In Mainz haben am Samstag rund Zehntausend Menschen friedlich und fröhlich den Christopher Street Day gefeiert: Durch die Mainzer Innenstadt zog ein Demonstrationszug, der in Mainz ohne große Festwagen auskam, kritisiert wurden auf Plakaten vor allem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), gewarnt wurde vor Bedrohung von Rechts. Derweil endete der Berliner CSD in einer Tragödie: Ein Wagen fuhr in die feiernde Menge. Gefahndet wird nach dem mutmaßlichem Täter Abdul D. – er kommt aus der islamistischen Szene.

Mainz im Zeichen der Regenbogenfahne, wie hier 2019 - das war auch am Samstag der Fall. - Foto: gik
Mainz im Zeichen der Regenbogenfahne, wie hier 2019 – das war auch am Samstag der Fall. – Foto: gik

Der Christopher Street Day (CSD) hat seinen Ursprung im Jahr 1969 in New York City, dort kam es nach einem Sturm der Polizei auf einen bekannten Treffpunkt von homosexuellen Menschen zu einem Aufstand gegen die Polizeiwillkür – daraus entwickelte sich der weltweite Gedenk- und Protesttag für die Rechte von Homosexuellen und Transsexuellen. In den 1970er Jahren schwappte die Bewegung auch nach Deutschland – den ersten Christopher Street Day in Mainz gab es aber erst 2014.

Hier organisierte der Verein „Schwuguntia“ schon seit 1993 die „Sommerschwüle“, ein Sommerfest für die schwul-lesbische Szene, die sich heute als LBGTQ+ identifiziert. 2014 riefen die Organisatoren erstmals eine queere Parade durch die Innenstadt ins Leben, der Schwerpunkt liegt in Mainz aber weniger auf einer großen Parade mit Festwagen und wummernden Beats – wie etwa in Köln oder Berlin -, sondern mehr auf einer politischen Demonstration.

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CSD in Mainz: Zeichen für Vielfalt und Protest gegen Rechts

Unter dem Motto „Vielfalt leben – Demokratie verteidigen – Menschenrechte sichern“ zogen am Samstag in Mainz rund 10.000 Menschen durch die Innenstadt und forderten friedlich und fröhlich gleiche Teilhabe auch für queere Menschen. Die Versammlung sei „ein wichtiges Zeichen für Vielfalt und den Einsatz für demokratische Werte sei – gerade in Zeiten zunehmender Anfeindungen“, hatte Oberbürgermeister Nino Haase (parteilos) zuvor am Donnerstag beim städtischen Empfang zum CSD unterstrichen.

Regenbogenfahne 2019 am Schillerplatz. - Foto: gik
Regenbogenfahne 2019 am Schillerplatz. – Foto: gik

„Mainz bleibt ein Ort der Vielfalt“, betonte Haase. Das diesjährige Motto CSD unterstreiche „die Notwendigkeit, laut und sichtbar für die Rechte und Sichtbarkeit queerer Menschen einzutreten.“ Es sei deshalb wichtig, „dass wir hier in Mainz gemeinsam an der Gleichstellung von LSBTIQ Personen arbeiten, in Mainz stehen wir klar und eindeutig hinter den Menschenrechten queerer Personen“, betonte er.

Tatsächlich klagt die Szene seit geraumer Zeit über vermehrte Anfeindungen, aus Sicht der queeren Community sitzt der Gegner vor alle rechts: Auf Plakaten wurde „Eintreten gegen Rechtsextremismus“ gefordert, sowie vor allem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und die AfD kritisiert. „Gerade das Erstärken von Faschist*innen, aber auch der Rechtsruck in einigen demokratischen Parteien darf uns nicht still sitzen lassen“, forderte etwa ein Vertreter der Organisation des CSD in Koblenz auf der Bühne in Mainz.

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Anschlag auf CSD in Berlin: Verdächtiger aus Islamistenszene

Zeitgleich fand auch in Berlin der CSD statt, einer der größten seiner Art in Europa, doch das friedliche Fest endete in der Katastrophe. Gegen 23.00 Uhr raste ein weißer Lieferwagen in die feiernde Menge im Berliner Tiergarten. Eine junge Frau wurde dabei getötet, mindestens 16 weitere Menschen wurden verletzt, wie der Nachrichtensender NTV berichtet – drei davon schweben noch in Lebensgefahr.

