Gehobenes Wohnen am Wasser ist keine Erfindung der Neuzeit, auch die Römer wussten offenbar schon die Nähe zum Wasser zu schätzen: Am Mainzer Zollhafen wurden 2018 beim Bau der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) Funde gemacht, die das Bild des römischen Mainz ein Stück weit auf den Kopf stellten. Denn sie zeigten: Die Mainzer Neustadt war ein deutlich wichtigerer Teil des antiken Mogontiacum – und die Einwohner, die hier lebten, waren reich. Edles Essgeschirr und Gewandspangen zeugen vom hohen Lebensstandard – und Dutzende Amphoren von der Baukunst der Römer.

Das antike Mogontiacum wurde spätestens Ende des 1. Jahrhunderts zu einer echten Metropole am Rhein, hier lebten im Schatten des Legionslagers auf dem Kästrich eine vielfältige Bevölkerung aus einheimischen Kelten, Römern aus dem Süden und Hilfssoldaten aus allen Teilen des Römischen Reiches. Was die Archäologen lange nicht wussten: Die zivile Stadt mit ihren Geschäften und Werkstätten, aber auch Wohnhäusern und Tempeln erstreckte sich deutlich weiter in den Bereich der heutigen Neustadt als früher gedacht.
„Die Neustadt zählte man früher eigentlich nie zur römischen Stadt“, sagt der frühere Landesarchäologe Gerd Rupprecht im Gespräch mit Mainz&, „aber das muss man – das zeigen die imposanten Funde im Zollhafen. Dort war Handel und Wandel und ein buntes Treiben.“ Tatsächlich fanden die Archäologen 2019 bei Bauarbeiten an der Wallaustraße Fundamente eines großen antiken Wohngebäudes mit Brunnen, Wasserbecken und Fußbodenheizung, einen ganzen Vorstadtbereich mit Handwerkern, Kaufleuten, Läden – und einer Via Appia-gleichen Einfallstraße nach Mainz samt Gräbermeile mit Stelen.
Gourmets & Genuss: Edles Essgeschirr, Kannen, Schüsseln
2018 dann bescherte der Neubau der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) den Archäologen gleich ein ganzes Füllhorn an Funden – und jede Menge neue Erkenntnisse. Denn das Gebiet zwischen Rheinallee und Rhein, der alte Zollhafen, galt als totes Gebiet für Archäologen. „Wir gingen davon aus, dass alles zwischen Rheinallee und Rhein zerstört ist, durch den Bau des Hafens und der Festungsanlagen“, sagte damals die Landesarchäologin Marion Witteyer – doch das war ein Trugschluss.

Denn im Schlamm des alten Hafens zeigten sich Funde, die belegten: Hier lebten einst wahre Gourmets und romanisierte Bürger mit hoher Bildung. Die Archäologen fanden nämlich „Gefäße, Kannen, Schüssel und Teller, die zeigen, dass das Essen in einem gehobenen Umfeld stattgefunden hat“, berichtete Witteyer bei der Vorstellung der Funde im Jahr 2021. Wer immer hier wohnte, benutzte feines Geschirr und war reich genug, das einfach wegzuschmeißen, wenn es kaputt ging.
Ein wunderschön gemustertes Gefäß wurde weggeworfen, weil es keinen Deckel mehr hatte, die Ausgräber fanden in 12 Wochen Arbeit Trinkgefäße und Esslöffel, zwei Kannen aus Ton, die einst mit Metallen verziert waren, sowie eine Kanne, die wohl einst zu einem Set mit Schale zum Fingerwaschen genutzt wurde. Sogar hölzerne Schöpflöffel fanden sich im Erdreich, solche Funde aus Holz sind ausgesprochen selten.
Ein bronzener Delphin und jede Menge Schreibtäfelchen
Dazu bargen die Archäologen Schalen aus leuchtend rotem Ton, deren Oberfläche glänzt, als wäre sie aus modernem Plastik, die reich verzierten Gefäße wurden in Südfrankreich hergestellt und stammen wohl aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. „Der Transport hierher war teuer, also hat man Filialen gegründet und dort ebenfalls solches Geschirr hergestellt“, sagte Witteyer. Auch belegen die Funde, dass das Areal am Rhein schon lange besiedelt war: Von der Zeit um Christi Geburt bis ins 4. Jahrhundert hinein reichten die Artefakte.

