In diesem Jahr feiern die Mainzer Hofsänger ihren 100. Geburtstag – der berühmteste Chor der Republik ist längst eine nicht nur närrische Institution. Ihre Lieder werden von Tauenden in Fußballstadien oder bei Festen gesungen, ihnen gehört das Finale der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“. Der Hit „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ erklang gar beim Fall der Berliner Mauer 1989. Im Jahr 2020 wurden die Hofsänger mit dem „Mainzer Medienpreis“ ausgezeichnet, weil sie eben auch Botschafter der Stadt Mainz sind – und, wie Kabarettist Lars Reichow sagt: „Das närrische Herz der Fastnacht“.

Die Mainzer Hofsänger ganz dezent im schwarzen Anzug bei der Verleihung des Mainzer Medienpreises. - Foto: gik
Die Mainzer Hofsänger ganz dezent im schwarzen Anzug bei der Verleihung des Mainzer Medienpreises. – Foto: gik

Aus Anlass des 100. Geburtstags der Mainzer Hofsänger hier noch einmal unser Porträt vom 19. September 2020: „Das ist hier heute Abend ja fast eine kleine Fastnachtssitzung“, sagte der Moderator des Abends, VRM-Chefredakteur Stefan Schröder schmunzelnd – kein Wunder: Vor der Kirche St. Stephan versammelten sich am Freitagabend nicht nur scharenweise Größen der Mainzer Fastnachtsszene, Hauptlaudator des Abends war auch Kabarettist Lars Reichow – und der gibt in der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ alljährlich den närrischen Fastnachtsthemenmoderator.

„Ich wollte eigentlich nur sagen: ‚Ich sage nur drei Worte'“, sagte Reichow – es ist die legendäre Ankündigung des berühmtesten Fastnachtschors der Republik: Wenn diese Worte fallen, steht der Auftritt der Mainzer Hofsänger an, steuert die Fernsehsitzung auf ihr großes Finale zu. An diesem Freitag geht die legendäre Fernsehsitzung zum 71. Mal über die Bühne, die Hofsänger werden dann musikalisch auf ihre eigene Geschichte zurückblicken – ironische Seitenhiebe auf sich selbst inklusive – und , natürlich das Finale einläuten.

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Ein Finale bei „Mainz bleibt Mainz“ ohne die Hofsänger? Undenkbar!

„Ein Finale im Schloss ohne die Hofsänger ist nicht nur unmöglich, es wäre auch sinnlos“, betonte Reichow – und verschwieg gleichwohl, dass es ein Jahr gab, in dem das ZDF genau dieses Sakrileg beging. Das ist lange her, niemand würde heute mehr wagen, ein Finale ohne Mainzer Hofsänger auch nur anzudenken.

So kennt man sie: Die Mainzer Hofsänger bei "Mainz bleibt Mainz". - Foto: gik
So kennt man sie: Die Mainzer Hofsänger bei „Mainz bleibt Mainz“. – Foto: gik

„Das Finale von Mainz bleibt Mainz gehört ihnen“, unterstrich Reichow, „daran wird sich ebenso wenig ändern wie an der Standfestigkeit des Doms und der Unrenovierbarkeit des Rathauses…“ Reichow sparte nicht mit Seitenhieben auf Mainz, doch seine Laudatio rühmte vor allem ausführlich und aus tiefstem Narrenherzen „die Fastnachtigallen“ unter den Sängern: „Wir ehren heute einen Chor, der nicht nur alljährlich einen hellen Schein, einen gebündelten Lichtstrahl auf die Mainzer Fastnacht wirft“, sagte Reichow, „sondern der der Mutter aller Fernsehsitzungen Glanz und Glorie verleiht.“

1926 gründete sich der reine Männerchor – als Extra-Chor des Mainzer Konservatoriums. Die „Musik-Hochschul-Sängern“ benannten sich 1934 in „Mainzer Hofsänger“ um, in diesem Jahr traten sie auch erstmals für den Mainzer Carneval-Verein auf – die Hofsänger des Prinz Carneval waren geboren. Ihre Hochphase begann so richtig nach dem Zweiten Weltkrieg: 1947 entstand das legendäre „Sassa“, 1955, im Herrschaftsjahr des Karnevalprinzen Alexander I., arrangierte Jakob Fischer den Song, der bis heute das Markenzeichen der Hofsänger ist: „So ein Tag, so wunderschön wie heute…“

 

Meisterchor appelliert auch an „melancholischen Kern der Stadt“

„Die Hofsänger sind ein ganz besondere Chor, der ganze Säle zum Lachen bringt“, sagte der damalige Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) bei der Preisverleihung am Freitagabend, „sie schaffen es aber auch, ganze Säle in Stille zu versenken.“ Dann spüre man, „dass auf jeden Rosenmontag eben auch ein Aschermittwoch folgt“, mit ihnen feiere Mainz das Miteinander, die Tradition und die Zukunft.

