Gefeiert wurde es als „Referenzprojekt für die Liga“, jetzt ist es die Lachnummer der Nation: Ein Photovoltaikdach auf dem Dach der Besuchertribüne des TSV Schott in Mainz-Mombach ist völlig nutzlos – und liefert auf anderthalb Jahre nach seiner Einweihung keinen Strom. Der Grund: Die insgesamt rund 550.000 Euro teure Anlage ist bis heute nicht ans Stromnetz angeschlossen. Die Mainzer ÖDP fordert nun im kommenden Stadtrat Aufklärung, die Stadt reagierte bislang eher hilflos: Eine schnelle Lösung scheint nicht in Sicht.

Es war im März 2025, als der damalige Bürgermeister und Finanzdezernent Günter Beck (Grüne) stolz das neu gestaltete Fußballstadium des TSV Schott in Mainz-Mombach einweihte. Grund für die Freude: Wegen des Aufstiegs der Schottianer in die Regionalliga Südwest war eine neue Zuschauertribüne mit Dach notwendig geworden, der grüne Sportdezernent plante die gleich mal ökologisch-praktisch: Photovoltaik-Module auf dem Dach mit einer Leistung von 60 Kilowatt-Peak sollten pro Jahr etwa 50.000 bis 60.000 Kilowattstunden Strom erzeugen – genug für 15 bis 20 Haushalte.
Dumm nur: Die Solaranlage liefert bis heute kein einziges Watt Strom – denn sie ist auch 1,5 Jahre nach ihrer feierlichen Präsentation nicht ans Stromnetz angeschlossen. Das NDR-Satiremagazin Extra3 griff das Ende Juli 2026 in seiner Sendung auf, in der Rubrik „Realer Irrsinn“ -und zitiert genüsslich die Stadt Mainz: „Das Dach ist noch nicht an das Stromnetz angeschlossen.“ Denn geplant gewesen sei, ein Multifunktionsgebäude mit VIP-Räumen zu errichten, in dem der Strom abgenommen werden solle – doch das Gebäude wurde nie gebaut.
Solardach ohne Netzanschluss: „wirtschaftlich nicht sinnvoll“?
Auf Anfrage von Extra3 teilte die Stadt Mainz mit, ein Abschluss koste rund 82.000 Euro und sei „aktuell wirtschaftliche nicht sinnvoll“ – dabei hatte Bürgermeister Beck noch im März 2025 die Anlage in vollen Zügen gelobt: „Das Projekt ist so gut gestaltet, dass es als Referenzprojekt für Sportvereine in ganz Rheinland-Pfalz angegeben worden ist“, sagt Beck in dem Extra3-Film stolz in die Kamera – offenbar hatte man alte Videos von der Einweihung ausfindig gemacht.

Entsetzt zeigt man sich davon bei der Mainzer ÖDP; die das Thema nun aufgriff und kommende Woche in den Mainzer Stadtrat bringt. „Was hier passiert ist, ist ein klassisches Planungsversagen“, sagt ÖDP-Fraktionschef Claudius Moseler: „Man hat eine Solaranlage gebaut, ohne eine gesicherte Anschlusslösung zu haben. Als das geplante Multifunktionsgebäude wegfiel, hätte die Verwaltung sofort handeln müssen, stattdessen hat man die Anlage einfach liegen lassen.“
Die ÖDP fordert nun Aufklärung, immerhin kostete die Tribüne samt Solardach stolze 550.000 Euro und sei von Beck damals „vollmundig als zeitgemäß, nachhaltig, kostenreduzierend und sinnvoll angepriesen worden“, kritisiert Moseler: „Wer eine Solaranlage baut, muss auch sicherstellen, dass sie funktioniert. Solange sie keinen Strom liefert, ist sie kein Referenzprojekt – jedenfalls nicht im Positiven –, sondern ein Mahnmal für mangelnde Planungssorgfalt“, schimpft der Stadtrat.
ÖDP fordert Aufklärung: „Verzicht auf Einnahmen nicht erklärbar“
Besonders irritierend sei dabei, dass die Stadtverwaltung einen einfachen Anschluss ans Stromnetz samt Einspeisung als „wirtschaftlich nicht sinnvoll“ ablehne – dabei könnte die Anlage bis zu 5.000 Euro jährlich erwirtschaften. „Bei Anschlusskosten von 82.000 Euro ist das eine Amortisationszeit von rund 16 Jahren“, rechnet Moseler vor: „Bei einer Anlagenlebensdauer von typischerweise 25 bis 30 Jahren wäre das eine durchaus vertretbare Investition.“

Der Verzicht auf mögliche Einnahmen und Klimaschutzleistung sei „gegenüber den Mainzer Steuerzahlern schlicht nicht zu rechtfertigen“, schimpft zudem Holger Schinke, Mitglied des Klimaschutzbeirates der Stadt Mainz, der zudem in der Nähe wohnt. Nei der Stadt gibt man sich derweil zugeknöpft und ratlos. In einer Antwort auf eine Anfrage im Ortsbeirat Mombach vergangene Woche heißt es, die Realisierung eines Anschlusses sei „von den jeweiligen baulichen, technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig und im Einzelfall zu prüfen.“
Der heutige Bürgermeister und Sportdezernent Daniel Köbler, der die Anfrage beantwortet, zeigt sich wenig willig, einen schnellen Anschluss der Solaranlage zu bewerkstelligen: „Aufgrund des Abstiegs des TSV SCHOTT Mainz e. V. in die Oberliga, der angespannten Haushaltslage und der notwendigen Priorisierung anderer Maßnahmen wurde die Realisierung des Multifunktionsgebäudes zunächst zurückgestellt“, teilte Köbler mit. Damit sei „vorerst auch der maßgebliche Stromabnehmer entfallen.“ Der Anschluss der Photovoltaikanlage sei „daher aus wirtschaftlichen Gründen ebenfalls zurückgestellt worden“ – ein „späterer Anschluss“ bleibe „weiterhin möglich“.
Info& auf Mainz&: Den ganzen Beitrag von Extra3 könnt Ihr hier in der ARD-Mediathek ansehen.







