Pandemie, Flutkatastrophe – und dann eine Weinkönigin-Wahl? In Neustadt an der Weinstraße startete am Samstag die Wahl zur 73. Deutschen Weinkönigin, und gleich zwei Akteurinnen kamen mitten aus dem Ausnahmezustand: Die scheidende 72. Deutsche Weinkönigin Eva Lanzerath stammt aus Mayschoß an der Ahr – und genau aus demselben Tal kommt die Kandidatin, die alle Chancen hat, ihre Nachfolgerin zu werden: Linda Trarbach aus Dernau legte am Samstag einen sensationellen Auftritt beim Vorentscheid hin. Nach zweieinhalb Stunden stand Trarbach eindeutig als Finalteilnehmerin fest – und mit ihr die Kandidatinnen aus dem Rheingau und der Pfalz, aus Württemberg und Baden und von der Mosel. Für die rheinhessische Kandidatin reichte es nicht.

Eva Lanzerath aus Walporzheim an der Ahr (Mitte) bei ihrer Krönung zur 72. Deutschen Weinkönigin. gemeinsam mit den Deutschen Weinprinzessinnen Anna-Maria Löffler aus der Pfalz (links) und Eva Müller aus Rheinhessen. Foto: gik
Eva Lanzerath aus Walporzheim an der Ahr (Mitte) bei ihrer Krönung zur 72. Deutschen Weinkönigin. gemeinsam mit den Deutschen Weinprinzessinnen Anna-Maria Löffler aus der Pfalz (links) und Eva Müller aus Rheinhessen. Foto: gik

Gesucht wird in diesen Tagen die 73. Deutsche Weinkönigin, und die Kür der höchsten deutschen Weinmajestät ist alles andere als altbacken: “Bei ‘Bares for Rares’ habe ich noch keine Weinkönigin gesehen”, sagte Saskia Teucke mit Blick auf die Antiquitäten-Verhökerungsshow trocken. Teucke ist Pfälzer Weinkönigin, für die 26 Jahre alte Kommunikationsexpertin ist “Wein Geschichte” – Teucke hat Archäologie studiert. Die junge Frau ist ein gutes Beispiel für die neue Vielfalt im Weinköniginnen-Business: Die jungen Damen, die sich am Samstag auf der Bühne des Saalbaus in Neustadt an der Weinstraße präsentierten, sind Bildungsmanagerinnen oder angehende Landärztin,  Marketingexpertinnen, Betriebswirtschaftlerinnen und sogar eine Polizistin war dabei.

Schon zum zweiten Mal findet die Kür der wichtigsten Repräsentantin der deutschen Weinwirtschaft unter Corona-Bedingungen statt: Im Saalbau in Neustadt waren nur 350 Zuschauer zugelassen, das austragenden Deutsche Weininstitut (DWI) entschied gemeinsam mit dem SWR, diese Plätze den Fans und Familien der Kandidatinnen zu überlassen. Die 70-köpfige Jury saß deshalb am Livestream und gab ihr Votum digital ab, was anstandslos klappte.

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Die Pandemie sorgte aber auch dafür, dass der Altersdurchschnitt in diesem Jahr höher war als sonst, die Kandidatin von der Hessischen Bergstraße zählte gar schon 29 Jahre. Wegen Lockdown und Event-Ausfällen blieb manche Kandidatin gleich mehrere Jahre im Amt der Gebietsweinkönigin, weil Neuwahlen schwierig waren. So ist Valerie Gorgus aus Hattenheim schon seit zwei Jahren als Rheingauer Weinkönigin unterwegs und arbeitet bereits als Marketingmanagerin im renommierten Weingut Robert Weil. Klar, dass die elegante 23-Jährige Fragen zu Pflichtangaben auf Weinetiketten mühelos beantworten, den Ablauf des Weinjahres in fließendem Englisch erklären und dann auch noch ein flammendes Plädoyer für Innovationen und Wandel verbreiten konnte.

