Nach wochenlangem Höhenflug scheint der Trend zu steigenden Corona-Infektionen nun endlich gebrochen: Die Corona-Inzidenzen sinken wieder. Kratzte Mainz am 25. April noch mit einer Sieben-Tages-Inzidenz von 193 an der 200er-Marke, so sieht die Lage inzwischen völlig anders aus – am Sonntag sank die Inzidenz auf gerade einmal noch 150,5. Nur noch 16 neue Infektionen meldete das Landesuntersuchungsamt, Mainz lag damit am vierten Tag in Folge unter der neuen Schwelle von 165. Ob damit aber Schulen wieder öffnen, und Geschäfte wenigstens wieder zum Termin-Shopping zurück dürfen, ist damit noch lange nicht klar. „Die Zahlen steigen nicht mehr rasant an, es ist gelungen, die dritte Welle abzubremsen“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler vergangenen Donnerstag, mahnte zugleich aber auch: Das reiche nicht aus – „die Zahlen müssen runter.“

Können sich die Mainzer bald wieder auf Lockerungen der Corona-Maßnahmen freuen? - Foto: gik
Können sich die Mainzer bald wieder auf Lockerungen der Corona-Maßnahmen freuen? – Foto: gik

Seit Samstag, dem 24. April, gilt auch in Mainz und dem Landkreis Mainz-Bingen die Bundes-Notbremse, danach gilt nun bundesweit ein klarer Stufenplan: Übersteigt die Sieben-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner an drei Tagen hintereinander in einer Region die 100, müssen Geschäfte, Gastronomie und Kultureinrichtungen schließen, es gelten strenge Kontaktbeschränkungen und eine Ausgangssperre zwischen 22.00 Uhr und 5.00 Uhr, eine Pflicht zum Homeoffice sowie eine FFP2-Masken-Plficht in Bussen und Bahnen. Schulen müssen ab einer Inzidenz von 100 in den Wechselunterricht, ab einer Inzidenz von 165 in den Fernunterricht. Geschäfte dürfen bis zu einer Inzidenz von 150 noch Termin-Shopping anbieten, darüber nur noch Click & Collect.

In Mainz griffen seit dem 24. April wieder alle diese Maßnahmen, weil die Landeshauptstadt mit Inzidenz-Werten von zwischen 180 und 197 kämpfte. Damit mussten erstmals seit einem Jahr wieder alle Schulen in den Fernunterricht, auch in den Kitas galt erstmals wieder ein – wenn auch löchriger – Notbetrieb. Fünf Tage später zeigten sich erste Wirkungen – ob aufgrund der neuen Maßnahmen, wird noch genau zu analysieren sein. Tatsache ist, die Sieben-Tages-Inzidenz sank in Mainz erstmals wieder unter 170 – und blieb dort auch nach ein paar Schwankungen. Am Freitag meldete das Gesundheitsamt Mainz-Bingen eine Inzidenz von 162, am Samstag das Landesuntersuchungsamt sogar nur von 146,9  – am Sonntag dann von 150,5.

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Dürfen die Kinder bald wieder zurück in den Wechselunterricht in die Schulen? - Foto: dpa
Dürfen die Kinder bald wieder zurück in den Wechselunterricht in die Schulen? – Foto: dpa

Damit sackt Mainz erstmals seit Wochen wieder unter die Grenze von 150 und liegt nun seit dem 29. April dauerhaft unter der Marke von 165. Setzt sich dieser Trend fort, würde das automatisch Lockerungen nach sich ziehen – doch der Weg dahin ist noch weit: Laut Bundes-Notbremse müssen die gesunkenen Inzidenzen fünf Tage in Folge unter der Jeweiligen marke liegen – also unter 165, unter 150 oder unter 100 – , erst dann darf wieder geöffnet werden. Dabei werden aber nur die Werktage mitgezählt, zu denen in Deutschland auch der Samstag gehört, im Bundesgesetz heißt es weiter: „Sonn- und Feiertage unterbrechen nicht die Zählung.“

Der 3. Mai wäre demnach also erst der dritte Tag in der Zählfolge, Mainz müsste also bis einschließlich Mittwoch unter der Marke von 165 bleiben, damit Schulen zurück in den Wechselunterricht könnten – die Lockerung greift zudem erst am übernächsten Tag. In Mainz könnten also frühestens ab dem 10. Mai Schüler zurück in den Wechselunterricht, für die Geschäfte wird die Durststrecke noch länger: Mainz müsste schon am Montag unter die 150er-Marke sinken , und dort auch dauerhaft die ganze Woche bleiben, damit in der Woche darauf Terminshopping mit negativem Coronatest und Maske wieder möglich würde.

Können im Landkreis Mainz-Bingen die Geschäfte womöglich bald wieder öffnen? - Foto: gik
Können im Landkreis Mainz-Bingen die Geschäfte womöglich bald wieder öffnen? – Foto: gik

Der Landkreis Mainz-Bingen hingegen kratzte in den Tagen vor dem 1. Mai sogar schon an der 100er-Marke, am Sonntag meldete das Landesuntersuchungsamt gar nur noch eine Inzidenz von 96,5 – bliebe das so, könnten ab dem 10. Mai gar die Geschäfte und womöglich gar die Gaststätten wieder öffnen, die nächtliche Ausgangssperre entfiele – es wäre ein großer Schritt zurück zu einer Art Normalität. Doch ob es dazu kommt, ist unklar: „Die Zahlen müssen nicht nur stagnieren, sie müssen auch runter“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (SPD) vergangenen Donnerstag in Berlin, das sei die Voraussetzung für Lockerungen, und warnte: „Zwei, drei Tage sind noch kein Trend.“

Bundesweit schwanken die Corona-Neuinfektionen derzeit nämlich weiter zwischen Abwärtstrend und dann wieder leichter Zunahme, ein stabiler deutlicher Rückgang ist derzeit noch nicht in Sicht. Grund ist vor allem die starke Zunahme von Corona-Infektionen bei Jüngeren: Bei Kindern und Jugendlichen lagen die Neuinfektionen zuletzt erheblich höher als in allen anderen Altersgruppen. So errechnete das ZDF in einer eigenen Untersuchung der Inzidenzen zwischen den Altersgruppen auf der Grundlage der Zahlen des Robert-Koch-Instituts in vielen Regionen mehr als doppelt so hohe Infektions-Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen als bei den Erwachsenen – die ganzen Grafiken und Informationen dazu findet Ihr hier. In Mainz lag demnach bei einer allgemeinen Inzidenz von 189 die Inzidenz in der Gruppe der 5- bis 14-Jährigen bei 385 und damit fast doppelt so hoch.

Karte des ZDF über Corona-Inzidenzen speziell bei Kindern. - Grafik: ZDF, Screenshot: gik
Karte des ZDF über Corona-Inzidenzen speziell bei Kindern. – Grafik: ZDF, Screenshot: gik

„COVID19-bedingte Ausbrüche betreffen insbesondere private Haushalte, aber auch Kitas, Schulen und das berufliche Umfeld“, heißt es im Lagebericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Sonntag. Das RKI empfiehlt zudem, bei Erkrankungen in Schulen oder Kitas sollte „eine frühzeitige reaktive Schließung“ dringend erwogen werden – der Grund: Die hochansteckende britische Virusvariante B.1.1.7 hat inzwischen zu 100 Prozent das Infektionsgeschehen übernommen, und es ist genau diese Variante, die sich besonders stark unter Kindern und Jugendlichen ausbreitet. „Das ist besorgniserregend, weil die VOC B.1.1.7 nach bisherigen Erkenntnissen deutlich ansteckender ist und vermutlich schwerere Krankheitsverläufe verursacht als andere Varianten“, heißt es im RKI-Lagebericht ausdrücklich.

Zudem vermindere B.1.1.7 „die Wirksamkeit der bislang erprobten Infektionsschutzmaßnahmen erheblich.“ Dazu führte die britische Mutante in den vergangenen Wochen in der Folge der stark gestiegenen Fallzahlen auch zu mehr Patienten in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen – am Sonntag gab es dort erstmals seit Wochen wieder eine leichte Entspannung.

