Sechs Jahre und 73 Millionen Euro brauchte es, dann konnte in dieser Woche endlich Einweihung gefeiert werden: Das grundlegend sanierte Deutschhaus ist wieder eröffnet, das historische Barockpalais ist nun wieder Sitz des Landtags Rheinland-Pfalz. Am Mittwoch zogen die 101 Parlamentarier und die Vertreter der Landesregierung feierlich in das Plenarrund ein, das bietet nun weniger Platz als vorher, dafür eine moderne Atmosphäre und vor allem hochmoderne Technik. Das Deutschhaus stehe aber vor allem für eines, betonte Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD): „Es steht symbolisch für das Ringen um die Demokratie.

Das neue Deutschhaus strahlte am Mittwoch mit dem Himmel um die Wette. - Foto: gik
Das neue Deutschhaus strahlte am Mittwoch mit dem Himmel um die Wette. – Foto: gik

2016 war der Landtag Rheinland-Pfalz aus seinem angestammten Sitz am Rhein in unmittelbarer Nähe der Staatskanzlei und gegenüber dem Kurfürstlichen Schloss ausgezogen: Das historische Gebäude war in die Jahre gekommen, vor allem die Technik innen war stark renovierungsbedürftig, die hohen Säle boten zudem viel zu wenig Platz für Besuchergruppen und auch die Landtagsverwaltung selbst. So zog der Landtag um in ein Provisorium: Die Steinhalle des Landesmuseums wurde zum Ausweichquartier, das alte Parlamentsgestühl dort eingebaut – um die Frage, was nun damit geschehen soll, ist eine scharfe Debatte entbrannt.

Am Mittwoch stand aber die Freude über das neue-alte Domizil im Vordergrund, die Rückkehr der Parlamentarier in das hohe Haus der Demokratie hatte etwas von Klassenausflug: Im Landtagshof drängten sich die festlich gekleideten Volksvertreter, es wurden Selfies gemacht und die strahlend rote Fassade vor dem tiefblauen Himmel bestaunt – pünktlich zur feierlichen Eröffnung strahlten Sonne und Parlamentsgebäude um die Wette. Eine große, ausgelassene Feier hatte die Landesregierung aber bewusst nicht ausgerichtet: Die Corona-Pandemie, aber auch auf die Flutkatastrophe im Norden des Landes „haben uns heute veranlasst, kein großes Fest zu feiern“, betonte Landtagspräsident Hering, und mahnte: „Im Angesicht dieser Krisen werden wir uns auch als Demokraten bewähren müssen.“

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Schlüsselübergabe für das neue Deutschhaus mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD), 2. von rechts). - Foto: gik
Schlüsselübergabe für das neue Deutschhaus mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) und Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD), 2. von rechts). – Foto: gik

Das Deutschhaus könne denn auch „symbolisch für das Ringen um die Demokratie stehen“, sagte Hering in seiner Eröffnungsrede: „Die Wände, die uns umgeben, sind fast 300 Jahre alt, sie haben den Kampf um die Demokratie als stumme Beobachter miterlebt.“ Erbaut zwischen 1729 und 1740, wurde das Barockpalais 40 Jahre vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und 50 Jahre vor der französischen Revolution errichtet. Erbaut wurde das imposante Gebäude aus rotem Sandstein für den Mainzer Erzbischof und Kurfürsten Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg. Der Kurfürst war auch Hochmeister des Deutschen Ordens, das „Deutschordenshaus“ sollte seine standesgemäße Residenz werden – Franz Ludwig erlebte das nicht mehr: Er starb überraschend schon 1732.

Das Barockpalais aber blieb der zentrale Sitz der jeweilig Regierenden in Mainz – 1793 schrieb es Demokratiegeschichte: Genau am 18. März 1793 wurde hier, vom Balkon des Deutschhauses aus, die erste demokratische Republik auf deutschem Boden ausgerufen. Es waren Mainzer Jakobiner, die – inspiriert von der Französischen Revolution – das Experiment eines demokratischen Gebildes starteten. Die „Mainzer Republik“ hielt indes nur wenige Wochen bis zum Einmarsch der Preußen, gemeinsam mit dem Hambacher Fest von 1832 gilt sie aber als einer der Vorläufer unserer heutigen Demokratie.

