Lollitests in allen Kitas, eine Testpflicht, mehr Schutz für Kinder und Erzieherinnen – die Liste der Forderungen war lang. Rund 200 Erzieherinnen, Eltern und Kita-Leiterinnen protestierten am, Dienstag in Mainz gegen die aus ihrer Sicht viel zu niedrigen Corona-Regeln in den Kitas. Sie kamen aus ganz Rheinland-Pfalz, und ihre Wut war groß: “Durchseuchung stoppen” hieß es vielfach, es brauche endlich mehr Schutz und Hilfe für die Einrichtungen. Für besonders viel Wut sorgt die neue Quarantäneregel in den Kitas.

“Die Lage ist einfach unerträglich, es geht nicht mehr”, betont Kristin Starck-Fürsicht, Leiterin einer Kita in Zornheim bei Mainz. Seit Wochen rollt die Omikron-Welle in immer größeren Schüben durch die Republik, besonders stark trifft sie die Jüngsten: Gerade Kinder in Kitas und Grundschulen haben derzeit die höchsten Infektionsraten. Doch flächendeckende Tests in Kitas sucht man noch immer vergebens, landauf, landab herrscht ein Flickenteppich – eine Testpflicht in den Kitas lehnt Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) weiter strikt ab.

Erste Demo von Kita-Fachkräften vor dem Landtag in Mainz. - Foto: gik
Erste Demo von Kita-Fachkräften vor dem Landtag in Mainz. – Foto: gik

Nun reichte es den Erzieherinnen: Am Dienstagabend kamen sie zur ersten Kita-Demo nach Mainz, trotz Regen und eisigen Temperaturen. “Behandelt uns nicht wie Betreuungsroboter” und “Durchseuchung ohne Plan und Schutz” steht auf den Transparenten. “Wir stehen im Regen, das passt doch”, sagt Carmen Stepputat, Leiterin der Kita Mäuseturm in Bingen, sarkastisch – genau so fühlen sie sich hier: Allein gelassen von der Politik, im Stich gelassen von den Entscheidern.

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Wut und Angst vor Durchseuchung und Forderung nach besserem Schutz: Teilnehmerin der Kita-Demo in Mainz. - Foto: gik
Wut und Angst vor Durchseuchung und Forderung nach besserem Schutz: Teilnehmerin der Kita-Demo in Mainz. – Foto: gik

“Mich ärgert es sehr, dass ich mich – wie die meisten Menschen in meinem Umfeld – die vergangenen zwei Jahre aus Solidarität sehr eingeschränkt habe, diese Solidarität nun aber gegenüber meiner Berufsgruppe und auch gegenüber den Kindern völlig außen vor gelassen wird”, schreibt eine Mainzer Erzieherin in einem Wutbrief: “Es ist für mich in keiner Weise mehr nachvollziehbar, wie hier mit der Gesundheit und auch Belastbarkeit von Kindern und Fachkräften umgegangen wird.”

Knapp 300 solcher Briefe haben die Protestierenden an diesem Dienstag dabei. “Mich beherrschen Angst und Sorge, mich und meine Familie zu infizieren”, schreibt da eine weitere Erzieherin: “Ich kann es kaum aushalten, der Situation so hilflos ausgeliefert zu sein und mein junges ungeimpftes Kind nicht schützen zu können.” Sie habe alles getan, was sie konnte, “und jetzt wird alles so gekippt, dass es für mich keinen Schutz mehr gibt und ich auch nicht mehr für den Schutz der Kinder sorgen kann”, klagt eine Kollegin: “Respekt für Kinder und Pädagogen – Fehlanzeige!”

Briefe für die Staatskanzlei: Auf der Demo machten die Erzieherinnen ihrer Wut Luft. - Foto: gik
Briefe für die Staatskanzlei: Auf der Demo machten die Erzieherinnen ihrer Wut Luft. – Foto: gik

Die Schreiben übergab der Kita-Fachkräfteverband, gemeinsam mit dem Bündnis “Sichere Bildung” am Dienstag an der Pforte der Staatskanzlei, bestimmt für Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Bildungsministerin Stefanie Hubig (beide SPD). “Es sind Gedanken von Kollegen aus ganz Rheinland-Pfalz, viele sitzen in Corona-Quarantäne”, berichtet Stepputat im Gespräch mit Mainz&: “Es sind viele wütende Briefe, viele verzweifelte Briefe”, es gebe aber auch viele Ideen, um die Kitas sicherer zu machen gegen das Virus.

“Wir brauchen jetzt mehr Schutzmaßnahmen”, fordert auch Manuel Hein, der Erzieher aus Koblenz ist eigens zur Demo nach Mainz gekommen. Hein startete im Dezember 2020 eine Petition gegen den Regelbetrieb in Kitas, das war im Winter-Lockdown, und Hein forderte in seiner Petition eine Schließung der Kitas samt Notbetrieb und kostenlose Schnelltests in allen Kitas, mehr als 13.000 Unterzeichner fand seine Online-Petition – gerichtet an Dreyer und Hubig. Eine Reaktion aus der Politik habe er nicht bekommen, sagt Hein. Nun steht er hier im Mainzer Regen und fordert: “Es müssen jetzt mal endlich bessere Teststrukturen her, und zwar verpflichtend.”

