Immer wieder hat der Mainzer Arzt Gerhard Trabert in den vergangenen Monaten von Abdulkarim berichtet, einem jungen behinderten Syrer, der trotz seiner Querschnittslähmung in den Flüchtlingscamps auf Lesbos ausharren musste. Nun hat Abdulkarims Odyssee ein vorläufiges Ende gefunden: Vor zwei Wochen konnte Trabert ihn und einen weiteren behinderten Flüchtling aus Lesbos nach Rheinland-Pfalz holen. Für Trabert nur ein Anfang: Der Arzt will am liebsten noch vor Weihnachten 100 behinderte Flüchtlinge nach Deutschland evakuieren. Auch ein Partnerschaftsprojekt für das Anfertigen und Spenden von Prothesen will Trabert initiieren.

Der querschnittsgelähmte Syrer Abdulkarim in seiner Behausung auf Lesbos nach dem Brand von Moria. - Foto: Trabert
Der querschnittsgelähmte Syrer Abdulkarim in seiner Behausung auf Lesbos nach dem Brand von Moria. – Foto: Trabert

Es war Anfang September, als völlig überraschend in der Nacht ein großes Feuer an mehreren Stellen des Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos ausbrach, das Camp brannte binnen zweier Nächte komplett ab, mehr als 12.000 Flüchtlinge wurden obdachlos. Trabert reiste damals umgehend auf die griechische Insel, um bei der Versorgung der Verletzten zu helfen, der Mainzer Obdachlosenarzt und Professor für Sozialmedizin berichtete erschüttert von katastrophalen Zuständen und dem Zusammenbruch jeglicher Versorgung.

Ein Schicksal, das damals besonders bewegte, war das des jungen Syrers Abdulkarim: Dem jungen Mann wurde auf der Flucht in Nordsyrien in den Rücken geschossen, seither ist er querschnittsgelähmt, kann die Beine nicht mehr bewegen, hat keine Blasen- und Darmfunktion. Nach der Brandnacht sei Abdulkarim apathisch und depressiv gewesen, Freunde trugen ihn in einen Olivenhain, eine richtige Versorgung war nicht möglich. Deutschland müsse sofort reagieren und eine Evakuierungsaktion starten, forderte Trabert damals, gerade den vielen gehandicapten Personen, den Alten, Kranken und Schwangeren müsse geholfen werden.

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Die beiden jungen Syrer Abdulkarim und Wael auf Lesbos. - Foto: Trabert
Die beiden jungen Syrer Abdulkarim und Wael auf Lesbos. – Foto: Trabert

Zurück in Deutschland setzte Trabert alle Hebel in Bewegung, nun gab es ein vorläufiges Happy End: Vor gut zwei Wochen landete Abdulkarim in Begleitung eines weiteren jungen Syrers auf dem Frankfurter Flughafen, Trabert selbst hatte die beiden jungen Männer aus Lesbos geholt. Abdulkarim und Wael seien momentan in Speyer untergebracht, „es geht ihnen sehr gut, sie sind sehr glücklich, hier zu sein“, berichtete Trabert gegenüber Mainz&. Der Plan sei, die beiden jungen Männer möglichst bald in die Nähe von Mainz zu holen.

„Es war das erste Mal, dass Deutschland  aus humanitären Gründen gehandicapte Menschen außerhalb des Kontingents aufgenommen hat“, betonte Trabert zudem. Die Evakuierung gelang durch den Einsatz der Landesregierung, doch das dürfe es nicht gewesen sein, fordert der Arzt: Trabert reichte inzwischen eine Petition im Deutschen Bundestag zur sofortigen Aufnahme und Evakuierung von physisch und psychisch gehandicapten Menschen aus den griechischen Flüchtlingslagern ein. „Viele Flüchtlinge dort haben Handicaps, und das ist auch nicht verwunderlich“, sagte Trabert, schließlich seien die Menschen aus Kriegsregionen wie Syrien oder Afghanistan gekommen.

Der Mainzer Arzt Gerhard Trabert im September auf Lesbos, im Hintergrund Schlangen von Flüchtlingen vor Versorgungszelten. - Foto: Trabert
Der Mainzer Arzt Gerhard Trabert im September auf Lesbos, im Hintergrund Schlangen von Flüchtlingen vor Versorgungszelten. – Foto: Trabert

Auch Abdulkarims Freund Wael sei ein junger Syrer, der seit einer Explosion unter einer Deformierung seines linken Fußes leide. „Wael kann nur sehr eingeschränkt gehen“, berichtete Trabert. In Griechenland sei ihm gesagte worden, sein Fuß müsse amputiert werden, sonst werde er Krebs bekomme, „das ist natürlich absoluter Unsinn“, kritisierte Trabert, zeige aber, wie schlecht oft die Versorgung der Menschen sei.

