Wenn der Mainzer Stadtrat an diesem Mittwoch zur ersten Sitzung nach der Sommerpause zusammentritt, steht als erstes eine Dezernentenwahl auf der Tagesordnung – schon wieder. Zum dritten Mal in 1,5 Jahren tritt der Mainzer CDU-Chef jetzt zur Wahl als Mainzer Baudezernent an – dieses Mal als hauptamtlicher Dezernent, und in Kombination mit den Bereichen Wirtschaft und Liegenschaften. Doch Holle bekommt Gegenwind: Der Architekt Thomas A. Klann und Gerhard Wenderoth von den Freien Wählern wollen Holle das Feld nicht kampflos überlassen: Sie verbinden ihre Kandidaturen mit scharfer Kritik.

Die Kommunalwahl 2024 hatte die alten Mehrheiten im Mainzer Stadtrat durcheinander gewirbelt, mehr als zwei Jahre danach ist die im November 2024 gebildete Kenia-Koalition aus Grünen, CDU und SPD aber hauptsächlich noch immer damit beschäftigt, Dezernentenposten zu verteilen. Das ist in Teilen dem rheinland-pfälzischen Kommunalsystem geschuldet, bei dem Stadtratswahlen alle fünf Jahre stattfinden, die Amtszeit der Dezernenten im Stadtvorstand aber acht Jahre beträgt – ein gravierendes Missverhältnis, das im Gegensatz zum Nachbarland Hessen dazu führt, dass eine neue Wahl eben nicht automatisch neue Dezernenten mit sich bringt.
Stattdessen ist man in Mainz seit mehr als zwei Jahren jetzt damit beschäftigt darauf zu warten, dass alte Dezernenten ausscheiden und neue ihr Amt antreten können – das bedeutet Stillstand in der Stadtpolitik sowie das Problem, das ausscheidende oder amtierende Dezernenten noch schnell Entscheidungen treffen, solange die Neuen noch nicht im Amt sind. So wurde etwa die neue Mainzer Sozialdezernentin Jana Schmöller (SPD) Anfang Februar 2025 im Stadtrat gewählt, ihr Amt trat sie dann zum 1. Juli 2025 an – ihr Kollege Ata Delbasteh, der die Bereiche Schule und Kultur übernahm, kam aber erst im Frühjahr 2026, ebenso wie der neue grüne Finanzdezernent und Bürgermeister Daniel Köbler.
Dezernenten der CDU: mehrfache Jobwechsel und Neuwahlen
Besonders kurios entwickelte sich derweil die Bestellung der neuen Dezernenten der CDU: Deren Vertreter Karsten Lange wurde im Dezember 2024 erst einmal Dezernent für Fördermittelmanagement, um der CDU die Parität am Tisch im Stadtvorstand zu sichern, einen Posten, den Lange am liebsten gleich mal abgeschafft hätte. Zum 1. Oktober 2025 wurde Lange dann Dezernent für das Ordnungsamt und die Verkehrsüberwachung, beides weiter im Ehrenamt.

Im Juni 2026 hatte die Mainzer CDU nämlich erneut eine Postenrochade im Stadtvorstand verkündet, die vor allem den neuen ehrenamtlichen Baudezernenten Ludwig Holle (CDU) betraf. Der hatte noch ein Jahr zuvor vehement betont, ein Baudezernent – immerhin eine der zentralen Schaltstellen einer Stadt – im Ehrenamt sei doch kein Problem, kündigte nun an, er wolle dann doch hauptamtlicher Dezernent werden, das Historische Erbe an die CDU-Politikerin Claudia Siebner abgeben (im Ehrenamt) – und sich selbst noch das Wirtschaftsdezernat einverleiben.
Das wurde bislang von der CDU-Politikerin Manuela Matz geführt, die – obwohl sie jahrelang als einzige CDU-Vertreterin im Ampel-Stadtvorstand massivem Mobbing ausgesetzt war – in ihrer eigenen Partei der CDU misstrauisch beäugt wird und scharfer Kritik ausgesetzt ist, vor allem seit ihrer gescheiterten OB-Kandidatur 2023. Matz‘ Amtszeit läuft Anfang Dezember 2026 aus, die CDU-Freu soll offenbar unsanft vor die Tür gesetzt werden, derweil Holle nun Dezernent für Bauen, Wirtschaft und städtische Liegenschaften werden will.
Mainzer FDP: Baudezernat kann sich „kein Weiter-So leisten“
Dafür allerdings muss Holle nun erneut im Stadtrat gewählt werden – es ist seine dritte Wahl binnen knapp 1,5 Jahren. Das erste Mal wurde Holle im Mai 2025 im Mainzer Stadtrat gewählt, damals als ehrenamtlicher Dezernent für Bauen und kulturelles Erbe. Doch die Wahl war wegen eines Formfehlers ungültig, am 25. Juni 2025 musste sie wiederholt werden. Eine Jahr und drei Monate später steht Holle an diesem Mittwoch erneut zur Wahl, dieses Mal als Hauptamtlicher, und wirbt mit dem Slogan, in seiner Hand würden nun drei Themenbereiche zusammengeführt, die zusammen gehörten.

Doch dieses Mal bleibt die Kandidatur nicht ohne Gegenwehr: Die Stelle des hauptamtliche Dezernenten musste wegen der Veränderung des Geschäftsbereichs erneut ausgeschrieben werden, nach Mainz&-Informationen bewarben sich insgesamt sieben Kandidaten, davon sechs aus Mainz. Im Stadtrat vorstellen werden sich heute indes wohl nur drei der Kandidaten – das liegt daran, dass einem Kandidaten durch eine Stadtratsfraktion die Gelegenheit dazu gegeben werden muss.
Herausforderer Holles sind nun also der FDP-Politiker und Architekt Thomas A. Klann und der Bauingenieur Gerhard Wenderoth von den Freien Wählern. „Mainz braucht im Dezernat Bauen, Wirtschaft und Liegenschaften einen Neustart mit Fachkompetenz und Führung“, begründet die Mainzer FDP die Kandidatur ihres baupolitischen Sprechers. Mainz könne sich „kein Weiter-so“ leisten: „Der Sanierungsstau wächst, Verfahren dauern zu lange, Zuständigkeiten bleiben unklar, Vertrauen geht verloren und der Haushalt wird zusätzlich belastet“, kritisieren die Liberalen. Das Dezernat III brauche deshalb „eine politische Führung, die Probleme benennt, Prioritäten setzt und Ergebnisse einfordert.“
Der FDP-Kandidat: Thomas A. Klann, Architekt, Unternehmer
Klann ist Diplom-Ingenieur, Architekt und freiberuflicher Unternehmer, er kenne die Aufgaben des Dezernats aus beruflicher, politischer und unternehmerischer Praxis, betont er. Seit 2007 ist Klann als selbstständiger Architekt tätig und seit 2008 politisch aktiv, seit 2021 bringt er seine berufliche Erfahrung in die Mainzer Kommunalpolitik ein: Als bau- und verkehrspolitischer Sprecher der FDP sowie als Mitglied im Bau- und Sanierungsausschuss. Als einziger Architekt dort verfüge er „über eine besondere fachliche Perspektive auf die Herausforderungen der Mainzer Bau- und Liegenschaftspolitik“, wirbt die FDP.

„Mainz hat viel Substanz – baulich, wirtschaftlich und gesellschaftlich“, betont Klann selbst, „diese Substanz darf man nicht nur verwalten – man muss sie mit Klarheit, Tempo und Verantwortungsbewusstsein erhalten, stärken und weiterentwickeln.“ Es brauche im Baudezernat „weniger Zuständigkeitsdenken, mehr Verantwortung aus einer Hand und eine Verwaltung, die sich an Ergebnissen messen lässt.“ Klann kenne die konkreten Planungsprozesse, Vergabeverfahren und Bauprojekte aus eigener Erfahrung, „er weiß, wo es in Mainz hakt – und er bringt die fachliche und politische Erfahrung mit, um diese Probleme nicht länger nur zu verwalten, sondern zu lösen“, sagte FDP-Chefin Susanne Glahn.
Auch die Wirtschaft brauche klare Signale aus dem Stadtvorstand, dass man sie schätze, sagt Klann: „Wer Unternehmen halten und ihre Entwicklung ermöglichen will, muss ihnen bei Erweiterungsflächen, Umbauten, Genehmigungen und Standortfragen aktiv zur Seite stehen.“ Es brauche feste Ansprechpartner, klare Verfahrensziele und eine gemeinsame Standortstrategie für Gewerbeflächen, Baurecht, Genehmigungen, Verkehr und kommunale Liegenschaften. Und während der Bauzeit seien aktive Steuerung, regelmäßige Information und konsequentes Controlling erforderlich – „Baustellenmanagement ist Standort- und Wirtschaftspolitik“, unterstreicht Klann.
Der FW-Kandidat: Gerhard Wenderoth, Bauingenieur, Unternehmer
Auch der dritte Bewerber, der Unternehmer und Bauingenieur Gerhard Wenderoth, pocht auf seine langjährige Berufserfahrung: „Beruflich bringe ich mehr als 28 Jahre Führungs- und Managementerfahrung als Unternehmer, Geschäftsführer, Vorstand, Interim-Manager und Berater mit“, wirbt Wenderoth für seine Person. Als Diplom-Ingenieur der FH Darmstadt habe er nationale und internationale Unternehmen aufgebaut, Wachstumsstrategien entwickelt, Investitionen verantwortet, Akquisitionen begleitet und komplexe Veränderungsprozesse gesteuert.