Mit diesem Foto und diesen Angaben fahndet die Berliner Polizei inzwischen nach dem Tatverdächtigen für den Anschlag auf den Berliner CSD. - Quelle: ntv, Screenshot: gik
Mit diesem Foto und diesen Angaben fahndet die Berliner Polizei inzwischen nach dem Tatverdächtigen für den Anschlag auf den Berliner CSD. – Quelle: ntv, Screenshot: gik

Doch der mutmaßliche Täter kam keineswegs aus der rechtsextremen Szene: Verdächtigt wird ein 21 Jahre alter Mann, der Polizei-bekannt sei, und zwar „als Angehöriger aus dem islamistischen Milieu“, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei noch in der Nacht. Der Mann soll bis Mai noch im Jugendarrest gesessen haben, er ist weiter flüchtig – inzwischen fahndet die Polizei mit öffentlichem Aufruf nach Abdul B. wegen Verdachts auf einen Anschlag. Ob er den weißen Kastenwagen wirklich gefahren hat, wird derzeit noch ermittelt, Augenzeugen berichteten zudem von Messerangriffen durch den Fahrer.

Nur Stunden zuvor hatte der schwule Publizist Ali Utlu einen Meinungsartikel in der Tageszeitung „Die Welt“ unter dem Titel „Ich kann die Doppelmoral beim CSD nicht mehr ertragen“ veröffentlicht – darin beschreibt Utlu ein radikal verändertes Lebensgefühl in der schwulen Szene in Köln. Seit 2015 sei der öffentliche Raum „für uns Homosexuelle zu einem Minenfeld geworden“, schreibt Utlu: „Es gibt inzwischen etliche No-Go-Zonen, in denen es schlicht lebensgefährlich sein kann, Händchen zu halten oder dem Partner auf der Straße Zuneigung zu zeigen.“

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Ali Utlu: No-Go-Zonen in Köln – durch arabische Muslime

Verursacher dieser neuen Angst seien aber keineswegs rechtsextreme Kreise – sondern arabische und afghanische Muslime, schreibt Utlu, der selbst Ex-Muslim ist und Mitglied im Zentralrat der Ex-Muslime ist. „Seit über zehn Jahren können wir in Köln nicht mehr wirklich frei leben“, schreibt Utlu weiter – das Schlimmste daran sei aber „das Redeverbot“ von linken Parteien: „Sobald man anspricht, dass die Täter im öffentlichen Raum fast immer einen muslimischen Hintergrund haben, schnappt die moralische Falle zu. Dann wird man von SPD, Grünen und Linken als rassistisch, rechts oder islamophob tituliert – dabei bin ich selbst ein Kind von Migranten, türkisch und schwul.“

Vertreter von Mainzer Grünen beim CSD in Mainz 2019. - Foto: gik
Vertreter von Mainzer Grünen beim CSD in Mainz 2019. – Foto: gik

Vor allem SPD, Grüne und die Linke „schmücken sich nur zu gerne mit uns“, kritisiert Utlu, kaum eine Wahlkampfkampagne, kaum ein Social-Media-Auftritt dieser Parteien komme ohne Regenbogenfarben aus. „Sie nutzen LGBT-Menschen als Deko für ihre vermeintliche Progressivität“, kritisiert er, das sei „eine völlig falsche Prioritätensetzung: „Um ihr multikulturelles Wunschbild nicht zu gefährden, opfern sie unsere Sicherheit. Uns wird die Solidarität entzogen, damit man nicht über die Schattenseiten der Migration reden muss.“

Die Paraden zum Christopher Street Day seien derweil „zu einer billigen Kulisse für Politiker verkommen, die sich dort auf progressive Weise reinwaschen“, für die Presse fotografieren ließen und einander „für die eigene Weltoffenheit auf die Schultern klopfen.“ Die Realität störe die zurechtgelegten politischen Narrative, schimpft Utlu, damit müsse Schluss sein: „Wir müssen die Probleme benennen dürfen, ohne Tabus und ohne Angst vor der sozialen Ächtung durch die politische Linke. Nur dann haben wir eine Chance, uns unsere Freiheit auf Kölns Straßen zurückzuholen.“

Nur Stunden danach folgte der Anschlag aus der islamistischen Szene auf den CSD in Berlin, Utlu zeigte sich auf dem Nachrichtendienst X tief betroffen: „Gestern habe ich auf die größte Gefahr für Homosexuelle in Deutschland hingewiesen: Muslime“, schrieb er: „Gestern fuhr ein Abdul in den CSD Berlin.“ Heute, fügte Utlu noch hinzu gebe es „bestimmt eine Demo gegen Rechts.“

Info& auf Mainz&: Der Artikel „Ich kann die Doppelmoral beim CSD nicht mehr ertragen“ findet sich auf Welt Online hinter einer Paywall, es kursiert aber im Netz eine frei verfügbare Variante, die wir ausnahmsweise wegen der hohen Aktualität des Themas hier mal verlinken. Und nein, die Autorin dieser Zeilen war am Samstag nicht bei dem CSD in Mainz – sie lag mit Durchfall im Bett. Deswegen gibt es auch keine aktuellen Bilder von uns zum CSD in Mainz – unsere Fotos stammen aus dem Jahr 2019.