Wenn die Fastnacht in der Narrenhochburg Mainz tobt, dringt sie auch in die entferntesten Winkel: Selbst aus dem Hörsaal schallt dann „Helau!“ und Gelächter, wird die Fastnacht ins Lot geschunkelt und das Weltgeschehen närrisch seziert. Zu ihrer 12. Auflage hatte die „Närrische Nachtvorlesung“ der Unsichtbaren Römergarde geladen, und rund 150 Zuschauer lauschten und feierten begeistert mit. „Ich sehe unser Team UM schon beim ESC“, schwärmte der Chef der Unimedizin, Ralf Kiesslich – und sogar ein Minister stieg in die Bütt.

Schunkeln mit Minister: Wissenschaftsminister Clemens Hoch (SPD, 2. von rechts) kam zur Nachtvorlesung, schunkelte - und stieg in die Bütt. - Foto: gik
Schunkeln mit Minister: Wissenschaftsminister Clemens Hoch (SPD, 2. von rechts) kam zur Nachtvorlesung, schunkelte – und stieg in die Bütt. – Foto: gik

Lachen ist ja bekanntlich die beste Medizin, und so muss die Fastnacht eben auch dorthin, wo sie gebraucht wird: 2025 kehrte die „Närrische Nachtvorlesung“ in die Mainzer Universitätsmedizin zurück, und so tummelte sich auch in diesem Jahr ein bunt kostümiertes Völkchen auf den steilen Rängen des Chirurgen-Hörsaals. „Eine Nachtvorlesung wie keine“, schwärmte da der Narr in der Bütt: „Niemand schreibt mit, kein Stift, kein Papier, man muss sich für nichts genieren. Man tauscht den Kittel gegen die Kapp, lässt den Alltag mal liegen und lacht sich schlapp.“

Der Narr, der da so frei von der Leber weg reimte, war niemand anderes als Clemens Hoch, seines Zeichens SPD-Wissenschaftsminister von Rheinland-Pfalz, und damit oberster Chef der Mainzer Unimedizin. In Wahlkampfzeiten werden auf einmal auch Minister zu Büttenrednern, doch Hoch hatte nicht nur geschliffene Verse mitgebracht, sondern auch eine Portion Selbstironie: Vielleicht solle sich sein Ministerium mal ein Beispiel an der Narretei nehmen, bekannt Hoch: „Erst Schunkeln im Kreis, Beschlüsse erst fassen, nach zwei, drei Schöppscher in meinem Bau – der Tag läuft viel besser mit dreifach Helau!“

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Kiesslich bricht Narren-Lanze für UM-Neubau auf grüner Wiese

„Ich bin quasi die Vorgruppe für Clemens Hoch“, eröffnete zuvor der Mann den Reigen der Narrenredner, der für den Minister das operative Geschäft stemmen muss: Ralf Kiesslich, Vorstandschef der Mainzer Unimedizin, stand bereits zum zweiten Mal in der Narrenbütt, und genoss das sichtlich. Und wie es sich für einen Narren gehört, sprach der Chef auch Klartext: „Der Neustart kostet viel Kraft“, räumte Kiesslich ein, „wir kämpfen auch mit Zerfall, da will ich euch nicht belügen: Unser Parkhaus an der 910 liegt in den letzten Zügen.“

Stand in der Bütt, reimte - und brach eine Lanze für einen Neubau der Mainzer Unimedizin: Vorstandschef Ralf Kiesslich. - Foto: gik
Stand in der Bütt, reimte – und brach eine Lanze für einen Neubau der Mainzer Unimedizin: Vorstandschef Ralf Kiesslich. – Foto: gik

Wie gut, dass es da die Fastnacht gibt, da singt man schnell ein „heile, heile Gänsche, es wird bald wieder gut“ – und in 100 Jahren ist dann sowieso alles weg. Doch apropos Verfall: Kiesslich nutzte die Gelegenheit der Narrenrede, der Politik ein paar Takte in Sachen neues Zentralklinikum ins Stammbuch zu schreiben. „Ein Neubau für das Team UM, passt perfekt neben das Stadion“, plädierte Kiesslich, und warnte: „Ein Neubau am Standort wäre riskant – fängst du an zu graben, findest du bestimmt einen Römerwall.“

„Ein Neubau auf der grünen Wiese, bringt die Stadt in die Krise“, analysierte Kiesslich weiter – tatsächlich hatte die überraschende Kehrtwende in Sachen Zentralklinikums-Neubau und die Forderungen nach Flächen dazu die Stadtpolitik völlig überrascht und heftige Debatten ausgelöst. Er hoffe ja, dass nach der Wahl Entscheidungen wieder schneller fallen könnten, stichelte Kiesslich, und mahnte: „Doch sollten wir den Streit schneller beheben – damit wir das Klinikum auch noch erleben.“

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Schon wieder kein Wein bei der Nachtvorlesung – dafür Diebe im OP

„Oh, wie ist das schön“, singt da das närrische Auditorium, und feiert ausgelassen mit Nadine Meurer: „Ich bin en Meedsche hier vom Rhoi, stolz, en Meenzerin zu soi“, singt die „Wirtin“, und lädt auch gleich ein, „auf einen Wein, bei mir daheim, am schönen Rhein“. Ja, wenn’s den denn doch nur gäbe! Doch Meurers musikalischem Appell, „füllt Eure Gläser auf und trinkt noch einen“ kann man nicht folgen: Erneut gibt’s am Versorgungswagen lediglich Bier.

Die Altrheinstromer begeisterten auch das Auditorium bei der Närrischen Nachtvorlesung. - Foto: gik
Die Altrheinstromer begeisterten auch das Auditorium bei der Närrischen Nachtvorlesung. – Foto: gik

„So en Käs“, singen die Altrheinstromer, die gleichwohl gut gelaunt einmarschieren. Denn vom Würschtchenwagen ist die Kasse weg, vom OP fehlt ein C – die Panzerknacker sind da! „Ohne dich brech‘ ich heut Nacht nicht ein“, singen die, und versuchen gleich noch, im Fastnachtsmuseum die Brille von Rolf Braun zu stehlen: „Tausend mal probiert, doch sie ging nicht durch die Tür…“

Das wäre auch ein schönes Motto für die „Tramps aus der Palz“, denn die sind so ausgebrannt vom Nix-Schaffe, dass sie erst einmal auf Weltreise gehen – und auf dem Kreuzfahrtschiff im Orkan landen und den Hahn in Tirol auf 11.11 Uhr stellen müssen. „Ja, wir leben in einer wahrhaft turbulenten Zeit“, seufzt da Gerd Emrich, und schmettert sogar auf Italienisch ein „Volare!“ in den Saal.

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Harte Aufnahmeprüfung mit Gerd Emrich: Vergiftet ist der Apfel

Dabei hat der Redner eine harte Aufnahmeprüfung hinter sich, bevor er in der Bütt zugelassen wurde. Die reicht vom närrische Glaubensbekenntnis über die politische Wutrede, das bringt das Publikum an den Rand seiner Lachkapazitäten. „Wer Weck Worscht Woi nicht köstlich find‘, Ist auf der Zunge farbenblind“, konstatiert Emrich, und gibt allen Veganern noch die Warnung mit: „In den Märchen ist immer der Apfel vergiftet – aber nie das Schnitzel.“

"Apfelmann" Kevin Raupach verteilt Spitzen gegen die Politik, und ist am besten, wenn er singt. - Foto: gik
„Apfelmann“ Kevin Raupach verteilt Spitzen gegen die Politik, und ist am besten, wenn er singt. – Foto: gik

Apropos Äpfel: Kevin Raupach hat als Apfelmann ein Freundschaftsbuch für Friedrich und Lars dabei, und seufzt in Richtung Berlin: „Vertragt Euch doch mal, Ihr Dolle: Ihr macht Politik für ALLE Menschen der Bundesrepublik!“ Sein Streifzug durch die Politik-Welt reicht bis nach Grönland und endet doch, wie könnt’s anders sein, in Mainz: „Mainz, du mein ganzes Herz, Wo man lacht und wo man scherzt“, singt Raupach, und wird begeistert vom Saal gefeiert.

Der Altmeister der Politik-Rede aber ist natürlich Bernhard Knab. „Was er denkt, das er auch spricht“, führt ihn die bestens aufgelegte Sitzungspräsidentin Kathrin Dohle ein: „Schwenkt ohne scheu die Fastnachtssichel – die Rede ist vom Deutschen Michel.“ Und als solcher spricht Knab Klartext, bietet „Putin, dem Verbrecher“ die Stirn, der jetzt auch schon die Fastnachtsfreiheit angreift – ein Gruß ins karnevalistische Düsseldorf zu Wagenbauer Jacques Tilly. „Wir stehen fest, wir zeigen Mut, der Drecksack kriegt uns net kaputt“, ruft Knab in den Saal und gen Moskau.

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Grandiose Polit-Spitzen mit „Deutschem Michel“ und „Advokat“

Sein grandioser politischer Rundumschlag endet standesgemäß mit dem Michel-Rap samt blinkender Brille, da kann nur noch einer mithalten: „Make Fassenacht now great again!“ ruft Rüdiger Schlesinger in den Saal, und wirft sich als „Advokat des Volkes“ mitten ins politische Getümmel, geißelt Bildungsnotstand und „Bullshit-Bärbel“ und vergisst beim närrischen Rundumschlag nicht Rechts, nicht Links. Besonders hart geht der Advokat mit dem Kanzler ins Gericht: „Der Friederich, der Friederich, der ist ein arger Wüterich“, dichtet Schlesinger, „manchmal ist er ungeschickt, wenn ihm was auf der Seele drückt“ – und sieht schon die Pinocchio-Nase aus des Merzens Gesicht wachsen.

