An der Ludwigsstraße rollen die Bagger, der Abbruch der Häuser entlang der Fuststraße läuft auf Hochtouren – da betonen Investoren und Stadt Mainz: Man sei „im Zeitplan“. Dabei droht dem Bauprojekt zum neuen Einkaufs-Boulevard schon jetzt ein Jahr Verzögerung, derweil drängt die Zeit: Inflation, Kriegsfolgen und eine unsichere Zukunft machen schnelle Entschlüsse dringend notwendig, soll der „Boulevard Lu“ noch ein Erfolg werden. In dieser Woche ringt die Firma Molitor um Investoren auf der Expo Real in München, im November können die Mainzer noch einmal ihre Meinung dazu sagen.

Durchblick aufs Staatstheater: An der Fuststraße sind inzwischen die letzten Mauern des alten Karstadt-Sport gefallen. - Foto: gik
Durchblick aufs Staatstheater: An der Fuststraße sind inzwischen die letzten Mauern des alten Karstadt-Sport gefallen. – Foto: gik

„Der Abriss läuft, die letzte Mauer ist heute morgen gefallen“, berichtete Tina Badrot, Geschäftsführerin der Firma Molitor und Tochter von Alt-Investor Dirk Gemünden vergangenen Freitag in Mainz. Seit dem Sommer rollen die Bagger an der Ludwigsstraße, im ersten Bauabschnitt rückten sie der Überbauung der Fuststraße und dem ehemaligen Karstadt-Sport-Gebäude zu Leibe. Davon ist nun inzwischen nichts mehr zu sehen: Der erste Schritt zur neuen Ludwigsstraße hat begonnen.

Ende April 2022 hatte die Stadt Mainz mit der Übergabe der Baugenehmigung an die Projektentwickler der Firma Molitor den Startschuss für das Großprojekt an der Ludwigsstraße gegeben: In den kommenden Jahren soll hier mit dem „Boulevard Lu“ ein komplettes neues Einkaufszentrum entstehen, das aber gerade nicht wie eine klassische „Mall“ daherkommt: „Wir wollen mit dem ‚LU:-Quartier‘ einen pulsierenden Anziehungspunkt schaffen, an dem sich Einzelhandel, Kultur und Gastronomie zu einem abwechslungsreichen Innenstadterlebnis verbinden“, hatte Projektentwicklerin Tina Badrot Anfang Juli noch einmal betont.

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Der Neuplanung war ein gut 17 Jahren währendes Tauziehen um eine Neuordnung der zentralen Mainzer Einkaufsmeile vorangegangen: An der Ludwigsstraße, liebevoll von den Mainzern „LU“ genannt, scheiterten mehrere Projektideen für Einkaufszentren, zuletzt eine Riesenmall des zum Otto-Konzern gehörenden Einkaufszentrum-Entwicklers ECE. Die geplante Großmall scheiterte auch am Widerstand Mainzer Bürger in der Initiative Ludwigsstraße, in einer umfangreichen Bürgerbeteiligung wurden Leitlinien für ein Stadtquartier festgelegt, das Wohnen, Einkaufen und Kultur miteinander verbinden soll.

So soll der Bereich am Bischofsplatz in Zukunft einmal aussehen. - – Grafik: Faerber, Jestaedt, Bierbaum-Aichele
So soll der Bereich am Bischofsplatz in Zukunft einmal aussehen. – – Grafik: Faerber, Jestaedt, Bierbaum-Aichele

Die Planungen für den „Boulevard Lu“ sollen diese Ziele nun realisieren – zumindest aus Sicht der Projektentwickler Tim Gemünden und seiner Schwester Tina Badrot. Gemeinsam mit Vater Dirk Gemünden hatten sie im März 2019 das neue Konzept für den „Boulevard LU“ vorgestellt: ein Einkaufsquartier mit rund 15.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, das sich mit einer großen Freitreppe und einem Dachrestaurant zur City öffnen will, Popup-Stores in der Eingangshalle sowie eine Logistik-Station für Einkäufe bieten soll.

