Er war der vielleicht letzte Universalgelehrter, ein großer Wissenschaftler und ein genialer Buchautor: Gestern Abend ist Umberto Eco im Alter von 84 Jahren an einem Krebsleiden gestorben. Und auch Mainz trauert um den bescheidenen, großen Mann. Unvergessen sein Besuch im Mainzer Gutenberg-Museum am 2. Oktober 2014, als Eco den Gutenberg-Preis verliehen bekam. „Et in Arcadia Ego“, schrieb Eco damals ins Gästebuch. Er wollte eigentlich immer noch einmal wiederkommen, doch das war ihm nicht vergönnt. Mainz trauert.

Umberto Eco und das kleinste Buch der Welt nah
Umberto Eco bei seinem Besuch im Mainzer Gutenberg-Museum am 2. Oktober 2014 – Foto: gik

„Auch ich habe dieses Paradies gesehen“ (wörtlich: „Auch ich war in Arkadien“) – der Ausspruch bezieht sich auf das mythische Arkadien, in der Antike ein idealisiertes Land der Hirten und die imaginäre Heimat der Dichter und Poeten, das in der Renaissance zu einem verklärten Sehnsuchts-Ort und idealen Paradies wurde. Das Gutenberg-Museum, die Wiege der Druckkunst, der Hort der Erfindung des Buchdruckers Johannes Gutenberg – für Umberto Eco war es in der Tat das Paradies. Wohl kein Gelehrter unserer Zeit ist so eng mit dem Thema Bücher verbunden.

„Er hat uns große Komplimente gemacht“, erinnerte sich Museumsdirektorin Annette Ludwig am Samstag im Gespräch mit Mainz& an Ecos Besuch: „Und er schrieb ins Gästebuch, die Reise ins Gutenberg-Museum ist für jeden Bibliophilen wie eine Reise nach Mekka, hier ist die Wiege des Buchdrucks.“ Ein „ganz unprätentiöser, uneitler Mensch“ sei Eco gewesen, jemand mit großem Wissen und noch größerem Interesse.

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„Ich verbinde mit ihm eine Sternstunde“, sagte Ludwig, sein Besuch sei „einfach großartig“ gewesen: „Das war nicht nur beeindruckend, sondern nachhaltig prägend.“ Tatsächlich hatte Eco bei seinem Besuch gar nicht viel gesagt, sich ganz leise das Museum zeigen lassen, an dem Nachbau der Original-Gutenberg-Druckerpresse fast verlegen Hand angelegt. Mit großen Augen ging der damals 82-Jährige durch das Museum, bestaunte Kupferstiche, Bücher, die Barockdecke im Altbau Römischen Kaiser.

Umberto Eco: Ankunft vor dem Gutenberg-Museum mit Dom - Foto: gik
Umberto Eco bei seiner Ankunft vor dem Gutenberg-Museum mit Dom, links seine deutsche Frau – Foto: gik

Bekannt wurde Eco natürlich durch seinen ersten Roman, den Mittelalter-Krimi „Der Name der Rose“, der mit Sean Connery in der Hauptrolle in Kloster Eberbach im Rheingau verfilmt wurde. Doch Eco war so viel mehr als Romanautor: Literaturwissenschaftler, Dozent für Ästhetik und Professor für Semiotik, der Wissenschaft der Zeichensysteme an der renommierten Universität von Bologna. Dazu war er ein großer Geschichtenerzähler und einer der letzten großen, umfassend gebildeten Humanisten unserer Zeit. Vielleicht lag es ja an seinem Geburtsort Alessandria im Piemont, wo Eco am 5. Januar 1932 zur Welt kam – einst lag im ägyptischen Alessandria die größte Bibliothek der Welt.

„Die Nachricht seines Todes hat uns sehr bestürzt“, sagte die Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) Mainz&: „Mit ihm stirbt ein ganz großer Schriftsteller und Wissenschaftler.“ Immer habe die Stadt Mainz noch gehofft, „ihn als großen Liebhaber unseres Museums noch einmal in Mainz begrüßen zu können“, sagte Grosse. Man sei aber sehr glücklich, dass Eco Preisträger des zuletzt vergebenen Gutenbergpreises im Jahr 2014 gewesen sei.

„Die Nachricht vom Tode Ecos geht mir sehr nah“, reagierte am Sonntag auch Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Die Welt verliere „einen überragenden Literaten, einen großen Denker und Gelehrten, zugleich auch eine politisch-moralische Instanz weltweit.“ Und er werde ihn „vor allem als einen in der persönlichen Begegnung sehr herzenswarmen, charismatischem Menschen ohne jegliche Allüren in Erinnerung behalten, der mich sehr beeindruckt hat“, sagte der OB, der Eco 2014 den Gutenberg-Preis überreichte.

Eco erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Preis dafür, dass er sich in den zurückliegenden zehn Jahren mit der Rolle und Bedeutung des Buches in Geschichte, Gegenwart und Zukunft beschäftigt hatte, so die Begründung. Mit ihm verliert die Geisteswelt Europas einen ihrer großen Denker, der sich bis zuletzt um Europa und seine Solidarität sorgte. „Er hielt die Welt zusammen“, schreibt die Zeit  in ihrem Nachruf, Ecos Werke seien so dicht und inhaltsreich, dass man sich „heute nach der Lektüre von zwei Eco-Romanen wahrscheinlich gleich zur Bachelor-Abschlussprüfung melden kann.“

Und schreibt Autor Stephan Porombka noch dies: „Wenn Umberto Eco in eine Bibliothek kommt, leihen ihn sich die Bücher aus.“ Die Bücher im Gutenberg-Museum tragen heute jedenfalls auch Trauer.

Info& auf Mainz&: Den Mainz&-Bericht über den Besuch Ecos im Gutenberg-Museum könnt Ihr hier noch einmal nachlesen.

1 KOMMENTAR

  1. Hab ihn seinerzeit erlebt. Eine Sternstunde für den Ratssaal. Verblüffend, wie fast unschenibar er war.
    Lauschte seiner leisen italienischen Rede. Music in my ears …

    In seinem unsterblichen Debutroman gehts um den Kampf von mittelalterlichen Finsterlingen
    gegen das Lachen und gegen alle diesseitige Lebensfreude.
    Misanthropen der Art wie sie uns auch heute wieder drohen und bedrohen.
    Überlassen wir ihnen nicht das Feld. Leisten wir Widerstand, im Kleinen wie im Großen.
    ´´´

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