Am 11.11. ist es wieder so weit: Die Mainzer Fastnacht lupft den Vorhang für die bunte, die fünfte, die närrische Jahreszeit – am 1. Januar geht die Kampagne dann so richtig los. Aber was sind eigentlich die Hintergründe dieses, die Stadt Mainz so grundlegend prägenden Volksfestes? Den Anfängen und dem Sinn der Mainzer Fastnacht könnt Ihr am kommenden Samstag bei einem Rundgang durch Mainz mit dem Thema „Meenzer Fastnacht seit 1814“ nachspüren – unter Leitung eines veritablen Majors der Mainzer Kleppergarde.

Gardisten auf der Ludwigsstraße am Rosenmontag in Mainz. - Foto: gik
Gardisten auf der Ludwigsstraße am Rosenmontag in Mainz. – Foto: gik

Kein anderes Fest hat Mainz so stark geprägt in seiner Geschichte wie die Fastnacht: Das bunte Narrentreiben mit Umzügen, Maskenbällen und Fastnachtssitzungen ist fester Bestandteil des Jahreskalenders und machte die Stadt am Rhein zu einer der großen Fastnachtshochburgen in Deutschland. Spätestens ab dem 1. Januar dreht sich in Mainz alles um die vierfarbbunte Tollerei, dann geht es auf Sitzungen rund, werden Empfänge abgehalten und die großen Straßenumzüge, allen voran der Rosenmontagszug, vorbereitet.

Doch die Fastnacht greift noch viel tiefer in das Stadtgeschehen ein, als von außen sichtbar: Ein paar Hundert Fastnachtsvereine und Garden dürfte es in Mainz geben, ihr Vereinsleben spielt sich praktisch das ganze Jahr über ab – und hier werden auch Freundschaften gepflegt, Kinder und Jugendliche an Instrumenten oder im Sport ausgebildet und das Sozialleben der Stadt gepflegt.

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Doch wie kam es überhaupt, dass die Fastnacht in Mainz eine so enorm große Rolle spielte? Für viele, insbesondere für Zugereiste, ist die Mainzer Fastnacht ja vor allem Saufen und Party, doch das geht weit am eigentlichen Sinn des närrischen Mummenschanzes vorbei: Fastnacht, das ist Meinungsfreiheit und Volkes Stimme, das ist Eulenspiegelei und Aufbegehren gegen die Obrigkeit.

Wurde selbst zum Symbol der politisch-literarischen Fastnacht: Jürgen Dietz als "Bote vom Bundestag"., - Foto: gik
Wurde selbst zum Symbol der politisch-literarischen Fastnacht: Jürgen Dietz als „Bote vom Bundestag“., – Foto: gik

Von Beginn an war genau das eine der wichtigsten Triebfedern der Mainzer Fastnacht: den Regierenden einmal so richtig die Meinung geigen. Die Büttenrede – es wäre nicht verwunderlich, wenn sie in Mainz erfunden worden wäre, gilt das geschliffene, kritische Wort aus der Tonne – „Bütt“ genannt – doch in Mainz als die Königsdisziplin der Fastnacht. Redner wie Jürgen Dietz als „Bote vom Bundestag“, Hans-Peter Betz als „Guddi Gutenberg“ oder natürlich Herbert Bonewitz mit seinem „Prinz Bibi“ wurden weit über die Grenzend er Stadt hinaus berühmt.

Tatsächlich hat die politisch-literarische Büttenrede wohl ihren Ursprung in den politischen Reden des „Vormärz“, also der Zeit vor der ersten großen deutschen Revolution des Jahres 1848 – als Nationalbewusstsein und politisches Denken in Deutschland weite Teile des Bürgertums erfasste.

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Im Wesen nach ist die Fastnacht deutlich älter: Maskentanz und Mummenschanz finden sich auch schon bei Griechen, Römern und im Mittelalter. Speziell die Römer feierten mit den „Saturnalien“ ein Fest der Ausschweifung und des Verkleidens, an jenen Tagen wurden die Rollen zwischen Herren und Dienern auf den Kopf gestellt – und es gab sogar prunkvolle Prozessionen mit geschmückten Wagen und einem „König“… Heute lässt die Initiative Römisches Mainz (IRM) die Tradition der Saturnalien in modernem Rahmen wieder aufleben – natürlich am 11.11., wie es sich für Fastnachter gehört.

Meenzer Schwellköppe und "Unsichtbare Römergarde" der IRM: Fastnacht und römische Saturnalien vereint. - Foto: gik
Meenzer Schwellköppe und „Unsichtbare Römergarde“ der IRM: Fastnacht und römische Saturnalien vereint. – Foto: gik

Im Mittelalter gehörte der wilde Mummenschanz vielerorts zur Tradition, vor allem mit dem Christentum etablierte sich der Brauch, kurz vor der Fastenzeit vor Ostern noch einmal ordentlich zu Feiern und über die Stränge zu schlagen – vermutlich vermischten sich hier Gebräuche zum Austreiben des Winters samt gruseliger Masken zum närrischen Tanz auf den Straßen.

