Wie effektiv helfen nächtliche Ausgangssperren dabei, Virusinfektionen mit dem Coronavirus zu senken? Die Frage ist derzeit in Deutschland heiß umstritten, die Universität Gießen ging ihr in einer eigenen Studie nach, die nun in einem Pre-Paper veröffentlicht wurde. Die Forscher kommen dabei zu einem klaren Ergebnis: Nächtliche Ausgangssperren sind keine effektive Maßnahme zur Senkung der Ansteckungsraten. Untersucht wurden nächtliche Ausgangssperren in hessischen Kreisen und Gemeinden, die Forscher verglichen Kreise mit Ausgangssperren mit solchen, die keine hatten – ihr Fazit: Die Inzidenzen verhielten sich in Regionen mit und ohne Ausgangssperre völlig gleich, ein Einfluss auf die Entwicklung der Pandemie-Inzidenzen war nicht feststellbar – vor allem, weil die Mobilität durch die nächtlichen Ausgangssperren so gut wie gar nicht sank.

Mainz zur Zeit der nächtlichen Ausgangssperre Anfang April 2021. - Foto: gik
Mainz zur Zeit der nächtlichen Ausgangssperre Anfang April 2021. – Foto: gik

Mit der heute im Bundestag verabschiedeten Bundes-Notbremse sollen auch nächtliche Ausgangssperren kommen, und das bundesweit: Ab einer Inzidenz von 165 sollen Landkreise und Städte künftig verpflichtet sein, nächtliche Ausgangsbeschränkungen zwischen 22.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens zu verhängen – um ihre Wirksamkeit tobt eine hitzige Debatte: Experten wie der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach betonte seit Wochen, nächtliche Ausgangssperren seien wirksam und unbedingt notwendig, die dritte Corona-Welle ohne nicht einzudämmen.

Doch die Zweifel an dem Instrument wachsen: Die Stadt Mainz verhängte am 1. April eine nächtliche Ausgangssperre, die am 15. April vom Verwaltungsgericht Mainz vorerst gestoppt wurde – in diesen 14 Tagen stieg die Sieben-Tages-Inzidenz in Mainz von knapp über 100 auf satte 200. Hatte also die nächtliche Ausgangssperre überhaupt keine Wirkung gehabt? Volkswirtschaftler der Universität Gießen um den Industrieökonomieprofessor Georg Götz kommen nun zu genau so einem Ergebnis: Es gebe “keinen statistisch signifikanten Beleg dafür, dass nächtliche Ausgangssperren eine Auswirkung auf die Verbreitung der Pandemie hätten”, schreiben die Forscher in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie.

- Werbung -
Werben auf Mainz&
Entwicklung der Corona-Inzidenz mit Ausgangssperre im Landkreis Bergstraße (oben) und in der Stadt Darmstadt ohne Sperre (unten). - Grafik: Uni Gießen
Entwicklung der Corona-Inzidenz mit Ausgangssperre im Landkreis Bergstraße (oben) und in der Stadt Darmstadt ohne Sperre (unten). – Grafik: Uni Gießen

Die Volkswissenschaftler hatten nächtliche Ausgangssperren in Hessen während der zweiten Coronawelle untersucht, und zwar zwischen dem 18. November 2020 und dem 28. Februar 2021. Hessen hatte in seiner Corona-Bekämpfung festgelegt, dass hessische Kommunen mit einer Sieben-Tages-Inzidenz über 200 nach drei Tagen in Folge eine nächtliche Ausgangsbeschränkung erlassen mussten – das ereilte etwa den Landkreis Groß-Gerau. In dem Untersuchungszeitraum hatten in Hessen von 26 kommunalen Strukturen 15 eine nächtliche Ausgangssperre, deren durchschnittliche Dauer 28 Tage war.

Die Forscher verglichen nun Kommunen mit einer Ausgangssperre mit solchen, die keine hatten, und zwar vor allem in Hinblick auf die Entwicklung der Mobilität in den Nachtstunden sowie der Entwicklung der Sieben-Tages-Inzidenz. Ihr Ergebnis: Es machte praktisch gar keinen Unterschied, ob es eine Ausgangssperre zwischen 21.00 Uhr und 5.00 Uhr morgen gab oder nicht. So sanken etwa die Ansteckungsraten mit dem Coronavirus im Kreis Bergstraße, der eine Ausgangssperre erlassen hatte, genau zum gleichen Zeitpunkt im gleichen Ausmaß ab, wie in der Stadt Darmstadt ohne Ausgangssperre – und in beiden Gebieten stiegen die Inzidenzen zum gleichen Zeitpunkt auch wieder stark an – egal, ob Ausgangssperre oder nicht.

Die nächtliche Mobilität reduziert sich durch Ausgangssperren nicht, sagen Forscher der Uni Gießen. - Foto: gik
Die nächtliche Mobilität reduziert sich durch Ausgangssperren nicht, sagen Forscher der Uni Gießen. – Foto: gik

“Unsere Ergebnisse legen nahe, dass nächtliche Ausgangssperren keine effektive Maßnahme zur Eingrenzung der Virus-Übertragungen sind, wenn schon gleichzeitig andere Maßnahmen in Kraft sind”, bilanzieren die Forscher in ihrem Paper. Das dürfe wohl maßgeblich mit der Tatsache zusammenhängen, dass es während der Ausgangssperren auch “keine signifikante Verringerung der Mobilität” gegeben habe. Ob die Menschen ihre Mobilität einfach vorverlegt hätten, oder ob die nächtlichen Sperren nicht überprüft und eingefordert worden seien, das bleibe “eine offene Frage”, heißt es weiter. Auch falle in den Untersuchungszeitraum die Weihnachtszeit, in der nächtliche Ausgangssperren womöglich ohnehin weniger Effekt hätten, andererseits aber auch Silvester, wo das Gegenteil der Fall sei.

