Gott Jupiter und seine Ehrensäule haben wir Euch ja in Türchen 4 vorgestellt, doch der Pantheon der Römer war deutlich weiter gefasst: Auch Götter aus anderen Kulturen wurden mühelos integriert und verehrt, wie etwa der persische Gott Mithras, besonders beliebt bei Soldaten – oder die ägyptische Göttin Isis. Und die machtvolle Isis wurde in einem großen Tempel mitten im antiken Mogontiacum verehrt, gemeinsam mit der keltischen Magna Mater. In dem Tempel der Muttergöttinnen wurde geopfert und gebetet – aber auch verflucht und verdammt. Der Isistempel, der sich heute unter dem Einkaufszentrum Römerpassage findet, ist unser Adventskalender-Türchen Nummer 5.

Es ist eines der verstecktesten Denkmäler im modernen Mainz, für seine Entdeckung muss man hinunter in die Unterwelt: Unter der „Römerpassage“ in der Mainzer City befindet sich eines der spektakulärsten römischen Denkmäler in ganz Deutschland – ein antiker Tempel, in dem einst die ägyptische Isis und die keltische Magna Mater verehrt wurden. Der Weg dahin führt durch ein Ladenlokal mit der Aufschrift „Taberna Academica“, eine steile Treppe geleitet die Besucher tief hinab ins Erdreich.
Es ist wie das Abtauchen in eine andere Welt: Leise Musik erklingt, Göttinnen erheben sich magisch inmitten uralter Mauern, ein Sternenhimmel glitzert an der Decke, und aus einer Vitrine grüßt ein Zwerg mit sehr eindeutig erotischer Pose. Das „Isis und Magna Mater“-Heiligtum war bei seiner Entdeckung im Jahr 2000 eine Sensation: Bis heute ist es der einzige Isistempel, der nördlich der Alpen gefunden wurde.
Isis: Göttin von Geburt, Wiedergeburt und Magie
Es muss so zwischen 70 und 79 nach Christus gewesen sein, als der römische Kaiser Vespasian seinen persönlichen Kassenverwalter nach Mogontiacum, in den großen Militärstützpunkt am Rhein entsandte. Im Gepäck hatte der Berater eine Geldkiste, sein Auftrag: Der ägyptischen Göttin Isis, die Vespasian einen großen Sieg prophezeit hatte, einen Tempel zu erbauen – so zumindest vermuten es die Archäologen. Der Kult der ägyptischen Göttin Isis war damals im Römischen Reich höchst populär: Isis war die Göttin von Geburt, Wiedergeburt und Magie, zur Zeit der Römer wurde sie zur Königin der Unterwelt, sie war gefürchtet und wurde zugleich als himmlische Mutter verehrt.

Und so kam es wohl auch zum Doppel-Tempel der Göttinnen, denn zugleich wurde in demselben Tempel auch die keltische Muttergottheit Magna Mater verehrt – Berührungsängste kannten die Römer in der Beziehung nicht. In dem 16 mal 16 Meter großen Kultbau brannten im römischen Mogontiacum des 1. Jahrhunderts nach Christus Opferfeuer, opferten Gläubige auf Opferstellen Kleintiere, Pflanzen und anderes Essen oder brachten Votivtafeln mit Wünschen dar – und mit Flüchen.
Die „Fluchtäfelchen“, die bei der Ausgrabung des antiken Heiligtums gefunden wurden, gehören zum Kuriosesten und Spannendesten, was die Archäologie so zu bieten hat. Denn da wurden in deftigen Worten untreue Ehemänner oder betrügerische Geschäftspartner verflucht, der Geliebten, die den Ehemann stahl, die Pest an den Hals gewünscht und vieles andere mehr. Gefleht wurde um Glück und Gesundheit, aber auch um stramme Lenden und gute Sexualität – ein Abbild des prallen Lebens. So, wie die Bronzefigur eines Zwergs in eindeutig sexueller Pose, die bei den Ausgrabungen des Tempels ebenfalls gefunden wurde.
Dem Tempel drohte der Abriss, eine Demo rettete Isis – und Kurt Beck
Für die Menschen in der Antike war die Beziehung zu den Göttern ein Geschäft: „Kannst du mir helfen, dann bekommst du im Gegenzug ein Opfer, eine Gabe.“ Eine Garantie gab es dafür freilich nicht, lief es schlecht im Leben und im Beruf, musste vielleicht ein verärgerter Gott besänftigt werden. Da passt es durchaus, dass der Tempel der Muttergöttinnen heute im Keller eines Konsumtempels liegt – und auch genau so gefunden wurde: Beim Abriss der alten Lotharpassage stieß der damalige Landesarchäologe Gerd Rupprecht auf die Mauern des antiken Tempelbezirks.

Man sollte meinen, dass die Stadtoberen damals gejubelt hätten – doch weit gefehlt: Der damalige Oberbürgermeister Jens Beutel (SPD) hätte den Tempel am liebsten untergebaggert, das ist verbrieft. In Mainz gab es zu dem Zeitpunkt kaum ein Bewusstsein für das große antike Erbe der Stadt – dem Tempel drohten der Abriss und weitgehende Bedeutungslosigkeit in irgendeinem archäologischen Depot. Und so kam es zu einem absoluten Novum: der bisher einzigen Demonstration für den Erhalt eines archäologischen Denkmals. Im Februar 2001 protestierten gegen den Abriss rund 2.000 Mainzer, 20.000 Unterschriften forderten den Erhalt des Isistempels.
Am Ende war es der damalige Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), der den Baggern Einhalt gebot, nachdem eine Anordnung von Bürgern und Archäologen ihn um Hilfe angerufen hatte. Die Lösung: Die Mauern der antiken Tempelanlage wurden aus der Grube geborgen und nach Bauende wieder in den Untergrund eingebaut – nur wenige Meter vom Originalfundort entfernt. Dass diese „Translocation“ bis heute bei manchen Archäologen für Entsetzen sorgt, gehört zu den Geheimnissen dieser Zunft.

Zauberpuppen und Voodoo, Opfergaben und antiker Sternenhimmel
Den Mainzer jedenfalls beschert der Isistempel bis heute das wohl intensivste und faszinierendste Eintauchen in die Römerzeit, ein Ort zum Fühlen und Erspüren, zum Staunen und Lachen. Eine Ort zum Flehen und Fluchen, der das Leben im antiken Mogontiacum erst so richtig greifbar macht. In der Ausstellung werden auch Funde wie Öllampen und Opfergabenfiguren, Zauberpuppen aus Ton, Münzen, Miniaturäxte und Grabbeigaben präsentiert.
In einer Hörspielsequenz könnt Ihr den Mainzer Kabarettisten Lars Reichow hören, der als Römer Claudius Secundus der Isis in Mogontiacum huldigt, in einem Kurzfilm die Geschichte einer dort gefunden Voodoo-Puppe ansehen. Und wenn Ihr dort seid, hebt einmal den Blick zum Sternenhimmel: Er zeigt die Sterne, wie sie im 1. Jahrhundert nach Christus die Menschen von Mogontiacum tatsächlich gesehen haben.
Info& auf Mainz&: Ganz ausführlich haben wir die Geschichte des Isistempels von Mainz 2023 zum 20-jährigen Jubiläum der Eröffnung des Schauraums unter der Römerpassage erzählt – den Artikel findet Ihr genau hier auf Mainz&. Der Besuch des Isis und Magna Mater-Heiligtums ist übrigens kostenlos, die Öffnungszeiten und alle weiteren Infos findet Ihr hier im Internet.






