Für einen Erhalt der Steinhalle im Mainzer Landesmuseum und gegen ihre Umwidmung in ein „Demokratie-Labor“ protestieren immer mehr Wissenschaftler – nun hat sich auch der renommierte Historikerverband gegen die Pläne von Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD) gestellt. Man schließe sich der Forderung an, die Steinhalle „als Präsentationsort der Sammlung römischer Steindenkmäler zu erhalten“, heißt es in einem Offenen Brief an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Derweil teilte der Landtag nach einem Krisengespräch mit zwei Archäologenverbänden mit, man sei sich über eine gemeinschaftliche Nutzung der Steinhalle durch das Demokratielabor und die musealen Steindenkmäler „einig“.

Die alte Steinhalle des Mainzer Landesmuseums vor dem Einbau des Interim-Plenarsaals. - Foto: Landtag RLP
Die alte Steinhalle des Mainzer Landesmuseums vor dem Einbau des Interim-Plenarsaals. – Foto: Landtag RLP

Vor einer Woche hatte der Freundeskreis des Mainzer Landesmuseums Alarm geschlagen: Der Landtag wolle nicht, wie ursprünglich versprochen, die Steinhalle dem Landesmuseum zurückgeben, sondern das eigentlich als Interims-Plenarsaal eingebaute Parlamentsrund in der Steinhalle lassen – entstehen solle hier nun ein „Demokratiemuseum“, die Steinhalle würde damit dauerhaft als Präsentationsort der einzigartigen Sammlung römischer Denkmäler nicht mehr richtig zur Verfügung stehen. Die Nachricht löste einen wahren Entrüstungssturm aus: Wissenschaftler, Archäologen, Mainzer Verbände, der Freundeskreis, zahlreiche Einzelpersonen, sie alle protestierten gegen die Pläne des Landtagspräsidenten.

Eine im Internet gestartete Petition für den Erhalt der Mainzer Steinhalle fand binnen weniger Tage mehr als 1.700 Unterschriften – und mehr als 530 empörte Kommentare.  Die Wut richtet sich gegen zwei Aspekte: Die Kritiker werfen zum einen Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD) „Wortbruch“ vor, da sein Vorgänger Joachim Mertes (SPD) einst versprochen hatte, die Steinhalle dem Landesmuseum in renoviertem Zustand wiederzugeben. Dazu habe Hering alles andere als transparent gehandelt, und seine neuen Pläne nicht öffentlich vorgestellt, sondern unter Missachtung der Mainzer Bürger sowie von Verbänden wie eben dem Freundeskreis vorangetrieben.

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Die Steinhalle nach ihrem Umbau zum Interims-Plenarsaal, hier der Lobby-Bereich. - Foto: gik
Die Steinhalle nach ihrem Umbau zum Interims-Plenarsaal, hier der Lobby-Bereich. – Foto: gik

Die Steinhalle des Mainzer Landesmuseums war bis Ende 2015 der zentrale Ort zur Präsentation von mehreren Hundert römischer Steindenkmäler und Grabsteine, darunter waren so bedeutende Relikte wie die Große Mainzer Jupitersäule aus dem 2. Jahrhundert nach Christus, eine europaweit einmalige Schmucksäule. Die Mainzer Steinsammlung wurde in der 1.200 Meter großen, ehemaligen kurfürstlichen Reithalle als Ausstellung zum Durchwandern präsentiert, Archäologen sprechen von einer „Schatzkammer“ und einem „zentralen Wissenslabor“, einem „Schaufenster in die Antike“, einem einmaligen Ort der Wissensvermittlung. Es drohe, „eine der wichtigsten Sammlungen lateinischer Inschriften aus der Antike in ganz Europa“ einfach im Depot zu verschwinden – einen adäquaten Ausstellungsort gibt es seit 2015 nicht mehr.