Auf dem angrenzenden Parkhaus soll zudem ein Hotel entstehen, auf dem Baugelände zwischen Fuststraße und Johanniskirche ein Komplex mit Wohnungen, Einkaufen und Kultur – hier sind das Bistum Mainz als Miteigentümer sowie das Staatstheater Mainz als Mitentwickler im Boot. Denn im Neubau an der Fuststraße sollen nun auch ein großer Orchesterprobensaal sowie ein Ensembleprobenraum entstehen.

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Der neue Orchesterprobensaal für das Philharmonische Staatsorchester sei „überaus wünschenswert“ und zugleich die dringend ersehnte Antwort auf eine vorherrschende Notsituation, hieß es bei der Vorstellung Anfang Juli: Der bestehende Orchesterprobensaal unter dem Tritonplatz könne die akustischen und räumlichen Anforderungen des Philharmonischen Staatsorchesters nicht mehr erfüllen. Vor allem groß besetzte Orchester- und Opernwerke und die für die Produktion von Opern notwendigen „Sitzproben“ mit Solisten und Opernchor machten die Proben zu immensen Herausforderungen.

Unter dem Tritonplatz zwischen Kleinem Haus und Staatstheater befinden sich Probenräume, Werkstätten und Orchestersäle. - Foto: gik
Unter dem Tritonplatz zwischen Kleinem Haus und Staatstheater befinden sich Probenräume, Werkstätten und Orchestersäle. – Foto: gik

Der neue Orchesterprobensaal soll diese Probleme nun lösen, er hilft, Schließzeiten im Theater für Proben zu vermeiden und bietet Raum für neue Formate – die Mainzer Stadtspitze schwärmte bereits von einem „großen Wurf für Kulturliebhaber.“ Damit könne mitten in der Innenstadt von Mainz „ein pulsierendes neues Zentrum entstehen, in dem auch gewichtige kulturelle Akzente gesetzt werden.“

Inzwischen aber ziehen über dem Gesamtprojekt dunkle Wolken herauf: Der Ukraine-Krieg, die Energiekrise und die galoppierende Inflation stellen für das Projekt erhebliche Gefahren dar. „Wir gehen einer Zeit entgegen, wo das Schiff schwer schaukelt – das, was jetzt kommt, wird kein Zuckerschlecken“, warnte Senior Dirk Gemünden bei der Pressekonferenz. Es gelte nun, das Bauprojekt gegen steigende Zinsen und einen wegbröckelnden Einzelhandel abzusichern.

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Dafür versicherten sich die Investoren noch einmal öffentlich der Unterstützung der Stadt: „Wir arbeiten sehr intensiv und sehr vertrauensvoll zusammen“, versicherte Baudezernentin Marianne Grosse (SPD): „Wir sind im Zeitplan.“ Dabei räumte die Dezernentin auch ein, dass das Ringen um das Projekt hinter verschlossenen Türen durchaus auch schon mal mit heftigem Krachen einhergeht. Grundsätzlich aber stünden die Pläne nun: „Wir haben unsere Willensbildung abgeschlossen und gehen mit dem, was wir für wichtig und vertretbar halten, in die Offenlage“, kündigte Grosse an.

So soll einmal die neue Ludwigsstraße mit dem Einkaufsquartier aussehen. - Grafik: Färber Jestaedt Bierbaum.Aichele
So soll einmal die neue Ludwigsstraße mit dem Einkaufsquartier aussehen. – Grafik: Färber Jestaedt Bierbaum.Aichele

Das heißt: Im November will die Stadt den fertigen Entwurf für einen neuen Bebauungsplan an der Ludwigsstraße den städtischen Gremien vorlegen, am 17. November dem Bauausschuss, am 30. November soll bereits der Stadtrat darüber entscheiden. Danach erfolgt die Offenlage für die Bürger: 30 Tage lang haben diese dann die Chance, die Pläne einzusehen und zu studieren – um mögliche Einwände vorzubringen. Die Offenlage werde voraussichtlich länger als die vorgeschriebenen 30 Tage ausgedehnt, da sie in die Weihnachtszeit falle, hieß es weiter.

