Seit der Sperrung des unteren Teils der Großen Bleiche in Mainz, herrscht im Bleichenviertel Verkehrschaos pur – denn die Sperrung geht mit einer ganzen Reihe weiterer neuer Verkehrsregeln einher, die alle über Nacht und ohne jede Kommunikation durchgeführt wurden. Da werden auf einmal Straßen zu Einbahnstraßen, die Zufahrt zum Stadthaus unterbunden und wichtige Querverbindungen gekappt. Scharfe Kritik kommt denn auch vom Verein „Unser Mainz in Rheinhessen“, FDP und Freie Wähler fordern belastbare Zahlen – und eine Online-Petition fordert die Aufhebung der Sperrung.

Neuer "Modalfilter" an der unteren Große Bleiche: Für Autofahrer schlicht gesperrt. - Foto: gik
Neuer „Modalfilter“ an der unteren Große Bleiche: Für Autofahrer schlicht gesperrt. – Foto: gik

Ende Juli führte das Verkehrsdezernat in Mainz einen sogenannten „Modalfilter“ an der Großen Bleiche ein, seither ist das untere Teilstück in Richtung Rhein für den Individualverkehr komplett gesperrt. Die Sperrung hat großflächige Auswirkungen auf die Mainzer City, denn die Große Bleiche war vor allen Dingen ein wichtiger Verkehrsabfluss aus der Stadt heraus. Seither herrscht im Bleichenviertel Chaos, irren Autofahrer durch die Innenstadt, und Einzelhandel und Gastronomie fürchten um ihre Existenz.

Zu dem Chaos trägt bei, dass über Nacht auch im übrigen Bleichenviertel gleich eine ganze Reihe von Straßen eine veränderte Verkehrsführung haben. So wurde die Hintere Bleiche zwar – wie angekündigt – zur Fahrradstraße, dass aber auf der Strecke zwischen Gärtnergasse und Zanggasse auf einmal die Einbahnstraßenregelung umgedreht wurde, war vorher nicht bekannt und nicht kommuniziert. Wer also aus der Hinteren Bleiche Richtung Post fahren will, steht nun plötzlich vor einer Einbahnstraße – und muss links in die Zanggasse abbiegen.

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Zanggasse plötzlich Nadelöhr: Abfluss für Verkehr von der Bleiche

Die Zanggasse wiederum führt den Autofahrer ausschließlich auf die Kaiserstraße – die neue Regelung führe zu massivem Umwege-Verkehr und dazu, dass jetzt in der engen Anwohnerstraße, der Zanggasse, Chaos und Stress herrsche, berichten genervte Anwohner in den sozialen Netzwerken. „Der Verkehr wird bewusst auf wenige Wege gezwungen und soll immer wieder auf die Kaiserstraße zurück“, kritisiert der Verein „Unser Mainz in Rheinhessen“, und klagt: „Für Besucher und Kunden wird das Bleichenviertel zum Labyrinth.“

Die Hintere Bleiche ist jetzt Fahrradstraße - aber die Einbahnstraßenregeln wurden auch ohne Vorwarnung geändert. - Foto: gik
Die Hintere Bleiche ist jetzt Fahrradstraße – aber die Einbahnstraßenregeln wurden auch ohne Vorwarnung geändert. – Foto: gik

Zu Beginn der Neuregelung sei zudem zu beobachten gewesen, dass zahlreiche Autofahrer die neue Einbahnstraße ignorierten – ob aus Vorsatz, oder vielleicht auch einfach nur, weil sie das Schild nicht gesehen hätten, berichtet der Verein weiter. Das führe ausgerechnet auf einer Fahrradstraße zu neuen Konflikten und Gefahren, kritisiert Vereinsvorsitzender Ulrich H. Drechsler: „Wer Sicherheit schaffen will, darf sich nicht damit zufriedengeben, dass die Beschilderung formal korrekt ist – die Verkehrsführung muss auch
praktisch funktionieren.“

Doch funktionieren tut derzeit im Bleichenviertel so gut wie nichts mehr: Wer vom Flachsmarkt kommt, stellt nämlich überrascht fest, dass ein Linksabbiegen in die Große Bleiche jetzt auch nicht mehr möglich ist – das Stadthaus etwa, ist also aus Richtung Innenstadt-Kaufhof mit dem Auto faktisch nicht mehr erreichbar, will man nicht einen riesigen Umwege-Tripp in Kauf nehmen: Ausweichschleifen führen entweder durchs Regierungsviertel, oder durch die engen Straßen des Bleichenviertels, um zurück zur Bauhofstraße zu gelangen, um dort rechts auf die Große Bleiche abzubiegen.

