Werden für das Open Ohr-Festival in Mainz jedes Jahr kleine Vogelkinder getötet? Laut einer Antwort der Mainzer Stadtverwaltung auf eine Anfrage der CDU im Mainzer Stadtrat diesen Mittwoch kommt es jedes Jahr zur angeblich „unvermeidbaren Tötung von Embryonen und Nestlingen von Singvögeln“. Der Grund: Das politische Jugendkulturfestival findet jedes Jahr an Pfingsten mitten in der Brutzeit statt. Die Nachricht ist brisant, strich die Stadt doch gerade das traditionsreiche Großfeuerwerk bei der Johannisnacht – wegen Vogelschutz.

Die Hauptwiese auf dem Open Ohr Festival an Pfingsten 2022 - so heiß und voll war es dieses Jahr wieder. - Foto: gik
Die Hauptwiese auf dem Open Ohr Festival an Pfingsten 2022 – so heiß und voll war es dieses Jahr wieder. – Foto: gik

Das Open Ohr-Festival auf der Zitadelle in Mainz ist eines der letzten ausgewiesen „linken“ Festivals: Jedes Jahr seit 52 Jahren trifft man sich an Pfingsten, um über ein aktuelles politisches Thema zu debattieren, die Podien werden dabei zum Großteil von linken Meinungen dominiert, das Publikum kommt ebenfalls aus dem eher linken Spektrum. Das Festival legt großen Wert auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz, Führungen zum Naturschutz vor allem im Zitadellengraben gehörten früher zu, Standard.

Nun aber wird ein erschreckendes Detail bekannt, welche Auswirkungen das Festival auf die Tierwelt hat: Das Event führt offenbar jedes Jahr Tötung von Embryonen und Jungtieren von Singvögeln. Das geht aus einer Antwort von Sozialdezernentin Jana Schöller (SPD) auf eine Anfrage der CDU für den Stadtrat an diesem Mittwoch hervor, zuerst hatte darüber der Merkurist berichtet.

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12.000 Besucher auf der Zitadelle. Keine Schäden an Wiesen?

In der Anfrage der CDU, die frei zugänglich im Ratsinformationssystem steht, hatte die eigentlich vorrangig nach dem Zustand des Festivalgeländes auf der Zitadelle sowie angrenzender Flächen nach Abschluss des viertägigen Festivals gefragt – immerhin stehen auf der Zitadelle drei Bühnen, tummeln sich bis zu 12.000 Besucher auf dem Gelände, und in der Grünanlage entlang des Drususwalls befindet sich ein Zeltplatz während des Festivals.

Auch vor der Bühne am Drususstein wird es gerne mal voll. - Foto: gik
Auch vor der Bühne am Drususstein wird es gerne mal voll. – Foto: gik

Die CDU hatte deshalb gefragt, ob es Schäden an den Grün- und Freiflächen durch das Festival gab, und welche Maßnahmen im Vorfeld und während der Veranstaltung ergriffen worden seien, „um die Biodiversität und den Schutz von Pflanzen und Tierarten auf dem Gelände sicherzustellen?“ Die etwas überraschende Antwort der Verwaltung: Es habe keine Schäden an den Grünflächen gegeben  und das, obwohl sich bei heißestem Wetter Tausende Menschen insbesondere auf der großen Hauptwiese tummelten.

„Der Zustand aller Flächen entsprach nach erster in Augenscheinnahme durch die Mitarbeitenden des Grün- und Umweltamtes dem Zustand vor der Veranstaltung“, teilte Dezernentin Schmöller mit. Wiederherstellungs-, Pflege- oder Renaturierungsmaßnahmen seien deshalb auch nicht erforderlich. Der Aufenthalt der Besucher habe sich „lediglich auf die Rasenflächen“ vor den drei Bühnen beschränkt – also auf der Hauptwiese, am Drususstein sowie „Auf der Mauer“ – sowie den Weg zwischen den beiden Bühnen.

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Festival stört Singvögel mitten in der Brutzeit: Brutabbrüche

Randbereiche des Geländes, Neupflanzungen, Trampelpfade in Gehölzbeständen sowie der Zitadellengraben selbst seien abgesperrt worden, ebenso der gesamte Mauerrundweg oberhalb von Bau C zwischen Bastion Germanicus und Bastion Drusus. „Es fand eine verstärkte Sensibilisierung der Besucher:innen durch Hinweise im Programmheft und vor Ort statt“, so die Antwort der Stadtverwaltung weiter.

Zuckende Lightshow, dröhnende Bässe: das Open Ohr fährt bei den Bandacts am Abend groß auf, wie hier 2025. - Foto: gik
Zuckende Lightshow, dröhnende Bässe: das Open Ohr fährt bei den Bandacts am Abend groß auf, wie hier 2025. – Foto: gik

Doch bei einer Frage wurde es dann kritisch: Die CDU wollte nämlich auch wissen, „welche konkreten Auswirkungen auf Vegetation, Bodenstruktur sowie sonstige ökologische Bereiche bislang dokumentiert“ wurden. Und hier musste die Verwaltung auf einmal einräumen: Das Open Ohr hat offenbar erhebliche Auswirkungen auf die Vogelwelt. Das Festival finde nämlich während der Brut- und Nistzeit statt, deshalb habe man in den vergangenen Jahren „Auswirkungen auf Brutvorkommen“ untersucht.

„Dabei wurde festgestellt, dass es zum Teil zur Verlagerung von Brutaktivitäten und Brutabbrüchen gekommen ist“, teilte die Stadt weiter mit – im Klartext: Das Festival mit seinen Besuchermassen sowie der enorm lauten Musik stört offenbar die Brutzeit diverser Singvögel – und zwar so erheblich, dass von den Eltern verlassene Jungtiere getötet werden müssen. Das war bislang völlig unbekannt – das Mainzer Tierheim äußerte sich umgehend komplett schockiert.

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„Genehmigung zur Tötung von Embryonen und Nestlingen“

Von der Stadt heißt es im Amtsdeutsch: Die Obere Naturschutzbehörde habe dem Amt für Jugend und Familie als Veranstalter eine „Ausnahmegenehmigung für die unvermeidbare Tötung von Embryonen und Nestlingen von Singvögeln infolge von Störungen im Rahmen der Durchführung des OPEN OHR Festivals am Pfingstwochenende“ erteilt. Begründet werde das „unter Verweis auf die überregionale Bedeutung der Traditionsveranstaltung.“

Die Begründung ist hochgradig brisant, hatten Tierschützer doch in den vergangenen Jahren massiv Widerstand gegen die traditionsreichen Höhenfeuerwerke in Mainz gemacht – die Stadt Mainz hat gerade deswegen das Großfeuerwerk zur Mainzer Johannisnacht, ein Highlight des Mainzer Jahreskalenders, genau wegen des Verweises auf Vogelschutz gekippt. Stattdessen soll nun – trotz massiver Kritik an der ersten Ausgabe – erneut eine Drohnenshow stattfinden. Das Feuerwerk zum Abschluss der Mainzer Johannisnacht zog jedes Jahr Zehntausende Zuschauer an, gerade auch aus dem Mainzer Umland.

Info& auf Mainz&: Mehr zum Streit um Großfeuerwerke und Vogelschutz in Mainz sowie die Drohnenshow bei der Johannisnacht könnt Ihr hier bei Mainz& nachlesen:

Drohnenshow statt Feuerwerk zur Mainzer Johannisnacht 2025: „Gutenberg in Himmel schreiben“ – Stadt feiert 625 Jahre Johannes Gutenberg