfall wurde die Vorlandbrücke zwar mit Stützen verstärkt, doch das Ursprungsproblem blieb: Die Vorlandbrücke stammt genau wie die alte Schiersteiner Brücke aus den 1960er Jahren, der Beton von damals ist marode, die Konstruktion nur für einen Bruchteil der heutigen Fahrzeugbelastung ausgelegt. Doch während die Schiersteiner Brücke 2023 vollständig fertig wurde, tut sich auf Mainzer Seite weiter – nichts. Für den Ausbau der anschließenden Autobahn A643 gibt es weiter kein Baurecht – die Mainzer FDP macht dafür jetzt vor allem SPD und Grüne verantwortlich.

Die alte Vorlandbrücke der A643 wurden nach dem Brückengau 2015 mit Stützen verstärkt, aber nie neu gebaut. - Foto: gik
Die alte Vorlandbrücke der A643 wurden nach dem Brückengau 2015 mit Stützen verstärkt, aber nie neu gebaut. – Foto: gik

Die Sperrung sei „kein überraschendes Schadensereignis“, sondern „die logische Folge einer jahrelangen Blockadehaltung gegen den Ausbau und die Sanierung der A643“, schimpften nun FDP-Kreischefin Susanne Glahn und FDP-Bauexperte Thomas A. Klann: Jeder Versuch, den Ausbau der A643 konstruktiv voranzubringen, sei „von SPD und Grünen auf Landes- und Stadtebene torpediert“ worden. „Wer den Ausbau kategorisch ablehnt, hat damit auch verhindert, dass die notwendige Sanierung der Vorlandbrücke und Schutzmaßnahmen für Anwohner umgesetzt wurden“, kritisierte Klann.

Seit mehr als einem Jahrzehnt sei schließlich bekannt, dass die Vorlandbrücke ein akuter Sanierungsfall sei – die Brücke sei im Übrigen genauso alt wie die Salzbachtalbrücke in Wiesbaden, die 2021 havariert war. „Dabei hätte längst gehandelt werden müssen“, schimpften Glann und Klann: Maßnahmen zur Brückensanierung, zur Sicherung der
Statik und zur Verbesserung des Lärmschutzes der Bürger wären in einem Zuge mit dem Ausbau der A 643 realisierbar gewesen. „Dieser Ausbau war in einer Vereinbarung der beiden Länder Hessen und Rheinland-Pfalz für 2020 (!) vereinbart und wurde in Hessen auch umgesetzt“, betont man bei der FDP.

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FDP: Brauchen leistungsfähigen Autobahnring rund um Mainz

Doch es seien SPD und Grüne auf Landesebene und in der Stadt Mainz gewesen, die den notwendigen Ausbau verhindert hätten: „Wer – teils jahrelang- blockiert und Verweigerung zur Strategie erhebt, trägt Mitverantwortung für die Konsequenzen“, kritisiert die FDP. Die Erreichbarkeit von Mainz und die wichtige Verbindung mit der Landeshauptstadt Wiesbaden werde von ihnen offenbar nicht als besonders notwendig erachtet. Das sei schädlich für die Stadt und gefährde Arbeitsplätze, kritisiert Glahn: „Die Zeit der Verweigerung“ müsse im Sinne einer zukunftsfähigen Mobilität für Mainz und die Region enden, Mainz brauche „einen leistungsfähigen Autobahnring um die Stadt selbst von Verkehr zu entlasten.“

Beim Bündnis "Nix in den Mainzer Sand setzen" waren vor allem die Grünen ganz vorne mit dabei. - Foto: gik
Beim Bündnis „Nix in den Mainzer Sand setzen“ waren vor allem die Grünen ganz vorne mit dabei. – Foto: gik

Die SPD regiert seit 35 Jahren in Rheinland-Pfalz, seit knapp zehn Jahren in einer Koalition mit Grünen und FDP – die Liberalen stellen in der Koalition sogar den Verkehrsminister. Doch werde FDP-Mann Volker Wissing noch seine Nachfolgerin Daniela Schmitt schafften es, auch nur einen fertigen Planfeststellungsbeschluss für den Ausbau der A643 auf die Beine zu stellen. Das lag vor allem daran, dass zwischen Stadt Mainz, Land Rheinland-Pfalz und dem Bund seit mehr als einem Jahrzehnt über die Frage gestritten wird: Soll die A643 6+2 Spuren bekommen, wie es der Bund will, oder eine 4+2-Lösung.