Die Mainzer Hofsänger mal peppig-mitreißend, mal melancholisch. - Foto: gik
Die Mainzer Hofsänger mal peppig-mitreißend, mal melancholisch. – Foto: gik

„Der Meisterchor appelliert auch an den melancholischen Kern dieser Stadt“, sagte auch Reichow, „das rührt immer wieder auch solche Menschen zu Tränen, die nie einen Mainzer gekannt haben.“ Tatsächlich gehören die Lieder der Mainzer Hofsänger längst zur DNA einer ganzen Republik: Olé Fiesta, Sassa, „So ein Tag“ – diese Lieder erklingen heute in den Fußballstadien der Republik, auf Festen und Feiern – und bei großen Anlässen, die die Herzen besonders bewegen.

Der Chor sei „das närrische Herz“ von Mainz, rühmte Reichow: „Es ist ihr Klang, ihre Arrangements, ihre Musik, ihre Haltung – und es ist ihr Aussehen, die berühmte Verkleidung.“ Seit jeher treten die Sänger als „singende Bajazze“ auf, die Kostüme in den Farben blau, weiß, gelb und rot sind einfach nicht zu ersetzen. Drei Mal versuchten die Hofsänger aus ihrer optischen Haut zu fahren – zuletzt versuchten sie 2001, mit bunten Schwalbenschwanz-Fräcken ihren Auftritt optisch moderner und zeitgemäßer zu gestalten.

 

Erster Auftritt der Mainzer Hofsänger bei Prinzenproklamation in Köln

Das war zum 75. Geburtstag des Chores, der Aufschrei gegen die Neuerung war so groß, dass die Hofsänger nach wenigen Fastnachtssitzungen reumütig die alten Kostüme wieder hervorholten. Die bunten Bajazze gehören nun einmal seit 1956 zu „Mainz bleibt Mainz“, es war das erste Jahr der Hofsänger bei der Fernsehsitzung.

Verleihung des Mainzer Medienpreises an die Mainzer Hofsänger, oben links: Künstler Siegfried Felder. - Foto: gik
Verleihung des Mainzer Medienpreises an die Mainzer Hofsänger, oben links: Künstler Siegfried Felder. – Foto: gik

Ihren ersten Fernsehsauftritt hatte die Gesangstruppe allerdings ausgerechnet in Köln: 1955 standen sie dort bei der Kölner Prinzenproklamation erstmals vor TV-Kameras. Seither haben sie eine bundesweit einmalige Fernsehpräsenz, wurden zu Ikonen der Fernsehfastnacht und wirken seither als singende Botschafter ihrer Heimatstadt Mainz.

Genau dafür gab es im September 2020 den Mainzer Medienpreis, der aus einer von einem Künstler gestalteten Druckgrafik besteht – dieses Mal durch den Mainzer Grafiker und Maler Siegfried Felder gestaltet. Der verwandelte mit einer binären Darstellung der Musik und ihrer Ästhetik die Hofsänger in eine „Superstruktur“, wie die Chefin des Mainzer Gutenberg Museums, Annette Ludwig erklärte: „Es ist die Fiktion eines Gesichtes und verkörpert die Idee der Fastnacht, dass auch Stimmen Charaktere sein können.“

Ein Druck des Medienpreises geht jeweils an das Gutenberg Museum, die Hofsänger dankten: „Das ist für uns eine besondere Ehre“, sagte der damalige Kapitän der Mainzer Hofsänger, Christoph Clemens gegenüber Mainz&: „Dass wir den Preis in unserer ureigensten Eigenschaft als Botschafter bekommen haben, das bestärkt uns und macht uns sehr stolz.“

