Früher als erwartet steht Deutschland wohl bereits jetzt am Anfang einer vierten Corona-Welle – „Dank“ der neuen Delta-Variante. Das Robert-Koch-Institut warnte am Freitag, die derzeit wieder deutlich ansteigenden Fallzahlen gäben „Anlass zur Sorge“, der R-Wert liege wieder deutlich über eins. Wissenschaftler der TU Berlin sagten am Wochenende eine vierte Welle voraus und warnten vor einem exponentiellen Anstieg der Patienten in den Krankenhäusern im Oktober – oder sogar früher. Notwendig seien gute Absicherungsmaßnahmen in den Schulen, fordern die Forscher – Rheinland-Pfalz streicht unterdessen nach den Sommerferien die Corona-Schnelltests in den Schulen. In Wiesbaden sorgte ein Jugendcamp für ein starken Anstieg der Neuinfektionen.

Warnt vor einer vierten Corona-Welle und ruft eindringlich zum Impfen auf: RKI-Präsident Lothar Wieler. - Foto: gik
Warnt vor einer vierten Corona-Welle und ruft eindringlich zum Impfen auf: RKI-Präsident Lothar Wieler. – Foto: gik

„Der seit Ende April 2021 zu beobachtende Rückgang der 7-Tage-Inzidenz setzt sich aktuell nicht fort“, warnte am Freitag das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem täglichen Lagebericht – wieder einmal: Seit Anfang Juli ist wieder ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen zu sehen, betroffen sind vor allem jüngere Altersgruppen: In Mainz meldete das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz am Samstag eine Inzidenz von 18,8 –  bei den unter 20-Jährigen betrug sie aber sogar 30. Der R-Wert der Ansteckungshäufigkeit liege deutlich über eins, die Tendenz sei steigend, warnte das RKI.

Bundesweit steigt die Zahl der Neuinfektionen derzeit wieder deutlich an, die Sieben-Tage-Inzidenz stieg am Samstag mit 10 erstmals wieder auf einen zweistelligen Wert. Auch Rheinland-Pfalz meldete nun wieder eine 10,6 – in der hessischen Nachbarstadt Wiesbaden sind es sogar 26,9. Grund ist offenbar ein internationales Jugendcamp: Die Stadt Wiesbaden meldete am Mittwoch, es seien 14 Infektionen bei Jugendlichen aus Spanien festgestellt worden. Auf dem Gelände des Jugendnaturzeltplatzes in der Freudenbergstraße hätten seit dem 5. Juli 60 Personen aus unterschiedlichen europäischen Ländern mit Jugendlichen im Alter von 16 bis 21 Jahren gezeltet.

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Wiesbaden meldet einen Corona-Ausbruch in einem internationalen Jugendcamp bei einer spanischen Gruppe. - Foto: gik
Wiesbaden meldet einen Corona-Ausbruch in einem internationalen Jugendcamp bei einer spanischen Gruppe. – Foto: gik

„Bei einer Routine-Testung auf SARS-CoV2 waren am Sonntag, 11. Juli, vier Personen mittels PCR-Testung positiv getestet und dem Wiesbadener Gesundheitsamt gemeldet worden“, teilte die Stadt weiter mit. Das Gesundheitsamt habe daraufhin eine Reihentestung angeordnet, bei der am Dienstag, den 13. Juli, insgesamt 13 Teilnehmende aus Spanien PCR-positiv getestet worden seien. Am Mittwoch gab es einen weiteren positiven Schnelltest, die spanische Jugendgruppe wurde in einem Gebäude in Wiesbaden in Quarantäne gebracht. Allen SARS-CoV2-Infizierten gehe es gesundheitlich gut, betonte die Stadt zudem.