„Dabei trug ich Verantwortung für Budgets im zweistelligen Millionenbereich, die Führung interdisziplinärer Teams sowie die Vorbereitung strategischer Entscheidungen für Vorstände, Aufsichtsräte und Investoren“, betonte Wenderoth zudem. Seine Berufs- und Führungserfahrung betreffe unter anderem die Telekommunikations-, Internet- und IT-Branche, damit verfüge er „über umfassende Kenntnisse entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Produktentwicklung und dem Produktmanagement über Projekt- und Programmsteuerung bis hin zu Vertrieb, Unternehmensentwicklung und Unternehmensführung.“
Die Herausforderungen des Dezernats für Bauen, Wirtschaft und Liegenschaften gehörten „zu den wichtigsten Zukunftsfragen der Landeshauptstadt Mainz“. Stadtentwicklung, Wohnungsbau, Gewerbeansiedlung, Flächenmanagement, Wirtschaftsförderung und die nachhaltige Nutzung kommunaler Ressourcen verlangten „langfristige Strategien, fachliche Kompetenz und konsequente Umsetzung“, dazu Führungskompetenz, Managementerfahrung und die Fähigkeit, unterschiedlichste Interessen zusammenzuführen – das könne er bieten.
„Dezernent muss Dienstleister für gesamte Stadtgesellschaft sein“
Ziele seien unter anderem, den Wohnungsbau durch effizientere Planungs- und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen, den Wirtschafts- und Innovationsstandort Mainz nachhaltig zu stärken und die Chancen von Förderprogrammen noch konsequenter zu nutzen. Mainz verfüge über hervorragende Voraussetzungen als Wissenschaftsstandort, als wirtschaftliches Zentrum der Region Rhein-Main und als lebenswerte Großstadt mit hoher Anziehungskraft. „Die kommenden Jahre werden entscheidend dafür sein, wie wir Wachstum, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, bezahlbaren Wohnraum und Lebensqualität miteinander verbinden“, betont Wenderoth, daran wolle er mitwirken.

„Mainz ist seit vielen Jahren Mittelpunkt meines beruflichen, gesellschaftlichen und kommunalpolitischen Engagements“, betont Wenderoth in seiner Bewerbung zudem. Er sei Mitglied des Ortsbeirates Mainz-Hechtsheim, des Beirates für Digitalisierung sowie des Werkausschusses der Gebäudewirtschaft Mainz, das habe sein Verständnis dafür geschärft, „wie wichtig transparente Entscheidungen, eine leistungsfähige Verwaltung und eine sachorientierte Zusammenarbeit für die erfolgreiche Entwicklung unserer Stadt sind.“
Ein Beigeordneter sei für ihn „kein Vertreter einzelner Interessen oder politischer Lager: Er ist Dienstleister für die gesamte Stadtgesellschaft“, unterstrich der Vorsitzende der Freien Wählergemeinschaft (FWG) weiter. Seine Aufgabe sei darin, Ratsbeschlüsse professionell umzusetzen, die Verwaltung leistungsfähig weiterzuentwickeln und die Interessen aller Mainzerinnen und Mainzer im Blick zu behalten – Wenderoth setzt auf „Sachorientierung, Transparenz, Verlässlichkeit und gegenseitigen Respekt.“
Freie Wähler: Kungelei statt Bestenauswahl in Mainz
Die Freien Wähler hatten bereits im Mai 2025 das Prozedere der Dezernentenwahl in Mainz scharf kritisiert: Das Beamtenrecht sehe „eine Bestenauslese vor“, die finde in Mainz aber überhaupt nicht statt, kritisiert Freie Wähler-Stadtrat Erwin Stufler damals im Gespräch mit der Internetzeitung Mainz& – stattdessen würden die Kandidaten in den Hinterzimmern der Parteien ausgekungelt. „Wo sind denn die Fachleute? Wo sind denn die Leute mit Visionen und Fachkenntnis, die schon mal ein paar Hundert Menschen gemanaged haben? Wieso suchen wir nicht die Besten für den Job?“, fragte Stufler damals.
Nun steht erneut eine Wahl an, der Gewählte wird den Posten auf acht Jahre inne haben – über Eignung und Qualifikation wurde im Vorfeld nicht diskutiert. Eine Chance werden die beiden Herausforderer aller Voraussicht nach dennoch nicht haben: In der Kenia-Koalition gilt ein Stillhalteabkommen, nach dem die Dezernenten der jeweils anderen Parteien mitgewählt werden. Doch Überraschungen sind nie ganz ausgeschlossen: Legendär ist die Dezernentenwahl im Dezember 2018, als der damalige Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte (FDP) völlig überraschend zwei Tage vor seiner Wiederwahl zurückzog – neue Wirtschaftsdezernentin wurde die CDU-Politikerin Manuela Matz.
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