Er war Bundeswirtschaftsminister unter Willy Brandt und Helmut Schmidt, wirkte als Staatssekretär für Landwirtschaft und Weinbau in Mainz, und war zuletzt vor allem als Grandseigneur der Mainzer FDP bekannt: Am Sonntag ist Hans Friderichs im Alter von 94 Jahren gestorben. Nach seiner schillernden Karriere in Politik und Wirtschaft, die abrupt mit der Flick Spenden-Affäre 1983 endete, engagierte sich Friderichs im Alter unter anderem für die Mainzer Universität und lud regelmäßig zu liberalen Gesprächsrunden in seinen Salon im Leininger Hof. In Mainz trauern sie um einen Liberalen der alten Schule.

Hans Friderichs (rechts) mit Hans-Dietriche Genscher auf dem Bundesparteitag der FDP in der Mainzer Rheingoldhalle im Jahr 1975. - Foto: Bundesarchiv
Hans Friderichs (rechts) mit Hans-Dietriche Genscher auf dem Bundesparteitag der FDP in der Mainzer Rheingoldhalle im Jahr 1975. – Foto: Bundesarchiv

Hans Friderichs wurde in Wittlich geboren, seine erste Karriere machte der promovierte Jurist nach dem Studium in Marburg, Graz und Mainz in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt. Friderichs war Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Rheinhessen in Bingen, 1965 zog er in den Deutschen Bundestag ein – Mitglied der FDP war er bereits 1956 geworden. 1969 wurde Friderichs Staatssekretär im Ministerium für Landwirtschaft und Weinbau in Mainz unter Ministerpräsident Helmut Kohl (CDU) – und blieb es auch, als der 1971 mit seiner CDU die absolute Mehrheit holte, und die FDP die Regierung verließ.

In Bonn regierten damals noch die Politik-Granden der Nachkriegszeit, und auch sie schätzten den unaufdringlichen, fachkundigen Wirtschaftsfachmann: Im Dezember 1972 wurde Friderichs Bundeswirtschaftsminister unter SPD-Kanzler Willy Brandt und blieb es auch unter dessen Nachfolger Helmut Schmidt. „Friderichs bewährte sich in Zeiten hoher Inflation und schwacher Wirtschaft“, schreibt die FAZ über den damaligen Minister: „In der Ölkrise des Jahres 1973 trat er für die Sonntagsfahrverbote ein.“

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Dresdener Bank, Flick Spenden-Affäre, Mainzer Universität

Am 7. Oktober 1977 gab Friderichs für viele überraschend sein Amt auf und wechselte in den Vorstand der Dresdener Bank AG, er folgte damit dem von der RAF ermordeten Jürgen Ponto nach. Die FAZ schreibt, unter Friederichs habe sich die Dresdener Bank gut entwickelt, als Vorstandssprecher habe er gerade in Sachen Arbeitsklima wegweisende Weichen gestellt, von denen seine Nachfolger profitiert hätten.

Hans Friderichs, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister, ist am Sonntag in Mainz im Alter von 94 Jahren gestorben. - Foto: FDP Mainz
Hans Friderichs, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister, ist am Sonntag in Mainz im Alter von 94 Jahren gestorben. – Foto: FDP Mainz

Doch 1983 holte ihn die Flick Spenden-Affäre ein: Der Flick-Konzern hatte Gelder an Parteien und ihnen nahestehende gemeinnützige Organisationen gezahlt, ohne dass die Zahlungen beim Finanzamt korrekt abgerechnet worden waren. Auch Friderichs geriet wie sein Nachfolger im Bundeswirtschaftsministerium, Otto Graf Lambsdorff (FDP), in den Verdacht, Entscheidungen zugunsten des Flick-Konzerns getroffen zu haben – 1983 wurde Friderichs wegen Bestechlichkeit und zwei Jahre später wegen Steuerhinterziehung angeklagt.

Das Bonner Landgericht sprach den Ex-Minister vom Vorwurf der Bestechlichkeit frei, verurteilte ihn aber wegen Steuerhinterziehung – Friderichs trat vom Vorstandsposten bei der Dresdener Bank zurück. Ab den 1990er Jahren war Friderichs in diversen Aufsichtsräten großer Wirtschaftsunternehmen tätig, darunter Airbus, Adidas und Leica. 2005 wurde er Mitglied im Gründungsvorstand der Stiftung Arp Museum Bahnhof Rolandseck, bis Ende 2013 wirkte er zudem als Vorsitzender des Hochschulrates der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität.

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„Wir verlieren einen feinen Menschen, guten Freund und Ratgeber“

Auch im hohen Alter blieb der Grandseigneur der Mainzer FDP aktiv, bis zum Schluss lud er Gesprächspartner aller Schattierungen in seinen „Liberalen Salon“. Die Debatte über Politik, das Ringen um die richtige Richtung, sie gehörten zu Hans Friderichs wie seine Überzeugung als Liberaler. „Wir verlieren einen feinen Menschen“, sagte denn auch die rheinland-pfälzische FDP-Vorsitzende und Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) auf die Nachricht vom Tode Friederichs.