Der neue Plenarsaal im Inneren des Landtags. - Foto: gik
Der neue Plenarsaal im Inneren des Landtags. – Foto: gik

1798 bis 1814 wurde der Bau die Residenz des französischen Kaisers Napoleon, der hier mehrfach und zuletzt am 2. November 1813 logierte. Ab 1814 wurde das Deutschhaus Sitz der österreichisch-preußischen Militärregierung, ab 1816 Residenz des hessischen Großherzogs. Der Preuße Wilhelm I. plante von hier aus 1870 seinen Frankreichfeldzug, ab 1918 residierten hier wieder die Franzosen bis zum Ende der Rheinlandbesetzung. 1945 wurde das Deutschhaus bei einem Bombenangriff stark zerstört, aber 1950 bis 1951 in nur 153 Tagen wieder aufgebaut – als Sitz des Parlamentes des neu geformten Landes Rheinland-Pfalz.

„Der Kampf um Demokratie ist geprägt von Repressalien, Leid, Unterdrückung und Unfreiheit“, betonte Hering, gerade die „Mainzer Republik“ zeige aber: „Demokratie entsteht dort, wo Menschen von ihren Idealen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beseelt sind.“ Diese Demokratie zu bewahren, ja, sie zu verteidigen gegen antidemokratische Bewegungen und Ideologen – dafür sei das Deutschhaus Verpflichtung und Mahnung zugleich. Vor der Tür wurde am Mittwoch gemeinsam mit dem Parlamentsgebäude auch das Kunstwerk „Drei Farben“ des Berliner Künstlers Michael Sailstorfer eingeweiht: An drei neun Meter hohen Toren wehen dort nun drei Farben in den Farben Schwarz, Rot und Gold.

Der neue Anbau mit dem Landtagsrestaurant und dem Kunstwerk "Drei Farben" davor. - Foto: gik
Der neue Anbau mit dem Landtagsrestaurant und dem Kunstwerk „Drei Farben“ davor. – Foto: gik

Das Kunstwerk solle „insbesondere an den Mut der damaligen Freiheitskämpfer“ erinnern, „die ungeachtet aller Gefahren für ihr Leib und Leben die deutsche Einheit, Freiheit und Demokratie forderten, wofür die schwarz-rot-goldene Fahne stand und steht“, sagte Hering. Als historisches Mahnmal für diese Geschichte steht das Original im Inneren: Auch im neuen Plenarsaal hängt, wie schon im alten, das Original einer Original-Fahne vom Hambacher Fest mit den Farben Schwarz, Rot und Gold.

Das moderne Kunstwerk vor der Tür hatte sich in einem Wettbewerb zur Kunst am Bau durchgesetzt – andere Vorschläge waren ein „Garten der Welt“ oder auch ein „Plenairsaal“ gewesen, mit denen die jeweiligen Künstler das Parlamentsgeschehen im Inneren nach außen spiegeln und für die Bürger direkt erlebbar hatten machen wollen. Die Entscheidung hatte ein Jury unter dem Vorsitz einer Darmstädter Kunstexpertin hinter verschlossenen Türen und ohne Einbeziehung der Mainzer getroffen . mehr dazu lest Ihr hier in unserem Leitartikel „Abgehobene  Fahnenbahnen statt Treffpunkt und Kommunikation“ aus dem Jahr 2018.

Helle Farben und viel Glas dominieren das Innere des neuen Deutschhauses, hier der Gang zum Landtagsrestaurant. - Foto: gik
Helle Farben und viel Glas dominieren das Innere des neuen Deutschhauses, hier der Gang zum Landtagsrestaurant. – Foto: gik