Die elf Kandidatinnen zur Wahl der Deutschen Weinkönigin 2021. - Screenshot: gik
Die elf Kandidatinnen zur Wahl der Deutschen Weinkönigin 2021. – Screenshot: gik

Drei Fachfragen musste jede der Kandidatinnen einer Masterjury live auf der Bühne beantworten, eine Frage galt es auf Englisch zu meistern – und da schieden sich die Weinköniginnen-Geister. So nahm sich Annemarie Triebe aus dem Anbaugebiet Saale-Unstrut trotz eines starken und pfiffigen Auftritts mit viel Fachkompetenz alle Chancen, weil sie in Sachen Englisch komplett ausfiel. Und auch Heike Knapp von der Hessischen Bergstraße musste beim Englischen komplett passen – für das Amt der Deutschen Weinkönigin ist indes nicht nur fundiertes Weinwissen, sondern eben auch die Fähigkeit gefragt, auf internationalen Terminen weltweit für deutsche Weine werben zu können.

Rund 200 Termine absolviert die Deutsche Weinkönigin in einem normalen Jahr, dazu gehört die Moderation von Events ebenso wie Medienauftritte, aber eben auch das Repräsentieren auf Messen und Terminen in New York, Singapur, Kanada oder in Skandinavien. Alle Kandidatinnen haben zuvor ein Jahr als Gebietsweinkönigin in einer der 13 deutschen Weinanbaugebiete absolviert und dort bereits Erfahrungen gesammelt – zur Wahl der höchsten deutschen Weinkrone treten in diesem Jahr allerdings nur elf Kandidatinnen an. Der Grund: Die Weinkönigin aus Franken bleibt in ihrer Heimat noch ein weiteres Jahr im Amt, die Sächsin sagte aus persönlichen Gründen ab.

Spielerunde "Wein-Fakenews" mit Moderator Holger Wienpahl. - Screenshot: gik
Spielerunde “Wein-Fakenews” mit Moderator Holger Wienpahl. – Screenshot: gik

Der Auswahl tat das keinen Abbruch: Elf starke junge Frauen zeigten ein hohes Maß an Fachwissen, das es auch in kleinen Spielrunden zu beweisen galt. In “Wein-Nachrichten” mussten eingebaute Fehler aufgespürt werden, da ging es etwa darum, Federweißer oder eine Trockenbeerenauslese (TBA) richtig zu erklären – nein, bei einer TBA werden die Trauben natürlich nicht im Weingut getrocknet – oder die richtige Absatzgröße für alkoholfreien Wein zu kennen: es sind weniger als ein Prozent. Für den Zuschauer sind die Runden kurzweilig, denn er erfährt auf lockere Weise viel über Wein, die Kandidatinnen können derweil Spontanität und Reaktionsfähigkeit beweisen.

Sina Erdrich aus Baden konnte da etwa mehrfach punkten, die studierte Bildungswissenschaftlerin aus Durbach sitzt seit mehreren Jahren für die Freien Wähler im Gemeinderat ihres Heimatortes, arbeitet neben dem Studium in einer Kita in Freiburg und konnte ebenso eloquent über Cool Climate-Weine, Weinbergsbegrünung und Stickstoffreduzierung im Weinberg referieren – das sicherte ihr einen Platz im Finale. Bei ihrer Kollegin aus dem Nachbar-Anbauregion Württemberg dreht sich alles um Lebensmittelverschwendung und Agrarkultur, Henrike Heinicke ließ Publikum und Jury aber vor allem mit ihrer internationalen Erfahrung staunen: In Mallorca und Südtirol, Kalifornien und sogar in Alaska hat die 25-Jährige aus Bopfingen schon deutsche Weine verkauft – unglaublich.

Schaffte es nicht ins Finale: Laura Tullius aus Sommerloch an der Nahe. - Screenshot: gik
Schaffte es nicht ins Finale: Laura Tullius aus Sommerloch an der Nahe. – Screenshot: gik

Bei so viel geballter Erfahrung und Kompetenz gab es für die Kandidatinnen aus Rheinhessen und von der Nahe einfach keine Chance: Andrea Böhm aus Wörrstadt, als rheinhessische Weinprinzessin zur Wahl angetreten, schlug sich zwar gut bei Fachfragen zu oxidativem oder reduktivem Ausbau oder auch zu Weinmischgetränken, aber auch sie musste bei der englischen Frage weitgehend passen, das reichte in diesem Jahr einfach nicht. Ganz ähnlich ging es auch Laura Tullius von der Nahe: die Studentin der Internationalen Weinwirtschaft aus Sommerloch legte einwandfreies Weinwissen vor, aber auch sie kämpfte mit der englischen Antwort – trotz eines Auslandsjahres in den USA.

