Die Entscheidung des Bundes, den Ausbau der A643 bei Mainz unverändert sechsspurig voranzutreiben, hat in Mainz heftige Reaktionen ausgelöst: Die Mainzer SPD sprach von einem “unverantwortlichen” Schritt, die CDU, aber auch der Koalitionspartner FDP hielten dagegen und sprachen von einem “wichtigen Schritt”. Für besonders viel Erregung sorgte, dass der Wiesbadener Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Grüne) exklusiv im Mainz&-Interview von einem “Treppenwitz” gesprochen hatte für den Fall, dass der Ausbau nicht sechsspurig komme. Man sei “verblüfft und empört” von dieser Haltung, hieß es von Seiten der Mainzer SPD – die es im Übrigen nicht für notwendig hielt, die Quelle zu nennen.

Sorgt mit seinen Aussagen zum Ausbau der A643 für Wirbel: Andreas Kowol (Grüne) , Verkehrsdezernent in Wiesbaden. – Foto: gik
Sorgt mit seinen Aussagen zum Ausbau der A643 für Wirbel: Andreas Kowol (Grüne) , Verkehrsdezernent in Wiesbaden. – Foto: gik

Kowol hatte im Interview mit Mainz& am Montag betont, der sechsspurige Ausbau der A643 sei in der Verlängerung der Schiersteiner Brücke notwendig. “Wir sind ein sehr stark wachsender Ballungsraum, das wird nun einmal weiter ein starkes Autoaufkommen zur Folge haben”, sagte Kowol exklusiv gegenüber Mainz&. Egal, wie sehr man sich wünsche, dass die Leute auf die Bahn umstiegen, “man muss mit dem Umland rechen, das ist einfach die Realität”, betonte er.

Kowol erlebt gerade in Wiesbaden hautnah, was geschieht, wenn man eine Haupt-Verkehrsader kappt: Seit der Havarie der Salzbachtalbrücke vor genau einem Jahr quälen sich die Pendlerströme jeden Tag durch Wiesbaden. Der Schleichverkehr betreffe dabei auch die Wohngebiete, sagte Kowol, die seien “stark belastet”, weil sich viele Pendler Wege jenseits der überlasteten Hauptstrecken suchten. Über die Salzbachtalbrücke fahren pro Tag sonst rund 90.000 Fahrzeuge, die derzeit alle durch das Wiesbadener Stadtgebiet müssen.

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Ein großer Anteil davon seien Pendler aus Rheinland-Pfalz und dem Rheinhessischen, sagte Kowol – und diese Pendlerströme seien nun einmal Realität. “Man sollte wünschen, dass Menschen auch für kurze Wege die Autobahn nutzen, anstatt durch die Stadt zu fahren”, betonte Kowol im Gespräch mit Mainz&, und sagte mit Blick auf die Nachbarstadt: Mainz habe “den großen Vorteil”, einen Autobahnring zu besitzen. Die Schiersteiner Brücke werde im kommenden Jahr mit sechs Spuren fertig, nun müsse auch der sechsspurige Ausbau der A643 kommen, betonte Kowol, und fügte hinzu: “Sonst wäre es ein Treppenwitz.”

So soll der Ausbau der A643 durch den Mainzer Sand einmal aussehen: Neu sind vor allem auch die Grünbrücke und die Lärmschutzwand. – Foto: Autobahn West GmbH
So soll der Ausbau der A643 durch den Mainzer Sand einmal aussehen: Neu sind vor allem auch die Grünbrücke und die Lärmschutzwand. – Foto: Autobahn West GmbH

Die Mainzer SPD reagierte darauf irritiert: Man sei “verblüfft und empört” von Kowols Äußerungen, teilten die beiden SPD-Vorsitzenden Mareike von Jungenfeld und Christian Kanka mit: “Das ist gerade für einen Grünen-Politiker eine völlig unverständliche Haltung”, schimpften die beiden Mainzer SPD-Chefs. Mainz brauche “dringend effizientere und umweltschonendere Formen der Mobilität, der Ausbau gerade dieser Autobahn gehört nicht dazu.”

Der geplante sechsspurige Ausbau sei “nach wie vor unverantwortlich”, zumal das Bundesverkehrsministerium keine neuen Argumente vorgelegt habe, schimpften von Jungenfeld und Kanka weiter: “Unsere Ablehnung bleibt also unverändert. Wir wollen nicht, dass das Naturschutzgebiet, das von der Autobahn durchschnitten wird, weiter geschädigt wird.”

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Doch das sehen beileibe nicht alle politischen Parteien in Mainz so: “Die Einschätzungen des Wiesbadener Verkehrsdezenten sind goldrichtig”, sagte der Mainzer FDP-Fraktionschef im Stadtrat, David Dietz. Kowol habe auch mit der Annahme Recht, dass der Verkehr im Rhein-Main-Gebiet auch perspektivisch nicht abnehmen werde. “Nachdem die hessische Seite schon vor Jahren mit dem Ausbau vorangekommen ist, müssen wir nun auch zu Potte kommen”, sagte Dietz: “Eine derartige Ungleichverteilung der Lasten kann nicht funktionieren.”