Hans Friderichs im Gespräch mit Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP). - Foto: FDP RLP
Hans Friderichs im Gespräch mit Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP). – Foto: FDP RLP

Die Nachricht erfülle die Freien Demokraten „mit tiefer Trauer“, sagte Schmitt: „Bis ins hohe Alter hat er mit klarem liberalem Kompass für den Wert der Freiheit eingestanden. Dafür erfuhr er weit über die Grenzen unserer Partei hinaus große Wertschätzung. Wir Freie Demokraten verlieren mit Hans Friderichs einen guten Freund, einen klugen Ratgeber und vor allem einen feinen Menschen mit noch feinerem Humor.“

Friderichs habe in seinem langen und erfüllten Leben „ein beeindruckendes Werk hinterlassen“, sagte Schmitt weiter – als promovierter Jurist, Abgeordneter, Regierungsmitglied und als engagierter Gestalter in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. „Hans Friderichs war ein Vorbild, sein Tod macht uns sehr traurig“, unterstrich Schmitt: „Er stand für eine klare liberale Haltung, für Verantwortung und für einen offenen Blick auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen. Es sei beeindruckend gewesen, wie Friderichs „auch im hohen Alter das politische und gesellschaftliche Leben mit großem Einsatz nicht nur analysiert, sondern aktiv mitgestaltet hat.“

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„Liberaler Salon“ in Mainz: Austausch über Freiheit und Demokratie

Bis zuletzt habe er mit seinem „Liberalen Salon“ in Mainz Menschen zusammengeführt, um über das Zeitgeschehen ins Gespräch zu kommen. „Gerade für die Mainzer Stadtgesellschaft wurde dies zu einem wichtigen Ort des demokratischen Austauschs und der freundschaftlichen Begegnung“, betonte die Ministerin: „Durch seine intellektuelle Größe hat er viele bereichert.“

Hans Friderichs im hohen Alter in Mainz. - Foto: Archiv des Liberalismus
Hans Friderichs im hohen Alter in Mainz. – Foto: Archiv des Liberalismus

Auch die Mainzer FDP-Chefin Susanne Glahn reagierte mit Trauer auf den Tod Friderichs: „Sein unermüdliches Wirken und sein Rat wird mir fehlen“, schrieb Glahn: „Noch größer ist der menschliche Verlust. Meine Gedanken sind bei seinen Angehörigen. Diesen wünsche ich viel Kraft in dieser schweren Zeit. Wir werden ihm ein würdiges Andenken bewahren.“ Das tief empfundene Mitgefühl gelte „seiner Familie und all jenen, die ihm in Freundschaft verbunden waren.“

Mit Friderichs verliere Deutschland „einen überzeugten Liberalen und verlässlichen Staatsmann“, reagierte auch der FDP-Bundesvorsitzende Christian Dürr: Friderichs habe „unser Land als Liberaler mit Weitblick und Integrität geprägt. Sein Wirken für die Soziale Marktwirtschaft, für Fortschritt und Freiheit verdient größten Respekt. Sein Tod macht mich sehr traurig — wir verlieren einen aufrechten Demokraten und verlässlichen Freund.“

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Schweitzer: Hoch geschätzter Wirtschafts- und Finanzpolitiker

Ausführlicher würdigte die Mainzer Staatskanzlei den Verstorbenen: „Rheinland-Pfalz verliert eine prägende politische Persönlichkeit, die in Land und Bund bedeutende Verantwortung getragen hat“, reagierte Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) am späten Nachmittag gemeinsam mit Schmitt. Friderichs habe „wirtschaftspolitische Weichenstellungen in einer Zeit großer Herausforderungen mit Klarheit, Kompetenz und Augenmaß begleitet“ und sei über Jahrzehnte hinweg in Wirtschaft und Gesellschaft eine angesehene Stimme geblieben.

„Hans Friderichs war ein hoch geschätzter Fachpolitiker“, ergänzte Schweitzer zudem, in Mainz habe es großes Vertrauen in seine Kompetenz und Integrität gegeben. „Auf Bundesebene war er eine profilierte Stimme der sozialen Marktwirtschaft“, würdigte Schweitzer weiter: „Für seinen Einsatz für eine verantwortungsvolle Wirtschafts- und Finanzpolitik gilt ihm unser besonderer Dank.“

Info& auf Mainz&: Wie gut Hans Friderichs Klartext reden konnte, auch gegenüber den eigenen Leuten – erleben ließ sich dies unter anderem im Jahr 2020 um die Debatte eines ehrenamtlichen Wirtschaftsdezernenten in Mainz, nachlesen könnt Ihr das noch einmal hier bei Mainz&.