Für Letztere macht sich seit gut 15 Jahren ein Bündnis in der Stadt Mainz stark, das aus sämtlichen Umweltverbänden der Region, dazu aber auch aus den meisten Mainzer Parteien außer FDP und CDU besteht – allen voran SPD und Grünen. Dabei hatte der Bund bereits 2015 den Ausbau mit sechs Spuren per Dekret verfügt, und beruft sich dabei auf Verkehrsmessungen sowie künftige Prognosen: der Ausbau sei angesichts des dramatisch gestiegenen Verkehrsaufkommens unbedingt nötig. In Mainz aber will man bis heute davon nichts wissen: Noch 2022 schrieb der damalige Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) einen Brief an den Bund und fordert, die 4+2-Variante umzusetzen.

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Schmitt: Ohne Autobahnausbau keine neue Vorlandbrücke

Grund für den Widerstand ist das Naturschutzgebiet „Großer Mainzer Sand“, die Planer betonten indes schon 2018, das Gebiet werde durch einen sechsspurigen Ausbau nur in sehr geringem Umfang in Mitleidenschaft gezogen – beim Bündnis „Nix in den Mainzer Sand setzen“ lehnt man das indes vehement ab: Als die EU-Umweltkommission im Sommer die Pläne für den sechsspurigen Ausbau ablehnte, forderte das Bündnis, die Ausbauplanung für die A 643 „nicht mehr weiterzuführen, sondern zunächst die aktuellen Autobahnbaustellen der Region fertigzustellen.“

Der "Mainzer Sand" ist ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang. - Foto: gik
Der „Mainzer Sand“ ist ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang. – Foto: gik

Der vehemente Widerstand des Bündnisses sorgte dafür, dass vor allem die Grünen in ihren politischen Ämtern die Ausbauplanung jahrelang verhinderten, wie vor allem FDP-Politiker hinter vorgehaltener Hand gerne klagten. Noch im August jubelten die Mainzer Grünen, man stehe „an der Spitze der Bewegung gegen den Ausbau“ und sei „stolz“, dass sich das Engagement gegen den Ausbau „letztendlich ausgezahlt“ habe. Und auch bei der Mainzer SPD sah man sich bestätigt: Ein sechsspuriger Ausbau sei „nicht sinnvoll, bahnt keinen Weg in die Zukunft und schädigt ein Naturschutzgebiet von europäischem Rang weiter“, sagten die Mainzer SPD-Chefs: „Dieses Projekt können wir uns nicht leisten.“

Verkehrsministerin Schmitt warnte hingegen: Die Blockade des Ausbau verhindere auch den dringend notwendigen Neubau der Vorlandbrücke. „Die 4+2-Variante mag auf dem Papier charmant wirken – in der Praxis ist sie ein Placebo“, sagte Schmitt: Die Variante bringe „kaum weniger Flächenverbrauch, keine verlässliche Verkehrswirkung, aber massive neue Unsicherheiten im Genehmigungsprozess.“ Beim Bund hält man sie zudem wegen der Ausfahrt bei Gonsenheim für nicht umsetzbar – in Mainz interessiert das nicht.

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Bündnis gegen Ausbau: Vorlandbrücke separat neu bauen

Das Bündnis „Nix in den Mainzer Sand setzen“ klagt, man sei doch weder Verhinderer noch Blockierer: Man kämpfe zwar gegen den Ausbau der A643 im Mainzer Sand und im Lennebergwald, habe sich aber nie gegen einen Neubau der Vorlandbrücke ausgesprochen. „Das ist ein großer Unterschied“, betonte Bündnissprecher Heinz Hesping gegenüber Mainz&: „Ein Neubau der Vorlandbrücke ist ohne Weiteres auch ohne einen Ausbau in den Schutzgebieten des Mainzer Sandes möglich.“

