Schock am Freitag: Der Justizminister von Rheinland-Pfalz, Herbert Mertin ist tot. Der FDP-Politiker brach am Freitagmorgen auf einem Termin in Koblenz überraschend am Rednerpult zusammen und verstarb anschließend in einer Klinik. Das Entsetzen ist groß: Herbert Mertin galt als einer der letzten Grandseigneurs der Politik, ein Mann mit Stil, Charme, hohem Sachverstand und unverrückbarer freiheitlich-demokratischer Gesinnung. „Der unerwartete Tod von Justizminister Herbert Mertin hat mich tief getroffen und schockiert“, sagte Landtagspräsident Hendrik Hering stellvertretend für viel: Die Anteilnahme gelte der Familie und Weggefährten. Zahlreiche Politiker würdigten Mertin als unermüdlichen Kämpfer für Demokratie und Freiheitsrechte.

Der rheinland-pfälzische Justizminister Herbert Mertin (FDP) ist völlig überraschend am Freitag gestorben. - Foto: FDP RLP
Der rheinland-pfälzische Justizminister Herbert Mertin (FDP) ist völlig überraschend am Freitag gestorben. – Foto: FDP RLP

Herbert Mertin hatte einen ungewöhnlichen Lebensweg: Der Jurist wurde am 29. April 1958 als Sohn einer Ostpreußin und eines schlesischen Landwirts geboren. Bis zu seinem 13. Lebensjahr wuchs Mertin in Chile auf, 1971 zog die Familie nach Rheinland-Pfalz – den Putsch in Chile von 1973 gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende war ein Erlebnis, das den 15-Jährigen tief prägte. Bei gutem Rotwein aus Chile oder Rheinland-Pfalz konnte Mertin anschaulich erzählen, wie ihn dieses Erlebnis zum tief überzeugten Kämpfer für Demokratie und Freiheitsrechte machte. Der Mann, der immer ein wenig an Sam, den strengen US-Adler aus der Muppet Show erinnerte, rauchte gerne Zigarillos und diskutierte mit Humor und Leidenschaft bis tief in die Nacht über Politik.

Ab 1980 studierte Mertin in Mainz und Bonn Jura, er absolvierte sein Rechtsreferendariat am Oberlandesgericht Koblenz und ließ sich danach als Rechtsanwalt in Koblenz nieder. 1983 wurde er Mitglied der FDP, 1996 zog er erstmals als Abgeordneter in den Mainzer Landtag ein. Am 22. September 1999 wurde Mertin als Nachfolger des aus gesundheitlichen Gründen zurückgetretenen FDP-Politikers Peter Caesar Justizminister in Rheinland-Pfalz unter Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Caesar starb kurz danach, sein Nachfolger Mertin genoss hohes Ansehen im Justizapparat und erwarb sich diesen schnell auch in der Politik.

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Herbert Mertin: 15 Jahre Justizminister von Rheinland-Pfalz

Das wurde vor allem 2016 zu einem wichtigen Faktor: 2006 holte die SPD unter Beck bei der Landtagswahl die absolute Mehrheit, die FDP ging in die Opposition, und Mertin übernahm den Fraktionsvorsitz im Mainzer Landtag. 2011 scheiterte die FDP jedoch an der Fünf-Prozent-Hürde, zog allerdings 2016 wieder in den Landtag ein – und kehrte direkt in die Regierung zurück: In der neuen Ampelkoalition unter Malu Dreyer (SPD) wurde Mertin erneut Justizminister, und hatte die Aufgabe, nach zwei turbulenten SPD-Justizministern wieder für Frieden zu sorgen – was Mertin mühelos gelang.