Und sie geben tiefe Einblicke in das Alltagsleben im römischen Mogontiacum. Da sind die Essgeschirre und Kannen, aber auch eine edle Gewandspangen aus Emaille, die wohl einst verloren ging. Ein absolutes Highlight ist ein wunderbar gebogener und reich verzierter bronzener Delphin, der womöglich einst einen Reisewagen zierte.
Gefunden wurden auch Schreibtäfelchen aus Tannenholz, Fichte und Lärche, auf ihr vertieftes Innenfeld wurde eine Wachsschicht aufgetragen, in die ein Römer seine Notizen ritzte. Üblicherweise hätten solche Täfelchen Briefe, Urkunden oder Geschäftsbelege enthalten, berichtete Witteyer, je nach Inhalt wurde das Täfelchen verschlossen und versiegelt.
Ein Brief an Quintus Prudens und Amphoren im Uferschlamm
Eines der gefunden Täfelchen war adressiert – ein Quintus Latilius Prudens sollte das Schreiben erhalten. Die Schrifttäfelchen zeigen: Hier bewegten sich einst Menschen mit hoher Bildung und viel Geschäftssinn, dafür sprechen auch Funde wie eine kleine Schnellwaage oder ein gewaltiger Gewichtsstein von 8,2 Kilogramm, der aus dem fernen Belgien stammt – und den Forschern Rätsel aufgibt: Kam der Stein in einem Handelsschiff nach Mainz, und diente er tatsächlich einer Waage – oder einfach nur zum Beschweren?

Zu sehen sind diese Funde im Übrigen in der Kantine der LBBW in Vitrinen an den Wänden, die Funde sollten nach dem Ende der Coronazeit eigentlich auch Besuchern bei Führungen zugänglich gemacht werden – was daraus wurde, wissen wir leider nicht.
Doch schon in dem Innenhof, frei zugänglich von der Rheinallee aus, begegnet dem Besucher ein ebenerdiger Schaukasten. Darin sind vier große Amphoren ausgestellt, und damit hat es eine besondere Bewandnis: Die großen Gefäße kamen in Massen auf den römischen Schiffen aus dem Süden und brachten Öl, Wein und wohl auch das römische Garum – eine Fischsoße – an den Rhein.
Amphoren für den Untergrund und Töpfereizentren in Mainz
Waren sie geleert, gab es aber noch eine andere Verwendung für die Gefäße: mit den Amphoren wurden die Fundamente unter den Häusern verstärkt. Mit den Hohlkörpern hoben die Römer den Untergrund an, nebeneinander gelegt wurde daraus ein stabiles Fundament im weichen und nassen Uferboden, auf dem sich offenbar prima Bauen ließ. Ihr Ton war wasserdicht, nahm allerdings etwa bei Olivenöl das Öl auch auf – leere Amphoren waren deshalb die Massen-Wegwerfware der Antike und wurden vielfach als Baumaterial oder Dämmstoffe weiter verwendet.

Ganze Amphorenlandschaften fanden die Forscher an den sumpfigen Rändern des damaligen Rheinverlaufs, viele von ihnen dürften wohl auch in Mainz selbst gefertigt worden sein: Im Süden von Mainz, im heutigen Stadtteil Weisenau fanden die Forscher zahlreiche Töpfereien mit Brennöfen und Abfallhalden. Ein ganzes Töpfereizentrum können die Forscher dort von etwa 20 bis 69 nach Christus datieren, in späterer Zeit sind Töpfereien auch im heutigen Regierungsviertel belegt – und inzwischen eben auch in der Mainzer Neustadt.
Und während in den Gewerbegebieten Amphoren und Krüge gefertigt wurden, brannte man entlang der Großen Bleiche, in Höhe des heutigen Abgeordnetenhauses einst Statuetten von Göttinnen und Göttern – als persönliche Götter für den Hausaltar, als Abschiedsgeschenke in Gräbern oder als Opfergaben für die Heiligtümer im nahem Tempelbezirk. Massenware à la Antike – der Tempel der Isis und der Magna Mater war ja nicht weit…
Info& auf Mainz&: Über die Ausgrabungen im Mainzer Zollhafen haben wir ausführlich im Juni 2021 hier berichtet. Für diesen Artikel haben wir außerdem auf die Erkenntnisse des Buches „Das Römische Mainz“ von Bernd Funke zurückgegriffen, dieser Adventskalender entsteht zudem in Kooperation mit dem Verein „Rettet das Römische Mainz“, der Mainz& mit Informationen und Fotos unterstützt. Den ganzen Mainz&-Adventskalender zum Römischen Mainz findet Ihr hier auf Mainz& mit allen Türchen.
Hinweis&: Kein Türchen mehr verpassen? Dann jetzt das Mainz&-Solidarabo abschließen und den Mainz&-Newsletter beziehen! Hier steht, wie’s geht:







