Vor genau zwei Wochen begannen die Behörden, das öffentliche Leben in Deutschland massiv einzuschränken: Zuerst wurden Veranstaltungen mit mehr als 1000 Personen abgesagt, dann Schulen und Kitas geschlossen, schließlich ein Kontaktverbot ausgesprochen. Zwei Wochen danach wächst die Ungeduld – und die Frage: Wann werden die Maßnahmen gelockert, wann enden Quarantäne und Shutdown des Landes? Die Debatte kommt indes viel zu früh: Die Kurve der Infektionen steigt weiter steil an, von Entspannung kann keine Rede sein, warnen Virologen – das Schlimmste könnte dem Land erst noch bevorstehen.

Deutschland machte dicht - seit dem 13. März 2020 wird das öffentliche Leben schrittweise lahmgelegt. - Foto: gik
Deutschland machte dicht – seit dem 13. März 2020 wird das öffentliche Leben schrittweise lahmgelegt. – Foto: gik

Der 13. März 2020 wird in die Geschichte eingehen, es war der Tag, an dem Deutschland eine beispiellose Stilllegung des öffentlichen Lebens verkündete: Großveranstaltungen wurden untersagt, Theater und Museen geschlossen, die Schließung der Schulen und Kitas ab dem 16. März angeordnet, Millionen von Arbeitnehmern ins Homeoffice geschickt. Drei Tage später schloss Deutschland auch seine Geschäfte und Bars, vier Tage später folgten auch die Restaurants. Am 22. März schließlich verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine bundesweite Kontaktsperre, Menschengruppen von mehr als zwei Personen sind seither verboten – Bayern und das Saarland verhängten sogar eine Ausgangssperre.

Die noch nie dagewesene Stilllegung des gesamten öffentlichen Lebens dient nur einem einzigen Ziel: Die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen. Das neue Virus breitet sich seit den Fastnachtstagen rasant in Deutschland aus, die von ihm ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 bedroht nicht nur eine Risikogruppe von über 60-Jährigen und Menschen mit Vorerkrankungen – inzwischen ist auch klar: Auch Jüngere können schwer erkranken und an Covid-19 sterben. „FlattentheCurve“ lautet deshalb die Devise: Die Geschwindigkeit der Ansteckungen soll möglichst gut gebremst werden, weil sonst eine Überforderung des Gesundheitssystems droht.

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28.000 Intensivbetten hatte Deutschland bisher bundesweit, die Angst ist groß, dass diese Zahl nicht reicht, wenn die Infektionswelle so richtig zuschlägt. Nach bisherigen Zahlen müssen sechs Prozent der Fälle im Krankenhaus und mit Beatmungsgeräten behandelt werden, das könnte rund drei Millionen Menschen betreffen – mehr dazu könnt Ihr hier in unserem Mainz&-FAQ zum Coronavirus nachlesen. Da es derzeit weder Medikamente noch Impfung gegen das Coronavirus gibt, gilt als der sicherste Schutz: Abstand halten, soziale Kontakte vermeiden, Risikogruppen schützen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht keinen Grund für eine Lockerung der Maßnahmen: Für Entspannung zu früh. - Foto: gik
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht keinen Grund für eine Lockerung der Maßnahmen: Für Entspannung zu früh. – Foto: gik

Inzwischen neigt sich die zweite Woche von Schulschließungen und Einschränkungen dem Ende zu – und prompt gab es die ersten Rufe nach Lockerung der Maßnahmen. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stellte nach dem digitalen EU-Gipfel klar: Die Debatte kommt viel zu früh. „Es ist noch nicht der Zeitpunkt, über Lockerungen zu sprechen. Wir sind noch gar nicht in dem Bereich zu sehen, ob die Maßnahmen wirken“, mahnte Merkel: „Ich muss die Menschen in Deutschland wirklich um Geduld bitten.“

Tatsächlich hat sich die Kurve der Coronavirus-Infektionen bisher in keinster Weise abgeflacht: Am Donnerstag überschritt die Zahl der Infektionen weltweit erstmals die 500.000er-Marke, in der Nacht zum, Freitag zählte die Johns Hopkins Universität mehr als 531.000 Infektionen und mehr als 24.000 Tote. Die USA überholten am Abend mit mehr als 85.600 Infektionen China, wo die Pandemie erstmals ausgebrochen war, Italien liegt mit rund 80.600 Infizierten nur noch knapp hinter den Chinesen, die offiziell auf 81.782 Infektionen kamen. In Italien und Spanien wütet die Pandemie inzwischen deutlich schlimmer als in China: Spanien (57.700 Infizierte) zählt inzwischen 4.365 Tote, Italien sogar traurige 8.215 an Covid-19 Verstorbene.

Zahl der Infektionen und Toten weltweit mit dem Coronavirus in der Nacht vom 26. auf den 27. März 2020. - Grafik: Johns Hopkins Universität, Screenshot: gik
Zahl der Infektionen und Toten weltweit mit dem Coronavirus in der Nacht vom 26. auf den 27. März 2020. – Grafik: Johns Hopkins Universität, Screenshot: gik

Auch in Deutschland steigt die Zahl der Infektionen weiter rasant an, von einem „Abflachen der Kurve“, wie sie das Robert-Koch-Institut noch am Montag auszumachen glaubte, ist weit und breit nichts in Sicht. Am 13. März, dem Start in den Shutdown, zählte Deutschland noch 3.156 Covid-19-Infektionen, am 15. März waren es 5.426, am 20. März bereits 19.711. Nur Stunden später sprang Deutschland über die 20.000er-Marke, vier Tage später waren es bereit mehr als 32.400. Von Mittwoch auf Donnerstag, den 26. März, verzeichnete Deutschland mit einem Plus von mehr als 6.600 Fällen den höchsten bisher gemessenen Anstieg an Infektionen an einem Tag.

Trotzdem hatte das Robert-Koch-Institut am Montag zunächst von einer möglichen Entspannung der Lage gesprochen, die Infektionskurve flache sich etwas ab – am Mittwoch musste RKI-Chef Lothar Wieler das zurücknehmen. Das Datenwirrwarr führte prompt zu den ersten Forderungen nach Lockerungen des strikten Kontaktverbots, doch das ist gefährlich: Die aktuellen Daten, warnen Wissenschaftler wie Harald Lesch, zeigen mitnichten den Stand der heutigen Infektionen – sondern hinken der Realität um mehrere Tage hinterher. Der Grund: Die Virentests brauchen wegen der hohen Belastung der Labore manchmal mehrere Tage, bis ihr Ergebnis feststeht, bis die Gesundheitsämter diese Zahlen auch erfasst haben und an die höheren Stellen weiter geben, kann es Tage dauern.

Ungebrochene Kurve: Anstieg der Infektionen mit Coronavirus in Deutschland nach Worldometer am 26.03.2020. - Screenshot: gik
Ungebrochene Kurve: Anstieg der Infektionen mit Coronavirus in Deutschland nach Worldometer am 26.03.2020. – Screenshot: gik

Dazu melden Gesundheitsämter aufgrund von Arbeitsüberlastung vielfach ihre registrierten Fälle nur schleppend an die Ministerien ihres Landes weiter, manchmal sogar gar nicht mehr, recherchierte der Spiegel gerade und sprach von einer „Meldelücke“ – auch in Rheinland-Pfalz kommt es so immer wieder zu völlig abweichenden Zahlen. Während ein Landkreis schon Tote meldet, gibt das Gesundheitsministerium noch Übersichten heraus, in denen eben diese Tote fehlen, die Zahlen des Landes wiederum weichen von denen des Robert-Koch-Instituts ab – eine seriöse Datengrundlage und damit eine sichere Einschätzung der Situation ist so kaum zu bekommen.

Auch über die Zahl, wie viel Intensivbetten in Rheinland-Pfalz oder etwa in Mainz belegt sind, gibt es keine Antworten. In Rheinland-Pfalz wurden vom Land am Donnerstag 1.873 Covid-19-Fälle und acht Todesfälle gemeldet, für Mainz stehen derzeit 115 Infektionen und kein Todesfall in der Liste. Gerätselt wird auch über die Frage: Warum hat Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern mit bislang 267 Fällen so wenig Tote durch Covid-19? Die Todesrate liegt bei uns bisher mit 0,4 Prozent weit hinter anderen Ländern wie Italien, Spanien oder auch Frankreich, macht Deutschland also etwas besser, wirken die Maßnahmen bereits?

Stiftet Verwirrung mit unsauberen Zahlen: RKI-Präsident Lothar Wieler. - Screenshot: gik
Stiftet Verwirrung mit unsauberen Zahlen: RKI-Präsident Lothar Wieler. – Screenshot: gik

Virologen und andere Wissenschaftler äußern sich bisher da nur sehr vorsichtig zu. Eine Erklärung lautet, dass in Deutschland bisher im Vergleich gerade zu Ländern wie Italien vergleichsweise wenig alte Menschen über 80 Jahren an Covid-19 erkrankt sind, viele Infizierte sind Skifahrer aus den Alpen – meist jüngere und fitte Menschen. Wo das Coronavirus in ein Altenheim eindringt, wie in Würzburg geschehen, gibt es schnell viele Tote, bislang was das aber in Deutschland nur selten der Fall. Virologen wie Christian Drosten mutmaßen zudem, Deutschland habe mit vielen Coronavirus-Tests frühzeitig Infektionsherde erkannt, in Ländern wie Italien müsse die wahre Zahl der Infizierten hingegen deutlich höher sein als bekannt – nur so sei die hohe Zahl der Toten zu erklären.

Die Aussage der flächendeckenden Tests widerspricht hingegen den Berichten vieler früher Verdachtsfälle, die gerade nicht getestet wurden, weil sie keinen Kontakt mit anderen Infizierten hatten – so lautete die Richtlinie des RKI. Nun kündigt die Politik an, die Kapazitäten in den Testlabors deutlich auszuweiten, auch das wirft die Frage auf, ob Deutschland bisher tatsächlich „Testweltmeister“ ist, wie Politik und Virologen gern behaupten.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): Aktuelle Lage der Coronakrise ist erst die "Ruhe vor dem Sturm." - Screenshot: gik
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): Aktuelle Lage der Coronakrise ist erst die „Ruhe vor dem Sturm.“ – Screenshot: gik

Experten sind sich in jedem Fall sicher: Die aktuellen Infektionszahlen hinken mindestens eine Woche der tatsächlichen Entwicklung hinterher. Damit würden die Infektionszahlen vom 26. März also frühestens den Stand der Infektionen vom 20. März wiedergeben – zwei Tage bevor das Kontaktverbot verhängt wurde und zu einem Zeitpunkt, da die Restaurants gerade erst geschlossen wurden. Da die Inkubationszeit bei dem Coronavirus aber bis zu 14 Tage dauern kann, schlussfolgern die Wissenschaftler: Die größte Welle an Infektionen steht uns erst noch bevor – und damit womöglich auch eine Entwicklung hin zu deutlich mehr Toten als jetzt

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach am Donnerstag nicht ohne Grund von der „Ruhe vor dem Sturm“: „Keiner kann genau sagen, was in den nächsten Wochen  kommt“, mahnte Spahn, es komme weiter darauf an, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. „Es wird noch dauern, bis sich die Zahlen nennenswert verändern“, betonte auch Physiker und Wissenschaftsjournalist Harald Lesch am Donnerstagabend im ZDF spezial, er rechne mit einem Zeitraum von 14 Tagen. Und auch Lesch konnte keine Hoffnung auf schnelle Entwarnung geben: „Ich rechne damit, dass die Maßnahmen bis weit in den Mai hineingehen werden, bis wir sicher sein können, dass wir die Ansteckung wirklich gestoppt haben“, sagte Lesch: „Was wir hier haben, ist eine globale Katastrophe.“

Info& auf Mainz&: Die sehr guten Spezialsendungen des ZDF zur Coronakrise findet Ihr hier unter diesem Link im Internet, eine ganze Sendung von Wissenschaftsjournalist Harald Lesch zur Frage: „Was weiß die Wissenschaft über das Coronavirus“ könnt Ihr hier nachsehen – es lohnt sich. Für diese Analyse haben wir dort recherchiert, dazu beim Robert-Koch-Institut, bei den Aussagen des Virologen Christian Drosten sowie beim Bundesgesundheitsministerium. Ein umfangreiches Dossier über das Coronavirus mit allen Entwicklungen findet Ihr hier auf Mainz& – bitte vergesst nicht, Euch durch die Seiten zu blättern, den Button dazu findet Ihr am Ende der Seite. Eine Zusammenfassung über die Krankheit hier in unserem Mainz&-FAQ. Die solidesten und seriösesten Zahlen über den Stand der Infektionen mit dem Coronavirus findet sich auf der interaktiven Datenkarte der Johns Hopkins Universität genau hier im Netz.

2 KOMMENTARE

  1. Liebe Frau Kirschstein,
    es ist toll, wie gut Sie stets über alles wichtige in Mainz berichten. Gerade in Zeiten, wo immer mehr andere Nachrichtenquellen hinter Paywalls verschwinden, ist es toll, wenn man sich hier kompetent informieren kann. Besonders gefällt mir, dass Sie ihre Quellen angeben und meistens sogar verlinken. So muss digitaler Journalismus aussehen. Bitte bleiben Sie vor allem an der Zahl der Intensiv-Betten und Beatmungsgeräte dran – das ist in den nächsten Wochen die wirklich entscheidende Frage – und bisher wird aus diesen Zahlen und deren Belegung ein Staatsgeheimnis gemacht. Ist die Wahrheit der Öffentlichkeit nicht zuzumuten? Warum werden die Zahlen nicht offengelegt?
    Noch eine kleine Bemerkung: „flatten the curve“ bezieht sich bei einer Epidemie nicht auf einen Rückgang der absoluten Zahlen. Da es sich um einen exponentiellen Vorgang handelt, ist das (fast) gar nicht möglich. Es wird immer steil weiter nach oben gehen. Trotzdem macht es einen riesen Unterschied, WIE steil. Das erkennt man in der logarithmischen Darstellung – oder, wenn einem das lieber ist, an der Zahl der neu Infizierten relativ zu (geteilt durch) die Zahl der aktuell schon Infizierten, also wie viel Prozent kommt dazu. Vor einer Woche waren wir da im Bereich von ca. rate=30% pro Tag. Das entspricht einer Verzehnfachung alle 10 Tage – Formel ist: ln(10)/ln(1+rate). Jetzt sind wir schon bei einer Verzehnfachung alle 20 Tage und ich denke, das wird weiter fallen auf alle 30 Tage bis Ostern. Da ja auch immer wieder welche gesund werden, ist eine Verzehnfachung alle 30 Tage unkritisch – dann sind die ersten immer schon wieder gesund, wenn die nächsten kommen. Aber alle 10 Tage ist eine Katastrophe, da sich die Patienten dann innerhalb weniger Wochen in den Krankenhäusern stapeln werden. Also: „flatten the curve“ bedeutet: die Ansteckungsrate senken. Diese Rate sieht man in der logarithmischen Darstellung als Steigung der Kurve (eine exponentielle Funktion wird eine Gerade in einer logarithmischen Skala, d.h. der exponentielle Faktor wird dann die Steigung). Bitte konzentrieren Sie sich daher vor allem auf die Rate der Neu-Infizierten relativ zu den bisher Infizierten (also in %) ODER (das ist das selbe) die Steigung im logarithmischen Graphen.
    Viele herzliche Grüße
    KT

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