Konzert auf der chinesischen Mauer, Gospel und Weihnachtslieder

Und so gaben die Mainzer Hofsänger im Anschluss natürlich auch ein kleines Konzert – in dunklen Anzügen und mit Liedern wie „I will follow him“, „Hallelujah“ und natürlich „So ein Tag“. Um die 50 Konzerte gibt der Chor pro Jahr außerhalb der Fastnacht, bei Kurkonzerten, Galas und Jubiläumsfeiern, auf Kreuzfahrten und in großen Konzerten. Die 17 Männer sangen schon auf der chinesischen Mauer und im Tal der Könige, auf Kreuzfahrten in Alaska, Kalifornien und Venedig. Zum Repertoire gehören Wein- und Trinklieder ebenso wie Musical-Medleys und Gospels – und ein zweistündiges Kirchenmusikprogramm, zu Hören jedes Jahr beim traditionellen Weihnachtskonzert in der Kirche St. Stephan.

Das kleine Konzert der Mainzer Hofsänger beim Mainzer Medienpreis. - Foto: gik
Das kleine Konzert der Mainzer Hofsänger beim Mainzer Medienpreis. – Foto: gik

Der Pfarrer der Kirche mit den weltberühmten Chagall-Fenstern hätte die Hofsänger denn auch beinahe schon heilig gesprochen: „Ich will ja nicht gleich ihre Heiligsprechung in die Wege leiten“, sagte Thomas Winter – aber die Mainzer Hofsänger seien eben doch das „musikalische Wahrzeichen der Stadt.“

Mehr noch aber: Der Chor unterstütze mit seinen Konzerten eben auch Kinder- und Jugendeinrichtungen und Kinderhospize und sei vielfach karitativ tätig. „Wir können von Ihnen lernen, dass wir uns einsetzen für andere“, sagte Winter, das passe gut zum heiligen St. Stephan und seiner Kirche: „Die Botschaft der Fenster, die von einem Gott der Liebe künden, verbindet sich mit Ihrem Gesang, der von Hoffnung und Zuversicht spricht.“

 

Turbulenzen um Reichsbürger-Mitglied und Chorleiter-Wechsel

Im Coronajahr 2020 blieb die Lage schwierig: Alle rund 50 Konzerte musste der Chor in diesem Jahr absagen, auch für die Fastnacht 2021 wurden sämtliche große Veranstaltungen gestrichen – und damit auch die Auftritte der Mainzer Hofsänger. Dazu starben zwei langjährige Mitglieder des Chores an Corona-Erkrankungen, darunter auch Otto Schlesinger, der einst als tiefster Bass Deutschlands Schlagzeilen machte. Kapitän Clemens zeigte sich dennoch zuversichtlich: „Olé Fiesta und Sassa können wir immer singen.“

Erneuerung 2024: Die Hofsänger in modern, bei der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ – Vinzent Grimmel ist der Bajazz in Rosa, Christoph Clemens der Mann in Gelb . – Foto: gik
Erneuerung 2024: Die Hofsänger in modern, bei der Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ – Vinzent Grimmel ist der Bajazz in Rosa, Christoph Clemens der Mann in Gelb . – Foto: gik

In den folgenden Jahren wurde der Chor von mehreren Krisen erschüttert: Im Herbst 2022 suchte man neue Chormitglieder – und fand unwissentlich ein Reichsbürger-Mitglied, das gemeinsam mit der Staatstreich-planenden Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß, verhaftet wurde. Und schließlich trennte sich der Chor von seinem langjährigen Leiter Michael Christ, doch auch dessen Nachfolger verließ die Hofsänger nach nur einem halben Jahr wieder.

Doch die Hofsänger schafften den Neustart, in der Kampagne 2024 präsentierte sich die Männertruppe so frisch und modern wie noch nie – und inszenierte den „Kampf“ zwischen „Alt und Jung“,  Tradition und Moderne einfach als Potpourri-Nummer: Es wurde ein begeisternder Schlagabtausch mit vielen neuen Sängern und sehr viel frischem Pepp. Zu verdanken ist das einer Riege junger, frischer Gesichter – und einer von den „jungen Wilden“ übernahm dann auch das Ruder des Hofsängerschiffs: Seit Ende 2024 lenkt Vinzent Grimmel als „Kapitän“ die Mainzer Hofsänger, und hat ihnen bereits eine Menge frischen Schwung verpasst.

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