Furiose Polit-Analyse samt Enkel-Rap: Rüdiger Schlesinger als "Advokat des Volkes". - Foto: gik
Furiose Polit-Analyse samt Enkel-Rap: Rüdiger Schlesinger als „Advokat des Volkes“. – Foto: gik

Auch den Enkel-Rap lässt Schlesinger noch mal einfließen, und schließt am Ende mit einer grandiosen gesungenen Meenzer Park-Odyssee. „In Meenz das Parken wird verteuert, man kommt sich vor wie unter Geiern, die Stadt will unser letzte Geld“, stöhnt der Narr, und hat auch gleich die Lösung parat: „Bei der Gebühr kommt‘s auf die Länge an – wir fahr’n schon lange einen Smart.“

Das ruft die „Fastnachtspolizei“ auf den Plan: „Ich habe das Gesamtkonzept für Verkehr entwickelt“, berichtete Christian Vahl: „Das bisherige war von Anfang an falsch: Stau und Blitzer macht keinen Sinn – entweder Stau oder Blitzer, man muss sich entscheiden können.“ Die Lösung des Problems: Der Zugang nach Mainz wird künftig nach Berufsgruppen geregelt, also kommen die Fischer über Hechtsheim und die Jäger über Ebersheim, die Vogelzüchter müssen über den Lerchenberg und Philosophen und Akademiker über Weisenau… „Das Ende ist nah, und das ist erst der Anfang“, bilanziert die der FaPo.

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Hildes Hommage an Mainz und Ballett vor der Tafel

Ganz Ende ist natürlich noch nicht: Erst müsse die „Alternativen Bänkelsänger“ noch den Rosenmontagszug retten, denn der MCV hat Bäcker, Metzger und Winzer daraus verbannt – also Weck, Worscht und Woi. „Das wär doch echt schad“, finden die Alternativen Bänkelsänger und schlagen vor: „Die Zugente kommt in der Mitte, Dann wär doch der Zug schon halbiert!“ Aufs Korn nehmen Wolfgang Heitz und Claus Eckert aber auch die MCV-Präsidentenwahl – und das Zugplakettche: „Dies Jahr ists schon wieder ein Graus“, reimen die beiden: „Jetzt sind sie aus Mainz, nicht aus China, doch sehen erneut Scheiße aus!“

Großer Gänsehaut-Moment: Hildegard Bachmann und ihr Mainz-Herzensgedicht. - Foto: gik
Großer Gänsehaut-Moment: Hildegard Bachmann und ihr Mainz-Herzensgedicht. – Foto: gik

Das trifft nun gar nicht auf die Damen von der Meenzer Kleppergarde zu: Die acht Damen schwingen zwischen Tafel und Vortragspult höchst gekonnt ihre Beine und zaubern erstmals überhaupt ein Ballett in den Hörsaal. Wie passend, dass der Sing dazu heißt: „Komm, wir gehen nie wieder, Sie spiel’n schon wieder unsre Lieblingslieder!“

Aber Moment, das hier ist doch ein Hörsaal und eine Nachtvorlesung, da muss doch vorgelesen werden?!? Gesagt, getan: Zur Lesung bittet keine Geringere als Hildegard Bachmann, und die hat herrliche Mundart-Weisheiten aus ihren Büchern im Gepäck. „Sind sie’s werklich?“,w ird die Grande Dame der Meenzer Fastnacht gerne mal gefragt, und versichert dann: „Meistens bin ich’s selbst.“ Gott sei Dank, denn so wird den Meenzern endlich mal „Der zerbrochene Krug“ erklärt, oder „Othello“ – wir sagen nur so viel: Desdemona ist lachend gestorben – das Publikum auch.

Und ganz am Ende erfüllt dann noch das leise Gedicht von der Herzensstadt Mainz den Saal und die Herzen: „Durch alte Gässche weht ein Wind, der so en Leichtigkeit mit bringt. In dunklen Ecken kichert’s leise, auf so ne ganz besond’re Weise. Und wenn’s Konfetti vom Himmel schneit, dann machen sich alle Narren bereit, und schunkeln die Sterne in dunkler Nacht mit’m Mond – dann ist endlich Fassenacht.“ Nein, mehr Mainz geht einfach nicht – ein Video mit dem ganzen Gedicht könnt Ihr hier auf unserer Mainz&-Facebookseite ansehen.

Info& auf Mainz&: Natürlich hat bei der Närrischen Nachtvorlesung doch jemand mitgeschrieben – Mainz& nämlich. Weswegen Ihr jetzt diesen Text lesen konntet 😉 Fotogalerie folgt!