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Löwenhofstraße am Stadthaus auf einmal Einbahnstraße

Überhaupt dürften sich die Fahrer der städtischen Dienstwagen vergangene Woche nicht wenig gewundert – und geflucht – haben, denn auch die Löwenhofstraße vor dem Stadthaus ist auf einmal eine Einbahnstraße – und zwar weg von der Großen Bleiche. Damit kann man vom Stadthaus nicht mehr direkt zur Großen Bleiche fahren, sondern muss über die Margaretenstraße zum Flachsmarkt, von dort in Richtung Kaiserstraße (links abbiegen geht ja nicht mehr), und sich eine Umwegschleife rechts oder links der Bauhofstraße suchen, um zurück zur Großen Bleiche zu kommen. Man darf gespannt sein, wie lange die Stadtspitze das mitmacht.

Auch die Erreichbarkeit des Mainzer Stadthauses wurde inzwischen stark eingeschränkt. - Foto: gik
Auch die Erreichbarkeit des Mainzer Stadthauses wurde inzwischen stark eingeschränkt. – Foto: gik

Das Ganze habe schließlich auch eine wirtschaftliche Dimension, klagt denn auch Thomas A. Klann, FDP-Politiker und Vorstandsmitglied von „Unser Mainz in Rheinhessen“. Die Verwaltung müsse doch mal akzeptieren, dass ein Teil des Verkehrs in der Großen Bleiche „kein beliebiger Durchgangsverkehr ist, sondern Zielverkehr: Menschen wollen dort wohnen, arbeiten, einkaufen, einen Arzt besuchen, Dienstleistungen in Anspruch nehmen oder Gastronomie besuchen“, unterstreicht Klann. Wer diesen Menschen „immer längere und kompliziertere Wege zumutet“, riskiere schlicht: „Sie kommen nicht
mehr.“

Tatsächlich lauten so rund 90 Prozent der aktuellen Reaktionen in den sozialen Netzen: Selbst gestandene Mainzer berichten da, wie sehr sie die Nase voll haben vom jüngsten Verkehrsstreich sowie dem Mainzer „Baustellen-Dschungel“. „Gefühlte 20 Baustellen auf einmal, Stau auf allen Zufahrtsstraßen, wer sich das noch freiwillig antut, ist selbst Schuld“, lautet einer von vielen Kommentaren. Und manche Seniorin kritisiert: Über die Erreichbarkeit von Stadthaus, Ärzten und Geschäften für mobilitätsbehinderte Menschen werde überhaupt nicht mehr nachgedacht.

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Reaktionen: „Meide Mainz“, „habe mich von Läden verabschiedet“

Sie habe früher gerne Blumen beim Blumenstudio Wenk in der Hinteren Bleiche eingekauft, auf dem Rückweg von der Arbeit, berichtet eine Mainz&-Leserin, da habe sie einfach nur die Diether-von-Isenburg-Straße und dann die Hintere Bleiche hinauffahren müssen. Wolle sie heute dorthin, müsse sie die Rheinallee bis zum Hilton-Hotel fahren, dort drehen und wieder zurück, dann in die Kaiserstraße zur Bauhofstraße und rechts in die Hintere Bleiche.

Ausgerechnet die enge Zanggasse, eigentlich eine ruhige Anwohner-Straße, wird jetzt zum Nadelöhr-Abfluss für das Bleichenviertel. - Foto: gik
Ausgerechnet die enge Zanggasse, eigentlich eine ruhige Anwohner-Straße, wird jetzt zum Nadelöhr-Abfluss für das Bleichenviertel. – Foto: gik

Die könne sie aber nicht einfach zum Ende fahren, sondern müsse die Zanggasse entlang wieder zurück zur Kaiserstraße, dort links in Richtung Boppstraße und wieder links auf die Kaiserstraße – mit Gewirr und Ampeln dauere das derzeit glatte 45 Minuten. Mit Öffentlichen Verkehrsmitteln brauche sie derzeit für den Arbeitsweg statt 45 Minuten ein bis zwei Stunden, denn die stünden ebenfalls im Stau. Ihre Konsequenz: „Danke, nein. Ich habe mich von den Läden verabschiedet!“

Interessant dabei: Die Kritik wird inzwischen auch am Mainzer Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) festgemacht: Der habe „überhaupt kein Interesse“, den Grünen etwas entgegen zu setzen, uns lege stattdessen gemeinsam mit der Verkehrsdezernentin Mainz lahm, klagen diverse Kommentatoren. Sämtliche Warnungen und Geschäftsschließungen aber würden beflissentlich ignoriert, „entweder ins lächerliche gezogen oder einfach abgetan“, kritisiert ein Leser: „Nun merkt man, dass dieses Kind in den Brunnen fällt, und sich die Konsequenzen ergeben auf die vielfach hingewiesen wurde“ – gemeint sind gravierende Nachteile für den Einzelhandel.