Im Januar 2023 würde die Offenlage dann beendet, die eingegangenen Einwendungen der Bürger sollen dann zügig bearbeitet werden. „Die formelle Bearbeitung des B-Plans werden wir mit großer Entschlossenheit voranbringen“, betonte Grosse. Ziel sei es, das Verfahren im ersten Quartal 2023 abzuschließen. Parallel dazu soll es auch zum Abschluss des städtebaulichen Vertrages mit den Investoren kommen, darin werden zusätzliche Details wie die Architektur des Gebäudes und die Dachgestaltung geregelt – ebenso aber auch die Frage des Verkaufs der öffentlichen Flächen zwischen den bisherigen Pavillons auf der LU.

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Die Offenlage der Pläne sei „die Basis, dass sich die Bürger noch einmal intensiv damit auseinandersetzen können“, kündigte Dirk Gemünden an, der zugleich unterstrich: „Wir sind von dem Konzept weiterhin überzeugt – wir wollen bauen, wir wollen das machen.“ Sein Sohn Tim Gemünden kündigte an, nach dem Abschluss des Bebauungsplanverfahrens werde Molitor den Bauantrag stellen – und dann könnten die Bagger auch am großen Baukomplex rollen.

Abriss des alten Überbaus an der Fuststraße im Sommer 2022. - Foto: gik
Abriss des alten Überbaus an der Fuststraße im Sommer 2022. – Foto: gik

An der Fuststraße steigt derweil die Spannung: Die dort gerade entstehende Baugrube könnte eine der wichtigsten archäologischen Gräberfelder von Mainz werden. Die Experten rechnen mit hochgradig spannenden Funden aus dem Mittelalter, schließlich steht direkt nebenan der Alte Dom von Mainz. Aber auch mit Römerfunden wird fest gerechnet: „Wir stoßen da in bisher nicht erforschte Tiefenlagen vor“, sagte Tim Gemünden: „Wir sind da an den ältesten Teilen der Stadt.“

Die Archäologen stünden deshalb bereits in den Startlöchern, schon jetzt werde jeder Bagger mit Argusaugen beobachtet, berichtete Gemünden schmunzelnd. Ein halbes Jahr werden die Forscher Zeit für Entdeckungen im Erdreich haben – so der derzeitige Plan -, die spannende Phase wird im Januar erwartet. „Wir wollen sehen, dass wir die Grabungen auch begleiten können“, sagte Tina Badrot – die Mainzer sollen sehen, was dort gefunden wird.

„Wir haben ein raues Klima und hatten gehofft, dass es schneller geht“, räumte Badrot zudem ein. Mit dem vor sechs, sieben Jahren entwickelten Konzept von Popup-Stores und Logistik-Hub liege man aber heute goldrichtig. Bis das erste Gebäude steht, werden aber noch mindestens zwei Jahre vergehen, aufhalten lassen wollen sich die Bauherren aber nicht: „Wir brennen für das Projekt“, betonte Badrot, „wir wollen es umsetzen.“

Info& auf Mainz&: Mehr über die Pläne zum neuen “Boulevard LU” findet Ihr ausführlich hier bei Mainz&, wie das neue Einkaufsquartier einmal aussehen soll, haben wir in diesem Text zu den Ergebnissen des Architektenwettbewerbs berichtet. Was es mit den vorhergesagten Römerfunden an der LU auf sich hat, könnt Ihr genau noch einmal hier bei Mainz& nachlesen: „Wir finden hier Römer.“

 

 

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