Es war im November, als dramatische Vorfälle an der Karolina-Burger-Realschule in Ludwigshafen an die Öffentlichkeit kamen: Von Gewalt auf den Gängen der Schule und auf dem Hof, von systematischem Mobbing und dem Zusammenbruch des geregelten Unterrichts berichteten Lehrer der Schule gegenüber Medien. Pikant dabei: Man habe schon Dutzende von Brandbriefen an die zuständige Aufsichtsbehörde ADD in Trier geschrieben, geschehen sei – nichts. Die Politik reagierte aufgeschreckt und betont bis heute: Das sei nur ein Einzelfall, man halte strikt dagegen. Doch dem widerspricht nun eine Umfrage des SWR-Politikmagazins „zur Sache RP“.

„Gewalt ist Alltag“, ein geregelter Unterricht sei nicht möglich, die Schüler oft unvorbereitet und ohne Materialien da – und die Lehrer am Ende ihrer Kräfte. So schilderte es Ende November 2025 eine Lehrkraft aus der Karolina Burger-Realschule in Ludwigshefen dem SWR. Da war wenige Tage zuvor ein Brandbrief aus eben dieser Schule bekannt geworden, darin klagten die Lehrer, sie seien regelmäßig mit Gewaltandrohungen und Beleidigungen seitens der Schüler konfrontiert, es gebe massiven Vandalismus – es herrsche ein „Klima der Gewalt und Angst“.
Die Karolina-Burger-Realschule ist eine sogenannte „Brennpunkt-Schule“ mit hohem Migrationsanteil, Eine Integration der Kinder sei schwierig, müssten sie doch bis zu zwei Jahre mindestens 20 Stunden in der Woche in Extra-Deutsch-Klassen ihre Zeit verbringen, erklärten verschiedene Pädagogen aus dem Umfeld gleich mehrere Ludwigshafener Realschulen gegenüber dem SWR: Die Integration in die „normale“ Klasse für die verbleibenden Schulstunden gelinge daher schlecht. Die Klagen der Lehrer: Man habe viel zu wenig Lehrkräfte, überfüllte Klassen und zu wenig Schulsozialarbeit.
CDU: Schulsystem RLP „in tiefer Krise“, Land wiegelt ab
So kurz vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März war das Sprengstoff, die CDU-Opposition wirft der SPD-geführten Ampel-Regierung schon länger vor, Rheinland-Pfalz zum „Bildungs-Abstiegsland“ gemacht zu haben – unter anderem mit einer hohen Schulabbrecherquote ohne Abschluss. „Im Bildungsbereich hakt es an allen Ecken und Enden“, wettert etwa die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion und die Jenny Groß: „Das rheinland-pfälzische Schulsystem steckt in einer tiefen Krise. Die Landesregierung, allen voran Bildungsminister Sven Teuber (SPD), nimmt die Probleme auf die leichte Schulter – er verwaltet mehr, statt wirklich das Problem im Kern zu lösen.“

Tatsächlich eilte Teuber im November nach Bekanntwerden der Vorfälle in die Realschule nach Ludwigshafen – zum ersten Mal. Und musste bekennen: Von den Hilferufen seiner Schulen an die ADD habe er nichts gewusst, über Jahre hinweg seien Warnbriefe „nicht genug gewürdigt“ worden. Die Reaktion des Ministers. Lehrer in Brennpunktschulen sollten nun besser geschult werden im Umgang mit auffälligen Schülern.
Dabei war inzwischen bekannt geworden, wie groß das Ausmaß an der Ludwigshafener Realschule wirklich ist: 121 Anzeigen habe es in den vergangenen drei Jahren dort gegeben, berichtete die CDU im November, darunter „Beleidigungen, Bedrohungen, sexualisierte Anfeindungen, auch Beleidigungen gegenüber Juden, Gewalt, Messer, Böller.“ Lehrer, Eltern und Kinder fühlten sich „von der Landesregierung allein gelassen, die Hilferufe liegen seit Monaten auf Ihrem Tisch“, schimpfte CDU-Landeschef Gordon Schnieder im November-Plenum: „Das ist die bittere Wahrheit. Wir reden nicht über Einzelfälle. Wir reden über ein System, das Warnsignale über Jahre ignoriert hat.“
121 Anzeigen wegen Gewalt in Realschule plus in drei Jahren
Dass die Landesregierung auf diese Verhältnisse seit Jahren nicht reagiert habe, sei ein „Armutszeugnis“, schimpfte CDU-Generalsekretär Jo Steiniger: „Erst jetzt, wo die Presse berichtet, ist SPD-Bildungsminister Teuber nach Ludwigshafen gefahren. Ich kann mit Fug und Recht sagen: Ein CDU-Bildungsminister hätte solche Zustände schon längst zur Chefsache gemacht!“

