Es war ein kleines Erdbeben in der Mainzer Fastnachtsszene, als die Allerscheenste 2025 verkündeten, man plane vorerst keine neuen Fastnachtssitzungen mehr – für viele Liebhaber der alteingesessenen Fastnachtslandschaft war das ein Schock. Der Närrische Stammtisch mit dem Clown als Markenzeichen steht für urtümliche Meenzer Narretei im Dialekt, die Sitzungen waren hochgradig begehrt. Nun gibt es gute Nachrichten: Der Verein hat einen neuen Vorsitzenden – und 2027 soll es auch wieder Sitzungen geben.

1986 gründeten ein paar alteingesessene Meenzer einen Närrischen Stammtisch. Man kürte den Clown zum Symbol der Runde und nannte sich selbstironisch „Allerscheenste“, die „Allerschönsten“ also, ganz im Sinne der Mainzer Fastnacht, die anderen einen Spiegel vorhält und menschlich-allzumenschliche Eitelkeiten persifliert. Schnell gab es auch Vorträge und Sitzungen, die vor allem der freien Rede des Narren huldigte, aber auch Lokalkolorit und Meenzer Eigenheiten aufs Korn nahm, das Ganze natürlich in einer Wirtschaft – die Kneipenfastnacht ist die Urform der Meenzer Fastnacht.
Nach dem Motto „Gott Jokus ist unser Boss, der Augustinerkeller unser Schloss“ wurden jedes Jahr einige Stammtisch-Sitzungen im urigen Keller in der Augustinerstraße gefeiert. Die Redner bekommen grundsätzlich kein Geld, ein Auftritt hier kommt einem Ritterschlag der Ur-Fastnachter gleich. Seit 1996 kürten die Allerscheenste zudem in jedem Jahr den „Aller-Allerscheenste“, einen herausragenden Akteur in der Mainzer Fastnacht. Die Liste der Preisträger liest sich wie das Who is Who der Meenezr Fastnacht: Von Margit Sponheimer bis Herbert Bonewitz, von Helmut Schlösser über René Pschierer bis hin zu Johannes Bersch 2025.
Keine Sitzungen der Allerscheenste 2026 – 2027 geht es weiter
Im vergangenen Jahr dann die Hiobsbotschaft: Ausgerechnet in ihrem 40. Jahr des Bestehens werde es keine Sitzung mehr der „Allerscheenste“ geben – die Zukunft: ungewiss. „Wir haben nicht genügend Nachwuchs“, bekannte die Mutter Oberin Karin Junker, das Durchschnittsalter im Verein liege mittlerweile jenseits der 70 Jahre, neue und jüngere Mitglieder zu werben, nicht so einfach. Trotz mehreren Bemühungen habe man in den vergangenen zwei Jahren nur ein neues aktives Mitglied werben können, der auch aktiv in die Bütt steigt und erst knapp über 50 ist.

Nun gibt es gute neue Nachrichten: „Wir sind sehr hoffnungsvoll, dass wir in der Kampagne 2027 wieder Sitzungen in unserem ehrwürdigen Augustinerkeller abhalten werden“, kündigte Holger Bartz nun gegenüber der Internetzeitung Mainz& an. Bartz ist neuer Vorsitzender der Allerscheenste, seine Vorgängerin Karin Junker war nach 14 Jahren im Amt nicht mehr angetreten. Junker habe dem Verein vor 14 Jahren neuen Schwung verliehen, und mit ihrer familiären Art auch wieder für mehr Zusammenhalt gesorgt, sagte Jochen Behrendt, Schriftführer der Allerscheenste.
„Dank ihres großen Organisationstalents hat sie die Sitzungen im Augustinerkeller geformt“, sagte Behrendt weiter – wenn Junker rief, kamen die Redner in Scharen. Junker habe zudem die Aller-Allerscheenste wieder fester an den Verein gebunden, dazu hielt die gebürtige Meenzerin aus der Gaugasse selbst Vorträge, gestaltete das Eröffnugnsspiel und brachte immer wieder alte Meenzer Lieder aus der Fastnacht in den Sitzungen zu Gehör.
Bartz neuer Vorsitzender: Allerscheenste wollen sich verjüngen
Holger Bartz ist seit 2019 Mitglied der Allerscheenste, seine Frau Jutta ist im Verein für die „Maske“ zuständig ist, der Sohn hilft bei der Technik der Sitzungen. Er selbst habe „als Mädchen für alles“ bei den Allerscheensten begonnen, berichtet er mit einem Schmunzeln: Auf- und Abbau, Büttenschieben sowie die Fotodokumentationen der Sitzungen. Nun muss der 60-Jährige neue Wege finden, die Allerscheenste für die Zukunft aufzustellen.

„Was mir immer gut an den Allerscheensten gefallen hat ist, dass hier bedingungslos die ursprüngliche Wirtschaftsfastnacht gelebt wird – jenseits von den üblichen Machtspielchen, die man von anderen Vereinen zum Teil her leider kennt“, sagte Bartz zu seiner Motivation. Auch dass bei den Allerscheensten „keine Unsummen für Redner ausgegeben werden“, und dass die Aktiven kein Geld bekämen, habe ihn für die Wirtschaftsfastnacht eingenommen.
Wer Mitglied bei den Allerscheensten werden möchte, und sich für die Clownstruppe interessiert, muss vor allem eine Bedingung erfüllen, sagt Behrendt: „Er muss übers Jahr hinweg zu unseren Stammtischen kommen.“ Die finden alle drei Wochen im Augustinerkeller in der Mainzer Altstadt statt, Termine und weitere Infos finden sich hier im Internet auf der Homepage des Vereins. Der Mitgliedsbeitrag ist derweil überschaubar: Pro Monat zahlt man gerade 1,11 Euro.
Info& auf Mainz&: Mehr zu den legendären Sitzungen der Allerscheenste sowie der Kür des Aller-Allerscheensten könnt Ihr noch einmal hier bei Mainz& aus der Kampagne 2025 nachlesen.