Die moderne Fastnacht aber, da sind sich die Historiker einig, bildete sich erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts heraus. Es ist die Zeit der Franzosen in Mainz, Napoleon hielt das Rheinland besetzt, und mit den französischen Truppen verbreiteten sich auch die Ideale von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ in den deutschen Landen. Die Redefreiheit hielt Einzug, es bildeten sich Vereine und Burschenschaften zur Förderung eben dieser freien Rede – und zur Beförderung politischer Freiheiten.

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Das erste frei gewählte Parlament auf deutschem Boden entstand 1793 in Mainz – die „Mainzer Republik“ hielt zwar nur wenige Monate, doch ihre Ideen blieben in der Stadtgesellschaft hartnäckig in den Köpfen verankert. Es dürfte alles andere als ein Zufall sein, dass genau hier, genau in dieser Zeit die moderne Fastnacht als Rede wider die Obrigkeit, kombiniert mit buntem Maskentreiben entstand: Der „Krähwinkler Landsturm“, der sich 1837 durch Mainz zog, war der Vorläufer der heutigen Rosenmontagszüge und die Keimzelle für die Entstehung von Garden und der Mainzer Fastnacht im Ganzen.

Genau auf die Spuren dieser Anfänge begibt sich nun eine Stadtführung der besonderen Art am kommenden Samstag: Ab 15.00 Uhr geht es unter dem Motto „Meenzer Fastnacht seit 1814“ vom Fischbrunnen am Fischtorplatz aus kreuz und quer durch die Mainzer Innenstadt. Dabei geht es um den Staatsmann Klemens Lothar von Metternich und den Wiener Kongress, um Biedermeierzeit und deutschen Vormärz, aber auch um die NS-Zeit und den legendären Mainzer Fastnachter Seppel Glückert und seinen Widerstand gegen die Nationalsozialisten aus der Fastnachts-Bütt heraus.

Gibt tiefe Einblicke in die Geschichte der Mainzer Fastnacht: Franz Winkler, Major der Kleppergarde, beim Stadtrundgang am kommenden Samstag. - Foto: Winkler
Gibt tiefe Einblicke in die Geschichte der Mainzer Fastnacht: Franz Winkler, Major der Kleppergarde, beim Stadtrundgang am kommenden Samstag. – Foto: Winkler

Und schließlich gibt es Einblicke um die Auferstehung der Mainzer Fastnacht nach 1946 und ihre Entwicklung bis zur heutigen Straßenfastnacht – die Geschichte präsentiert ein echter Insider: Franz Winkler, Major der traditionsreichen Mainzer Kleppergarde, gibt tiefe Einblicke in die Geschichte des wichtigsten Mainzer Brauchtums. Die Mainzer Kleppergarde ist übrigens mit ihrem Gründungsdatum von 1856 die drittälteste Mainzer Garde, benannt ist sie keineswegs nach einem alten Gaul, einem „Klepper“, sondern nach dem Klapperinstrument „Klapper“.

Das „Kleppern“ ist ebenfalls eine uralte Mainzer Tradition, wieder zurück ins Bewusstsein gerufen wurde es durch den 1964 vom damaligen Mainzer Oberbürgermeister Franz Stein (SPD) gegründeten Klepper-Wettbewerb, der alljährlich vor allem für Kinder veranstaltet wird. Markenzeichen der Kleppergarde sind zudem die bunten, aus „Fetzen“ gefertigten Fransen-Kostüme – ein solcher „Klepperbub“ war einst sogar der legendäre Schriftsteller Carl Zuckmayer.

Info& auf Mainz&: Die Führung „Meenzer Fastnacht seit 1814“ findet am Samstag, den 05. November 2022 um 15.00 Uhr statt, Veranstalter ist der Verein „Geographie für alle“, Stadtführer ist Franz Winkler. Treffpunkt ist der Fischtorbrunnen auf dem Fischtorplatz der Mainzer Altstadt, die Führung dauert ungefähr zwei Stunden und ist nicht barrierefrei. Kosten: pro Person 7,- Euro, Kinder bis 14 Jahre sind kostenfrei, eine Anmeldung ist nicht nötig. Mehr Infos zu den außergewöhnlichen Stadtführungen des Vereins „Geografie für alle“ – hier gibt es oft auch Kostümführungen und spannende Hintergrundgeschichten – findet Ihr hier im Internet.

Ihr könnt am Samstag leider nicht? Kein Problem: Die Stadtführung zur Geschichte der Gastnacht gib5t es noch einmal am Sonntag, den 04.03.2023 um 15.00 Uhr.

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