Die 14 Fälle verdoppelten die lokalen Wiesbadener Fälle glatt, denn in der hessischen Landeshauptstadt wurden am Mittwoch weitere 14 positive SARS-CoV2-Fälle gemeldet, einen Zusammenhang mit dem Jugendcamp gebe es aber nicht. Auch zu den übrigen Teilnehmenden des Zeltlagers habe die spanische Jugendgruppe während ihres Aufenthalts keinen Kontakt gehabt, betonte die Stadt weiter. Die Jugendlichen seien bereits am Dienstag negativ getestet worden und in ihre Heimatländer zurückgekehrt.

Die Kurve der Corona-Neuinfektionen geht derzeit in allen Bundesländern wieder in die Höhe, Rheinland-Pfalz liegt im Mittelfeld. - Grafik: RKI
Die Kurve der Corona-Neuinfektionen geht derzeit in allen Bundesländern wieder in die Höhe, Rheinland-Pfalz liegt im Mittelfeld. – Grafik: RKI

Grund für den neuen Anstieg ist die Delta-Variante, die im Vergleich zur bisher vorherrschenden Alpha-Mutante noch einmal deutlich infektiöser ist – so meldete ein Festival in den Niederlanden nach einer massiven Infektionswelle unter den Besuchern, man könne sich das nicht erklären: Alle Teilnehmer seien getestet, geimpft oder genesen gewesen. Doch selbst eine Corona-Impfung schützt vor der neuen Mutante nur bedingt: Während alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe vor schwerer Erkrankung weiter schützen, können sich Geimpfte mit der neuen Delta-Variante aber wohl trotzdem infizieren: So infizierte sich der britische Gesundheitsminister gerade mit dem Coronavirus – obwohl er bereits doppelt geimpft war.

Forscher der TU Berlin warnen derzeit nun vor einer vierten Corona-Welle, die auch wieder zu einem erheblichen Anstieg von Schwerkranken und Krankenhauspatienten führen werde. „Laut unseren Simulationen wird im Oktober ein exponentieller Anstieg bei den Krankenhauszahlen starten“, heißt es im neuen Bericht der Gruppe um den Mobilitätsforscher Kai Nagel an das Bundesministerium für Bildung und Forschung, wie Spiegel Online schreibt. Falls die derzeitige Entwicklung weiter so anhalte, „wird dies sogar früher beginnen und sich im Oktober dann noch mal verstärken.“

Ohne Maßnahmen wie Tests und Lüften drohen nach den Ferien Infektionswellen in den Schulen, warnen Forscher. - Foto: Mainz&
Ohne Maßnahmen wie Tests und Lüften drohen nach den Ferien Infektionswellen in den Schulen, warnen Forscher. – Foto: Mainz&

Das Forscherteam wertet die derzeitige Entwicklung demnach bereits als „beunruhigend“, und warnt: Die Infektionslage werde sich „rapide verschlechtern“, wenn die Schulen nach den Sommerferien ohne Schutzmaßnahmen öffnen sollten, und im Herbst weniger Aktivitäten im Freien möglich seien. Die Simulationen zu Schulen zeigten, „dass Lüftungssysteme und flächendeckender Einsatz von Schnell- und/oder PCR-Tests die Infektionsdynamik verringern könnten“, schreibt Spiegel Online weiter: „Würden solche Maßnahmen konsequent umgesetzt, seien Schulschließungen oder Wechselunterricht nicht notwendig, hieß es.“

Die Forscher allerdings halten offenbar die derzeit geltenden zwei Schnelltests pro Woche „bei Weitem nicht für ausreichend“ für einen sicheren Schulbetrieb. „Würden die Schulen nach den Sommerferien ohne Schutzmaßnahmen geöffnet, ergäbe sich laut Modell eine Infektionswelle bei den Schülerinnen und Schülern, die zu einer Welle bei Erwachsenen führe“, schreibt das Magazin weiter. Das ist durchaus beunruhigend, hatte doch etwa Rheinland-Pfalz bereits vor den Sommerferien die Maskenpflicht in den Schulen aufgehoben.