Schätzungsweise 750 behinderte Flüchtlinge lebten derzeit noch auf Lesbos, die Zustände seien auch in dem neuen Flüchtlingslager weiter katastrophal. Das neue Camp liege an einer unglaublich windigen und wettergeplagten Stelle der Insel, berichtete Trabert, „bei Regen fließen Sturzbäche durchs Camp, auch durch die Zelte selbst.“ Die Lage sei eine „absolute Fehlplanung“, viele Flüchtlinge berichteten, dass sie unter Brechdurchfällen litten. Die Unterbringung sei „nicht human und menschenrechtskonform“, kritisierte Trabert und warnte: Auch wegen der Corona-Pandemie „fürchte ich, dass dort im Winter Menschen sterben werden.“

Zenaib aus Afghanistan mit ihrer neuen Unterschenkel-Prothese aus Mainz. - Foto: Trabert
Zenaib aus Afghanistan mit ihrer neuen Unterschenkel-Prothese aus Mainz. – Foto: Trabert

Sein Ziel deshalb: Europa müsse schnellstmöglich die behinderten Menschen von Lesbos evakuieren, schließlich seien sie laut UN-Konvention ein besonders geschützter Personenkreis. Er erstelle derzeit eine Liste der ihm bekannten Menschen mit Behinderungen, etwa zehn bis 20 Steckbriefe sollten dabei herauskommen, sagte Trabert weiter. „Wir würden gerne noch vor Weihnachten 100 dieser Menschen in Europa verteilen“, betonte der Arzt, das Schicksal dieser Menschen in diesen menschenunwürdigen Lagern dürfe man nicht einfach akzeptieren. „Das wäre doch ein schönes Weihnachtgeschenk, diese Menschen diesem Leid und Elend nicht zu überlassen“, sagte er.

Dazu will der Mainzer eine Art von Partnerschaftsprojekt für Menschen mit Handicaps auf Lesbos ins Leben rufen, dabei sollen Spenden für die Anfertigung von Prothesen gesammelt werden. Bei seinem Besuch vor zwei Wochen habe er bereits eine in Mainz angefertigte Prothese für eine junge afghanische Frau im Gepäck gehabt, Zenaib fehlt ihr Unterschenkel, ihre alte Prothese war aber in Moria kaputt gegangen. „Die Prothese passte wunderbar, Zenaib ist sofort damit losmarscheiert“, erzählte Trabert: „Es war sehr bewegend zu sehen, was das mit ihr macht.“

Bewegend sei im Übrigen auch die Lebensgeschichte Abdulkarims, erfuhr Trabert inzwischen: „Abdulkarim war Steinmetz, das ist Tradition bei seiner Familie, hat er mir erzählt“, berichtete der Arzt, doch der junge Mann sei viel mehr als das: „Er ist unheimlich kreativ, ein echter Künstler“, Abdulkarim habe ihm das Bild von einer Wolfsskulptur gezeigt, die er selbst fertigte. Der junge Syrer floh vor dem Assad-Militär, „er floh von allen, die ihn zwingen wollten, auf Menschen, auf seine Brüder und Schwestern zu schießen“, erzählte Trabert – es sei ein weit verbreitetes Schicksal junger syrischer Männer.

Vorläufiges Ende einer Odyssee: Abdulkarim kommt am Frankfurter Flughafen an. - Foto: Trabert
Vorläufiges Ende einer Odyssee: Abdulkarim kommt am Frankfurter Flughafen an. – Foto: Trabert

„Viele begegnen den jungen alleinstehenden syrischen Männern mit Skepsis und übersehen dabei, dass gerade diese Männer eben auch Opfer von Bürgerkriegen sind, da jeder sie instrumentalisiert und zum Töten Anderer benutzen will“, betonte Trabert: „Die Männer, die sich dem entziehen und flüchten, sind mutig und konsequent, das wird leider immer wieder vergessen. Es sind Kriegsdienstverweigerer, die dies unter Einsatz ihres Lebens realisieren, wie Abdulkarim und Wael.“ Genau diesen Menschen müsse nun geholfen werden, fügte er noch hinzu: Das vorläufige Happy End für Abdulkarim und Wael „darf nicht das Ende sein, das muss der Anfang sein.“

Info& auf Mainz&: Über den Brand des Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos haben wir ausführlich hier berichtet, über die Zustände danach und auch über die Geschichte von Abdulkarim haben wir hier auf Mainz& berichtet. Mehr über die aktuellen Aktivitäten Traberts aus Lesbos könnt Ihr hier bei seinem Verein Armut und Gesundheit erfahren.

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