Das ist ein echter Meilenstein: Sechs Monate nach der Vollsperrung der Salzbachtalbrücke soll am Montag die Bundesstraße 263 nach Wiesbaden für den Verkehr wieder freigeben werden. Ab Montagmittag werde die Fahrspur in Richtung Wiesbaden freigegeben, teilte die Autobahn GmbH West nun mit, am Dienstag soll eine Fahrspur stadtauswärts folgen. Auch auf der Bahnstrecke nach Wiesbaden werden vor Weihnachten wieder Züge rollen. Derweil werden die Schäden durch den Brückengau immer deutlicher: Die IHK Wiesbaden errechnete jetzt einen Schaden von 350.000 Euro für Wirtschaft und Pendler – pro Tag.

Die Salzbachtalbrücke bei Wiesbaden vor ihrer Sprenguung. - Foto: Autobahn GmbH
Die Salzbachtalbrücke bei Wiesbaden vor ihrer Sprenguung. – Foto: Autobahn GmbH

Am 18. Juni war die Autobahnbrücke der A66 über das Salzbachtal bei Wiesbaden mit einem Knall havariert, als ein Brückenlager aufgab und die Betonbrücke daraufhin absackt. Die Schäden waren so groß, dass die 300 Meter lange Autobahnbrücke umgehend voll gesperrt werden musste – es bestand akute Einsturzgefahr. Das aber traf nicht nur die rund 80.000 Pendler, die pro Tag offiziellen Angaben zufolge die Salzbachtalbrücke auf der A66 passierten, auch die darunter liegende Bundesstraße 263 sowie die Hauptbahnlinie nach Wiesbaden mussten gesperrt werden – und blieben es für das ganze letzte halbe Jahr.

Nun kommen wenigstens die Verkehrstrassen unter der früheren Brücke wieder zurück: Bereits am Mittag des 13. Dezember könne der Verkehr auf der B263 wieder stadteinwärts rollen, teilte die Autobahn GmbH West am Freitag mit. Auf Fotos des Unternehmens ist zu sehen, wie die Fahrbahnen des Autobahnzubringers zwischen A671 und Mainzer Straße frisch geteert werden. Ab Dienstagmittag werde dann auch ein Fahrstreifen stadtauswärts zur Verfügung stehen, heißt es weiter. Bis zum Ende der Woche wolle man alle Arbeiten im Fahrbahnbereich abgeschlossen haben, sodass die Verkehrsteilnehmer wieder ohne Einschränkungen den Bereich passieren können.

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Teerung für die wiederhergestellte Bundesstraße 263 in Wiesbaden. - Foto: Autobahn GmbH
Teerung für die wiederhergestellte Bundesstraße 263 in Wiesbaden. – Foto: Autobahn GmbH

Mit der Wiedereröffnung der B 263 bekommt Wiesbaden nun eine von drei wichtigen Hauptschlagadern für die Fahrt in die Innenstadt zurück, den Auftakt zur Wiederinbetriebnahme der verkehrlichen Infrastruktur unter der gesprengten Brücke macht indes der ebenfalls wiederhergestellte Radweg: Hier könne bereits zum Wochenstart uneingeschränkt losgeradelt werden, teilte die Autobahn GmbH mit. Auch die Bahntrasse soll noch – wie versprochen – vor Weihnachten folgen: Seit dem 4. Dezember setzen Teams der Deutschen Bahn sowie von Fachfirmen die von Schutt und Sandbergen freigeräumte Eisenbahntrasse unter der ehemaligen Autobahnbrücke wieder instand.

Die Bahngleise hatten samt Oberleitungen für die spektakuläre Sprengung der Salzbachtalbrücke am 6. November abgebaut werden müssen. Nach der Bilderbuchsprengungen hatten 15.000 Tonnen Trümmer sowie die rund 50.000 Tonnen Sand und Schotter geräumt werden müssen, die zum Schutz von Bahntrasse und Straßenbauten unter der Brücke aufgeschüttet worden waren. Das gelang in Rekordzeit: Schon seit dem 4. Dezember werden die insgesamt fünf Gleise samt Oberbau mit Schienen, Schwellen und Schotter instandgesetzt, Oberleitungsmasten wieder errichtet sowie Kettenwerke, Speiseleitung und Signaltechnik wieder hergestellt, teilte die Deutsche Bahn mit: Am 22. Dezember könne die Strecke wieder freigegeben werden.

Die wiederhergestellte Bahnlinie sowie Bundesstraße 263 in Wiesbaden, wo einmal die Salzbachtalbrücke stand. - Foto: Autobahn GmbH
Die wiederhergestellte Bahnlinie sowie Bundesstraße 263 in Wiesbaden, wo einmal die Salzbachtalbrücke stand. – Foto: Autobahn GmbH

Welche Behinderungen die Brückensperrung für die Pendler bedeutete, haben inzwischen auch Verkehrsplaner der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) untersucht: Danach stieg die durchschnittliche Fahrzeit für Pendler sowohl für den Hinweg als auch für den Rückweg um 50 Prozent. Bei einer Online-Befragung unter mehr als 1.300 Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet gaben fast 70 Prozent der befragten Personen an, direkt von der Sperrung betroffen zu sein: normalerweise fuhren sie über die Salzbachtalbrücke, über die Mainzer Straße oder zum Hauptbahnhof Wiesbaden. 25 Prozent waren indirekt betroffen, da durch die Sperrung mehr Verkehr auf ihren Strecken herrscht.

Eine Mehrzahl der Befragten musste demnach ihr Pendlerverhalten deutlich ändern, so sank die Verwendung von Zügen um 45 Prozent, aber auch die Nutzung des Pkw sank während der Sperrung leicht – wohl wegen der erheblichen Staus in Wiesbaden. Rund 60 Prozent der Befragten konnten aber gar keine Alternative nutzen, einzige Kompensation war meist der Wechsel ins Homeoffice. „Insgesamt zeigten sich die befragten Personen weniger zufrieden mit den von ihnen während der Sperrung genutzten Verkehrsmitteln“, bilanzierte die Frankfurter Professorin für Verkehrsplanung, Petra Schäfer. Nur sieben Prozent aller Befragten planten denn auch, ihr geändertes Mobilitätsverhalten beizubehalten oder zukünftig ganz anders unterwegs zu sein.

Die Salzbachtalbrücke unmittelbar nach der Sprengung am Boden. - Foto: Autobahn GmbH
Die Salzbachtalbrücke unmittelbar nach der Sprengung am Boden. – Foto: Autobahn GmbH

Erhebliche Schäden meldet gar die Wirtschaft im westlichen Rhein-Main-Gebiet: Jeder Tag des Brückengaus koste mindestens 350.000 Euro pro Tag, teilten nun die Wirtschaftskammern von Mainz und Wiesbaden mit – das hätten Berechnungen der IHK Wiesbaden ergeben. Berechnet wurden dabei die entstehenden Mehrkosten durch zusätzliche gefahrene Kilometer auf Grund von Umwegen, zusätzliche Personalkosten für den Lkw-Verkehr und distanzabhängige Zeitkosten für den Pkw-Verkehr. Dieselbe Methodik komme auch bei Berechnungen für den Bundesverkehrswegeplan zur Anwendung.

So entstünden allein der Mainzer Spedition Zahn durch den Mehraufwand bei ihren Transporten ein wirtschaftlicher Schaden von mehreren zehntausenden Euro pro Monat. „Für unsere Kunden werden chemische Produkte aus dem Raum Lahnstein nach Frankfurt am Main transportiert“, erläuterte Geschäftsführer Mathias Zahn: „Nur für dieses eine Geschäft entsteht uns durch einen längeren Transportweg bereits ein monatlicher Umsatzverlust in Höhe von 18.000 Euro.“ Dazu kämen weitere Kosten von knapp 5.000 Euro pro Monat, rechnete Zahn vor.

Aufräumen nach dem Knall: Zehntausende Tonnen Trümmer und Sand mussten nach der Sprengung der Salzbachtalbrücke geräumt werden. - Foto: gik
Aufräumen nach dem Knall: Zehntausende Tonnen Trümmer und Sand mussten nach der Sprengung der Salzbachtalbrücke geräumt werden. – Foto: gik

Damit sei in dem vergangenen halben Jahr bereits eine Schadenssumme von mehr als 52 Millionen Euro aufgelaufen, rechnete die IHK vor, und das sei die absolute Untergrenze: „Die tatsächlichen Kosten dürften weit höher liegen“, betonte der Präsident der IHK Wiesbaden, Christian Gastl – denn die Zahl der betroffenen Pendler liege ja weitaus höher. Basis für die Berechnung seien nämlich die 80.000 Fahrzeuge gewesen, die nach offiziellen Angaben normalerweise pro Tag die Salzbachtalbrücke passieren.

Individuelle Umsatzeinbußen und der Verlust an Produktivität bei den Unternehmen, aber auch Umwelt- und Gesundheitskosten habe man bei der Rechnung gar nicht berücksichtigen können. Bis zur geplanten Neueröffnung des südlichen Brückenteils bis Ende März 2023 würden sich die Gesamtkosten bereits auf über 190 Millionen Euro summiert haben, schätzt die IHK. „Die Brückensprengung war ein wichtiger Zwischenschritt zum Neubau, doch weiterhin müssen unsere Mitglieder Tag für die Tag die Versäumnisse der Verkehrsplanung ausbaden“, schimpfte Gastl. Täglich gehe wertvolle Zeit in Staus und auf Umleitungsstrecken verloren.

In Anbetracht des „dramatischen wirtschaftlichen Schadens, den jeder Tag der Brückensperrung mit sich bringt“, erneuerten die IHK-Präsidenten von Mainz und Wiesbaden nun ihre bereits im Sommer in der Resolution „Brückenschlag der Wirtschaft“ formulierten Forderungen an die Politik: „Wir brauchen eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Politik“, fordern die Wirtschaftsvertreter: Deshalb müsse die Politik „jetzt aktiv werden und das Thema regionale Mobilität zur Chefsache in allen Rathäusern und Parlamenten machen“ – und das gelte rechts wie links des Rheins.

Info& auf Mainz&: Mehr zur Sprengung der Salzbachtalbrücke am 6. November könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen, mehr zum Aufräumen danach findet Ihr hier.  Fotos und Videos von den Aufräumarbeiten sowie allen anderen Bauarbeiten rund um die Salzbachtalbrücke findet Ihr zudem hier bei der Autobahn GmbH im Internet.

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