Die Gießener Forscher bezogen ihre Mobilitätsdaten vom Robert-Koch-Institut (RKI), hier kam eine Sonderauswertung eines anderen Zeitraums zum gleichen Ergebnis: Nächtliche Ausgangssperren hätten Einfluss auf die nächtliche Mobilität, hieß es auch hier. Bei einer Ausgangssperre fielen nämlich gar nicht 100 Prozent der Bewegungen im Zeitraum der Sperre weg, heißt es beim Mobilitätsmonitor des RKI. Tatsächlich erlauben Ausgangssperren ja auch Ausnahmen, vor allem für alle die, die nachts zur Arbeit müssen oder von ihr kommen. Zudem gebe es “vermutlich Ausweicheffekte, zum Beispiel dadurch, dass einzelne Trips auf den Zeitraum außerhalb der Ausgangssperre verlagert werden”, heißt es beim Covid-19-Mobility Projekt weiter.

Mobilität in Deutschland nach Tagesstunden. - Grafik: RKI
Mobilität in Deutschland nach Tagesstunden. – Grafik: RKI

Der Effekt einer nächtlichen Ausgangssperre sei aber vor allem auch deshalb schon gering, weil der Anteil von Mobilität in den Abend- und Nachtstunden ausgesprochen gering sei, so die Untersuchung des RKI weiter: 92,5 Prozent der Bewegungen fanden zwischen dem 1. und dem 21. März 2021 nämlich tagsüber statt – ganze 7,4 Prozent fielen in den Zeitraum zwischen 22.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens. Dehne man den Zeitraum auf 20.00 Uhr aus, steige die Mobilität auf gerade einmal 12,3 Prozent. Das RKI wertet für seinen Mobilitätsmonitor seit Beginn der Corona-Pandemie reale Bewegungsdaten in Deutschland anonym aus.

Eine Untersuchung der einzelnen Bundesländer habe dasselbe Ergebnis gebracht, heißt es beim RKI weiter: Die Tageskurve der Mobilität sei “in allen Ländern ähnlich”, der Anteil der nächtlichen Mobilität reiche von 6,4 Prozent in Bayern bis zu 8,6 Prozent in Niedersachsen. Für Hessen errechneten die Modellierer eine nächtlichen Mobilitätsanteil von 6,9 Prozent zwischen 22.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens, in Rheinland-Pfalz von 7 Prozent. Insgesamt habe der Lockdown Ende März die Mobilität im 7-Tages-Mittel um etwa 11 Prozent gesenkt, das war deutlich weniger als im ersten großen Lockdown im März 2020, als die Mobilität um bis zu 40 Prozent sank.

Reduzierung der Mobilität in Deutschland in Tagesstunden im Vergleich zwischen den Lockdowns 2020 und 2021. - Grafik: RKI
Reduzierung der Mobilität in Deutschland in Tagesstunden im Vergleich zwischen den Lockdowns 2020 und 2021. – Grafik: RKI

Auffallend auch: Die Mobilität im Lockdown 2020 reduzierte sich vor allem deutlich in den Tagesstunden zwischen 6.00 Uhr und 20.00 Uhr, es machte also einen relevanten Unterschied, ob die Menschen zur Arbeit fuhren oder nicht.  Im Lockdown 2020 hatte es im überwiegenden Großteil von Deutschland noch keine nächtlichen Ausgangssperren gegeben. Trotzdem zeigte der Vergleich der nächtlichen Mobilität zwischen 2020 und 2021 in den Nachtstunden zwischen 20.00 Uhr und 5.00 Uhr morgens kaum Unterschiede auf. Die Gießener Forscher betonten denn auch, in anderen Regionen könnten die Ergebnisse zu nächtlichen Ausgangssperren durchaus andere sein. Laut ihrer Untersuchung hätten die nächtlichen Sperren aber wohl erst einmal nichts zur Eindämmung der Virus-Pandemie beigetragen.

Info& auf Mainz&: Das ganze Paper “Measuring the effects of COVID-19-related night curfews: Empirical evidence from Germany” findet Ihr in seiner Vorab-Veröffentlichung hier im Internet zum Download – wir haben nur eine englische Version gefunden. Die Untersuchung des RKI zum Effekt nächtlicher Ausgangssperren und das Mobilitätsverhalten könnt Ihr hier im Internet lesen. Unseren Bericht über das Urteil des Mainzer Verwaltungsgerichts gegen die nächtliche Ausgangssperre in Mainz findet Ihr hier, einen Leitartikel, wieso die Mainzer Ausgangssperre mehr geschadet als genützt hat, findet Ihr hier.

 

Werbung

HINTERLASSEN SIE EINEN KOMMENTAR

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein