Der Weinbau in Deutschland steckt in einer tiefen Krise, und sie wird immer tiefer. Die Gründe sind vielfältig: Die Weinbaubetriebe leiden unter massiv gestiegenen Kosten, aber auch unter gesunkenen Fassweinpreisen, unter dem Mindestlohn – und unter den Verbrauchern. Denn die trinken – verunsichert vielfach durch falsche Berichte – nicht nur weniger Wein, sie trinken auch besonders gerne: Weine aus dem Ausland. Eine Initiative von mehr als 150 Weingütern warnt nun: Deutschland droht ein einmaliges Weingüter-Sterben. Was dagegen hilft? Eine Flasche Wein von deutschen Winzern mehr trinken – am besten am „Tag des deutschen Weins“.

ProWein in Düsseldorf 2025: Pinot Paradise Deutschland - aber kaum jemand weiß es? - Foto: gik
ProWein in Düsseldorf 2025: Pinot Paradise Deutschland – aber kaum jemand weiß es? – Foto: gik

„Die Weinindustrie steht an einem wichtigen Wendepunkt“, das sagte im März auf der Messe ProWein bereits Professorin Simone Loose, Leiterin des Instituts für Wein- und Getränkewirtschaft an der Hochschule Geisenheim. Zum achten Mal in Folge hatten die Forscher in Geisenheim Ende 2024 mehr als 1.300 Experten aus mehr als 30 Ländern zur allgemeinen Lage der Weinbranche befragt, die Ergebnisse: ernüchternd. Denn die Weinbranche rutscht seit einiger Zeit immer tiefer in eine Krise.

Die Gründe sind vielfältig, und haben doch einen Kern: Die Verbraucher trinken immer weniger Alkohol – und wenn, dann greifen sie gerne zu ausländischen Produkten. Auf der ProWein waren die Sorgenfalten tief, bereits 2024 klagten Winzer und Weinbauverbände vor allem über eine wissenschaftlich nicht haltbare Verteufelungskampagne gegen Alkohol, aber auch über gestiegene Produktionskosten. Vor allem die Verteuerung von Energie, aber auch die Anhebung des Mindestlohns machen der Branche stark zu schaffen, dazu kommen gestiegene allgemeine preise durch die Inflation der vergangenen Jahre – und zuletzt noch die Zolldrohungen von US-Präsident Donald Trump.

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Fassweinpreis im Keller, Produktionskosten hoch: Weinbau in der Krise

Ein Grundproblem für viele Winzer sind die Fassweinpreise, die derzeit bei gerade einmal 40 bis 60 Cent pro Liter, und damit zum zweiten Jahr in Folge weit unter den Produktionskosten liegen. Eine neu gegründete „Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau“ schlägt deshalb nun Alarm: „Wenn der Preisverfall im Weinbau nicht gestoppt wird, werden große Teile dieser Kulturlandschaften unwiederbringlich verschwinden“, warnt deren Vorsitzender Thomas Schaurer. Die Lage im Weinbau sei „verheerend“, tue sich nichts, drohten bis zu 50 Prozent der Winzerfamilien in Deutschland das Aus.

Weinlese in Rheinhessen: Große Flächen und noch viel Fasswein. - Foto: Rheinhessenwein, Robert Dieth
Weinlese in Rheinhessen: Große Flächen und noch viel Fasswein. – Foto: Rheinhessenwein, Robert Dieth

Die Zahlen sind ein Schock, bisher sprachen Weinbauverbände eher vorsichtig von zwischen 20 und 30 Prozent der Betriebe, denen das Aus drohe – auch das wäre aber schon eine gewaltige Größenordnung. Rund 14.000 Weinbaubetriebe gab es 2023 noch, in den vergangenen Jahren war die Zahl bereits um ein Viertel gesunken. In Rheinland-Pfalz sind mehr als 10.000 Weingüter beheimatet, das Bundesland sorgt für rund zwei Drittel der Weinproduktion in ganz Deutschland. Allein in Rheinhessen gab es zuletzt knapp 2.000 Weingüter, es ist das größte Weinanbaugebiet in Deutschland und beherbergt viele Fassweinbetriebe.