Auch der neue Anbau des Landtags, in dem das brandneue Landtagsrestaurant untergebracht ist, ist nicht unumstritten: Der schlichte Bau in hochmoderner Quaderoptik passt nicht für jeden Beobachter zur barocken Fassade des Haupthauses, spektakuläre ist indes die bei gutem Wetter weit geöffnete Fensterfront in Richtung Große Bleiche. 42 Millionen Euro sollten Sanierung und neuer Anbau ursprünglich kosten, daraus wurden am Ende 73 Millionen Euro und eine Bauzeit von satten sechs Jahren. Die Bauarbeiten seien „von großen Herausforderungen“ geprägt gewesen, räumte Hering ein: Die Corona-Pandemie, „Hindernisse“ durch die Hochkonjunktur in der Baubranche, aber auch die Geschichte selbst verzögerten die Arbeiten: Beim Neubau des Anbaus fanden Archäologen unter anderem Reste der Mainzer Stadtmauer sowie eine wertvolle Goldmünze aus der Byzantinerzeit – Belege für die Bedeutung von Mainz als Handelsmetropole von der Römerzeit bis weit hinein ins Mittelalter.

Am Ende fehlte nun auch noch der, auf dessen Hartnäckigkeit und Engagement der Umbau eigentlich zurückging: „Lieber Joachim Mertes“, erinnerte Hering an seinen Vorgänger, den früh verstorbenen ehemaligen Landtagspräsidenten: „Wir denken heute in diesem Augenblick an Dich – als wär’s ein Stück von Dir.“ Die neue Architektur habe nun „dem Gebäude neues Leben eingehaucht“, konstatierte Hering weiter, das Innere wird geprägt von Muschelkalk für die Böden, weißem Putz an den Wänden und neuem Mobiliar aus heller Eiche. „Das Gebäude ist von eleganter Schlichtheit geprägt, von Transparenz, freundlicher Offenheit und modernem Pragmatismus – so, wie wir Rheinland-Pfälzer eben sind“, betonte Hering.

Der neue Plenarsaal vom Rednerpult aus gesehen mit Besuchertribüne oben. - Foto: gik
Der neue Plenarsaal vom Rednerpult aus gesehen mit Besuchertribüne oben. – Foto: gik

„Sechs Jahre lang wurde hier geschleift, gebaut und gehämmert, das kann ich als Nachbarin bezeugen“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) schmunzelnd. Nun aber sei aus dem ehrwürdigen Haus „ein wahrhaftes Bürgerparlament geworden“, modern, zeitgemäß, und mit Nahbarkeit und Zugänglichkeit für die Bürger. „Dieses Plenum ist der Ort, wo offen, sachlich und mit Respekt voreinander gestritten wird“, mahnte Hering denn auch – die erste Plenardebatte wird in 14 Tagen stattfinden. „Wir stehen hier, und wir stehen zu unserem Wort“, betonte der Präsident: „Lasst uns die Demokratie genau so zukunftsfähig machen wie das erneuerte Landtagsgebäude.“

Info& auf Mainz&: Das neue Deutschhaus lud am heutigen Freitag, den 10. September eigentlich auch zum Tag des Offenen Landtags – nur: die wenigen angebotenen Führungen waren im Handumdrehen ausverkauft. Künftig wolle man nun Führungen für das Deutschhaus an einigen Samstagen im Monat anbieten, heißt es auf der Homepage des Landtags, dafür kann man sich jetzt schon vormerken lassen: Bitte Email an besucherdienst(at)landtag.rlp.de mit einem konkreten Terminwunsch. Und weil der Landtags nun ja nicht wirklich offen steht, kommt hier unsere Fotogalerie zur Eröffnung:

 

 

2 KOMMENTARE

  1. Ah – endlich ist der „Landeshandtuchhalter“ (vulgo „Wäscheleine“) eingeweiht :-))
    Wieso steht der nun erhöht auf Rasen – Mensch meint gelesen zu haben, dass „Bürger“ darunter her schreiten sollte?
    „Ich merkt‘ es wohl, vor Tische las man’s anders…“
    Aber Chapeau – „Drei Fähnchen im Wind“ sind wahrlich ein Aushängeschild für real gelebte Demokratie – Mensch hätte dem Landtag soviel an Selbstironie gar nicht zugetraut.

    Oh tapf’re neue Welt die solche Narren trägt!

    • Fähnchen im Winde… in der Tat. So könnte man das auch lesen… Und ja, die Menschen sollten darunter einherschreiten, so wurde es einstens „verkauft“. Aber manchmal fragt man sich schon: Ist Volk und sein Verweilen überhaupt erwünscht? Dafür hätte es andere Modelle gegeben…

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