Die A643 durch den Mainzer Sand, die roten Pfeile zeigen den Flächenverbrauch durch einen sechsspurigen Ausbau an - nach Angaben derv Umweltschützer. - Foto: Bündnis "Nix in den Mainzer Sand setzen"
Die A643 durch den Mainzer Sand, die roten Pfeile zeigen den Flächenverbrauch durch einen sechsspurigen Ausbau an – nach Angaben derv Umweltschützer. – Foto: Bündnis „Nix in den Mainzer Sand setzen“

Genau mit diesem Vorschlag wandte sich das Bündnis denn auch Anfang November in einem Brief an Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) und Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD): Die Gesetze für beschleunigte Verfahren erlaubten einen kurzfristigen Neubau der Vorlandbrücke, betont man darin. Die Vorlandbrücke wiederum könne so breit gebaut werden, dass sie auch eine sechsspurige Verkehrsführung ermögliche. „Ob sie tatsächlich so erfolgt, kann später entschieden werden“, heißt es in dem Schreiben weiter.

Das sei eine „pragmatische und schnelle Lösung, die eine aufwändige Instandsetzung über Jahre unnötig machen würde“, so das Bündnis weiter. Allerdings würden sich dann am Ende der Vorlandbrücke weiter die sechs Fahrspuren der neuen Schiersteiner Brücke auf vier Fahrspuren verengen, auch eine Verschwenkung auf die alte Autobahn gäbe es weiter. „Dies ist aus unserer Sicht nicht weiter problematisch, da sie zur Entschleunigung beiträgt“, heißt es im Bündnis-Schreiben weiter: „Die Verschwenkung würde im weiteren Sinn sogar zu mehr Verkehrssicherheit führen.“

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Platzsparende Planung mit 6 Spuren bereits 2018 entwickelt

Beim Bund hielt man von dem Vorschlag indes wohl nichts: Der Bedarf des Ausbau sei hoch, die Dringlichkeitsstufe laute „fest disponiert“ – man plane weiter mit dem Gesamtausbau, antwortete Schnieder vergangene Woche. Die Autobahn GmbH habe zudem eine Lösung entwickelt, wie ein sechsspuriger Ausbau mit einem „geringeren Eingriff in die zu schützenden Gebiete“ gelingen könne, so könne „maßgeblich auf die Forderungen von Naturschutzbehörden wie auch der EU-Kommission eingegangen werden“, betonte Schnieder zudem. Die Lösung werde derzeit final ausgearbeitet.

So sollte die voll ausgebaute A643 mit sechs Fahrspuren plus Standstreifen nach den Plänen des LBM aus dem Jahr 2018 aussehen. – Grafik: LBM
So sollte die voll ausgebaute A643 mit sechs Fahrspuren plus Standstreifen nach den Plänen des LBM aus dem Jahr 2018 aussehen. – Grafik: LBM

Für die gesperrte Abfahrtsrampe liege indes „immer noch keine Lösung vor“, kritisierte inzwischen Schmitt – es brauche für Pendler, Handwerksbetriebe, Unternehmen „und gerade auch die Einsatzkräfte dringend eine verlässliche und leistungsfähige Verbindung“, betonte Schmitt: „Diese Sperrung ist nicht länger hinnehmbar“, der Bund müsse zügig eine Lösung finden.

Möglich nur, dass eine Lösung durch die Wiederöffnung der Rampe gar nicht möglich ist – Mainz und Wiesbaden könnte noch ein jahrelanges Stauproblem drohen. Denn die Autobahn GmbH warnte bereits im Sommer 2022: Wer die Planungen zum A643-Ausbau auf Stopp setze, dem müsse klar sein, dass dann von vorne angefangen werde – und das werde weitere zehn Jahre dauern.

Info& auf Mainz&: Über die Pläne zum sechsspurigen Ausbau der A643 haben wir ausführlich im November 2018 hier bei Mainz& berichtet, eine Zusammenfassung zu Ausbauplänen und Nein der EU – und was das bedeutet – findet ihr hier bei Mainz&. Mehr zur maroden Vorlandbrücke haben wir im September hier berichtet, über die Haltung des Bündnisses gegen den Ausbau ausführlich hier.