Herbert Mertin 2023 im Interview mit dem Fernsehsender SWR. - Screenshot: gik
Herbert Mertin 2023 im Interview mit dem Fernsehsender SWR. – Screenshot: gik

Zu seinen größten Bewährungsproben gehörte etwa die Flucht eines Straftäters aus einem rheinland-pfälzischen Gefängnis an Weihnachten 2016, der Fall eines entlassenen Sexualstraftäters, der im September 2023 ein Mädchen in Edenkoben gewaltsam entführt, sowie die Flutkatastrophe im Ahrtal: Als die Staatsanwaltschaft Koblenz im Frühjahr 2024 eine Anklage gegen den früheren Landrat Jürgen Pföhler (CDU) ablehnte, geriet Mertin unter massiven Druck von Angehörigen, einzugreifen – Mertin lehnte ab. Die Angehörigen verklagten danach den Justizminister wegen Untätigkeit, über die Klage wurde bislang nicht entschieden. Mertin belasteten diese Vorgänge sehr.

Sein plötzlicher Tod erschüttert nun die politische Landschaft und langjährige Weggefährten: Mertin war am Freitagmorgen nach Mainz&-Informationen bei einer Ehrungsfeier in Koblenz am Rednerpult zusammengebrochen und anschließend in einem Krankenhaus verstorben. „Mit tiefer Trauer nehmen wir Abschied von Herbert Mertin“, teilte die FDP Rheinland-Pfalz am Nachmittag mit: „Rheinland-Pfalz verliert mit ihm einen herausragenden Politiker, einen leidenschaftlichen Juristen und einen unermüdlichen Kämpfer für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.“

Schweitzer: Kluger und integrer Politiker, angesehener Jurist

Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD) sowie Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) und Integrationsministerin Katharina Binz (Grüne) würdigten Mertin als „einen herausragenden Vertreter demokratischer Werte und eine prägende Persönlichkeit der rheinland-pfälzischen Politik.“ Mertin habe „die politische Landschaft mit Sachverstand, Leidenschaft und klaren liberalen Überzeugungen“ geprägt, sein Einsatz für den Rechtsstaat, für bürgerliche Freiheitsrechte und eine unabhängige Justiz seien vorbildlich gewesen und hätten das Land Rheinland-Pfalz nachhaltig geprägt.

Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD). Foto: Staatskanzlei RLP/ Kay
Ministerpräsident Alexander Schweitzer (SPD). Foto: Staatskanzlei RLP/ Kay

„Herbert Mertins tiefe Überzeugung für Demokratie und Liberalismus wurzelte in seiner eigenen Lebensgeschichte: Als junger Mann musste er sein Geburtsland Chile aus politischen Gründen verlassen. In Deutschland fand er eine neue Heimat und machte es sich zur Lebensaufgabe, für die Werte der Demokratie einzutreten“, sagte Schweitzer: „Herbert Mertin war eine feste Säule unserer Demokratie. Er war ein kluger und integrer Politiker, ein angesehener Jurist und vor allem ein Mensch, dem Gerechtigkeit ein Herzensanliegen war. Sein Verlust wiegt schwer – für unser Land und für alle, die ihn schätzten.“

Auch Wirtschaftsministerin Schmitt, Vizechefin der rheinland-pfälzischen FDP, erinnerte an Mertins Flucht aus Chile: „Herbert Mertin wusste aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, in einem Land ohne Demokratie und Rechtsstaat zu leben. Seine Flucht aus der Diktatur in Chile und die Erfahrung von Willkür und Unrecht haben ihn tief geprägt – und sie wurden zu seinem Antrieb, sich ein Leben lang mit ganzer Kraft für Freiheit, Gerechtigkeit und eine unabhängige Justiz einzusetzen.“ Mit ihm verliere Rheinland-Pfalz einen herausragenden Juristen und Politiker, und „einen leidenschaftlichen Verteidiger unseres Rechtsstaats und unserer Demokratie. Sein Engagement und seine Überzeugungskraft werden uns fehlen.“

Feiner Sinn für Humor, höchster Einsatz für Demokratie und Freiheit

Integrationsministerin Binz betonte, mit Mertin verliere das Land „einen leidenschaftlichen Demokraten im besten Sinne. Als Kollege, ob als Minister oder Abgeordneter, war jeder Austausch mit ihm eine Bereicherung. Mit seiner Erfahrung, seiner Leidenschaft für unsere Grundwerte, aber auch mit seinem feinen Sinn für Humor hinterließ er bei allen, die mit ihm arbeiteten, einen bleibenden Eindruck. Mit seinem Einsatz für unsere Demokratie und unsere Grundrechte war und bleibt er ein Vorbild. Politisch und menschlich ist sein Tod ein großer Verlust. Herbert Mertin wird uns fehlen.“