Stau auf der A643 bei Mainz-Gonsenheim. – Foto: Andreas Undeutsch
Stau auf der A643 bei Mainz-Gonsenheim. – Foto: Andreas Undeutsch

An der verkehrlichen Notwendigkeit für den Ausbau habe sich “in all den Jahren nichts geändert, die immer wieder verzögerte Umsetzung des Ausbaus hat die gesamte Region lange genug gequält”, betonte Dietz. Die intensiven wie langwierigen Prüfungen der verschiedenen Ausbauvarianten hätten schlussendlich als Ergebnis den bereits skizzierten vollumfänglichen Ausbau als beste Variante gezeigt. Es sei deshalb ausgesprochen erfreulich, dass die Umsetzung von Seite des FDP-geführten Verkehrsministeriums in Berlin nun konsequent umgesetzt werden solle.

Tatsächlich hatte sich die FDP schon im Februar dezidiert für den Ausbau ausgesprochen, nachdem vor allem die SPD den Streit um die Verbreiterung auf sechs Spuren wieder neu aufgerollt hatte. Auch die Grünen sind vehement gegen den Ausbau – die FDP, die mit beiden gemeinsam die Ampel-Koalition in Mainz stellt, argumentiert hingegen für den Ausbau: Das Argument des nicht vertretbaren Flächenverbrauchs sei nicht überzeugend, sagte Dietz, für eine große Lösung spreche zudem die Möglichkeit, einen effektiveren Lärmschutz für die Bürger zu realisieren.

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“Die Diskussion um den Ausbau der A 643 ist im Grunde vor langer Zeit zu einem Ende gekommen”, sagte Dietz nun weiter: “Es wird wirklich Zeit, dass wir auch auf rheinland-pfälzischer Seite zu Potte kommen.” Wer ernsthaft glaube, dass mit einer Verknappung der Fläche weniger Verkehr in einer der prosperierendsten Regionen entstehe, der sei mit dieser Position zum Scheitern verurteilt. “Die Verlagerung würde weiterhin unsere Stadt und die betreffenden Ortsteile belasten, das wollen wir jetzt beenden”, sagte Dietz. Wenn es gelingen solle, Mainz mit weniger Autoverkehr zu belasten, “dann ist eine Stärkung der Autobahn- und Zubringertrassen rund um Mainz unumgänglich.”

Skizze des geplanten Ausbaus der A643, vorgestellt 2018 vom Landesbetrieb Bauen, heute Autobahn GmbH West. – Grafik: Autobahn GmbH West
Skizze des geplanten Ausbaus der A643, vorgestellt 2018 vom Landesbetrieb Bauen, heute Autobahn GmbH West. – Grafik: Autobahn GmbH West

Mit den gleichen Argumenten reagierte auch der Mainzer CDU-Chef Thomas Gerster auf den Mainz&-Bericht: “Ich gebe ja ungern einem Grünen Recht, aber Kowol trifft es auf den Punkt: Alles andere als ein 6-spuriger Ausbau wäre ein Treppenwitz”, reagierte Gerster auf Facebook: “Es ist höchste Zeit, dass dieser Ausbau kommt.” Die Pendlerströme  ins Rhein-Main-Gebiet reichten inzwischen bis in den Hunsrück, “das kann man nicht einfach zurückdrehen”, sagte Gerster im Interview mit Mainz& zudem: “Das sind auch viele Leute, für die die Wohnungen in Rhein-Main nicht mehr bezahlbar sind.”

Der Ausbau des ÖPNV ins Rheinhessische sei absolut wünschenswert, aber es werde “Jahrzehnte brauchen, um den ÖPNV so auszubauen, dass wir die Leute vom rheinhessischen Hinterland in die Zielgebiete in Rhein-Main bringen”, sagte Gerster weiter. “Wenn wir verhindern wollen, dass uns die Mainzer Innenstadt dauernd mit Stau vollläuft, brauchen wir die Autobahn als Umgehungsstraße – das ist ein ganz wichtiger Schritt”, betonte er.

Jedes Mal, wenn  auf der A643 Stau sei, fließe der Ausweichverkehr zudem durch den Gonsenheimer Ortskern. Zudem warteten die Menschen in Gonsenheim dringend auf einen vernünftigen Lärmschutz, der sei aber nur mit einem sechsspurigen Ausbau gegeben. “Wenn wir den Schritt Richtung autofreies Mainz weiter gehen wollen, müssen wir den Durchgangsverkehr aus Mainz heraushalten – denn wir werden den Verkehr nicht verhindern”, sagte Gerster: “Was Herr Kowol anspricht, das sind Realitäten, und die lassen sich nicht einfach wegdiskutieren.”

Info& auf Mainz&: Mehr zum neuen Streit über die alten Ausbaupläne für die A643 könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen. Mehr zu den Ausbauplänen für die A643 lest Ihr noch einmal hier auf Mainz&. Den ganzen Exklusivbericht zum Ausbau mit dem Interview von Andreas Kowol findet Ihr hier auf Mainz&:

Mainz& exklusiv, Bund: Sechsspuriger Ausbau der A643 bei Mainz kommt – Kowol: Nur zwei Spuren wäre “ein Treppenwitz”

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