Landtagspräsident Hering betont derweil, mit dem Erhalt des alten Plenargestühls in der Steinhalle wolle man „für die Demokratie begeistern“, entstehen solle ein „Reallabor Demokratie“, das „die moderne parlamentarische Demokratie für alle Altersgruppen erfahr- und begreifbar macht, sowie die Möglichkeiten bietet, diese weiterzuentwickeln.“ Das Interesse am rheinland-pfälzischen Parlament sei groß, deutlich höher als man es allein im Deutschhaus bewältigen könne, vielen Gruppen und Schulen müsse jedes Jahr abgesagt werden. „Deshalb bietet die Steinhalle zusätzlich zum sanierten Deutschhaus Räume und Möglichkeiten für eine breitere demokratische, politische und kulturelle Bildung“, betont Hering. Er könne sich „gut vorstellen, dass die Angebote des Landesmuseums künftig die Bildungsprogramme des Landtags ergänzen.“

Antike römische Grabsteine und Steindenkmäler in der zur Landtags-Lobby umfunktionierten Steinhalle 2017. - Foto: gik
Antike römische Grabsteine und Steindenkmäler in der zur Landtags-Lobby umfunktionierten Steinhalle 2017. – Foto: gik

Doch das sehen bislang nicht viele Mainzer oder auch Wissenschaftler so: Ein „Museum mit archäologischem und kulturgeschichtlichem Schwerpunkt“ sei nicht der richtige Ort für einen „Ort der Demokratie“, schreibt nun der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands in einem Offenen Brief an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). „Das Funktionieren und die Weiterentwicklung von Demokratien in der globalen Welt sind ein sehr aktuelles Thema, so dass wir die Pläne, einen ‚Ort der Demokratie‘ zu schaffen, gut nachvollziehen können“, schreibt der renommierte Verband in dem Brief weiter.

„Für das Verständnis eines historischen Ortes der Demokratie ist es notwendig, die Geschichte eben nicht auf die Zeitgeschichte zu reduzieren, sondern unsere heutige politische Kultur in seiner eindrucksvollen historischen Tiefe zu verorten“, so die Historiker weiter: „Dazu gehört ganz zentral das römische Erbe der Stadt Mainz, das diese historische Dimensionierung in einzigartiger Weise repräsentiert und das daher auch international ein herausragendes Renommee besitzt. Mit dem Auseinanderreißen einer der bedeutendsten und umfangreichsten Sammlungen römischer Steindenkmäler wäre die Chance vertan, das reiche Erbe haptisch zugänglich zu machen und als Erinnerungsort mit besonderer historischer Atmosphäre im kulturellen Gedächtnis zu bewahren.“

Einbau des Interim-Plenarsaals im Jahr 2015/2016 in die Steinhalle. - Foto: gik
Einbau des Interim-Plenarsaals im Jahr 2015/2016 in die Steinhalle. – Foto: gik

Man appelliere deshalb „mit Nachdruck“ an die Ministerpräsidentin, „Ihre Entscheidung zur Umgestaltung der Steinhalle zu überdenken und den geplanten ‚Ort der Demokratie‘ an anderer und vielleicht passenderer Stelle entstehen zu lassen.“ Die Historiker verweisen dabei – wie schon mehrere andere Protestierende auch – auf das wenige Meter vom Landesmuseum entfernte „Hauses des Erinnerns – für Demokratie und Akzeptanz“ als deutlich geeigneteren Ort. Und schließlich müsse es doch auch darum gehen, „durch eine angemessene Präsentation auch der römischen Geschichte das Bewusstsein dafür wach zu halten, dass die Leistungen unserer heutigen Demokratie ihre Wurzeln auch in diesem antiken Erbe haben.“

Damit protestiert nun auch einer der größten Historikerverbände Europas gegen die Umwidmung der Steinhalle, der Verband zählt mehr als 3.000 Mitglieder, darunter hochrenommierte Forscher und Professoren. So hatte unter anderem auch der Mainzer Professor für Mittlere und Neuere Geschichte, Michael Matheus, als einer der ersten die Online-Petition für den Erhalt der Steinhalle unterschrieben und dabei kritisiert: „Was jetzt geplant ist, ist ein Wortbruch, und dies im Namen eines ‚Demokratielabors.‘ So wird Vertrauen zerstört.“ Eine solch bedeutende Sammlung „zur Dekoration herabzustufen, ist ein Zeichen von Geschichtsvergessenheit“, schreiben andere Unterzeichner.

Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD) vor dem Deutschhaus als Baustelle. - Foto: gik
Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD) vor dem Deutschhaus als Baustelle. – Foto: gik

Landtagspräsident Hering hatte sich derweil vergangenen Donnerstag mit gleich zwei Archäologieverbänden zum Krisentreffen getroffen: Der Deutsche Verband für Archäologie (DVA) sowie der Deutschen Archäologen-Verbandes (DArV) hatten bereits im Februar die Reduzierung der Steinhalle um fast die Hälfte ihrer Fläche und die dramatische Reduzierung der Fläche für die römischen Funde scharf kritisiert. Es drohe der Verlust eines international renommierten Ausstellungsortes, der Ruf der Landeshauptstadt Mainz auf dem kulturellen Sektor wäre „irreparabel beschädigt“, warnten die Archäologenverbände.

