Im November starb eine vierköpfige Hamburger Familie in Istanbul an einer Vergiftung mit einem hochgiftigen Insektizid, nun betont das Regierungspräsidium Darmstadt: Das sei kein Einzelfall – und auch schon in Deutschland vorgekommen. Auch in Hessen habe es bereits einen Todesfall mit kleinen Kindern gegeben. Das Regierungspräsidium nahm deshalb nun Schädlingsbekämpfungsmittel in Betrieben im Rhein-Main-Gebiet unter die Lupe und stellte Mängel bei der Kennzeichnung der Biozide sowie bei den Angaben zu Schutzmaßnahmen fest. Auch der Umweltverband NABU warnt: Biozide sind auch in unserem Alltag weit verbreitet.

Die Hamburger Familie mit türkischen Wurzeln war am 9. November zu einem Kurzurlaub nach Istanbul gereist und in einem Hotel in der Altstadt abgestiegen – dort kam es zur Katastrophe: Die Eltern und ihre zwei Kinder wurden am 12. November mit Symptomen wie Schmerzen, Übelkeit und Erbrechen ins Krankenhaus gebracht, kurz danach starben die beiden Kinder, die Mutter am Tag darauf. Der Vater kämpfte auf einer Intensivstation noch mehrere Tage um sein Leben, bevor auch er am 17. November starb.
Ein rechtsmedizinisches Gutachten ergab: Die Familie starb an einer Vergiftung durch ein Biozid, das Schädlingsbekämpfungsmittel wurde in ihrem Hotel eingesetzt, die Räume danach aber nicht gelüftet. Ermittler fanden im Hotelzimmer der Familie das toxische Gas Phosphin, wie etwa die Deutsche Welle berichtete: Dieses hochgiftige Gas entsteht, wenn Aluminiumphosphid mit Wasser oder Feuchtigkeit in Verbindung kommt.
Phosphid: Hochgefährliches Atemgift, schon geringste Mengen tödlich
Aluminiumphosphid komme weltweit als Fumigant – also als Begasungsmittel – zum Einsatz und schütze insbesondere gelagerte landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, Nüsse oder Tabak vor Insekten und Nagetieren, weiß man bei Agrar Heute. Auch ganze Silos und Getreidemühlen würden damit behandelt. Entsteht aber das Gas Phosphin, so hat man ein hochgiftiges Atemgift, das Körperzellen schädigt und zu Reizhusten, Erbrechen sowie Leber- und Nierenfunktionsstörungen führen kann. Das Gift greife „alle lebenswichtigen Organe wie Herz, Lunge, Leber und Nieren an, schon geringste Mengen sind tödlich“, schreibt das Fachportal.

Das Regierungspräsidium Darmstadt warnt nun: Todesfälle durch den unsachgemäßen Einsatz von Insektiziden seien leider kein Einzelfall. „Auch in Karlstein an der hessisch-bayerischen Landesgrenze starben 2022 zwei kleine Kinder durch einen solchen Giftstoff im Privathaushalt“, teilte das Regierungspräsidium nun mit, und warnte: Beim Umgang mit giftigen Chemikalien sei „daher größtmögliche Sorgfalt erforderlich, einige Schädlingsbekämpfungsmittel dürften nur von Fachleuten mit der notwendigen Sachkunde angewendet werden.
Die Marktüberwachung des Regierungspräsidiums (RP) Darmstadt nahm deshalb nun in Betrieben im Rhein-Main-Gebiet Biozide unter die Lupe. 36 unterschiedliche Biozide standen dabei auf dem Prüfstand, von Sprays gegen Wespen über Spritzmittel gegen Schaben bis zu chemischen Köderblöcken, um Ratten und Mäuse zu bekämpfen. Und dabei fanden die Prüfer einige Mängel: So seien die chemikalienrechtliche Kennzeichnungen auf den Außenverpackungen zwar überwiegend mangelfrei gewesen, doch Hinweise auf kleineren Portionsriegeln fehlten wichtige Kennzeichnungselemente wie das rot umrandete Gefahrenpiktogramm, Gefahrenhinweise oder die Anschrift des Lieferanten.
NABU: Biozide vielfach unterschätzte Gefahr im Haushalt
„Besonders kritisch ist dies, weil viele Betriebe die Produkte ohne die vollständig gekennzeichnete Umverpackung zu ihren Einsatzorten mitnehmen“, betonte das Regierungspräsidium. Zudem ähnelten manche der Produkte bunt gefärbten Knetmassepäckchen, das sei eine potenzielle Verwechslungsgefahr. Am häufigsten seien Mängel in den Sicherheitsdatenblättern der Gefahrstoffe gewesen: Bei 21 der 36 untersuchten Produkte waren vor allem die Hinweise zur persönlichen Schutzausrüstung, beispielsweise zu geeigneten Schutzhandschuhen, unzureichend.

Das RP informierte die betroffenen Lieferanten oder leitete die Mängelmeldungen an die zuständigen Marktüberwachungsbehörden weiter und rät Verbrauchern dringend, sich beim Kauf gesundheitsschädlicher Biozide genau über die Risiken zu informieren. „Es gibt gute Gründe, dass manche Schädlingsbekämpfungsmittel aufgrund ihrer Giftigkeit nicht mehr frei auf dem deutschen Markt zu erwerben sind“, betont das RP – man warne aber unbedingt davor, sich solche Giftstoffe online nach Hause zu bestellen.
Und auch beim Umweltverband NABU warnt man schon lange: Biozide sind eine vielfach unterschätzte Gefahr im Haushalt, sie kommen in Anti-Mücken-Sprays, Ameisenködern oder Desinfektionssprays vor. Auch Fassadenschutzmittel oder Holzanstriche können durchaus gefährliche Mengen von Pestiziden enthalten – sogar in Müllbeuteln, Schneidebrettern oder Duschvorhängen können Biozide vorkommen. Die Mittel können Allergien bis hin zu Vergiftungen auslösen – auch bei uns Menschen. Eine Übersicht über Bioziode, und wie man sie im Haushalt vermeiden kann, gibt es hier im Internet.
Info& auf Mainz&: Ausführliche Informationen zum, Thema Chemikalien im Beruf und zuhause hat das Regierungspräsidium hier im Internet auf seiner Seite zusammengestellt. Dort findet sich auch ein Infoblatt zu Gefahrstoffen im Haushalt, das auch die verschiedenen Warnsymbole erklärt, die es so gibt.