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FDP wirft grüner Verkehrsdezernentin Steinkrüger „Willkür“ vor

Scharfe Kritik übt derweil die Mainzer FDP an Verkehrsdezernentin Janina Steinkrüger, der sie „Willkür“ vorwirft: Verkehrspolitik dürfe „kein Verschiebebahnhof sein“, schimpft FDP-Stadtrat David Dietz: Natürlich fahren weniger Autos, wenn man ihnen die Durchfahrt erschwert – die entscheidende Frage ist doch: Wo sind diese Autos jetzt? Sie lösen sich nicht in Luft auf. Sie fahren andere Straßen. Und genau dort entstehen neue Belastungen, Staus und Konflikte.“

Hintere Bleiche Mainz: Plötzlich Einbahnstraße in die andere Richtung. - Foto: gik
Hintere Bleiche Mainz: Plötzlich Einbahnstraße in die andere Richtung. – Foto: gik

Mainz erlebe eine Verkehrspolitik, bei der Belastungen einfach an eine andere Stelle verschoben würden, „das ist keine Lösung des Problems, sondern eine Verlagerung“, kritisiert Dietz. Er sehe inzwischen „einen erheblichen Unmut in der Stadt über die Verkehrspolitik der vergangenen Monate“, die die Stadt spalte und „längst zu einem erheblichen gesellschaftlichen Konflikt“ geworden sei. Dazu trage auch bei, „dass eine politisch gewünschte Maßnahme bereits als Erfolg verkauft wird, bevor die notwendigen Daten überhaupt vorliegen.“ Maßstab für eine Verkehrspolitik müsse aber „die Wirkung für ganz Mainz sein – nicht die willkürliche Auffassung der Dezernentin.“

Die Mainzer FDP fordert deshalb „eine offene und transparente Gesamtbewertung des Modalfilters“, sobald die Baustelle in der Großen Bleiche abgeschlossen ist. Dabei dürfe nicht nur die Große Bleiche betrachtet werden, sondern das gesamte umliegende Straßennetz müsse untersucht werden. „Wir wollen wissen, wie sich die Verkehrsmengen in der Kaiserstraße, der Binger Straße, den angrenzenden Straßen und den weiteren Ausweichrouten entwickelt haben“, fordert Dietz. Man wolle wissen, ob sich Fahrzeiten und Rückstaus verändert hätten, und welche Auswirkungen die Maßnahme auf Busverkehr, Wirtschaftsverkehr, Anwohner und Rettungswege habe.

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Chaos in der City: Probleme für Rettungskräfte und Feuerwehr?

Tatsächlich dürfte es für Rettungskräfte und Feuerwehr derzeit ausgesprochen schwierig sein, zu Einsätzen im Bleichenviertel sowie der gesamten Innenstadt zu kommen – gerade in engen Nebenstraßen herrscht oft Stau, der jetzt eben nicht mehr umfahren werden kann, weil auch Routen wie etwa über den Deutschhausplatz vor dem Landtag unterbunden wurden: Die Zufahrt zu Landtag und Staatskanzlei wurde kurzerhand abgepollert, eine Maßnahme, von der weder Landtag noch Staatskanzlei wussten.

Auch die Zufahrt zu Landtag und Staatskanzlei von der Großen Bleiche aus wurde über Nacht abgepollert. - Foto: gik
Auch die Zufahrt zu Landtag und Staatskanzlei von der Großen Bleiche aus wurde über Nacht abgepollert. – Foto: gik

Solche Fragen stellen auch die Freien Wähler (FW): „Wir wünschen uns belastbare Zahlen statt ideologischer Debatten. Die Bürger haben ein Recht darauf zu erfahren, wie sich die Verkehrssituation nach den jüngsten Änderungen tatsächlich entwickelt hat“, sagt FW-Stadtrat Erwin Stufler. Man fordere eine ergebnisoffene Untersuchung und Bewertung aller derzeitigen Verkehrs-Maßnahmen sowie eine transparente Veröffentlichung der Ergebnisse. Mainz brauche eine Verkehrspolitik, die Mobilität ermögliche, statt neue Engpässe zu schaffen.

Derweil wehren sich Anwohner im Bereich von Schloss und Bleichenviertel weiter gegen die Sperrungen und Umleitungen: Inzwischen wurde die analoge Unterschriftsammlung auch zu einer  , darin fordert die Initiatorin Doris Klinger, die Sperrung im Bereich Große Bleiche „umgehend zu überdenken und aufzuheben.“ Die bereits umgesetzte Verkehrsführung führe „zu einem praktisch kaum nachvollziehbaren Umweg, für Anwohner, umliegende Bewohner, vor allem auch für ansässige Geschäfte.“

Das Thema dürfte die kommenden Wochen auch den Mainzer Stadtrat beschäftigen: Am 03. September trifft sich um 16.00 Uhr der Mobilitätsbeirat, und am 09. September tritt der Mainzer Stadtrat zu seiner ersten Sitzung seit der Sommerpause zusammen. Die Frage dürfte sich dann auch stellen: Wurden die Stadträte überhaupt von allen diesen Änderungen informiert – und er hat sie eigentlich beschlossen?

Info& auf Mainz&: Einen ausführlichen Bericht zur Kritik der Anwohner an der Sperrung der Großen Bleiche und umliegender Straßen findet Ihr hier bei Mainz&:

„Erheblicher Eingriff in Erreichbarkeit“: Anwohner im Isenburg-Karré in Mainz fordern Aufhebung der Sperrung der Großen Bleiche