Tatsächlich zeigten mögliche Gegenmaßnahmen keinerlei Wirkung: Am Mittwoch wurde bekannt, dass die Polizei in Ludwigshafen an drei Tagen hintereinander an die Realschule eilen musste, jedes Mal, weil Schüler dort Reizgas versprüht hatten. Am Dienstag litten demnach 25 Schüler unter Atemwegsreizungen, fünf mussten sogar ins Krankenhaus, am Montag klagten 12 Schüler und zwei Lehrer über Atemwegsreizungen, wie der SWR berichtet. Die Polizei nahm zwei minderjährige Jugendliche als potenzielle Tatverdächtige fest.
„Die Situation an der Karolina-Burger-Realschule wird immer dramatischer, es ist höchste Zeit, dass endlich für Ordnung gesorgt wird“, sagte dazu CDU-Spitzenkandidat Gordon Schnieder. Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) habe doch in seiner ersten Regierungserklärung im September 2024 „noch erzählt, die Bildung sei ihm eine besondere Herzensangelegenheit. Doch auf die Hilferufe von Lehrkräften, Eltern und Schülern hat er jahrelang nicht reagiert“, schimpfte Schnieder.
CDU: Gewalt-Taskforce für Schule – Ebling schickt Polizei an Schulen
Die CDU hatte bereits im November vorgeschlagen, eine Gewalt-Taskforce auf Landesebene zu bilden, die in solchen Fällen sofort für mehrere Woche an die Schulen geschickt werden könne. Die Taskforce solle aus einem Team aus Psychologen, Sicherheitskräften und speziell geschulten Lehrkräften bestehen. Der Staat dürfe nicht dulden, das Konflikte und Gewalt Alltag in Schulen würden, „Rheinland-Pfalz braucht wieder Schulen, die funktionieren, statt Messer, Bedrohungen und Reizgas müssen endlich wieder Mathe, Deutsch und Englisch auf dem Stundenplan stehen.“

Doch die Landesregierung versuchte weiterhin, das Problem in Ludwigshafen als Einzelfall darzustellen: Vergangene Woche hatte Innenminister Michael Ebling (SPD) angekündigt, auch Polizeibeamte auf Streife „befristet“ an Schulen schicken zu wollen. „Die Präsenz erfolgt anlasslos und dient dem Vertrauensaufbau, der Deeskalation sowie der Stärkung des subjektiven Sicherheitsgefühls von Lehrkräften sowie Schülern“, hieß es aus dem Innenministerium. Gemeinsam mit dem Bildungsministerium hieß es zudem, man wolle Präventionsansätze stärken und die Schulsozialarbeit ausbauen.
Ergänzend werde das Ministerium für Bildung beim Pädagogischen Landesinstitut (PL) eine landesweite „Vertrauensstelle bei Gewalterfahrungen und subjektiven Bedrohungslagen an Schulen“ einrichten ein. Sie werde unabhängig arbeiten und stehe Lehrkräften sowie pädagogischem Personal als zentrale Anlaufstelle zur Verfügung. „Gewalt hat in unserer Gesellschaft keinen Platz – und erst recht nicht an unseren Schulen“, betonte Ebling. Man nehme „einzelne Vorfälle“ sehr ernst, sie dürften „nicht dazu führen, dass sich Kinder, Jugendliche oder Lehrkräfte unsicher fühlen.“
SWR: Ein Viertel der Realschulen berichtet von steigender Gewalt
Aber sind es wirklich Einzelfälle? Das landespolitische Magazin des SWR, „zur Sache Rheinland-Pfalz“ berichtet in seiner heutigen Ausgabe von einer eigenen Umfrage unter 164 Realschulen plus im Land – und danach berichten 39 Prozent, dass Gewalt gegen Lehrer, Mitschüler und Sachen stark zugenommen hätten. 122 Realschulen plus beteiligten sich an der Umfrage, eine außergewöhnliche hohe Zahl. Das spricht dafür, dass das Thema in den Schulen drängt – und ein Viertel klagte auch, sie fühlten sich von der Schulaufsicht nicht ausreichend unterstützt. 24 Prozent stimmten dem teilweise zu. Ob auch Schulen in Mainz darunter sind, ist unklar.