Angst um die Gesundheit der Kinder: Kita-Fachkräfte forderten in Mainz mehr Schutz für die Kitas. - Foto: gik
Angst um die Gesundheit (auch) der Kinder: Kita-Fachkräfte forderten in Mainz mehr Schutz für die Kitas. – Foto: gik

Für besonders viel Wut sorgt an diesem Tag ein Schreiben des Landesjugendamtes, das am Montagabend um 17.00 Uhr einging – mit den neuen Quarantäneregeln. Danach sollen Kitakinder bei einem Positivfall sofort abgeholt werden, dürfen aber bei einem negativen Schnelltest am nächsten Tag gleich wieder in die Kita kommen. “Bei einer mittleren Inkubationszeit von vier bis sechs Tagen kann das aus meiner Sicht keine Maßnahme sein, die dem Gesundheitsschutz dient”, kritisiert Hein. “Wir haben Angst um die Kinder”, betont er, Kinderärzte berichteten, dass das PIMS-Syndrom mit Omikron vermehrt auftrete.

“Eine Inkubationszeit gibt es einfach nicht mehr, das kann es doch nicht sein”, kritisiert auch Stepputat. Drei ihrer Kolleginnen sitzen derzeit in Quarantäne, alle geboostert – und alle nach zwei Wochen immer noch positiv. “Unser Arbeitgeber sagt: das ist ihm zu gefährlich, die wiederkommen zu lassen”, berichtet Stepputat. Viele Kinder würden nicht getestet und nicht gemeldet, von 75 Kindern seien derzeit nur 45 da – ob die zuhause blieben, weil sie Corona-positiv seien oder nur, weil die Eltern Angst haben vor einer Infektion, die Kita-Leiterin weiß es nicht.

Forderungen der Kita-Demo: Allgemeine Testpflicht, längere Quarantäne. - Foto: gik
Forderungen der Kita-Demo: Allgemeine Testpflicht, längere Quarantäne. – Foto: gik

Sie habe zuhause drei Personen im häuslichen Umfeld, die zu den gefährdeten Personengruppen zählten, darunter ihr eigener Mann, schreibt eine weitere Kita-Mitarbeiterin: “Für ihn wären mit seiner Vorerkrankung die Folgen nicht abzusehen”, die Arbeit ohne Schutz vor dem Virus werde “für mich zu einer direkten Belastung.” – “Wir brauchen bessere Hygienemaßnahmen in den Kitas”, fordert Starck-Fürsicht, die auch Landesvize des Kita-Fachkräfteverbandes ist. Die Kitas müssten den Schulen gleich gestellt werden, dort müssten sich Kinder einer Lerngruppe nach einem Positivfall fünf Tage lang verpflichtend testen – es sei doch nicht einzusehen, warum das in Kitas anders gehandhabt werde.

“Die Eltern wollen die verpflichtenden Tests”, betont auch Stepputat, die Träger “würden es machen, wenn das Land die Verpflichtung vorgeben würde und die Tests zahlen würde.” Lolli-Tests für jede Kita wünschen sie sich hier, für mehr Sicherheit, und damit die Einrichtungen offen gehalten werden könnten. “Wir können unsere Familien nicht mehr sehen, haben Angst, zu unseren Großeltern oder der pflegebedürftigen Oma zu gehen”, betont auch Hein, und auch für die Eltern sei die Unsicherheit doch groß, weil sie nicht wüssten, ob sie jeden zweiten Tag ihr Kind spontan aus der Kita holen müssten wegen eines Positivfalls. “Ich bin genervt, frustriert und wütend”, sagt Hein.

Lolli-Test in einer Mainzer Kita, das Modellprojekt wurde im Streit um die Finanzierung nicht fortgeführt. - Foto: gik
Lolli-Test in einer Mainzer Kita, das Modellprojekt wurde im Streit um die Finanzierung nicht fortgeführt. – Foto: gik

Dabei hatte gerade erst eine Würzburger Studie nachgewiesen, dass Coronatests in Kitas sehr gut geeignete seien, Ansteckungen mit dem Coronavirus zu unterbinden – besonders geeignete seien Lollitests für den Einsatz in Kitas, schrieben die Forscher. Doch beim Land Rheinland-Pfalz lehnt man eine Testpflicht für Kitas oder die Finanzierung flächendeckender Tests weiter ab: “Wir haben selbstverständlich Verständnis dafür, wenn Menschen auch anderer Meinung sind”, sagte Bildungs-Staatssekretärin Bettina Brück am Rande der Demonstration. Es sei “schwierig, unterschiedliche Interessen unter einen Hut zu bringen.” Das Land habe sich für eine anlassbezogene Testpflicht entschieden, verteidigte Brück die Landesvorgaben – ändern wolle sie nichts.

“Ich frage mich ernsthaft, wie lange die Landesregierung noch tatenlos zusehen will”, kritisierte der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Barth: Das Land nehme immer mehr Omikron-Infektionen in den Kitas in Kauf – und riskiere damit auch eine verlässliche Kinderbetreuung. Die CDU fordert bereits seit Wochen Lolli-Tests in allen Kitas, finanziert vom Land, und ebenso wie die Freien Wähler, die Test- und Quarantäneregeln in Kitas und Schulen gleich zu behandeln,

“Meine Meinung ist, die Durchseuchung der Kitas ist gewollt”, kritisiert auch Steppulat. Die Politik gehe einfach davon aus, dass Kinder milde Verläufe hätten, doch wer wisse das schon? “Die Verantwortung, wenn es doch mal schlimmer ausfällt, möchte ich nicht tragen”, fügte sie hinzu. Die Kita-Vertreterinnen aber wollen weiter protestieren, bis sie gehört werden: “Bleibt dran, gebt nicht auf”, rief Starck-Fürsicht, “und bleibt vor allen Dingen gesund.”

Info& auf Mainz&: Mehr zur Wut unter den Erzieherinnen, in den Kitas und auch bei den Eltern lest ihr hier auf Mainz&. Mehr Statements zu dem Thema könnt Ihr auch hier beim Kita-Fachkräfteverband im Internet nachlesen. Einen ausführlichen Artikel über die Würzburger Kita-Test-Studie findet Ihr hier bei Mainz&.

 

 

 

 

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