Rheinland-Pfalz will nach den Sommerferien die Coronatests in den Schulen streichen. - Foto: dpa
Rheinland-Pfalz will nach den Sommerferien die Coronatests in den Schulen streichen. – Foto: dpa

Für die Zeit nach den Sommerferien kündigte Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) vergangenen Dienstag an, im Herbst die bisherigen zweimaligen Corona-Tests pro Woche in den Schulen zu streichen. Es werde zwei Präventionswochen nach den Sommerferien geben, in denen weiter zweimal pro Woche getestet werden solle, und auch Masken „eine Option seien“, sagte Hubig. Danach aber werde „ein anlassbezogenes Testkonzept greifen“, es solle dann phasenweise beim Auftreten von Infektionen getestet werden.

Damit würden die flächendeckenden zweimaligen Pflicht-Tests pro Woche entfallen. Es solle aber ein Vergleichsmonitoring geben, bei dem in 20 Schulen kontinuierlich getestet werde, „um einen Überblick über die Infektionslage zu bekommen“, kündigte Hubig an. Die Schulen in Rheinland-Pfalz seien „sichere Orte“, an denen die Hygienekonzepte „sehr, sehr gut umgesetzt und eingehalten“ würden, betonte sie zudem – in Schulen würden Übertragungen des Coronavirus „seltener stattfinden als außerhalb“.

Derweil melden gleich mehrere Landkreise und Städte in Rheinland-Pfalz neue Corona-Ausbrüche: In Trier stieg die Sieben-Tage-Inzidenz nach Fußballfeiern in Kneipen auf 40,3, Spitzenreiter in Rheinland-Pfalz ist derzeit aber der Landkreis Birkenfeld: Dort wurden bei einem Corona-Ausbruch in einer Grundschule allein 20 Schüler positiv auf das Coronavirus getestet, die Inzidenz stieg im Landkreis auf 63, und betrug in der Gruppe der unter 20-Jährigen 173,3 – am Samstag galten im Landkreis Birkenfeld erneut Corona-Einschränkungen. „Die vierte Pandemiewelle“, schrieb Landrat Matthias Schneider (CVDU) laut einem Bericht der Rhein-Zeitung an alle Schulen im Kreis, „hat uns schneller erreicht, als wir alle gehofft haben.“

Info& auf Mainz&: Mehr zur neuen Delta.-Variante des Coronavirus und seiner Wirksamkeit könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen, die Experten sind sich einig: Gestoppt werden könnte die neue Welle nur durch eine sehr hohe Impfquote. Experten und Politik rufen deshalb eindringlich zum Impfen auf, eine Erklärung,. wie die Impfstoffe aufgebaut sind und wirken, könnt Ihr im neuen Corona-Impf-Comic der Mainzer Uniklinik erfahren. Rheinland-Pfalz erleichtert zudem stark das Impfen in den Impfzentren – mehr dazu lest Ihr hier bei Mainz&.

4 KOMMENTARE

  1. Es ist bemerkenswert, dass es schwerpunktmäßig die Unvernünftigen trifft. Wahrscheinlich ist mittel- oder langfristig das Virus klüger als die Menschen. Denn wenn das Virus seinen Wirt schädigt, ist das eigentlich ein Betriebsunfall. Mit angestammten Wirten leben Viren fast in Symbiose, auch Menschen sind die Heimat vieler Viren, am bekanntesten sind Lippenherpes- und Influenzaviren. Fledermäusen hat das Virus nichts getan, wohl aber den unpassenden menschlichen Ersatzwirten. Das Virus wird sich weiter verändern und der menschlichen Abwehr immer einen Schritt voraus sein. Alter ist übrigens gar nicht der große Risikofaktor sondern die als Lebensverschleiß stets im Bündel auftretenden Vorerkrankungen, die ihren Anfang in Bewegungsträgheit und Adipositas haben. Mit dieser Verallgemeinerung will ich tragischen Fällen nicht Unrecht tun.

  2. „der britische minister hat sich angesteckt“ stimmt doch garnicht ! er ist vorsorglich in Quarantäne aber ist nicht infiziert !

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