Zur Abhilfe wünschten sich die Schulen laut SWR kleinere Klassen (90 Prozent), gefolgt von mehr Lehrern (knapp 82 Prozent), mehr Schulsozialarbeitern (rund 75 Prozent) und ein Handyverbot (59 Prozent). 16 Prozent forderten sogar Polizeipräsenz an ihrer Schule – ein Alarmsignal. Dabei sind die Erkenntnisse nicht einmal so neu: Die CDU hatte bereits im November das Internetportal „Sichere Schule“ ins Leben gerufen, auf dem Lehrer anonym ihre Erfahrungsberichte einreichen konnten.
Das Ergebnis: „Die Angaben zeichnen ein desolates Bild der Verrohung und Eskalation. Verbale oder körperliche Angriffe, Bedrohungen – ein Klima, in dem Lernen nahezu unmöglich geworden ist. Immer mehr Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler berichten von Angst, Respektlosigkeit und einem Klima, das mit dem, was Schule sein sollte, kaum noch etwas zu tun hat“, heißt es bei der CDU: „An vielen Schulen in Rheinland-Pfalz herrscht eine Stimmung der Unsicherheit.“
CDU: „An vielen Schulen herrscht Stimmung der Unsicherheit“
Lehrkräfte trauten sich nicht, offen über Probleme zu sprechen – aus Sorge vor Konsequenzen. „Die Belastung für Lehrkräfte ist durch übergriffige Eltern, kaum oder nicht beschulbare Schüler sowie mangelnden Rückhalt von Seiten der Schulbehörden kaum noch tragbar“, habe eine Person geschildert. Andere klagten, die Schule werde „zunehmend zum Abladeplatz für gesellschaftliche Probleme.“ Konflikte aus den Familien, psychische Belastungen, Perspektivlosigkeit, mangelnde Sozialisation – „all das landet täglich in unseren Klassenräumen. Und dort eskaliert es dann.“

„Was an vielen Realschulen im Land passiert, ist kein ’schwieriger Schulalltag‘ mehr – das ist ein sicherheitspolitischer Offenbarungseid der Landesregierung“, kritisierte Schnieder am Mittwoch in der Debatte des Mainzer Landtags. Das sei „das Ergebnis von 35 Jahren SPD-Regierung in diesem Land, von 35 Jahren Verharmlosen, von 35 Jahren falsche Prioritäten“, schimpfte er: „Wo sind wir eigentlich hingekommen, dass überhaupt über Polizei an Schulen gesprochen werden muss! Eine Schule darf doch kein Ort der Angst sein!“
Die CDU wolle deshalb am 22. März den Politikwechsel in Rheinland-Pfalz, – und für die Schulen schlage man ein ganzes Bündel von Maßnahmen vor: „Mit mehr Sprachförderung, kleineren Klassen an Brennpunktschulen, einer Task-Force, die im Notfall direkt eingreifen kann und einer Schulaufsicht, die unterstützt, statt zu beschwichtigen.“ Die Menschen in Rheinland-Pfalz erwarteten „nach 35 Jahren Verantwortung wirklich mehr als Erklärungen. Die Menschen erwarten ein Rheinland-Pfalz, das funktioniert – und genau das will auch ich“, fügte Schnieder hinzu.
Info& auf Mainz&: Die SWR-Landesnachrichten sowie das Magazin „zur Sache RP“ widmen sich am Donnerstagabend schwerpunktmäßig dem Thema Bildung, im Studio sind dann Bildungsminister Sven Teuber (SPD) sowie die bildungspolitische Sprecherin der CDU, Jenna Groß, zu Gast. Uhrzeit: 20.15 Ihr im SWR-Fernsehen.