Rheinhessen stecke fraglos in einem Strukturwandel, hieß es im Mai auch beim Rheinhessischen Weinwirtschaftsrat, einem Zusammenschluss der verschiedenen Weinerzeuger von Einzelbetrieben bis hin zu Großkellereien. „Es gibt eine Generation von Feierabend-Winzern, die werden jetzt verschwinden“, erklärt Stefan Braunewell, Vorsitzender der Maxime Herkunft Rheinhessen. Diese Generation hat oft nur einen oder zwei Hektar Fläche, die Trauben gehen meist an Kellereien oder Genossenschaften, viele schließen ihren Betrieb, weil eine Nachfolge keinen Sinn macht.

 

Weinkonsum sinkt weiter, nur 40 Prozent sind deutsche Weine

Ihre Flächen wurden bisher dankbar von professionell arbeitenden Nachbarweingütern aufgekauft oder gepachtet: „Die Profis machen weiter, wir treiben die Professionalisierung im Weinbau voran“, betont Braunewell, damit steige auch die Qualität im Glase weiter. Doch dieser Strukturwandel stößt nun an seine Grenzen – denn seit ein, zwei Jahren stockt der Absatz: 2024 sank der Weinkonsum weltweit auf den niedrigsten Absatz seit 1961. Vier Prozent der Haushalte in Deutschland weniger kauften Wein, im Schnitt trank ein Deutscher über 16 Jahren nur noch 22,2 Liter Wein im Jahr – das waren 0,3 Liter weniger als in der Vorjahresperiode.

Der Weinkonsum weltweit sinkt deutlich, in Deutschland werden dazu zu 60 Prozent ausländische Weine konsumiert. - Foto: gik
Der Weinkonsum weltweit sinkt deutlich, in Deutschland werden dazu zu 60 Prozent ausländische Weine konsumiert. – Foto: gik

Ein Kernproblem dabei: Gerade einmal rund 40 Prozent der konsumierten Weine kommen aus Deutschland, aber 60 Prozent aus dem Ausland – und das erbost die Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau: Deutschland drohe der Verlust der Jahrtausende alten Kulturlandschaft Weinbau, „wir verlieren auch ein großes Stück unserer kulturellen Identität“, warnt Schaurer. Dabei gebe es eine einfache Rettungsmaßnahme: Schon eine zusätzliche Flasche deutscher Wein pro Kopf und Jahr anstelle einer importierten Flasche sichere die Zukunft der deutschen Winzerfamilien.

„Es geht nicht um mehr Alkoholkonsum, sondern um eine bewusste Kaufentscheidung“, betont Schaurer – es gehe schlicht darum, „den Anteil deutscher Weine im Einkaufskorb leicht zu erhöhen und damit heimische Betriebe zu stärken.“ Diese eine Flasche mehr deutscher Wein schenke den Winzerfamilien die wirtschaftliche Grundlage, weiterhin in Deutschland Wein anbauen zu können, „mit den hier geltenden Standards für die im Weinbau arbeitenden Menschen, für unsere Umwelt und für mehr Nachhaltigkeit.

Neue Initiative warnt: Die Zukunft des Weinbaus ist in Gefahr

Tatsächlich würde es in Frankreich oder Italien keinem Konsumenten einfallen, zuerst zu ausländischen Produkten zu greifen – in Deutschland ist das anders: Obwohl deutsche Rieslinge und Burgunder Weltruhm haben, greifen viele Deutsche noch immer im Supermarkt eher zum Pinot Grigio aus Italien oder zum billigen Rotwein aus Frankreich. Viele kennen noch nicht einmal die fantastischen Rotweine von der Ahr, aus Rheinhessen oder aus Baden – Lokalpatriotismus? Wozu denn. Dazu kommt, dass die Nachbarländer oft billiger produzieren können, die deutschen Winzer geraten zunehmend in die Defensive.