“If you ever tried one, you never want to live without one”, löste hingegen Marie Jostock aus Köwerich von der Mosel elegant die Aufgabe, einem schwedischen Mann eine  Trockenbeerenauslese anzupreisen, klarer Fall: Die sportliche Polizistin im eleganten grünen Kleid punktete mit strahlendem Auftreten, Charme und Natürlichkeit. Doch es war vor allem eine Kandidatin, deren Auftritt für die ganz große Klasse und dazu auch noch für den intensivsten Gänsehautmoment sorgte: Linda Trarbach bangte in der Nacht des 14. Juli gemeinsam mit ihrer Familie in Dernau an der Ahr um Leben, Haus und Zukunft.

Unglaublich starker Auftritt: Linda Trarbach aus Dernau, neun Wochen nach der Flutkatastrophe. - Screenshot: gik
Unglaublich starker Auftritt: Linda Trarbach aus Dernau, neun Wochen nach der Flutkatastrophe. – Screenshot: gik

Erst Anfang Juli hatte die 24 Jahre alte Tourismusexpertin ihren neuen Job in der Dagernova Weinmanufaktur als Marketingmanagerin angetreten – zwei Wochen später brach die Flutwelle wie ein Tsunami über ihr Tal herein. Als das Wasser weg war, waren Keller und Erdgeschoss ihres Elternhauses komplett zerstört, das Stammhaus der Dagernova in Dernau von der Flut stark beschädigt, die Brücke davor weggerissen. Ja, sie habe gezögert, ob sie zur Wahl der Deutschen Weinkönigin antreten solle oder nicht, bekannte Linda Trarbach gegenüber Moderator Holger Wienpahl: “Ich habe überlegt: wen soll ich denn noch repräsentieren?”

Von 65 Weingütern im Ahrtal sind 60 von der Flut stark beschädigt, von ihren 600 Genossenschafts-Mitgliedern bei der Dagernova sei nur eine Handvoll nicht getroffen, berichtete Trarbach nach der Sendung gegenüber Mainz&. Und doch habe sie sich entschlossen anzutreten: “Ein Grund, warum ich hier stehe ist, um Danke zu sagen für all die Hilfe”, sagte Trarbach, sie trete an, um Hoffnung zu machen. “Die Trümmer sind so weit erst mal weggeräumt, wir versuchen nach vorne zu blicken, jeder überlegt, wie er wieder aufbaut”, sagte Trarbach und betonte: “Mir ist ganz wichtig, dass ich nicht als Königin der Trümmer wahrgenommen werde, ich möchte die Königin des Comebacks sein.”

Das sind die Finalistinnen (von links): Saskia Teucke (Pfalz), Linda Trarbach (Ahr), Sina Erdrich (Baden), Henrike Maria Heinicke (Württemberg), Valerie Louise Gorgus (Rheingau), Marie Jostock (Mosel). - Foto: DWI
Das sind die Finalistinnen (von links): Saskia Teucke (Pfalz), Linda Trarbach (Ahr), Sina Erdrich (Baden), Henrike Maria Heinicke (Württemberg), Valerie Louise Gorgus (Rheingau), Marie Jostock (Mosel). – Foto: DWI

Und danach legte die Dernauerin den stärksten Auftritt aller Kandidatinnen hin, punktete mit Fachwissen, bestach mit einer unglaublich souveränen Ausstrahlung und verband scheinbar mühelos Ernsthaftigkeit mit Charme und Kompetenz. Würde Trarbach tatsächlich die 73. Deutsche Weinkönigin werden, sie würde die Krone von ihrer Nachbarin Eva Lanzerath übernehmen. “Es wäre für mich das Allergrößte, die Krone von Eva übernehmen zu können”, sagte Trarbach denn auch: “Es wäre ein Riesenzeichen für die Ahr.”

Info& auf Mainz&: Wer 73. Deutsche Weinkönigin wird, entscheidet sich am Freitag, den 24. September 2021 in der großen Wahlgala, die ab 20.15 Uhr live vom SWR-Fernsehen übertragen wird. Die Vorentscheidung wird am Sonntagnachmittag um 14.25 Uhr im SWR-Fernsehen ausgestrahlt, der Livestream ist aber jetzt schon und jederzeit unter www.deutscheweinkoenigin.de zu sehen. Mehr zu den Zerstörungen im Ahrtal durch die bis zu zehn Meter hohe Flutwelle könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen – dort gibt es auch jede Menge Bilder aus Dernau. Mehr zu den Schäden bei Weinbaubetrieben im Ahrtal haben wir hier bei Mainz& berichtet.

 

 

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