Womöglich also greifen tatsächlich die Maßnahmen der Bundes-Notbremse: Erstmals greifen seit dem 25. April bundesweit die gleichen Maßnahmen, das könnte dazu geführt haben, dass sich die Menschen wieder mehr an die Corona-Maßnahmen hielten. Zudem schrieb die Bundes-Notbremse Ländern und Regionen erstmals schärfere Regeln wie Schulschließungen, Kita-Notbremsen, Kontaktbeschränkungen oder eben auch Maskenpflichten im ÖPNV verbindlich vor – die sinkenden Zahlen könnten nun tatsächlich die Folge davon sein.

Die nächtliche Ausgangssperre in Mainz allein wirkte offenbar nicht. - Foto: gik
Die nächtliche Ausgangssperre in Mainz allein wirkte offenbar nicht. – Foto: gik

Für Mainz heißt das aber auch: Die Corona-Infektionen sanken just 14 Tage, nachdem das Verwaltungsgericht Mainz die erste nächtliche Ausgangssperre zwischen 21.00 Uhr und 5.00 Uhr gekippt hatte, eine Woche lang hatte Mainz danach keine nächtliche Ausgangsbeschränkung. Das ist nun genau 14 Tage her – und damit müssten die Corona-Zahlen nun den Stand nach dem Aus für die nächtliche Ausgangssperre abbilden. Die Zahlen sanken nun also ausgerechnet in dieser Zeit ohne Ausgangssperre, das dürfte ein weiterer Beleg dafür sein, dass nächtliche Ausgangsbeschränkungen eben nicht allein, sondern nur im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen wirken – so, wie es kürzlich auch eine Gießener Studie feststellte.

„Wir sehen, dass die Maßnahmen wirken“, betonte RKI-Präsident Lothar Wieler, die Fallzahlen seien aber immer noch zu hoch. „Wir müssen die Zahlen runterbringen – es ist zu früh, von einem Trend zu reden“, betonte Wieler: „Die Pandemie ist leider noch nicht vorbei.“ Denn zuletzt mehrten sich vor allem auch Berichte über gravierende Langzeitschäden von Covid-19: Jeder Zehnte könnte von dem sogenannten Long Covid-Syndrom betroffen sein, „das dürfen wir nicht zulassen“, betonte Wieler. Das gelte auch für Kinder: „Kinder werden seltener krank, ja, und sie werden auch seltener schwer krank“, sagte Wieler. Aber auch bei Kindern gebe es Long Covid, deshalb gelte weiter, Infektionen  unter allen Umständen zu vermeiden. „Das Ziel von uns allen sollte sein, dass sich die Menschen nicht auf den letzten Metern vor der rettenden Impfung infizieren“, mahnte der RKI-Präsident.

Info& auf Mainz&: Mehr zu der Gießener Studie zur Wirksamkeit oder eher Unwirksamkeit nächtlicher Ausgangssperren lest Ihr hier bei Mainz&. Mehr zu der Auswertung des ZDF zu Corona-Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen mit einer interaktiven Karte zu den Inzidenzen in den einzelnen Regionen findet Ihr hier im Internet.  Fragen und Antworten zu den Maßnahmen der Bundes-Notbremse findet Ihr hier im Internet.

 

1 KOMMENTAR

  1. Endlich wird zugegeben, dass Migranten-Großfamilien und prekäre Milieus einen Infektionsschwerpunkt bilden. Hier gegenzusteuern wäre wirksamer als geräumige Baumärkte zu schließen. Und gar nichts hört man, ob z.B. ÖPNV-Pendler oder Kassenpersonal besonders betroffen sind. Offenbar nicht oder warum gibt es keine Erhebungen? Die beiden letzten Infektionsspitzen sind eindeutig die Folge von Weihnachten und Ostern. Das aktuelle Abflauen ist eher auf das Nachlassen der Kuschelrunden zurückzuführen als auf den Lockdown. Natürlich müssen enge, frohe und gesprächige bis lautstarke Haufenbildungen unterbleiben. Ob der Ramadan Auswirkungen hat, bleibt abzuwarten.

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