Weinlandschaft in Mayschoß an der Ahr: Jahrtausende alte Kulturlandschaft, geprägt durch Weinbau.  - Foto: gik
Weinlandschaft in Mayschoß an der Ahr: Jahrtausende alte Kulturlandschaft, geprägt durch Weinbau. – Foto: gik

Die neue „Zukunftsinitiative“ wirft derweil den herkömmlichen Weinbauverbänden vor, die Lage schönzureden oder sich wegzuducken: „Sie versuchten, die Existenzbedrohung unter den Teppich zu kehren“, kritisiert Scheurer. Von Medien angesprochen, redeten sie die Situation klein, sagten öffentlich, dass es nur eine kleine Krise sei oder höchstens 20 bis 30 Prozent der Winzerfamilien betreffe. Sie verwiesen auf die schwierige Lage der weltweiten Weinbranche und scheuten sich, Klartext zu reden, nach dem Motto: bloß keine negativen Botschaften senden. Genau deswegen habe er die Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau gegründet, sagt Schaurer, 164 aktive Mitglieder habe der Verein bereits.

Das erinnert an die Konflikte in der traditionellen Landwirtschaft vor einigen Jahren, als mit den herkömmlichen Bauernverbänden unzufriedene Landwirte die Vereinigung „Land schafft Verbindung“ ins Leben riefen – und die größten Bauernproteste der Geschichte des Landes auslösten. Ein wichtiger Erfolg für die Branche. Die Rücknahme des Aus für die Agrardiesel-Förderung durch die neue schwarz-rote Koalition in Berlin, auch bei vielen Winzerbetrieben heißt es dazu: Das sei ein wichtiger kleiner Baustein für mehr Kostengerechtigkeit.

 

30. August: eine Flasche Wein von deutschen Winzern mehr kaufen

Winzermeister Thomas Schaurer gründete seine „Zukunftsinitiative“ erst im Januar 2025 mit mehreren Mitstreitern, man werde von Hunderten Winzerfamilien unterstützt, auch vom Bundesverband der deutschen Weinkommissionäre. „Wir sind davon überzeugt, dass die Bevölkerung das Recht hat zu erfahren, dass nun die Tage der Entscheidung anstehen,“ sagt Schaurer: „Die Entscheidung darüber, ob und wie es mit dem Weinbau in unserem Land weitergeht – bevor die Entscheidung ohne ihr Wissen unumkehrbar fällt.“

Einfach eine Flasche Wein mehr von deutschen Winzern kaufen, rät die Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau. - Foto: gik
Einfach eine Flasche Wein mehr von deutschen Winzern kaufen, rät die Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau. – Foto: gik

Man wolle der Öffentlichkeit die Möglichkeit geben, sich ein realistisches Bild der Lage zu machen und dazu beitragen, tragfähige Lösungen zu entwickeln. Ein Vorschlag der initiative deshalb: Sie ruft am 30. August 2025 bundesweit zum „Tag des Deutschen Weins“ auf – und dazu, gezielt eine Flasche von deutschen Winzern mehr zu kaufen, Motto: „Dein Wein von hier.“

„An diesem Tag können Verbraucherinnen und Verbraucher, denen der deutsche Weinbau am Herzen liegt, und die ihn in seiner Vielfalt erhalten möchten, gezielt eine Flasche mehr deutschen Wein kaufen – alternativ auch alkoholfreien Wein oder Traubensaft“, wirbt Schaurer, und betont: „Wir bitten nicht um Mitleid. Es geht um die Entscheidung, ob der Weinbau und mit ihm die Wertschöpfung in Deutschland erhalten bleiben soll. Mit einer Flasche mehr deutscher Wein gebt Ihr uns eine Zukunft.“

In Mainz ist das besonders einfach: Am Donnerstag öffnet der Mainzer Weinmarkt seine Tore, dann dreht sich im Stadtpark in Mainz ohnehin alles um den Rebensaft.

Info& auf Mainz&: Die neue Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau findet sich hier im Internet. Mehr zu der Verteufelungskampagne gegen Alkohol, warum Meldungen, dass schon ein Glas Alkohol Krebs auslöse, Unsinn sind, und was das mit einer Abstinenzlerbewegung aus den USA zu tun hat, berichten wir Euch hier auf Mainz&.

Mainz& exklusiv: Verteufelungskampagne gegen Alkohol? Experte kritisiert Null-Promille-Diktat zu Weinkonsum: „Das ist Science Fiction“