Nach dem Treffen hieß es jedoch in einer Pressemitteilung des Landtags: „Beide Seiten sind sich einig, dass eine gemeinschaftliche Nutzung der Steinhalle durch das Demokratielabor und die musealen Steindenkmäler Kernziel der weiteren Überlegungen ist.“ DVA und DArV „begrüßen die Einrichtung des ‚Reallabors Demokratie‘ als authentischen Ort der politischen Bildung im hinteren Teil der Steinhalle, in der der Plenarsaal installiert ist“, heißt es von Landtagsseite, und weiter: „Der Präsentation der Denkmäler des römischen Erbes wird der Teil der Steinhalle, der derzeit als Lobby und Foyer genutzt wird, zugewiesen.“ Gemeinsam habe man sich darauf geeinigt, ein Konzept vorzulegen, das insbesondere die Aspekte der gemeinsamen Nutzung von musealer Fläche zum römischen Erbe und zum Reallabor Demokratie ermögliche. Nach Bedarf seien auch Nutzungen für beide Seiten von beiden Flächen möglich.

Die antike römische Jupitersäule gehört zu den einzigartigen Denkmälern der Römerzeit in Mainz, steht aber seit Jahren im Depot. - Foto: gik
Die antike römische Jupitersäule gehört zu den einzigartigen Denkmälern der Römerzeit in Mainz, steht aber seit Jahren im Depot. – Foto: gik

Die Vertreter der beiden Archäologenverbände Patrick Schollmeyer (DArV) und Alfried Wieczorek (DVA) hätten zudem betont, die Präsentation des römischen Erbes müsse „dem herausragenden archäologischen und historischen Rang der Exponate“ Rechnung tragen. „Dass die Steinhalle mit ihren wichtigen Ausstellungsobjekten auch künftig im Kern Bestand haben, und durch das geplante Demokratielabor eine zusätzliche Aufwertung erfahren wird, kann bereits jetzt als wichtiges Gesprächsergebnis festgehalten werden“, betonten die beiden Ärchäologievertreter laut der Pressemitteilung.

Damit hätten die Archäologen nun aber dem Verbleib des alten Plenarsaals in der Steinhalle und einer grundlegenden Veränderung der Ausstellungsfläche zugestimmt – die Präsentation der römischen Funde bliebe in Zukunft auf weniger als die Hälfte der Fläche reduziert, zumal der alte Plenarsaal ja auch weiterhin die in der Lobby befindliche Garderobe benötigte. Schollmeyer und Wieczorek lassen sich in der Mitteilung zitieren, es müsse nun ein Konzept erarbeitet werden, das alle wesentlichen Interessensgruppen mit einbeziehe und sowohl die Bedürfnisse der politischen Bildung, als auch die der musealen Nutzung „in angemessener und miteinander verschränkender Weise berücksichtige. „Der Weg hierfür wurde gestern geebnet, und wir freuen uns über die Einladung, ihn mit anderen mitgehen zu dürfen“, betonten die beiden Verbandsvertreter.

Info& auf Mainz&: Die ganze Geschichte zur Steinhalle, ihrer Umwandlung in einen Interims-Landtag sowie die jüngsten Pläne für ein Demokratie-Labor sowie den Protest des Freundeskreises dagegen lest Ihr hier auf Mainz&. Mehr zu den Plänen des Landtags haben wir hier aufgeschrieben, mehr zu der Petition gegen die Umwandlung der Steinhalle sowie weitere Proteststimmen könnt Ihr hier nachlesen. Die Online-Petition selbst findet Ihr hier bei Openpetition.de. Den Offenen Brief des Historikerverbandes könnt Ihr in voller Länge hier nachlesen.

 

 

2 KOMMENTARE

  1. Da sind die beiden politisch unerfahrenen Vertreter der beiden Archäologenverbände Patrick Schollmeyer (DArV) und Alfried Wieczorek (DVA) aber ganz schön über den Tisch gezogen worden!!!

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