Schockiert vom plötzlichen Tod Mertins: Der FDP-Bundestagskandidat für Mainz, David Dietz. - Foto: FDP Mainz
Schockiert vom plötzlichen Tod Mertins: Der FDP-Bundestagskandidat für Mainz, David Dietz. – Foto: FDP Mainz

Besonders groß ist die Trauer in der FDP und bei vielen langjährigen Weggefährten Mertins. In der FDP erinnert man an Mertin als „einen außergewöhnlichen Menschen, der mit klarem Kompass, tiefem juristischen Sachverstand und großem Herzen für den Rechtsstaat gekämpft hat. Herbert Mertin war ein Demokrat aus Überzeugung, ein Justizminister mit Weitblick und ein verlässlicher Partner. Sein Einsatz für Freiheit, Gerechtigkeit und Bürgerrechte war beispielhaft – sein Verlust hinterlässt eine große Lücke in Rheinland-Pfalz.“ Mit Mertin verliere Rheinland-Pfalz einen großen Liberalen, einen exzellenten Juristen und einen aufrichtigen Demokraten.

„Wie so viele bin auch ich total geschockt und tieftraurig vom plötzlichen, überraschenden Ableben von Herbert Mertin“, sagte auch der FDP-Direktkandidat für die Bundestagswahl in Mainz, David Dietz. „Die Kombination aus Stil, Charme, Anstand und Politikfähigkeit, gepaart mit einem klarem freiheitlichen Kompass haben Herbert Mertin ausgezeichnet.“ Dietz hatte einst auch unter Herbert Mertin gearbeitet: „Ganz persönlich werde ich meinen ehemaligen Chef vermissen“, sagte Dietz gegenüber Mainz&.

Integrer Politiker, markante Persönlichkeit: Große Trauer um Mertin

Nahezu gleichlautend äußerten sich Vertreter auch der Fraktionen von SPD und Grünen, Mertin wurde weit über die Parteigrenzen hinaus als integrere Politiker geschätzt. Auch bei der CDU zeigte man sich entsetzt: „Der plötzliche Tod von Herbert Mertin trifft uns sehr““, sagte CDU-Landeschef Gordon Schnieder: „Rheinland-Pfalz verliert eine besondere und markante Persönlichkeit.“ Herbert Mertin sei ein Politiker „mit klaren Grundsätzen, hohem juristischen Sachverstand und einer eindrucksvollen Rhetorik“ gewesen. „Seine stets kenntnisreiche, sachliche und ausgleichende Art hat so manche Debatte im rheinland-pfälzischen Landtag bereichert“, betonte Schnieder: „Unser tiefes Mitgefühl gilt in diesen schweren Stunden seiner Familie, den Weggefährten und Freunden.“

Wer Herbert Mertin im Amt als Justizminister nachfolgt, ist bislang völlig unklar: Zu tief sitzen Trauer und Schock. Mit einer Nachfolgeregelung ist zudem nicht vor der Bundestagwahl am Sonntag zu rechnen. Mertin hinterlässt seine Frau und vier Söhne. „Sein Vermächtnis wird bleiben“, hieß es aus Reihen des FDP noch: „Als Mahnung, dass Freiheit und Recht keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern Werte, für die es sich immer zu kämpfen lohnt.

Persönlich& auf Mainz&: Auch wir bei Mainz& haben Herbert Mertin über viele Jahre gekannt, lange begleitet und sehr geschätzt. Unsere Gedanken sind bei den vielen Begegnungen, den zahllosen Pressekonferenzen, dem immer respektvollen Umgang – und den bereichernden Abenden bei Rotwein und Politikgesprächen.  Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen, Freunden und langjährigen Weggefährten: Herbert Mertin wird fehlen.